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Nachfolgend lesen Sie einen Original-Beitrag der Politologin und
freien Redakteurin Soraya Levin.
Sie betreibt u.a. eine eigene Internetseite, auf der sie regelmäßig neue Bücher zum Schmökern, Entspanen und Nachdenken vorstellt:
LIPOLA - LITERARISCHE UND POLITISCHE AKZENTE
Lipola
COMPASS dankt der Autorin für die Genehmigung zur Wiedergabe
ihrer Rezension an dieser Stelle.
Isaac Bashevis Singer: Schatten über dem Hudson
© Soraya Levin
Eingebettet in eine Liebesgeschichte erzählt sein Roman "Schatten über dem Hudson" die Lebensläufe und individuellen Schicksale ostjüdischer Emigranten in den USA. Ausgangspunkt der Geschichte ist New York im Jahr 1947/48. Hier lebt der holocaustüberlebende osteuropäische Jude Boris Makaver. Obwohl ihm die Anpassung an die "Neue Welt" sehr schwer fällt, ist es ihm gelungen, finanziell sehr erfolgreich zu sein. Vielfältig greift er seinen jüdischen Freunden, die es nicht geschafft haben, unter die Arme. Die unbeantwortete Frage, warum die Welt nach Hitlers Höllensystem so weiter lebt als wäre nichts gewesen, stärkt seinen Glauben und sein Leben in der jüdischen Tradition.
Als seine Tochter Anna mit ihrem ehemaligen Nachhilfelehrer Hertz Grein durchbrennt, bricht für ihn eine Welt zusammen und er sagt sich von ihr los. Annas zweiter Ehemann, Stanislaw Luria, hat mit Anna einen Halt in seiner Trauer um seine von den Nazis ermordete Familie gefunden. Ihr Weggang führt zur Enttäuschung, zur Wut, zum völligen Zusammenbruch und seine nie geheilte Wunde bricht wieder auf. Er verkommt und stirbt schließlich am gebrochenen Herzen. Herzt Greins Schuldgefühl der moralischen Verfehlung steigert sich mit Lurias tragischem Tod. Als seine Frau Leah auch noch an Krebs erkrankt und er erkennt, dass seine Kinder mit dem Judentum nichts mehr gemein haben, versucht er zu seinem Glauben zurückzufinden. Doch der Versuch misslingt und er flüchtet mit seiner Ex-Geliebten Esther, von der er nie lassen konnte, auf eine Farm. Die Einsamkeit erdrückt Esther und sie verlässt ihn. Boris Makaver hat unterdessen noch einmal geheiratet. Nach einem geschäftlichen Fehlgang, der ihn fast in den Ruin treibt, versöhnt er sich mit seiner Tochter Anna, die unterdessen wieder mit ihrem ersten Ehemann, einem Schauspieler, liiert ist. Für seinen kommunistischen Neffen Herman, der die stalinistische Wirklichkeit nicht wahrhaben will und nach Russland geht, richtet er eine in jüdischen Gebräuchen stattfindende Hochzeit aus. Greins ungläubiger Sohn Jack heiratet eine Nichtjüdin. Als sie ihr erstes Kind erwartet, konvertiert sie zum Judentum. Herzt Grein ist auf der Suche nach sich selbst nach Israel ausgewandert, wo er ein traditionell jüdisch-religiöses Leben führt. Dies ist sein Weg, den Versuchungen der dekadenten Welt zu widerstehen.
Singer versteht es, mit klaren und realistischen Worten ruinierte Lebensläufe und individuelle Schicksale der osteuropäischen Juden anhand einer Liebesgeschichte zu beschreiben. Die durch den Holocaust erzwungene Emigration führt zu finanziellem und menschlichem Verlust und nicht allen Figuren gelingt es, wieder Fuß zu fassen. Da sind die Schwierigkeiten, wenn Boris Makaver versucht, seine alte Welt zu bewahren, während seine Tochter Anna mit den jüdischen sittlichen Wertmaßstäben bricht, indem sie mit Herzt Grein fremdgeht. Boris Makaver ruft nach menschlicher Verantwortung, den höllischen Holocaust nicht im Alltagsgeschehen zu vergessen und zu verschweigen. Der allwissende Erzähler sieht die Schatten der Vergangenheit, die die Figuren ständig begleiten. So kann Stanislaw Luria unmöglich glücklich sein, wenn er seine ermordete Familie betrauert, Herzt Grein versucht, seinen Konflikt mit Gott und dem Holocaust durch ein ausschweifendes erotisches Leben zu lösen. Andere wie Anna sagen sich von Gott los oder werden Kommunisten wie Herzt Greins Sohn Jack und Boris' Neffe Herman.
Mit klangvollen Bildern fängt Singer die Stimmungen seiner Figuren ein. Er lässt sie sehr viel zu Wort kommen. Dadurch entsteht ein inhaltlich und emotional dichtes Bild der Vernichtung menschlicher Existenzen und ihrer Folgen: Hoffnungs- und Ziellosigkeit, moralische Verfehlungen, Niedergang der Traditionen, des jüdischen Lebens, die Frage nach Schuld und Vergebung, nach Gott und dem Leben, die Suche nach einem Halt und der Vergangenheit. Der gewählte Zeitraum von acht Monaten kommt nicht nur der Figur Anna, sondern auch dem Leser wie Jahre vor. Singers Figuren verschwinden aber allzu plötzlich aus dem Blickfeld. Schade, denn sie hätten noch so viel zu sagen. Der Epilog verweist auf den Neuanfang des jungen Staates Israel, der bis heute mit den Schatten der Vergangenheit kämpft.
Isaac Bashevis Singer: Schatten über dem Hudson.
Roman, Deutsch von Christa Schuenke
München 2002, Deutscher Taschenbuchverlag, 748 S.
15,00 €, 25,90 CHF
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