Deutsche Bibliothek ISSN 1612-7331
15.07.2020 - Nr. 1908

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Die nächste Tagesausgabe erfolgt am Dienstag, 21. Juli 2020.


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Nr. 1908 - 15. Juli 2020



Abertausende von Menschen gehen seit Tagen in Tel Aviv und Jerusalem auf die Straße, um ihrer Wut über das Krisenmanagement der Regierung Luft zu machen. Die Corona-Krise schlug in Israels Arbeitsmarkt besonders heftig ein. Binnen vier Wochen schnellte die Arbeitslosigkeit von vier Prozent im März auf 27 Prozent im April. Derzeit liegt sie bei rund 22 Prozent, berichtet Maria Sterkl für den STANDARD. Wenn die Israelis dann noch lesen müssen, "dass Gesundheitsminister Yuli Edelstein wenige Stunden nach Verlautbarung der neuen Covid-Einschränkungen – maximal 20 Personen pro Versammlung – zur Geburtstagsparty seiner Frau mit knapp 50 Teilnehmern fuhr, dann mag das Ministerbüro noch so oft betonen, dass alles legal war, weil die Richtlinien ja erst tags darauf in Kraft traten. Böses Blut macht es trotzdem." Und Peter Münch ergänzt in seinem Bericht für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG: "All dies treibt die Unzufriedenheit auch in jenen Schichten an, die zu Netanjahus treuen Wählern zählen.". Judith Poppe kommentiert dazu in der TAZ:
"Spätestens jetzt erkennen selbst viele von Netanjahus Anhänger*innen: Netanjahu kümmert sich nicht um die Israelis, sondern nur darum, von seinen Korruptionsvorwürfen abzulenken und Gerichtstermine aufzuschieben. Und statt sich um die eine Million Arbeitslosen zu kümmern, diskutiert er die Annexion des Westjordanlands. Doch es scheint, dass die Israelis aufwachen und es eng wird für Netanjahu."
Hintergrund ist offenbar der Eindruck, dass die israelische Regierung die Pandemie nicht in den Griff bekommt. Fast 20.000 aktive Coronavirus-Fälle zählt man aktuell - und damit seit längerer Zeit wieder mehr aktiv Infizierte als Genesene. Inga Rogg sieht in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG als Grund dafür die falschen Signale seitens der Regierung: "Als die Regierung die Einschränkungen Ende April wieder aufzuheben begann, entwickelte sich dies zum Selbstläufer; statt schrittweise, wie geplant, ging alles Schlag auf Schlag. Viele Israeli glaubten, das Virus sei bezwungen. Zu diesem Irrglauben trug auch der Regierungschef bei, indem er die Bürger in Sicherheit wiegte."
Exemplarisch sei, so schreibt sie, der Rücktritt der höchsten Beamtin im Gesundheitsministerium, Siegal Sadetzki, in der vergangenen Woche und deren Begründung:
"Die Regierung habe ihren Kompass verloren, Israel entwickle sich zu einem gefährlichen Ort, schrieb Sadetzki auf ihrer privaten Facebook-Seite. Die Regierung habe sämtliche Warnungen von Fachleuten in den Wind geschlagen. Wenn die Meinung der Experten nicht gehört werde, könne sie bei der Bekämpfung des Virus auch keinen effektiven Beitrag mehr leisten. Eli Waxman, der Leiter des Expertengremiums, das die Regierung berät, spricht von der «grössten zivilen Krise» seit der Gründung Israels. Das Land habe die Kontrolle über die Pandemie verloren."
Links zu Berichten über die Proteste sowie die Corona-Lage in der Rubrik ISRAEL INTERN.

Saeb Erekat, 65, ist palästinensischer Chefunterhändler bei den Friedensverhandlungen mit Israel und Generalsekretär der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Er handelte bereits in den Neunzigerjahren die Osloer Friedensverträge zwischen Israel und der PLO mit aus. Erekat studierte Internationale Beziehungen und Politikwissenschaften in den USA und promovierte in Konflikt- und Friedensforschung in England. Im Interview mit dem SPIEGEL fordert er Deutschland auf, mehr zu tun, um Israels geplante Annexion des Westjordanlandes zu verhindern. Dabei übt er auch Kritik an Außenminister Maas, der es bei seinem jüngsten Besuch in Israel unterlassen hat, Ramallah zu besuchen: 
"Darüber war ich sehr enttäuscht. Ich kann mich nicht erinnern, wann so etwas je vorgekommen ist. Das deutsche Außenministerium hat den Schritt damit begründet, dass Netanyahu wegen Corona von der Fahrt ins Westjordanland abriet. Aber wir haben rund 32 Generalkonsuln und Botschafter, die jeden Tag aus Tel Aviv oder Westjerusalem nach Ramallah kommen. Ich dachte, dass Herr Maas für sich selbst entscheiden würde und nicht Netanyahu für ihn entscheiden ließe. Das war überhaupt nicht gut."
Und auf Trumps Friedensplan angesprochen sagt Erekat:
"Aber dann muss ich plötzlich vor dem Fernseher erfahren, was der Plan für meine Zukunft ist. Trump und Kushner glauben zu wissen, was für uns Palästinenser am besten ist, und sie kopieren, was Netanyahu ihnen vorlegt. Jetzt sagen sie mir quasi: "Komm her, Junge, das ist das Beste für dich. Und wenn du das nicht akzeptierst, wirst du keine Krankenhäuser haben, keine Schulen, keine Dienstleistungen in den Flüchtlingslagern!" Ich werde mich mit solchen Leuten nicht an einen Tisch setzen. Sie sind Teil des Problems."
Der Link zum Interview in der Rubrik ISRAEL, DEUTSCHLAND, EUROPA UND DIE WELT.

Wofür steht Europa in der Frage nach einer möglichen Annexion des Westjordanlandes? Dieser Frage widmen sich in der TAZ drei palästinensische Auroten in einem Essay: Fadi Quran, Aktivist und Unternehmer im Bereich erneuerbare Energien aus Al-Bireh im Westjordanland, Salem Barahmeh, der sich auf der ganzen Welt für palästinensische Freiheit und Rechte einsetzt und schließlich Inès Abdel Razek, internationale Aktivistin und außenpolitische Analystin. Sie betonen, dass Israel das Westjordanland de facto längst besetzt habe:
"Während die Welt darüber diskutierte, ob Israel am 1. Juli Teile des besetzten Westjordanlands annektieren wird oder nicht, beobachteten wir als drei junge palästinensische Menschen, die sich für Freiheit und Menschenrechte einsetzen, mit Befremden, wie losgelöst diese Debatte von unserer Realität ist. Wir sehen Annexion nicht als drohende Gefahr in der Zukunft, sondern als einen bereits seit Generationen andauernden Prozess, der das System definiert, in dem wir leben: völlige israelische Kontrolle vom Jordan bis zum Mittelmeer, wo Freiheit und Rechte an die Ethnizität eines Menschen gebunden sind."
Der Link zum Beitrag in der Rubrik  ISRAEL, DEUTSCHLAND, EUROPA UND DIE WELT.

Die israelische Organisation NGO Monitor geht davon aus, dass mindestens fünf palästinensische Hilfsorganisationen, die auch aus Europa finanziert werden, Beziehungen zu Hamas oder der Palästinensischen Befreiungsfront (PFLP) pflegen, berichtet Lennart Pfahler für die WELT und schildert, wie "Terrorgruppen um EU-Fördergelder buhlen". Die Experten, so führt er aus, "dokumentieren seit Jahren personelle Überschneidungen zwischen NGOs und Terrorgruppen. Gerade erst hat die EU angesichts der Corona-Krise Hilfen über 71 Millionen Euro für die palästinensischen Gebiete beschlossen. Rund sieben Millionen Euro davon sind für NGOs bestimmt. Im vergangenen Jahr flossen insgesamt fast neun Millionen Euro EU-Fördergelder an palästinensische NGOs. Zu den wichtigsten Geldgebern zählt auch Deutschland: Allein das Auswärtige Amt schickte im Jahr 2018 auf verschiedenen Wegen 133,5 Millionen Euro in die palästinensischen Gebiete."
Der Link dazu in der Rubrik  ISRAEL, DEUTSCHLAND, EUROPA UND DIE WELT.

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Die Stadt Osnabrück möchte in der «Villa Schlikker», der früheren örtlichen NSDAP-Zentrale, das Wirken des NS-Funktionärs Hans Calmeyer kritisch würdigen. Der Jurist Calmeyer (1903-1972) war in der deutschen Besatzungsregierung in den Niederlanden beschäftigt. Das Vorhaben führt seit Wochen zu heftigen Diskussionen, denn die einen sehen in ihm einen Kriegsverbrecher, die anderen als Widerstandskämpfer, der nachweislich knapp 3.000 jüdischen Menschen das Leben rettete, in der er falsche Papiere unterschrieb.  Nun tagte in Osnabrück der wissenschaftliche Beirat zur Museumsgründung. Außerdem wurde ein Konzept für das neue Museum, das 2023 eröffnet werden soll, vorgestellt und der umstrittene Name "Calmeyer-Haus" erst einmal auf Eis gelegt, berichtet der NDR. In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG beschreibt Alexander Menden treffend das Dilemma in der Sache:
"Historische Eindeutigkeit würde alles erleichtern. Herrschte eine solche Eindeutigkeit, hätte es nie eine Diskussion über die geplante Umbenennung gegeben. Doch Hans Georg Calmeyer, hochrangiger Beamter der NS-Besatzungsverwaltung in den Niederlanden, ist eben keine eindeutige Figur, sondern die Inkarnation historischer Ambivalenz. Je nach Lesart war der 1903 geborene Calmeyer ein Schutzengel, der Tausende niederländischer Juden vor der Deportation bewahrte, oder ein Schreibtischtäter, der als Teil der nationalsozialistischen Mordmaschinerie über Leben und Tod entschied."
Links zum Thema in der Rubrik VERGANGENHEIT...

Unter maßgeblicher Mitwirkung der heutzutage fast vergessenen Basketballspielerin Denise Briday kämpften während des Zweiten Weltkriegs französische Sportlerinnen und Sportler gegen die deutsche Besatzung und gegen Kollaborateure. Die Mission der Sportler bestand darin, Juden und politisch Verfolgte zu retten, französische Arbeiter vor der Zwangsarbeit in Deutschland zu schützen, Sabotageakte zu verüben und zu spionieren. Bernhard Torsch entreißt mit seinem Beitrag für die JUNGLE WORLD die mutigen Sportler dem Vergessen: "Freie Sportler im Widerstand".
Der Link zum Beitrag in der Rubrik VERGANGENHEIT...

Zwischen 1919 und 1945 schlossen sich über zehn Millionen Menschen der NSDAP an, am Ende des Zweiten Weltkriegs war jeder zehnte Deutsche Parteigenosse. Doch wer konnte Mitglied werden und wer nicht? Wann wuchs die NSDAP, die Deutschland während der NS-Diktatur ab 1933 als einzige zugelassene Partei beherrschte, und wann stagnierte ihre Mitgliederzahl? Welche Motive bewogen die Neumitglieder zum Eintritt? Konnte man aus der NSDAP auch wieder austreten? Wie sah die soziale Zusammensetzung der Partei aus? Auf der Basis des mit Abstand größten Datensatzes aus der Zentralen NSDAP-Mitgliederkartei – einer Stichprobe von mehr als 50.000 Personen der Jahre 1925 bis 1945, die das Deutsche Reich samt den angeschlossenen und annektierten Gebieten umfasst – sowie einer Stichprobe früher NSDAP-Mitglieder für die Jahre 1919 bis 1922 hat Jürgen W. Falter, einer der renommiertesten Parteienforscher, in seiner jüngsten Publikation die NSDAP auf Herz und Nieren untersucht – und stellt dabei vertraute historische Gewissheiten zur Disposition. Florian Keisinger hat das Buch für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG gelesen: "Wer waren die Mitglieder der NSDAP?".
Der Link zum Beitrag in der Rubrik VERGANGENHEIT...

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In der FAZ befasst sich Johanna Christner mit der keineswegs unwesentlichen Frage, inwieweit das medial vermittelte Bild von Juden und Judentum zu Vorurteilen und Antisemitismus beitragen. Sie diskutiert das u.a. anhand der mit großer Resonanz ausgestrahlten und auf dem gleichnamigen Buch von Deborah Feldman beruhenden Netflix-Serie "Unorthodox", die sowohl innerjüdisch kontrovers diskutiert wurde als auch von antisemitischen Kreisen Anlass für Hasspostings bot. Meron Mendel, Direktor Bildungsstätte Anne Frank, appelliert vor diesem Hintergrund für mehr Vielfalt: „Viele Juden leben wie ich in dieser Gesellschaft und nicht, wie zum Beispiel auf einem Spiegel-Cover vom vergangenen Jahr steht, in einer unbekannten Welt nebenan“, sagt er. Und Manfred Levy, Pädagogischer Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt, ist mit der filmischen Darstellung jüdischen Lebens insgesamt nicht sonderlich zufrieden: „In deutschen Produktionen mit jüdischer Thematik ist das oft sehr verkrampft. Da steckt immer dieser versteckte Volkshochschulkurs in jüdischer Geschichte mit drin.“
Der Link zum Beitrag in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

Warum tobt um Antisemitismus 75 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus ein Konflikt, als seien die Nazis gerade erst besiegt? Antworten darauf versucht ein Sammelband zu geben, der in diesen Tagen erscheint. Herausgegeben hat ihn der Historiker Wolfgang Benz, von 1990 bis 2011 Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin und Doyen der Fachrichtung in der Bundesrepublik. Ihn treibe vor allem ein biblischer Zorn über die wachsende Faktenresistenz in den Diskussionen an, schreibt Andrea Dernbach im TAGESSPIEGEL:
"Gerade seinen Beiträgen zum Buch ist ein fast biblischer Zorn über die Faktenresistenz der außerwissenschaftlichen Debatte um Antisemitismus anzumerken, der allerdings den aufklärerischen Wert seiner wie der Texte der übrigen 15 Autorinnen und Autoren in keiner Weise mindert. Wann ist Kritik an israelischer Politik antisemitisch? Ist es legitim, Judenhass und den auf Muslime zu vergleichen oder relativiert das den Holocaust?"
Auch bei der Buchvorstellung jüngst im Brecht-Haus in Berlin wurde geklagt, dass die Antisemitismus-Debatte in Deutschland massiv aus dem Ruder gelaufen sei, wie Christiane Habermalz für DEUTSCHLANDRADIO berichtet. Immer öfter, so hieß es, würden Aktivisten den Antisemitismus-Vorwurf erheben und damit nicht nur Karrieren und Personen massiv beschädigen, sondern auch den öffentlichen Raum einengen. Mit Wissenschaftlichkeit und sachlicher Expertise habe das meist wenig zu tun. Dafür umso mehr mit Emotionen und politischen Interessen: "Streitfall Antisemitismus".
Die Links zum Thema in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

Das Mideast Freedom Forum Berlin (MFFB) ist eine Organisation für Politikberatung und politische Bildung. Außerdem organisiert das MFFB öffentliche Veranstaltungen und Debatten. Der gemeinnützige Verein wurde 2007 von Wissenschaftlern, Journalisten, Mitgliedern jüdischer Organisationen und Exil-Iranern gegründet. Im Juni ist nun eine von Jörg Rensmann betreute Handreichung erschienen, die unter dem Titel "Das Israelbild in Lehrmaterialien" eine Checkliste für pädagogische Materialien im antisemitismuskritischen Unterricht bietet. Das Papier möchte, so die Selbstbeschreibung, "Lehrer*innen und anderen Lehrpersonen eine Orientierungshilfe bei der Auswahl von pädagogischen Materialien in Bezug auf israelbezogenen Antisemitismus und den Nahost-Konflikt bieten. Die Checkliste erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern leistet Orientierungshilfe."
Mehr dazu sowie den Link zum Download der Handreichung in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

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In die seit geraumer Zeit herrschende Debatte um rituelle religiöse Schlachtungen ist nun Bewegung gekommen. Am Mittwoch befasste sich der Europäische Gerichtshof in Luxemburg mit einer Klage jüdischer und muslimischer Dachverbände aus Belgien, die bei der Frage nach der Zulässigkeit von Schlachtungen nach religiösen Vorgaben gemeinsam in einem Boot sitzen. Anina Valle Thiele hat die spektakuläre Anhörung für die JÜDISCHE ALLGEMEINE WOCHENZEITUNG beobachtet: "Religionsfreiheit in Gefahr".
Der Link zum Bericht in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

Nathan Gardels ist leitender Berater des unabhängigen Think-Tanks Berggruen Institute und war über mehrere Jahre Chefredaktor der digitalen Wochenzeitung «The World Post». In einem langen, sehr anregenden Essay reflektiert er die Frage, ob wir dabei sind, Gott von seinem Platz zu verdrängen - oder ob es wir Menschen selbst sind, die demnächst von unseren eigenen Schöpfungen ersetzt werden. Mit Hilfe verschiedener Denker wie Yuval Harari, Charles Taylor, Teilhard de Chardin oder Peter Sloterdijk disktutiert der Autor die ethischen und moralischen Fragen, die ein von religiösen und humanistischen Maximen losgelöster technischer und naturwissenschaftlicher Fortschritt mit sich bringen. Dabei gibt er zu bedenken:
"Wenn wir nicht mehr an die Verbindung zwischen dem Menschen und dem Sakralen glaubten, dann, so postuliert der polnische Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz, verlören die Werte, die der liberalen Demokratie zugrunde lägen, ihre Substanz; zurück bleibe eine tödliche Mixtur aus Nihilismus und technologischem Wagemut. Und der Philosoph Leszek Kolakowski bringt die Sache auf den Punkt: 'Wenn die Kultur den Sinn für das Heilige verliert, verliert sie allen Sinn.'"
Und er mahnt:
"Sicher ist: Je schneller der Fortschritt, je weiter der Horizont wissenschaftlicher Entdeckungen, desto mehr gerät auch die religiöse und ethische Vorstellungskraft in Bewegung. Je mehr die Wissenschaft offenlegt, desto mehr realisieren wir auch, dass sie die grossen existenziellen Fragen nicht beantworten kann. Das Sein kann nicht auf Daten oder das Mikrobiom reduziert werden."
Der Link zum Essay in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

Was haben eigentlich die Kirchen der Pandemie außer diakonischer Praxis entgegenzusetzen? Nicht all zu viel, meint Jörg Herrmann, Direktor der Evangelischen Akademie der Nordkirche in Hamburg. Vor allem übersehen die Kirchen, dass mit dem Virus vor allem die Theodizeefrage zurückgekehrt sei, wie er am Beginn seines lesenswerten Essays betont:
"Gott kommt nicht, wie er schon in Auschwitz nicht kam und in Ruanda, nicht bei der Tsunami-Katastrophe in Südostasien 2004 und schon nicht 1755, als bei einem verheerenden Erdbeben in Lissabon Zehntausende den Tod fanden. Lissabon steht seitdem für einen ersten tiefen Einschnitt im Nachdenken über Gott und die Welt in der Neuzeit. Wie konnte ein guter und allmächtiger Gott das zulassen? Mit jeder Katastrophe, mit jedem unschuldigen Leiden steht diese Frage für gläubige Menschen wieder im Raum. So auch jetzt."
Es gehe also um die Frage nach der Gottesrede in Zeiten der Pandemie, die er mit Hilfe von Denkern wie Gottfried Wilhelm Leibniz, dem Urvater der Theodizee, Hans Jonas mit seinem „Gottesbegriff nach Auschwitz“ sowie dem Rabbiner Harold Kushner („Wenn guten Menschen Böses widerfährt“) auszuloten versucht: "Ein Kampf an der Seite Gottes".
Der Link zum Essay in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

Eine beeindruckende Literaturgeschichte der Wüste, die zugleich ein Gang durch die Kultur- und Religionsgeschichte bietet, hat der israelische Autor Chaim Noll vorgelegt. Anhand literarischer Texte von der Entstehung der Schrift bis zur Gegenwart entfaltet es Themen und Leitmotive einer Urlandschaft des Menschen. Als zentrales Motiv erweist sich die Widersprüchlichkeit der Wüste: Sie steht zugleich für Dürre und Aufblühen, für Mangel an Wasser und Überfülle an Sonne, für Niedergang und Erneuerung, für deprimierende Einförmigkeit und spirituellen Höhenflug, für Tod und Leben, Gut und Böse, Realität und Mythos. 1954 in der DDR geboren, siedelte Noll 1984 in den Westen über und wanderte 1995 nach Israel aus, wo er zu seinen lange verschütteten jüdischen Wurzeln fand. An der Ben-Gurion-Universität im Negev, am Rand der israelischen Wüste, gehörte er zu den Gründern des dortigen Zentrums für Deutsche Studien, und in zwei Jahrzehnten trug er das reiche Material zusammen, das in das Buch eingegangen ist. Jakokb Hessing stellt es in der FAZ näher vor: "Wird das Paradies zur Fata Morgana?".
Der Link dazu in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

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Das jüdische Leben in Deutschland sichtbar machen: Das ist, sagt Annegret Kramp-Karrenbauer, das Ziel der von ihr vor drei Jahren ins Leben gerufenen Aktionswoche »Von Schabbat zu Schabbat«. Wegen der Corona-Pandemie findet das Format 2020 ausschließlich digital statt. Am Montagabend nun sprach die CDU-Parteivorsitzende und Bundesverteidigungsministerin im Konrad-Adenauer-Haus mit Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Eugen El hat den beiden bei ihrem Gespräch über Halle, Militärrabbiner und die Schabbatruhe für die JÜDISCHE ALLGEMEINE WOCHENZEITUNG zugehört: "Typisch jüdisch?"
Der Link zum Bericht in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

Der Dokumentarfilm "Germans & Jews", in dem auf beeindruckende Weise die Nachkommen von Opfern und Tätern miteinander über das deutsch-jüdische Verhältnis sprechen, ist eine Zusammenarbeit der Regisseurin Janina Quint, einer nicht jüdischen Deutschen, und der Produzentin Tal Recanati, einer jüdischen US-Amerikanerin und Israelin. Die beiden haben sich in New York kennengelernt und aus ihren unterschiedlichen Perspektiven auf die deutsch-jüdische Geschichte die Idee zu einem Dokumentarfilm entwickelt. Im Mittelpunkt ihres Film steht ein Abendessen in Berlin, zu dem neun Menschen eingeladen wurden, Juden und nicht jüdische Deutsche. Bereits 2016 feierte "Germans & Jews" in New York Premiere, danach lief der Film auf zahlreichen internationalen Festivals. Im Mai hätte der Film in die deutschen Kinos kommen sollen, jetzt ist er coronabedingt als Video-on-Demand zu sehen. Kevin Neuroth stellt den Dokumentarfilm in der Wochenzeitung DER FREITAG ausführlich vor: "Produktive Störung".
Der Link dazu in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

„Shalva“ ist Hebräisch und heißt so viel wie: „Bleib ruhig, bleib gelassen!“ Und was könnte besser als Motto für ein Projekt sein, das das durch Corona ausgelöste, fehlende soziale, familiäre und religiöse Miteinander in der jüdischen Gemeinschaft aufzufangen versucht. Zu dieser Initiative haben sich Sozialarbeiter, Therapeuten und Rabbiner zusammengeschlossen, um „Social Distancing“ zu überbrücken und Hilfe anzubieten. Carsten Dippel stellt das Projekt, das online schnell und unkompliziert Beratung und Hilfe anbietet für DEUTSCHLANDRADIO näher vor: "Mit Shalva durch die Pandemie".
Der Link dazu in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

Trauer um Rabbiner William Wolff: er starb am 8. Juli in England. Er wurde 93 Jahre alt. 1927 als Sohn einer orthodoxen Familie in Berlin geboren, floh er 1933 mit seiner Familie nach Holland, 1939 weiter nach England. Dort zog es ihn zum liberalen Judentum. Nach einer Karriere als Journalist wandte er sich dem Rabbinatsstudium zu und erhielt 1984 seine Ordination am liberalen Leo Baeck College in London. Von 2002 bis 2015 war er schliesslich Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern. Noch in hohem Alter wurde Wolff vor allem durch den Dokumentarfilm der deutschen Filmemacherin Britta Wauer weit über jüdische Kreise hinaus bekannt und beliebt. Die JÜDISCHE ALLGEMEINE WOCHENZEITUNG widmet ihm einen Nachruf, ebenso wie Klaus-Dieter-Kaiser, der für den Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Mecklenburg-Vorpommern Wolffs Wirken würdigt.
Die Links dazu in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

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Beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit publizierte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) kürzlich ein Positionspapier, das einen Weg in die Zukunft weisen soll. „Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ präsentiert das reformfreudige „Zukunftsteam“, das schon vor drei Jahren von der Synode der EKD einberufen wurde. Deren Zukunft ist düster, das wissen die christlichen Kirchen hierzulande spätestens seit der von EKD und Deutscher Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Studie „Projektion 2060“, wonach sich die Zahl der Kirchenmitglieder in den kommenden vierzig Jahren halbieren wird. Setzt man die im Positionspapier gemachten Reformvorschläge um, bleibe fast nichts mehr, wie es war, meint Hannah Bethke, die das Papier in der FAZ näher erläutert: "Wenn die Glocken nicht mehr läuten".
Der Link zum Beitrag in der Rubrik CHRISTLICHE WELT.

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Der große israelisch-deutsche Historiker analysiert den "islamischen Antisemitismus" – und fordert vereinte Anstrengungen gegen die Islamophobie. So nachzulesen in seiner jüngsten Publikation "Der islamische Antisemitismus. Eine aktuelle Bedrohung", die versehen mit einem Vorwort von Felix Klein und einem Interview mit Bauer selbst im LIT-Verlag erschienen ist. Ronald Pohl stellt den Band im österreichischen STANDARD vor: "Das Gift der Ungleichheit".
Der Link zur Buchvorstellung in der Rubrik ONLINE-REZENSIONEN

Dies alles und noch viel mehr wie üblich direkt verlinkt, ergänzt von aktuellen FERNSEH-TIPPS sowie einschlägigen ONLINE-REZENSIONEN im heutigen COMPASS.


Einen angenehmen Tag wünscht


Dr. Christoph Münz

COMPASS

redaktion@compass-infodienst.de

(Editorial zusammengestellt unter Verwendung des Teasermaterials der erwähnten Artikel)



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