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ISSN 1612-7331
22.01.2026 - Nr. 2121
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Am Donnerstag, 29. Januar 2026, erscheint ONLINE-EXTRA Nr. 374.


Guten Tag!

Nr. 2121 - 22. Januar 2026



Der Konflikt zwischen Israel und dem UNO-Palästinenserhilfswerk (UNRWA) hat am Dienstag eine neue Eskalationsstufe erreicht: das israelische Militär hat das UNRWA-Hauptquartier in Ostjerusalem zerstört. Bereits seit Ende 2024 besteht für die UNRWA ein Arbeitsverbot auf israelischem Staatsgebiet wegen des Vorwurfs, die Organisation sei von der Hamas unterwandert.  Israels Außenministerium sprach am Dienstag von einem „Tag zum Feiern“ und der israelische Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir von einem "historischen Tag". UNRWA-Chef Philippe Lazzarini bezeichnete den Abriss des UNRWA-Gebäudes als „beispiellosen“ Verstoß gegen das Völkerrecht. Auch aus Deutschland kommt Kritik: Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) hat den Abriss als äußerst besorgniserregend verurteilt. Die israelische Regierung setze damit ihre Bemühungen fort, das Hilfswerk handlungsunfähig zu machen, obwohl die Organisation für die Versorgung der palästinensischen Flüchtlinge unverzichtbar sei. "Die Beziehung zwischen Israel und den Vereinten Nationen: Sie liegt ganz wörtlich in Trümmern", fasst Johannes C. Bockenheimer die Situation in seiner Reportage für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG zusammen:
Der "Abriss des UNRWA-Hauptquartiers ist dafür ein Symbol. Ein Signal nach innen wie nach aussen, dass Israel bereit ist, mit einer Ordnung zu brechen, der es nicht mehr vertraut".

Für Israel ist es ein Schlag ins Gesicht: Ausgerechnet die Führungen von Katar und der Türkei sollen nach Donald Trumps Vorstellungen künftig im benachbarten Gazastreifen mit das Sagen haben und Teil des elfköpfigen „Gaza-Verwaltungsrats“ werden. Besonders die Rolle der Türkei sorgt bei den Israelis für Unmut, berichtet Johannes C. Bockenheimer für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG: 
"Präsident Recep Tayyip Erdogan attackiert Israel seit Jahren rhetorisch, stellt sich demonstrativ auf die Seite der Palästinenser und pflegt enge politische Kontakte zur Hamas. Katar wiederum ist zentraler Aufenthaltsort der Hamas-Führung im Exil und zählt zu ihren wichtigsten Geldgebern. Aus israelischer Sicht ist Doha damit nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems."
Auf Netanjahus Einwände angesprochen, sagte ein ranghoher US-Beamter der US-Nachrichtenseite »Axios« laut JÜDISCHER ALLGEMEINEN WOCHENZEITUNG:
»Das ist unsere Show, nicht seine Show. Wir haben in den vergangenen Monaten in Gaza Dinge erreicht, die niemand für möglich gehalten hätte, und wir werden weitermachen.«
Trump ficht die israelische Kritik nicht an, im Gegenteil, allein schon mit dem Zeitpunkt der Ankündigung in dieser Angelegenheit just am jüdischen Ruhetag Schabbat vermittele den Eindruck, so Maria Sterkl in der FRANKFURTER RUNDSCHAU, als wollte Trump "noch einmal unterstreichen, wie wenig es ihn kümmert, was Israel dazu zu sagen hat".
Auch in Israel selbt stosse Trumps Agieren freilich auf Proteste und Unmut und zwar nicht nur in der Regierung, sondern auch in der Opposition. Damit, so Bockenheimer in der NZZ, verschärfe sich der 
"innenpolitischen Druck auf Netanyahu. Der frühere Ministerpräsident Naftali Bennett warf der Regierung vor, mit der Einbindung Katars und der Türkei der Hamas einen politischen Erfolg zu verschaffen. 'Diese Chaosregierung verscherbelt Israels Souveränität', sagte Bennett. Der Oppositionsführer Jair Lapid sprach von einem 'totalen diplomatischen Versagen'"

Eine der gängigsten Behauptung, die zu hören ist, wenn es in Debatten um die UNO-Resolution 181 und die Staatsgründung Israels geht, lautet, dass die Juden von der UNO ihren Staat sozusagen auf dem Silbertablett serviert bekommen hätte. Wie fragwürdig diese Sicht ist, schildert der in Tel Aviv lebende Autor Jan Kapusnak in einem ebenso informativen wie instruktiven Artikel in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Kapusnak beschreibt darin die Phase der israelischen Staatsgründung und den Krieg der arabischen Länder, die einen jüdischen Staat gleich welcher Größe und Verfassung ablehnten. Die UNO-Resolution, so Kapusnak, habe lediglich eine internationale Legitimität verschafft, aber kaum etwas zur Realisierung der Gründung des israelischen Staates beigetragen:
"Alles andere leisteten Menschen, nicht die Vereinten Nationen - zionistische Führungspersönlichkeiten, die jahrelang die Welt bearbeiteten und zugleich die Verteidigung organisierten (...). Der Mythos, die Juden hätten Israel auf einem Silbertablett bekommen, verfälscht nicht nur die Geschichte; er beleidigt diejenigen, die dieses Silbertablett tatsächlich waren.  Der jüdische Staat existiert nicht, weil er den Juden als Gunstbeweis gewährt wurde, sondern weil seine Menschen den Preis dafür bezahlt haben, eine Resolution auf Papier in ein lebendiges Land zu verwandeln - und damit den Zionismus wohl zur erfolgreichsten Dekolonisierungsbewegung der modernen Geschichte überhaupt gemacht haben."

Die Links zu den Themen in der Rubrik ISRAEL UND NAHOST HINTERGRUND

Für den 27. Oktober diesen Jahres sind in Israel Parlamentswahlen angesetzt. Dann werden die 120 Sitze der Knesset neu verteilt. Und Netanjahu? Wird er erneut als Sieger hervorgehen, wie es viele Umfragen derzeit nahelegen? Wer könnte ihm überhaupt gefährlich werden? Tilman Schröter gibt in einem Beitrag für den Tagesspiegel einen Überblick der Konkurrenten in Kurzporträts: der Jurist und ehemalige Geschäftsmann Naftali Bennett, der im Frühjahr 2025 eine eigene Partei mit Namen "Bennett 2026" gründete; Gadi Eisenkot, erahrener Militär, der im September 2025 seine eigene Partei "Yashar" gründete, was übersetzt so viel heißt wie "gerade" oder "aufrecht"; Benny Gantz, ehemaliger Stabschef des israelischen Militärs mit seiner Partei "Widerstandskraft für Israel"; und schließlich Yair Lapid, ehemaliger Fernsehmoderator, Schauspieler in Seifenopern und Amateur-Boxer, der der Chef der größten Oppositionspartei "Jesh Atid" ("Es gibt Zukunft") ist: "Parlamentswahl in Israel: Diese Politiker wollen Netanjahu das Amt abjagen".

Seit dem Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023 und dem darauf folgenden Einmarsch der Israelis in Gaza ist das Leben in Israel ein anderes. Dieser Tag ist quer durch alle Bevölkerungsschichten und Berufsgruppen zu einem kollektiven Trauma geworden. Das betrifft auch die unterschiedlichen Musikszenen in Israel, die sehr vielfältig reagiert haben. Manche Musikerinnen und Musiker sind gänzlich verstummt. Andere greifen zu subtilen Mitteln, etwa indem sie demonstrativ beide in Israel gesprochene Sprachen in ihre Liedtexte einbinden: Hebräisch und Arabisch. Und manche Künstlerinnen und Künstler haben mit friedlichen Protestaktionen reagiert. Etwa der international tätige Dirigent Ilan Volkov. In einem etwas längeren, sehr interessanten und mit Musikbeispielen via YouTube versehenen Beitrag liefert Marie-Therese Rudolph auf anschauliche Weise ein Stimmungsbild der israelischen Musikszene nach dem 7. Oktober zwischen Hip-Hop und Hochschule, eine Geschichte über Auftrittsverbot, geschrumpften Kulturetat, Mut und die Kraft der Musik: "Israelische Musikszene: Der Gaza-Krieg und die Folgen".

Die Links dazu in der Rubrik ISRAEL INTERN

Ende Dezember letzten Jahres erhielt das Hecht-Museum an der Universität Haifa einen neuen Raum, der dem Erbe der aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei eingewanderten Juden gewidmet ist, die im Rahmen der sogenannten fünften Alija nach Palästina kamen. Der offizielle Name des Raums lautet «German-Speaking Jewry Heritage Wing» («Flügel für das Erbe des deutschsprachigen Judentums»), aber er ist besser bekannt als «Jeckes-Museum». Neu ist dieses Museum nicht, im Gegenteil, seine Geschichte begitt bereits 1968, als das "Jeckes-Museum" zuerst in Nahariya gegründet und 1991 von dem Industriellen Stef Wertheimer in seinen Industriepark nach Tefen geholt wurde. Von dort ist es dann 2025 nach Haifa gewandert. Judy Malz erzählt in der schweizer-jüdischen Wochenzeitung TACHLES die Geschichte und Bedeutung des Museums und hat dessen neue Version in Haifa besucht: "Mehr als nur Witze".

Ein schwuler, neo-zionistischer Israeli und ein heterosexueller, eher linker Palästinenser eröffnen ein Restaurant. Was wie der Beginn einer schlechten Kommödie klingt, ist freilich die reale Geschichte des Restaurants „Kanaan“ in Berlin am Prenzlauer Berg. Und jetzt wird ihre Geschichte auch noch zur TV-Serie, Laura Wagner für die BERLINER MORGENPOST schildert: "Einmaliges Restaurant in Berlin: Über Politik reden war verboten".

Mehr dazu in der Rubrik ISRAEL, DEUTSCHLAND, EUROPA UND DIE WELT.

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In den letzten Monaten sind gehäuft mit KI geschaffene Bilder auf den Plattformen der Social Media  aufgetaucht, die den Holocaust sowie die NS-Diktatur verfälschen. Nun fordern die im Netzwerk „Digital History and Memory“ miteinander verbundenen Gedenkstätten in Deutschland in einem offenen Brief die Plattformbetreiber auf, gegen derlei KI-Fälschungen konsequent vorzugehen. Der Wortlaut des offenen Briefes ist online nachzulesen. Ein weiterer Beitrag des BAYRISCHEN RUNDFUNKS informiert in diesem Zusammenhang über den Bildatlas "#LastSeen", der beispielseise die Fotos von Deportationen ins Konzentrationslager öffentlich macht: online und in einer Wanderausstellung, die gerade in München zu sehen ist. Hier kämpft man ebenfalls mit gefakten KI-Bilder, die derzeit das Netz fluten. Unterdessen fordert auch Kulturstaatsminister Weimer EU-Maßnahmen gegen KI-Holocaust-Bilder, wie das HANDELSBLATT berichtet. Weimer sieht in KI-generierten Holocaust-Bildern und -Filmen eine Gefahr der verfälschten Darstellung. „Das große Leid der Opfer“ dürfe nicht verfälscht werden: "KZ-Gedenkstätten warnen vor KI-generierten Fake-Bildern".

Wie kann die NS-Geschichte der jüngeren Generation vermittelt werden? Eine Frage, die viele umtreibt, die Erinnern und Gedenken für elementar halten. Die HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG hat drei Angehörigen der jüngeren Generation eingeladen und mit ihnen darüber gesprochen: die 17-jährige Schauspielerin Riva Krymalowski, die als Neunjährige in „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ vor der Kamera stand, der Aktivistin und Autorin Susanne Siegert, der auf Tik Tok mit ihren Videos zu NS und Holocaust Hunderttausende folgen, und Henning Wellmann, Bildungsreferent der Arolsen Archives. Auf die Frage, worin sich das Interesse im Blick auf den Nationalsozialismus bei jugen Menschen von dem der älteren Generation unterscheidet, antwortet etwa Siegert:
"Was Fragen angeht, habe ich den Eindruck, dass jüngere Nutzer*innen grundlegendere Dinge wissen wollen. Zum Beispiel: Woran haben die Nazis erkannt, wer jüdisch war? Hatte jedes Lager eine Gaskammer? Warum wurden Juden vergast und nicht erschossen? Das sind Fragen, die sie sich vielleicht in der Gruppendynamik eines Klassenzimmers oder eines Gedenkstättenbesuchs nicht zu fragen trauen. Diesen Fragen bzw. Antworten Raum zu geben, finde ich sehr motivierend und ich lerne auch noch viel dabei."

Vor diesem Hintergrund interessant, was Heike Hupertz in der FAZ über die für das ZDF erstellte Doku-Serie "German Guilt" berichtet, die seit gestern in der ZDF-Mediathek abgerufen werden kann. Dabei thematisieren der Journalist Thilo Mischke, Schauspielerin Katja Riemann und Autorin Ronja von Rönne in einem bewußt auf die jüngere Generation zugeschnittenen Format den Nationalsozialismus und den Holocaust. Das ZDF hat dazu auch eine recht umfangreiche Info-Seite mit Material online gestellt (https://presseportal.zdf.de/pressemappe/german-guilt). Trotz einiger positiver Aspekte ist Heike Hupertz eher befremdet über die betont lockere Darbietung des "Presenters" Thilo Mischke, der so tut, als sei er der ersten, der nun entdeckt hätten, was unsere Vorfahren so angerichtet haben:
"Seine Markenzeichen: überpersönlicher Zugang, übermäßige, manchmal gewollt naive Zuspitzung, gute Recherche, der Mann als rasender Reporter und Doku-Presenter in fast jedem Bild anwesend und so gut wie jede Szene dominierend und alles Dargestellte mit großer Betroffenheit kommentierend."

Die Nationalsozialisten sahen für Menschen jüdischer Abstammung nur eine Rolle vor: die des passiven Opfers. Dass sich in Deutschland und den besetzten Gebieten zehntausende Jüdinnen und Juden aktiv gegen diese Zuschreibung wehrten, ist bis heute kaum bekannt. Ihre vergessenen Geschichten hat Holocaust-Experte Stephan Lehnstaedt in seinem Buch "Der vergessene Widerstand: Jüdinnen und Juden im Kampf gegen den Holocaust" zusammengetragen. Lehnstaedt gibt damit einen Überblick über die Aktivitäten des jüdischen Widerstands und erinnert an einen beispiellosen Kampf gegen die Entmenschlichung, an ein Ringen um Würde, Kultur und das Recht zu leben. René Schlott hat das Buch für die FAZ gelesten: "Nicht nur der Warschauer Aufstand".

Die Links zu den Themen in der Rubrik VERGANGENHEIT...

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Seit dem 7. Oktober 2023, dem Massaker der Hamas an israelischen Bürgern, ist der israel-bezogene Antisemitismus sprunghaft angestiegen. Viele Pädagogen stehen seitdem vor neuen Herausforderungen: Wie lassen sich antisemitische Aussagen und Handlungen erkennen, insbesondere wenn sie mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt verknüpft sind? Wie kann pädagogisch sinnvoll reagiert und präventiv entgegengewirkt werden? Nun hat der seit über 20 Jahren in der politischen Bildung aktive Journalist Dr. Olaf Kistenmacher eine 39-seitige Handreichung für die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Köln verfasst. Seine Handreichung richtet sich an Pädagogen verschiedenster Wirkungsfelder und kann kostenfrei bei der Kölner Gesellschaft bestellt werden. Zugleich steht sie auch als pdf-Datei zum kostenlosen Download zur Verfügung: "Politische Bildung zum israelbezogenen Antisemitismus und zum Nahostkonflikt nach dem 7. Oktober 2023. Konzepte für die Arbeit mit Jugendlichen".

Neuerdings geriert sich die AfD ja als "Garant jüdischen Lebens" geht aber gleichzeitig nicht gegen Judenhass in den eigenen Reihen vor. Trotz der zahlreichen einschlägigen Skandale in ihrer noch jungen Parteiengeschichte wird dem hauseigenen Antisemitismus in der AfD jedoch kaum Beachtung geschenkt. Diese Lücke hat vor gut einem Jahr der Journalist Stefan Dietl mit seiner im Verbrecher-Verlag erschienen Studie (Antisemitismus und die AfD, Berlin 2025, Euro 16,-) zu schließen versucht. In seinem Buch zeigt er auf, dass der Antisemitismus in der AfD als wesentliches Ideologieelement und Welterklärungsmodell fungiert. Nun war er in Frankfurt und stellte auch dort seine Recherchen und Schlußfolgerungen vor, wie Alexander Jürgs für die FAZ berichtet: „Das sind keine Einzelfälle“.

Dass C.G. Jung, der Begründer der analytischen Psychologie, zum Judentum ein problematisches Verhältnis hatte, ist keine Neuigkeit. Anlässlich seines 150. Geburtstage ist nun noch bis 15 Februar in Zürich eine Ausstellung unter dem Titel "Seelenlandschaften" zu sehen, die neue Aufschlüsse in Jungs Verhältnis zu Juden und Judentum liefert. In der schweizer Zeitschrift REPUBLIK gibt es dazu einen sehr langen, gleichwohl außerordentlich interessanten Essay, in dem Daniel Strassberg nicht nur diese Ausstellung vorstellt, sondern sich intensiv mit Jung und den Juden/tum beschäftigt: "Der Antisemitismus von C. G. Jung".

Die Links zu den Themen in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

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Als vergangenen Sonntag die Glocken in der Berliner Heilig-Geist-Kirche zum Gottesdienst läuteten, strömten die Menschen in die Kirche, wie sonst nur an Weihnachten, am Ende müssen sogar viele Leute stehen. Der Grund: ein alter Kommunist und Ungläubiger wird heute predigen. Es ist Gregor Gysi, immer noch prominenteste Kopf der Linken und Alterspräsident des Bundestages. Er machte am Sonntag den Auftakt zu einer Predigtreihe, in der verschiedene Persönlichkeiten ihre Sicht auf Gott und die Religion darlegen. Was Gysi nun zu predigen hatte, das hat Joachim Fahrun für die BERLINER MORGENPOST aufgschrieben: "Was der ungläubige Gregor Gysi katholischen Christen zu sagen hat". 

Kürzlich nahm der islamische Theologe Mouhanad Khorchide an einer Gedenkfeier für Kinder teil, die viel zu früh gestorben sind. Die Kinder kamen aus ganz unterschiedlichen familiären Hintergründen und daher handelte es sich auch um eine multireligiöse Feier. Für Khorchide wurde dabei etwas sehr Einfaches spürbar: "Schmerz kennt keine Religionsgrenzen. Trauer auch nicht. Und vielleicht gilt das sogar für Hoffnung." Gleichwohl und unvermeidbar drängte sich natürlich auch die Frage auf, wie sie der Vater eines der gestorbenen Kinder aussprach: "Wo warst du, Gott?". Anlass für Khorchide in CHRISMON über die Frage nach Gottes Rolle im Leid nachzudenken - und was darüber Judentum, Islam und Christentum zu sagen haben: "Gott, wo bist du, wenn Kinder sterben?".

Am vergangenen Samstag, 17. Januar 2026, begingen die österreichischen Kirchen mit einem zentralen Gottesdienst in der Wiener armenisch-apostolischen Kirche St. Hripsime den traditionellen "Tag des Judentums". Der Wiener Dechant Simon betonte in seiner Predigt u.a., dass das Judentum die Quelle des christlichen Glaubens sei: "Israel ist die Quelle, aus der auch wir schöpfen. Nicht Vergangenheit, sondern lebendige Gegenwart." Simon nahm auch Bezug auf die Geschichte Wiens: "Wien war ein Ort reicher jüdischer Kultur, geistiger Tiefe und religiösen Lebens. Aber auch ein Ort von Ausgrenzung, Hass und Vernichtung. Die Shoah gehört zur Geschichte dieser Stadt. Sie verpflichtet uns."
In der österreichischen Kirchenzeitung DER SONNTAG kommt im Interview Dr. Eric Frey, dem Präsidenten der Wiener jüdischen Reformgemeinde Or Chadasch, zu Wort. Er äußert sich zum Kampf gegen den Antisemitismus sowie über die Entwicklung und Vertiefung des christlich-jüdischen Gesprächs. Zum derzeitigen Stand des Verhältnisses zwischen Juden und Christen sagt er: 
"Die Kluft verläuft heute in der Gesellschaft weniger zwischen den Religionen, sondern zwischen denen, die sich zu einer Religion bekennen und denen, die sie heute abgestreift haben oder sie sogar ablehnen. Deshalb können auch religiöse Juden und religiöse Katholiken ganz gut miteinander, weil für beide die Religion und auch Gott eine zentrale Rolle spielen."
Bereits im Vorfeld hatte sich die Grazer Theologin Prof. Martina Bär für eine stärkere kirchliche und theologische Rezeption und Mitwirkung an der "Nationalen Strategie gegen Antisemitismus" eingesetzt und plädierte für eine verstärkte theologische Befassung mit Antisemitismus und seinen modernen Ausprägungen. Ebenfalls im Vorfeld des "Tages des Judentums" hatte der Linzer Bischof Manfred Scheuer in einer profunden Auseinandersetzung mit den jüdischen Wurzeln des Christentums zur Überwindung antijüdischer Stereotype in der Kirche aufgerufen. In seinem Beitrag, den der ÖKUMENISCHE RAT DER KIRCHEN in Österreich online publiziert hat, mahnte er u.a. an, sich ein solides Wissen über das Judentum für eine sachgerechte und theologisch fundierte Predigt und Katechese anzueignen. Dies müsse über historische Fakten zur biblischen Zeit hinausgehen, denn:
"Wir sind in Zeitgenossenschaft mit jüdischen Gemeinden in unserem Land und weltweit. Diese sind erste und lebendige Zeuginnen der Heiligen Thora, in der auch wir Christinnen und Christen durch Jesus unsere Quellen finden." 

Ob am Brandenburger Tor, am Times Square oder am Trafalgar Square – es häufen sich islamische Massengebete im öffentlichen Raum westlicher Städte. Dabei handelt es sich um ein gezielt provokatives Spektakel, das den zivilen und religiösen Frieden gefährdet, meint der marokkanisch-schweizerische Essayist Kacem El Ghazzali in einem Beitrag für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG:
"Was als Ausdruck von Religiosität präsentiert wird, ist in Wahrheit Reterritorialisierung: die symbolische Inbesitznahme des öffentlichen Raums. Aufschlussreich ist, dass es für solche Straßengebete kaum ein Pendant in muslimischen Ländern gibt." Hierzulande würden jedoch die Massengebete in Teilen muslimischer Social Media "ausdrücklich als 'Siege für den Islam' gefeiert", so Ghazzali.
"Was bedeutet dieser 'Sieg des Islams'? Hier wird die These von der Islamisierung des Westens nicht von Rechtspopulisten formuliert, sondern von Muslimen selbst - mit umgekehrtem Vorzeichen. Was die einen als Bedrohung brandmarken, feiern die anderen als Verheißung. ... Die Erzählung ist dieselbe, nur die Bewertung differiert."

Die Links zu den Themen in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

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Die diesjährige Karnevalssaison steht unmittelbar bevor. Zwar hat der Karneval heidnische Ursprünge und wurde vor allem im christlichen Umfeld zu einer traditionsreichen Angelegenheit, aber auch im Judentum hat der Karneval durchaus eine Geschichte. Deutlich wurde dies spätestens mit dem 2017 in der Karnevalshochburg Köln gegründeten Karnevalsverein "Kölsche Kippa Köpp". Präsident des Vereins ist Aaron Knappstein, Jahrgang 1970, der Judaistik, Politikwissenschaften und Geschichte studiert hat. Neben seinem Hauptberuf als Niederlassungsleiter einer Personalvermittlung arbeitet er als Dokumentar im Kölner NS-Dokumentationszentrum. Im Interview mit der TAZ spricht er über die Geschichte des jüdischen Karnevals, seine Arbeit im NS-Dokumentationszentrum und warum er sich seit seines Engagements als jüdischer Karnevalist stärker seines Jüdischseins bewusst wurde: „Wir sind einfach Karnevalisten“.

Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich für Jüdinnen und Juden etwas verschoben: nicht nur im Nahen Osten, sondern auch auf Europas Straßen, an den Schulen und Universitäten. Antisemitismus ist kein Thema aus der Geschichte mehr – sondern gehört zur Gegenwart. Eindrucksvoll schildern Danielle Sperra und Gerhard Jelinek in zwei Beiträgen für das österreichisch-jüdische Magazin NU, dass 80 Jahre nach der Shoah unter Juden und Jüdinnen wieder diskutiert wird, ob Juden in Europa eine Zukunft haben. Sie berichten von Bekannten, die sich eine Wohnung in Montevideo oder Budapest gesichert und von anderen, die gleich eine Wohnung in Israel gekauft haben. Muß man also wieder die Koffer packen? Und was sind die Alternativen: Rückzug, Aufbruch oder Widerstand? Speras Fazit:
"Am Ende ist die Frage nach den gepackten Koffern tatsächlich eine Frage der Würde: Ein Europa, das jüdisches Leben nur unter permanentem Ausnahmezustand duldet, verfehlt seinen eigenen Anspruch. Jüdisches Leben in Europa muss wieder selbstverständlich sein, dann ist die Diskussion über das Kofferpacken obsolet."

Am Schabbat dürfen strenggläubige Jüdinnen und Juden gewisse körperliche Tätigkeiten nur in ihrem Zuhause, im privaten Raum ausüben. Ein Kleinkind tragen oder einen Kinderwagen schieben, einen Rollator benutzen, den Eltern einen Kuchen vorbeibringen – all das ist nur in Privaträumen, nicht aber in der Öffentlichkeit gestattet. Ein Umstand, der vielen Eltern und alten Leuten das Hinausgehen, den Besuch bei Verwandten oder sogar den Besuch der Synagoge verunmöglicht. Jüdische Religionsgelehrte haben jedoch einen Ausweg ersonnen: Ein Aussenraum kann quasi pro forma zum Wohnraum erklärt werden – mithilfe einer symbolischen, von Rabbinern kontrollierten Grenze. Dann darf auch draussen viel von dem getan werden, was drinnen bereits erlaubt ist. Das Quartier wird quasi zum Wohnzimmer – und Orthodoxe dürfen auch mit Rollator oder Kinderwagen in die Synagoge gehen. Ein solch "öffentliches Wohnzimmer" nennt man Eruv - und es gibt ihn etwa in New York, Amsterdam, Wien oder Budapest. Und nun gibt es ihn erstmals auch in der Schweiz, konkret in Zürich: "Eine unsichtbare Grenze umschliesst neu sieben Zürcher Stadtquartiere – und gibt orthodoxen Juden ein Stück Freiheit".

Die Links zu den Themen in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

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Der evangelische Theologe Ralf Frisch geht in seinem Buch "Gott. Ein wenig Theologie für das Anthropozän" mit der Selbstüberhebung des Menschen ins Gericht: "Im Anthropozän macht sich der Mensch für alles verantwortlich, was das Antlitz der Erde versehrt und verstümmelt", schreibt er. Zugleich wird "allein dem Menschen auch die Heilung der Wunden der Welt zugetraut und zugemutet". Der Mensch spiele "alle Rollen im Erddrama. Er spielt die Rolle des Schuldigen und des Richters, die Rolle des Verderbers und des Retters. Er spielt die Rolle des Teufels und die Rolle Gottes". Andreas Main hat das Buch für COMMUNIO gelesen und findet es elektrisierend: "Gottloses Amen: Ralf Frisch gegen die moderne Religion der Selbsterlösung".

Mehr dazu in der Rubrik CHRISTLICHE WELT.

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Antisemitismus ist kein Phänomen der Moderne. Bereits in der Antike wurden Juden von den Ägyptern, Persern, Griechen, Römern und schließlich auch von den Christen gehasst und verfolgt. Juden galten als illoyale Parasiten oder als reiche und mächtige Verschwörer und Drahtzieher der Gesellschaft. Diese Verschwörungsmythen, die sich bis heute halten, sind auch tief in den biblischen Texten verwurzelt. Genau diesem Aspekt widmet sich Simone Paganini, Bibelwissenschaftler, in seinem Buch "Warum sind immer die Juden schuld?: Antisemitismus in der Bibel". Christoph Tepperberg hat es für das jüdische Magazin für Politik und Kultur NU gelesen: "Antisemitismus in der Bibel".

Der Link zur Buchvorstellung in der Rubrik ONLINE-REZENSIONEN.

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Neben zwei weiteren Dokumentationen, die mit Blick auf den kommenden Gedenktag des 27. Januars heute Abend zu sehen sind, sei an dieser Stelle vor allem auf die dritte zu sehende Dokumentation hingewiesen: Es ist die Lebensgeschichte von Dany Dattel, die ergreifend wie wenige andere ist. Sie erzählt von Verfolgung und Rettung, von Selbstbehauptung und einer zweiten Verfolgung. Die deutsche Nachkriegsgeschichte steht dabei Pate und zeigt sich erschreckend antisemitisch. Aber den Lebensmut und den Humor hat sich Dany Dattel nie nehmen lassen. Erstmals offenbart er sich und reist mit einem Filmteam an die Schicksalsorte seines Lebens, nach Auschwitz, zu den Kindern seiner Retterinnen auf dem Todesmarsch in Tschechien. Vier Monate nach den Dreharbeiten in Auschwitz ist Dany Dattel gestorben. Schließlich: Mediatheken hin oder her, diese 90-minütige Dokumentation erst eine halbe Stunde vor Mitternacht auszustrahlen ist gelinde gesagt eine Frechheit.

Mehr dazu in den FERNSEH-TIPPS

Dies alles und noch viel mehr wie üblich direkt verlinkt, ergänzt von aktuellen FERNSEH-TIPPS sowie einschlägigen ONLINE-REZENSIONEN im heutigen COMPASS.


Einen angenehmen Tag wünscht


Dr. Christoph Münz

COMPASS

redaktion@compass-infodienst.de

(Editorial zusammengestellt unter Verwendung des Teasermaterials der erwähnten Artikel)



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EDITORIAL HIGHLIGHTS

22. Januar 2026

 * Israel reißt Gebäude auf UNRWA-Gelände ab ... mehr

 * Israel kritisiert Zusammensetzung von Gaza-Gremien deutlich ... 
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