ACHTUNG:
Die nächste Ausgabe erfolgt am Montag, 09. November 09.
Guten Tag!
„Ich werde nicht hingehen“, schrieb Zahava Gal-On, linke Abgeordnete des israelischen Parlaments. Gemeint war die jährliche Erinnerungsfeier an den israelischen Premierminister und Friedensnobelpreisträger Yitzhak Rabin, der am 4. November 1995, heute vor 14 Jahren, von einem jüdischen Extremisten erschossen wurde. Gal-Ons Verweigerung scheint symptomatisch, das Interesse an Rabin am 14. Jahrestag seiner Ermordung scheint auf dem Tiefpunkt. Benjamin Rosendahl versucht in der ZEITJUNG die Gründe hierfür zu ermitteln: "Der Rabin-Platz steht heute leer".
Und noch jemand meldet sich zu Wort, der heute nicht zum Gedenken auf den Rabin-Platz gehen wird: Uri Avnery. In der BERLINER UMSCHAU begründet er u.a. seine Verweigerung mit dem verfälschenden Umgang im Rahmen der Erinnerung an Rabin. Er schreibt beispielsweise:
"Die öffentliche Erinnerung, eines der wirksamsten Instrumente des Establishments, versucht heute, dieses Kapitel auszulöschen. Im ganzen Land kann man Karten kaufen, die Rabin zeigen, wie er König Hussein beim Unterzeichnen des Israel-Jordanien-Friedensabkommens die Hand reichte. Aber es ist fast unmöglich, eine Karte zu finden, die Rabin mit Arafat beim feierlichen Unterzeichnen des Oslo-Abkommens zeigt – als ob dies nie stattgefunden hätte."
Die Links zu den Beiträgen in der Rubrik ISRAEL INTERN.
Die kaltblütige Ermordung einer sechsköpfigen Familie erregte nicht nur die israelische Öffentlichkeit, sondern schlägt auch politische Wellen. Nachdem der Täter - ein vor fünf Jahren aus Russland eingewanderter Mann - überführt und gestanden hat, fordern Knesset-Abgeordnete die Einführung der Todesstrafe und debattieren über das den Orthodoxen schon lange ärgerliche Einwanderungsgesetz, demzufolge für die Anerkennung als israelischer Staatsbürger der Nachweis eines jüdischen Elternteils genügt. Michael Borgstede schildert in der BERLINER MORGENPOST den spektakulären Mordfall und seine politischen Folgen: "Ich bin ein verdammt fieser Mörder".
Der Link zur Reportage in der Rubrik ISRAEL INTERN.
Amira Hass lebt und arbeitet als Jüdin und israelische Journalistin mitten in Ramallah. Als Tochter rumänischer Holocaust-Überlebender studierte sie Geschichte in Jerusalem und Tel Aviv und arbeitete danach als Lehrerin. Sie ist heute Korrespondentin der liberalen israelischen Tageszeitung "Ha'aretz". Seit 1997 beschreibt sie die Alltagspolitik der Palästinenser kritisch und setzt sich für die Menschenrechte der Palästinenser ein, die ihr zufolge sowohl durch die israelische Armee als auch durch die palästinensischen Politiker verletzt werden. Kürzlich wurde sie vom Globalen Netzwerk von Frauen mit dem Medienpreis 2009 ausgezeichnet. Auf den Seiten von RADIO UTOPIE kann man nun ihre kurze, stellenweise bittere Dankesrede nachlesen. Ihr Selbstverständnis als kritische Journalistin beschreibt sie gleich zu Anfang wie folgt:
"Was tue ich? Im Allgemeinen nennt man mich Berichterstatterin der palästinensischen Probleme. Aber tatsächlich (indirekt) befassen sich meine Berichte mit der israelischen Gesellschaft und Politik, mit der Herrschaft und ihrem trunkenen Zustand. Meine Quellen sind nicht geheime Dokumente und durchgesickerte Protokolle von Leuten, die an den Machthebeln sitzen. Meine Quellen sind die offenen Wege, über die die Unterworfenen ihrer Rechte als menschliche Wesen enteignet werden."
Der Link zur Dankesrede in der Rubrik ISRAEL, DEUTSCHLAND, EUROPA UND DIE WELT.
Die Vergabe des Literatur-Nobelpreises ist oft umstritten. Aber als der ungarische Autor Imre Kertész 2002 mit diesem Preis geehrt wurde, war die Zustimmung ungeteilt. Und als er auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse den Jean-Améry-Preis entgegennahm, applaudierte das Publikum mit einer stehenden Ovation. Kertész ist eine literarisch-moralische Instanz. Am 9. November wird er 80 Jahre alt. Im SONNTAGSBLATT gratuliert Wilhelm Roth dem Nobelpreisträger: "Das nüchtern beschriebene Grauen".
Der Link dazu in der Rubrik VERGANGENHEIT...
In seinem jüngsten Buch "Schlimmer als Krieg. Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist" kritisiert der US-Politologe Daniel Jonah Goldhagen ("Hitlers willige Vollstrecker") die Weltgemeinschaft: Die Vereinten Nationen schützen Massenmörder, denn um Völkermorde zu stoppen, bedürfe es eines schnelleren militärischen Eingreifens von den westlichen Demokratien. Im Interview mit der TAZ erläutert er seine Erkenntnisse, die er durch seine Forschungen über den Holocaust und andere Völkermorde gewonnen hat. Auch äußert er sich zum Iran und dessen Drohung, Israel zu vernichten:
"Der Iran spricht die Sprache des Völkermords. Es ist ein Regime, das einer Ideologie verpflichtet ist, die in vielen Bereichen der Nazi-Ideologie ähnelt. Die Ideologie behauptet, die Tötung vieler Menschen sei angemessen und notwendig. Genauso heißt es, dass Sterben für diese Ideologie angemessen und notwendig sei. Und schließlich glorifiziert dieses Regime auch noch den Tod."
Der Link zum Interview in der Rubrik VERGANGENHEIT...
Franz Fühmann (1922 - 1984) gehört nicht zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern seiner Generation, aber vielleicht zu den bedeutendsten, schreibt Uwe Wittstock in einem Beitrag für die WELT. Insbesondere seine Geschichte von dem kleinen böhmischen Jungen und seiner Angst vor dem Judenauto zähle zu seinen besten, zeige sie doch, welche Folgen die Gewöhnung an den alltäglichen Antisemitismus habe:
"Sie ist ein Selbstporträt des Autors als Kind. Hier forscht er nach seinen frühesten Erinnerungen und Erfahrungen, die später dazu beitrugen, ihn zu einem willigen Gefolgsmann der Nationalsozialisten werden zu lassen. Ein Thema, dem Fühmann den ganzen Band "Das Judenauto" widmet: Er schildert eine Reihe von Stationen aus seiner Kindheit und Jugend während Deutschlands dunklen Dreißigerjahren, aus seiner Zeit als Soldat in Hitlers Wehrmacht und als Kriegsgefangener in Stalins Lagern. Und er zeigt, welche katastrophalen Folgen die Gewöhnung an einen allgegenwärtigen, alltäglichen Antisemitismus für ihn letztlich hatte."
Der Link zum Beitrag in der Rubrik ANTISEMITISMUS.
Wie war er denn nun, dieser Jesus von Nazareth? Gleich drei neue Bücher beschäftigen sich mit der Suche nach ihm, berichtet Alan Posener in der WELT - und stellt die drei Bücher (von Christoph Türcke, Walter Homolka und Gerd Lüdemann) etwas näher vor. Zu Beginn seines Beitrages - gewissermaßen um den Hintergrund des Themas abzustecken - zitiert Posener Heinrich Heine, der einst von einem Hamburger Christen erzählte, "der sich nie darüber zufrieden geben konnte, dass unser Herr Heiland von Geburt ein Jude war. Ein tiefer Unmut ergriff ihn jedesmal, wenn er sich eingestehen musste, dass der Mann, der, ein Muster der Vollkommenheit, die höchste Verehrung verdiente, dennoch zur Sippschaft jener ungeschneuzten Langnasen gehörte, die er so auf der Straße als Trödler herumhausieren sieht".
Der Link zu Poseners Artikel in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.
Er ist Philosoph und frommer Atheist: Herbert Schnädelbach. Als Kind war er noch Pietist, aber die Gemeinde trieb ihm den Glauben aus. Im Interview mit PUBLIK FORUM erklärt er, der einst den Begriff "frommer Atheist" prägte, warum seine große Liebe die Vernunft ist: "Ich rechne nicht mit Gott".
Der Link zum Interview in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.
Schweden bedeutet für Botschafterin Ruth Jacoby Heimat. Doch auch in Berlin stößt sie immer wieder auf Spuren ihrer Familie. Die Stadt ist für sie so eine Art Puzzle, aus dem sich die Familiengeschichte zusammensetzt: "Jeder Schritt ist von Geschichte durchdrungen." Ihr in Budapest geborener Großvater Max Moses Friediger kam 1903 nach Berlin, studierte am Rabbinerseminar und wurde Rabbiner. Von hier aus ging er weiter nach Prag, leitete eine Talmud-Thora-Schule, bevor er 1919 nach Tschechien weiterzog. Schließlich wurde er 1920 zum Königlich Dänischen Oberrabbiner berufen, bevor er in die Fänge der deutschen Nazis geriet. 1943 wurde er ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert - und überlebte. Sein und der Familie Erbe möchte die schwedische Botschafterin gerade auch in Berlin in Ehren halten, wie aus dem Porträt hervorgeht, das Elisabeth Binder von ihr im TAGESSPIEGEL veröffentlichte: "Eine wahre Europäerin".
Der Link dazu in der Rubrik JÜDISCHE WELT.
Und noch ein lesenswertes Porträt, das heute in der FRANKFURTER RUNDSCHAU zu lesen ist. Es ist das Porträt des einzigen Rabbiners in Deutschland, "der nicht von einer jüdischen Gemeinde oder einem Landesverband angestellt ist", sich selbst als "unorthodox orthodox" beschreibt und überzeugt ist, dass "Humor und Heiligkeit sich nicht ausschließen": Rabbiner Andrew Steiman. Canan Topçu erzählt seine Geschichte: "Heilig und humorvoll".
Der Link dazu in der Rubrik JÜDISCHE WELT.
Als er 22 war, bemerkten seine Schwester und der Kritiker Joachim Kaiser, er schriebe ein bisschen wie Thomas Mann. Rachel Salamander, Gründerin der jüdischen "Literaturhandlung", forderte den jungen Maxim Biller auf, wie Kafka zu schreiben: "Wenn schon Paranoia, dann richtig dick." Die Rede ist von Maxim Biller. Bekannt wurde er in den 1980-er Jahren als Kolumnist der Zeitschrift "Tempo". 1990 debütierte er als Schriftsteller mit dem Erzählband "Wenn ich einmal reich und tot bin". Nun hat er ein Selbstporträt vorgelegt: "Der gebrauchte Jude". Carsten Hueck hat es für DEUTSCHLANDRADIO gelesen und meint: "Zeugnis einer verworrenen Existenz".
Der Link zur Buchbesprechung in der Rubrik ONLINE-REZENSIONEN.
Einen angenehmen Tag wünscht
Dr. Christoph Münz
redaktion@compass-infodienst.de
(Editorial zusammengestellt unter Verwendung des Teasermaterials der erwähnten Artikel)
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