Deutsche Bibliothek
ISSN 1612-7331
27.01.2011 - Nr. 1220
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ACHTUNG:

Morgen, Freitag 28. Januar 2011, erscheint ONLINE-EXTRA Nr. 134 mit Auszügen aus einer Publikation von Konrad Görg: "Wir sind, was wir erinnern. Stimmen gegen das Vergessen".


Guten Tag!

Nr. 1220 - 27. Januar 2011


"In Wahrheit kann niemand verlässlich sagen, ob der Nahe Osten gerade einen revolutionären Moment erlebt", schreibt Clemens Wergin in einem Beitrag für die WELT, in dem er über die Folgen des Umsturzes in Tunesien für den Nahen Osten reflektiert. Weiter heißt es bei ihm:
"Eines lässt sich aber mit Gewissheit feststellen: Die Menschen in der Region haben dieselben Bedürfnisse wie anderswo auch. Sie wollen von ihrer Arbeit leben können, sie wollen nicht fürchten müssen, von Sicherheitskräften willkürlich zusammengeschlagen oder erpresst zu werden. Sie fordern Respekt und Menschenwürde ein. Sie verabscheuen die Korruption der Herrscherkasten, die das Land aussaugen. Und sie wollen politische Teilhabe, damit über das Schicksal ihrer Kinder nicht nur eine kleine Gruppe von Oligarchen entscheidet."
Der Link zu seinem Beitrag in der Rubrik ISRAEL UND NAHOST HINTERGRUND.

Die "Palileaks", wie die Veröffentlichungen des arabischen TV-Senders Al Jazeera über die Bereitschaft palästinensischer Unterhändler zu Zugeständnissen an Israel mittlerweile genannt werden (siehe Compass 25.01.2011), haben die Palästinenserführung in Verlegenheit gebracht. Die im Gazastreifen herrschende radikalislamische Hamas-Organisation wirft der Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas vor, mit Israel zu kollaborieren und wirft ihr "Verrat" vor. Wie weit Abbas‘ Behörde in Erklärungsnot geraten, die Veröffentlichung ihm allerdings gleichzeitig weiterhelfen und warum Israel fortan mit der eigenen Regierung härter ins Gericht gehen könnte, versucht der Politikwissenschafter und Nahost-Experte Volker Perthes im Interview mit dem österreichischen STANDARD zu erläutern: "Geheimdokumente könnten Abbas nützen".
Der Link zum Interview in der Rubrik ISRAEL UND NAHOST HINTERGRUND.

Nach dem Austritt von Parteichef Ehud Barak aus der israelischen Arbeiterpartei ist fraglich, ob die Arbeitspartei sich von diesem Schlag je erholen wird. Desillusionierte Anhänger, wenige Mandate im Parlament und kein klares politisches Profil sind derzeit die Kennzeichen der Partei. Auf der anderen Seite betrachten einige Vertreter der Linken eine Spaltung der Partei jedoch auch als Befreiung und Chance, wie George Szpiro in seiner Reportage für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG berichtet: "Israels Linke in der Existenzkrise".
Der Link dazu in der Rubrik ISRAEL INTERN.

Ungefähr 45000 vertraglich erfasste, ausländische Pflegerinnen, die in der Alten- und Krankenbetreuung arbeiten, sind derzeit in Israel erfasst. Überwiegend kommen die Pflegerinnen von den Philippinen. Die Zahl der Illegalen wird noch einmal so hoch geschätzt. Ohne sie alle ist die Versorgung der Alten und Kranken in Israel kaum mehr vorstellbar. Und dennoch ist es erkärtes Ziel der Regierung Netanjahu, die Zahl der Ausländer im Land zu reduzieren. Dies trifft in erster Linie die philippinischen Kranken- und Altenpflegerinnen, die nun von der Ausweisung bedroht sind. Israel, ein Land, dessen Bewohner alle Einwanderer sind, geht mit immer schärferen Gesetzen gegen Immigranten vor. Charlotte Misselwitz beschreibt in der BERLINER ZEITUNG an einem anschaulichen Beispiel, was das bedeutet: "Der Engel aus Baguio".
Der Link zu ihrer Reportage in der Rubrik ISRAEL INTERN.

27. Januar - Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialimus: Bundespräsident Christian Wulff reist aus diesem Anlass heute nach Polen, um dort an der Gedenkveranstaltung zum 66. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau teilzunehmen. Bei der Gedenkstunde im Bundestag hierzulande wiederum wird heute zum ersten Mal ein Vertreter der Sinti und Roma vor den Abgeordneten sprechen. Der 73-Jährige Zoni Weisz überlebte die NS-Zeit als Kind in einem Versteck in den Niederlanden, während Eltern und Geschwister nach Auschwitz deportiert wurden. Laut Schätzungen wurden bis zu 500 000 Sinti und Roma in Konzentrationslagern ermordet. Werner Balsen porträtiert Zoni Weisz und erzählt seine Geschichte in der TAZ: "Nur durch Zufall überlebt". Ergänzt wird das Porträt durch ein Interview mit Hamze Bytyci, dem Vorsitzenden von Amaro Drom e. V., dem Bundesverband der Sinti- und Roma-Jugend, in dem er das Gezerre um ein Mahnmal für Sinti und Roma "eine Farce" nennt.
In der FAZ erzählt der jüdische Historiker Arno Lustiger zum Holocaust-Gedenktag die Geschichte von Berthold Storfer, der die Schiffstransporte der Juden nach Palästina organisierte und von den Nazis noch im November 1944 in Auschwitz ermordet wurde - und heute als Jude nicht in Yad Vashem geehrt werden kann: "Der Kommerzialrat charterte die rettende Flotte".
Interessant auch einige kritische Stimmen, die an dem heutigen Gedenktag und seinem Sinn und Zweck zweifeln. In der WELT schreibt Henryk M. Broder bissig:
"Alle Jahre wieder kommt der Weihnachtsmann. Eine Woche danach feiert Miss Sophie mit ihrem Butler James "Dinner For One", und vier Wochen später wird Auschwitz befreit. Nicht wirklich, sondern auf einer Feier im Plenarsaal des Bundestages."
Seine Kritik mündet in die politische Forderung: "Wer über Ahmadinedschad nicht reden will, der sollte über Hitler schweigen. Auch am 27. Januar.".
Und in der TAZ zweifelt Micha Brumlik am Sinn des heutigen Holocaust-Gedenktags:
"Doch bis heute erreicht dieser Termin nur ein eher kleines Publikum. Und weil nicht wenige Staaten der UN mit ihrer Feindschaft gegenüber Israel die Grenze zum Antisemitismus überschritten haben, liegt der Vorwurf der Heuchelei nahe, ebenso wie die seit Walsers Paulskirchenrede geläufige Kritik an einem immer hohler werdenden Ritualismus, der echte Trauer nicht kenne, sich dafür aber als Alibi für unterlassene Maßnahmen gegen aktuellen Antisemitismus und Hass auf den Staat Israel bestens brauchen lasse."
Links zu den erwähnten Beiträgen sowie zu weiteren Berichten, Kommentaren und Beiträgen zum heutigen Gedenktag in der Rubrik VERGANGENHEIT...

Der als antisemitisch kritisierte Film "Tal der Wölfe – Palästina" startet heute doch nicht in den deutschen Kinos. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) in Wiesbaden hat dem Action-Film nämlich zunächst keine Jugendfreigabe erteilt. Ursprünglich sollte der auch in Israel scharf kritisierte Film ausgerechnet am heutigen 27. Januar  zum Internationalen Tag des Holocaust-Gedenkens in mehreren Kinoketten anlaufen. Während der Kinostart des als antisemitisch kritisierten türkischen Films "Tal der Wölfe - Palästina" in Deutschland vorerst ausgesetzt wurde, wird der Film in Österreich vermutlich wie geplant anlaufen. "Wir haben keine Probleme in Österreich, die Kinos werden den Film daher einsetzen", heißt es am Mittwoch vonseiten der Kölner Verleihfirma Pera Film auf Anfrage. In Österreich hatte u.a. auch der österreichische Koordinierungsausschuß für christlich-jüdische Zusammenarbeit gegen den Filmstart protestiert.
Links zur Stellungnahme und zu einem Bericht über den Stand der Dinge in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

Charles A. Small ist Gründer und Leiter der Initiative für das interdisziplinäre Studium des Antisemitismus an der Universität Yale im US-Bundesstaat Connecticut. Als sie 2006 ins Leben gerufen wurde, war die am Institut für Sozial- und Politikwissenschaften beheimatete Initiative die erste universitäre Einrichtung in Nordamerika mit diesem Studiengebiet. Im August vorigen Jahres wurde Small zum Präsidenten der Internationalen Vereinigung für Antisemitismus-Studien gewählt. Kürzlich sprach die JUNGLE WORLD mit dem Wissenschaftler über seine Sicht des Antisemitismus in Deutschland und weltweit: »Es gibt einen blinden Fleck in der deutschen Forschung«
Der Link zum Interview in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

Am vergangenen Sonntag waren führende Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland und des Zentralrats der Muslime zu einem offiziellen Treffen zusammengekommen. Ein guter und konstruktiver Anfang, wie die Beteiligten anschließend wissen ließen. Für die Zukunft sind regelmäßige Treffen zwischen den jüdischen und muslimischen Vertretungen geplant. Christian Böhme schildert in der JÜDISCHEN ALLGEMEINEN WOCHENZEITUNG nähere Einzelheiten: "Kritisch konstruktiv".
Der Link zum Bericht in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

Aus Anlass des diesjährigen „Auschwitz-Tages“ am 27. Januar erscheint eine Textsammlung, die auf Veranstaltungen des „Zentrums für Dialog und Gebet“ in Auschwitz zurückgeht und die darüber hinaus den Besuch von Papst Benedikt XVI. im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau im Mai 2006 dokumentiert. Die unter dem Titel „Gott und Auschwitz“ von Manfred Deselaers, Leszek Lysien und Jan Nowak herausgegebene Textsammlung liegt nun auch in deutscher Fassung vor und kann kostenfrei bestellt werden.
Nähere Informationen hierzu in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

Wer wissen möchte, wie die Spitzenvertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland derzeit die Lage der jüdischen Gemeinde hierzulande beurteilen, wie sie den Antisemitismus einschätzen und was sie in der Frage der Integration der Muslime denken, kann dies heute anhand von Interviews mit Salomon Korn, dem Vizepräsident des Zentralrat der Juden, und mit Dieter Graumann, neu gekürter Präsident des gleichen Gremiums, tun. In der FAZ äußert sich Korn u.a. auch zu den in jüngster Zeit öfter beschworenen "christlich-jüdischen Wurzeln des Abendlandes":
"In dem Maße, in dem die Zuwanderung von Muslimen zugenommen hat, werden Juden anders betrachtet. Plötzlich ist da die Rede von den "christlich-jüdischen Wurzeln des Abendlandes" - so, als ob man die Juden in eine gemeinsame Front gegen die Muslime einbinden müsste. Manche Umarmungen, die wir derzeit von einem Teil der nichtjüdischen deutschen Gesellschaft erfahren, sind mit Vorsicht zu genießen. Solche Gesten könnten auch funktionalistisch motiviert sein. Gewiss: Die Geschichte der Juden in Deutschland reicht 1700 Jahre zurück: aber Verfolgungen, Ausgrenzungen und Massenmord durchziehen diesen Zeitraum bis in die Neuzeit. "Christlich-jüdische Wurzeln" wird man da schwerlich finden."
Und auf den Seiten der TAGESSCHAU kommt schließlich Dieter Graumann zu Wort: "In Deutschland wächst ein neues Judentum".
Die Links zu den Interviews in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

»Wir können uns mit unserem Banknachbarn nicht unterhalten«. »Warum zum Gottesdienst gehen, wenn ich zwischendurch immer warten muss, bis das Ganze übersetzt wird? Das Schabbatmorgengebet dauert ohne Übersetzung schon fast drei Stunden.« Stimmen wie diese hört man in den jüdischen Gemeinden immer wieder. Die alteingesessenen Mitglieder fühlen sich kaum noch wohl in ihren Gemeinden und kehren ihnen immer häufiger den Rücken, seit sie zahlenmäßig von den russischen Zuwanderern weit überholt wurden. Heide Sobotka beschreibt in der JÜDISCHEN ALLGEMEINEN WOCHENZEITUNG die aus dieser Situation erwachsene Problematik für die alteingesessenen Gemeindemitglieder und sprach über das Problem auch mit dem Sozialwissenschaftler Doron Kiesel von der Fachhochschule Erfurt: »Eine Art Identitätskrise«
Die Links zu Bericht und Interview in der Rubrik JÜDISDCHE WELT.

Carsten Frerk ist Chefredakteur des Humanistischen Pressedienstes und ein ausgewiesener Kenner der Finanzierungspraxis von Kirchen in Deutschland. Mit TELEPOLIS sprach er über seine neueste Publikation "Violettbuch Kirchenfinanzen". Sein Fazit mutet erst einmal paradox an: Weil die Kirchen von den verschiedenen staatlichen Diensten in höchstem Ausmaß profitieren, sieht er ausgerechnet durch sie das Prinzip der Religionsfreiheit nicht mehr gewährleistet.
Der Link zum Interview mit ihm in der Rubrik CHRISTLICHE WELT.

Der jüdische Historiker, Politiker und Theoretiker Simon Dubnow leistete in der Umbruchzeit vom 19. zum 20. Jahrhundert grundlegende Forschungsarbeiten zur russisch-jüdischen Geschichte und zur jüdischen Weltgeschichte. Pünktlich zu Dubnows 150. Geburtstag ist nun die erste biographische Gesamtdarstellung seines Lebens und Wirkens auf Deutsch erschienen. Autor ist der russische Historiker Viktor E. Kelner, der seit 1999 an der Europäischen Universität in St. Petersburg lehrt. Dubnow wurde in den 1920er Jahren vor allem durch seine zehnbändige "Weltgeschichte des jüdischen Volkes" und die 1931 erschienene "Geschichte des Chassidismus" bekannt. Alexandra Senfft stellt die Biographie in der FAZ näher vor und zieht mit Blick auf Dubnow das Fazit:
"Dubnow war in seinem ganzen Schaffen von einer Liebe zum Gegenstand seiner Forschung, dem Judentum, beseelt. Es war eine Form von Gläubigkeit fern jeder Dogmen oder Institutionen. Die traditionellen jüdischen Ideale von Gleichheit und Gerechtigkeit waren in seinem Denken fest verankert."
Der Link zur Buchvorstellung in der Rubrik ONLINE-REZENSIONEN.

Auch das Fernsehen bietet aus Anlass des heutigen Gedenktages einige sehenswerte Beiträge. Neben einem Porträt des Rabbiners Leo Trepp, einer Dokumentation über die "Bahnen Europas und der Holocaust" ist auch eine preisgekrönte deutsch-israelische Produktion zu sehen, in der es um das Jüdische Kinderheim "Beith Ahawah" ("Haus der Liebe") und dessen Heimleiterin Beate Berger geht: "Das Haus in der Auguststraße".
Mehr dazu in den FERNSEH-TIPPS.

Dies alles und noch viel mehr wie üblich direkt verlinkt, ergänzt von aktuellen FERNSEH-TIPPS sowie einschlägigen ONLINE-REZENSIONEN im heutigen COMPASS.


Einen angenehmen Tag wünscht


Dr. Christoph Münz

COMPASS

redaktion@compass-infodienst.de

(Editorial zusammengestellt unter Verwendung des Teasermaterials der erwähnten Artikel)



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EDITORIAL HIGHLIGHTS

27. Januar 2011

 * Israel verfolgt die Unruhen "mit sieben Augen" ... mehr
 
 * Geheimdokumente könnten Abbas nützen ... mehr
 
 * Israels Linke in der Existenzkrise ... mehr
 
 * Der Engel aus Baguio ... mehr
 
 * 27. Januar - Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialimus ... mehr
 
 * Henryk M. Broder: "Für das Vergessen" ... mehr
 
 * Micha Brumlik: "Im Datum geirrt" ... mehr
 
 * "Tal der Wölfe" kommt nicht ins deutsche Kino ... mehr
 
 * Interview mit Charles A. Small zum Antisemitismus  ... mehr
 
 * Dialog zwischen Juden und Muslimen in Deutschland ... mehr
 
 * Textsammlung: "Gott und Auschwitz" ... mehr
 
 * Interviews mit Salomon Korn und Dieter Graumann ... mehr
 
 * Jüdische Gemeinden: Eine Art Identitätskrise ... mehr
 
 * Kirchen: "Wenn's ums Geld geht, gibt es kein Pardon" ... mehr
 
 * Buch-Tipp: Biografie von Simon Dubnow ... mehr
 
 * TV-Tipp: Der letzte Rabbiner: Leo Trepp ... mehr

weiter zum vollständigen
EDITORIAL

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ACHTUNG:
Morgen, Freitag 28. Januar 2011, erscheint ONLINE-EXTRA Nr. 134 mit Auszügen aus einer Publikation von Konrad Görg: "Wir sind, was wir erinnern. Stimmen gegen das Vergessen".