Deutsche Bibliothek ISSN 1612-7331
28.04.2010 - Nr. 1142

„Stuttgarter Lehrhaus“ zum 200.Geburtstag von Abraham Geiger



Trude Simonsohn – gelebte Toleranz

[FRANKFURTER NEUE PRESSE]
Ganz Frankfurt kennt sie. Ganz Frankfurt lobt sie. Ganz Frankfurt liebt sie: Trude Simonsohn. Gestern wurde die Holocaust-Überlebende, die Grande Dame der Jüdischen Gemeinde, mit dem Ignatz-Bubis-Preis ausgezeichnet. Sie ist die erste Frau, die diesen Preis erhält... 

Baseball mit Schläfenlocken



Jüdisches Filmfest im Kino Arsenal gestartet... 

Zum Überblick in die Garden Shul



Von Thomas Schmidinger | Das im Dezember 2000 vom ehemaligen südafrikanischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela eröffnete Museum bietet einen guten Überblick über die Geschichte der jüdischen Gemeinden Südafrikas... 

Bezieht Stellung

[JÜDISCHE ALLGEMEINE WOCHENZEITUNG]
Von Levi Brackman | Rabbiner sollen sich politisch äußern – und sind sogar dazu verpflichtet ...  







„Stuttgarter Lehrhaus“ zum 200.Geburtstag von Abraham Geiger

Zu einem Studiennachmittag  über Abraham Geiger lud das kürzlich neu gegründete „Stuttgarter Lehrhaus“ ins Paul-Gerhardt-Zentrum. Referent war Hartmut Bomhoff, der die Öffentlichkeitsarbeit des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs verantwortet, in dem kürzlich die ersten liberalen Rabbiner ordiniert wurden.  Er hat  2006 ein Buch über den  Wegbereiter des progressiven Judentums geschrieben mit dem Titel „Abraham Geiger – Durch Wissen zum Glauben“.

Er schilderte Geiger als junges Sprachengenie, der sich früh aus den engen Bindungen seiner orthodoxen Familie befreite und seine orientalistischen Studien mit einer noch heute revolutionären Doktorarbeit abschloss, in der er die  jüdischen Quellen des Koran analysierte. Dabei wendet er  sich gegen islamfeindliche Orientalisten, die Mohammed nur als Scharlatan und Betrüger beschreiben. Das Resultat seines Versuches, den Koran philologisch zu betrachten, ist die Anerkennung des Islams als Schwesterreligion.

Normalerweise hätte er eine glänzende Professorenlaufbahn einschlagen können, wenn dies nicht im 19. Jahrhundert für Juden verschlossen gewesen wäre. So betätigt er sich sein Leben lang in mehreren Gemeinden als Rabbiner, forscht aber nebenher immer für eine „Wissenschaft des Judentums“, die er gern an den Universitäten verankert hätte. Bis heute gibt es keine jüdisch-theologischen Fakultäten in Deutschland!  Gleichwohl produziert Geiger neben unzähligen Reformschriften für die Synagoge weiterhin wissenschaftliche Untersuchungen, in denen er die historisch-kritische Methode auf die Bibel und Talmud anwendet. 

1857 provoziert er mit seiner Arbeit über den historischen Jesus die christliche Theologie. Er beschreibt Jesus aus der inneren Entwicklung des Judentums heraus und holt ihn gewissermaßen in den jüdischen Horizont zurück.  Er ist damit der erste jüdische Gelehrte, der christliche Texte aus einer jüdischen Perspektive analysiert. Das bringt ihm aber in seiner Zeit nur Ablehnung ein. Erst heute wird auch in der christlichen Theologie der Mann aus Nazareth als Jude aus Galiläa gewürdigt.

Umstritten ist Geigers Arbeit aber auch bis heute im Judentum. Nicht nur orthodoxe Rabbiner lehnen seine radikalen Thesen als Relativierung der Thora ab. Andererseits beruft sich auf ihn das Progressive Judentum, das zwar nicht in Deutschland oder Israel, aber sonst weltweit die meisten Anhänger hat.  Sie werden am  24. Mai begeistert seinen 200. Geburtstag mit vielen Veranstaltungen feiern und sich freuen, dass im Ursprungsland des liberalen Judentums wieder Rabbiner ausgebildet werden.

Wolfgang Wagner


Reformer, Gelehrter, Brückenbauer: Wie Abraham Geiger das Judentum modernisierte

Er war einer der wichtigsten jüdischen Theologen des 19. Jahrhunderts: Abraham Geiger gründete in Berlin die einflussreiche Hochschule für Wissenschaft des Judentums und war Rabbiner in zahlreichen Gemeinden. Anders als die traditionellen Talmudschulen sah er die Tora nicht mehr als gottgegeben, sondern näherte sich den heiligen Texten auf historisch-kritische Weise. Der Gelehrte erforschte auch die Verwandtschaft von Judentum, Christentum und Islam. Fundamentalismus war ihm genauso zuwider wie Religion als Herrschaftsinstrument.

Seine Thesen werden bis heute kontrovers diskutiert. Für Juden haben sie Konsequenzen bis in die alltägliche Lebenspraxis: Führe ich ein Leben nach der Tradition oder entscheide ich selbst, was moralisch richtig ist? Die liberale jüdische Bewegung, die Gleichberechtigung von Mann und Frau in den Gemeinden, wäre ohne ihn nicht  denkbar. Zum 200. Geburtstag von Abraham Geiger zeigt Gerald Beyrodt in einem Radio-Feature, was den Rabbiner und Reformer bis heute aktuell macht. 

Das Radio-Feature wurde am Montag, 24. Mai 2010, auf DEUTSCHLANDRADIO ausgestrahlt und steht als mp3-File zum Nachhören zur Verfügung:

Abraham Geiger




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