Deutsche Bibliothek ISSN 1612-7331
12.02.2026 - Nr. 2124

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Am Donnerstag, 26. Februar 2026, erscheint ONLINE-EXTRA Nr. 376.


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Nr. 2124 - 12. Februar 2026



Israel macht einen weiteren Schritt in Richtung Annexion des Westjordanlandes. So werden zumindest die am Sonntag vom Sicherheitskabinett gebilligten Maßnahmen interpretiert, mit denen es Israelis leichter werden soll, Land in dem von Israel nach internationaler Auffassung völkerrechtswidrig besetzten Gebiet zu erwerben. Die Regelungen, die diesen Landkauf bislang verhindert haben, sollen abgeschafft werden. Die Maßnahmen stoßen international auf scharfe Kritik, auch seitens der EU. Besonders ablehnend äußerte sich bemerkenswerter Weise die USA und Großbritannien, die beide Israel aufforderten, diesen Kurs zu überdenken. Jan Roß kommt in seiner Analyse für DIE ZEIT zu dem Schluß, dass dieser Kurs "der offenkundige Versuch (ist), Donald Trumps Nein zur Annexion zu umgehen".

"Israel gibt zu, dass in Gaza 70.000 Palästinenser getötet wurden", war vor kurzem in den deutschen Medien zu lesen. Dem sei freilich keineswegs so, Israel gebe gar nichts zu, entgegnet Philipp Peyman Engel in der JÜDISCHEN ALLGEMEINEN WOCHENZEITUNG. Denn die Bestätigung dieser Zahl, die der offiziellen Hamas-Zahl entspricht, stamme aus einer anonymen Quelle, die israelische Armee selbst habe dementiert. Aber selbst wenn die Zahl stimme, so argumentiert Engel, müsste sie dann nicht angemessen analysiert werden? Wieviele dieser 70.000 Toten waren Hamas-Kämpfer? Abgesehen davon, dass die Hamas auch die 10.000 Menschen eingerechnet habe, die seit dem 7. Oktober im Gazastreifen eines natürlichen Todes gestorben sind:
"All das nicht zu berücksichtigen: Ist das Unkenntnis, Schludrigkeit, Schwarmdummheit, politische Einseitigkeit? Das können nur die betreffenden Kollegen beantworten. Fest steht: So macht man Stimmung gegen Israel. Es möge sich niemand wundern, dass angesichts dessen 73 Prozent der Deutschen der Aussage zustimmen, Israel habe in Gaza einen Genozid begangen. Auch möge sich niemand darüber wundern, dass die Antisemitismusfallzahlen auch hierzulande geradezu explodieren."

Die Links zu den Themen in der Rubrik ISRAEL UND NAHOST HINTERGRUND.

Wer trägt die Verantwortung für das das historische Sicherheitsversagen am 7. Oktober 2023? Die politische Auseinandersetzung um eine Antwort auf diese Frage nimmt neu Fahrt auf, wie aus mehreren Berichten der JÜDISCHE ALLGEMEINEN WOCHENZEITUNG hervorgeht. Hintergrund ist ein 55-seitiges Paper von Premierminister Benjamin Netanjahu, das dem staatlichen Kontrolleur Matanyahu Englman übergeben wurde. In dem Papier weist Netanjau jede persönliche Schuld zurück und weist mit den Fingen auf die Armee, die Geheimdienste sowie frühere Regierungsmitglieder. Dem gegenüber stehen Berichte in den israelische Medien, denen zufolge soll Netanjahu noch wenige Tage vor dem Massaker intern eine Politik der Zurückhaltung gegenüber der Hamas befürwortet haben. Zudem vermelden andere Medien, dass eine erste Fassung des Plans der Terroristen bereits 2018 an zentrale Entscheidungsträger gelangt sein soll. Yoav Gallant, Verteidigungsminister am 7. Oktober, geht in seiner Reaktion auf Konfrontationskurs. In einem Interview mit Kanal 12 bezeichnete er Netanjahus Darstellung als »gezielte Bewusstseinsmanipulation« und sagt:
»Ich hätte nie gedacht, dass ich hier im Studio sagen müsste: Wir haben einen Lügner als Premierminister«

Sie sei zweimal schwanger gewesen mit ihrem Sohn Matan. Einmal neun Monate. Und einmal zwei Jahre. Die Rede ist von Einav Zangauker, die ihren am 7. Oktober 2023 von der Hamas entführten Sohn zwar nach etwas mehr als zwei Jahren wieder in die Arme schließen konnte, aber immemr noch eine Rechnung mit Netanjahu offen hat. Unter den Geiselfamilien ist sie eine der bekanntesten und schärfsten Kritiker der Netanjahu-Regierung - und sie will nun in die Politik, um Netanjahus Rücktritt zu erzwingen, wie Katharina Bracher in ihrer eindrucksvollen Reportage über sie in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG berichtet. Und sie ist beileibe nicht alleine, ja, es gibt offenbar fast einen Trend von Geiselangehörigen, die in die Politik streben. Laut Umfragen werden ihnen keine schlechte Chancen eingeräumt: "Ich bin der schlimmste Alptraum Netanjahus".

Ihre Eltern und Großeltern flohen einst vor dem Terror der Nazis ins Gelobte Land, nach Israel und bauten ein offenes, sicheres, tolerantes Land auf. Jetzt aber entfremden sich immer mehr Israelis von ihrer Heimat. Seit 2024 verlassen mehr Menschen Israel als zuwandern. Wenn heute aber mehr Menschen gehen als kommen, gerät die Idee einer jüdischen Heimstätte, die Sicherheit und Freiheit garantiert, immer mehr ins Wanken. In einer langen Reportage für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG berichtet Kristiane Ludwig von den Hintergründen dieser Entwicklung und hat mit vielen Ausreisewilligen gesprochen, die einen tiefen Einblick in Netanjahus neues, kaltes Israel geben: "Nichts wie weg".

Die Links dazu in der Rubrik ISRAEL INTERN

Der bisherige Botschafter in Moskau, Alexander Graf Lambsdorff, soll neuer Botschafter Deutschlands in Israel werden. Anlass für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG einen Blick zurück auf die diplomatische Zeit des bisherigen Botschafters Steffen Seibert zu werfen, der einst vom ZDF ins Bundespresseamt wechselte, dort zum "Gesicht der Ära Merkel" wurde und sich schließlich als Botschafter in Tel Aviv noch einmal neu erfinden musste: "Merkels Mann in Israel geht in den Ruhestand".

Weine aus israelischen Siedlungen werden in deutschen Supermärkten, Online-Shops und auf Fachmessen als „israelisch“ vermarktet – also ohne den Zusatz, dass es sich um Siedlungen in illegal besetzten Gebieten handelt. So das Ergebnis einer Recherche von Hanno Hauenstein für die FRANKFURTER RUNDSCHAU. Nur wenige Tage nach Veröffentlichung des Artikels haben REWE und KAUFLAND reagiert, wie das schweizer Portal WATSON berichtet. Die Weine wurden aus dem Sortiment genommen bzw. durch einen entsprechenden Hinweis ergänzt: "Supermarkt: Rewe äußert sich zu Wein aus israelischer Siedlung".

Beim wichtigsten europäischen Forschungspreis wird Israel seit dem Gazakrieg benachteiligt. Diesen Vorwurf, so berichtet der TAGESSPIEGEL, erhebt Hanoch Ben-Yami, Mitglied des Netzwerks jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie Gutachter im European Research Council (ERC). Er äußert deutliche Zweifel daran, dass die Förderentscheidungen des ERC frei von einer antiisraelischen Schlagseite sind: "Israel-Bias statt Gender-Bias?: Erfolgsquote israelischer Forschender bei Förderanträgen sinkt drastisch".

In Österreich gilt die allgemeine Wehrpflicht für männliche Staatsbürger ab dem vollendeten 17. Lebensjahr. Österreichische Staatsbürgerinnen können freiwillig Dienst als Soldatinnen leisten. Jeder wehrdienstpflichtige österreichische Staatsbürger hat allerdings auch das Recht, Zivildienst als Ersatz zum Wehrdienst zu leisten. Und diesen Ersatzdienst kann man auch im Österreichischen Pilger-Hospiz in Jerusalem ableisten. Gundula Madeleine Tegtmeyer hat zwei junge Österreicher getroffen, die genau das tun und berichtet für ISRAELNETZ von der Arbeit und den Eindrücken vor Ort: "Zivildienst in Jerusalem: Eine Begegnung".

Mehr dazu in der Rubrik ISRAEL, DEUTSCHLAND, EUROPA UND DIE WELT.

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Sie rettete rund 2500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto vor dem sicheren Tod – und doch kennt sie fast niemand: Irena Sendler. Sie war Pflegerin und Sozialarbeiterin der Stadt Warschau und arbeitete für die polnische Untergrundorganisation Zegota. 1943 wurde sie von der Gestapo schwer gefoltert und zum Tode verurteilt. Durch Bestechung eines Gestapo-Beamten gelang es jedoch, ihre Hinrichtung zu verhindern. Nach dem Krieg schwieg sie jahrzehntelang über ihre Taten. Erst ab den 1990er-Jahren wurde sie international bekannt. Jenny Keller erinnert für das schweizer Portal BLUEWIN an die mutige Frau und ihre Geschichte: "Diese Frau holte tausende Kinder aus der Nazi-Hölle – und doch kennt sie fast niemand".

Eine kaum weniger beeindruckende Geschichte, die noch unbekannter als jene von Irena Sendler ist, erzählt Piotr Heller in der FAZ. Zwei junge polnische Ärzte täuschten einen Fleckfieber-Ausbruch vor und retteten damit viele Menschen vor den Nazis. Ihre schier unglaubliche Geschichte hat der Kölner Infektiologe Gerd Fätkenheuer mit seiner akribischen Detektivarbeit rekonstruiert. Eine Geschichte, die eindrucksvoll zeigt, wie Wissenschaftler autoritäre Systeme unterlaufen können: "Die erfundene Epidemie".

Majdanek, Sobibór und Belzec - drei Todeslager, die zu zentralen Orten des Holocaust wurden, einzig errichtet, um die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung zu betreiben. Drei Orte, die heute kaum jemand kennt. Und das, obwohl in Majdanek die erste KZ-Gedenkstätte der Welt errichtet wurde - und zwar bereits 1944! Und obwohl in Sobibor ein erfolgreicher Aufstand im Vernichtungslager stattfand und Belzec gewissermaßen als Prototyp der industriellen Vernichtung diente. Maria Krell hat sich für den TAGESSPIEGEL auf Spurensuche begeben, mit Überlebenden und jenen gesprochen, die heute die Erinnerung wachzuhalten suchen. Eine beeindruckende Reportage über die vergessenen Tatorte des Holocaust: „Fast zu monströs für den menschlichen Verstand“.

„Die Lufthansa war ein Unternehmen des Nationalsozialismus“, sagt Manfred Grieger. Er ist Teil eines dreiköpfigen Teams aus Historikern, das die Verantwortung des Konzerns im Nationalsozialismus neu aufgerollt und kritisch beleuchtet hat, wie mehrere Medien berichten. Damit stellt sich die Lufthansa endlich ihrer Geschichte. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ist Teil eines umfassenden Werks über die Firmengeschichte, mit dem das Dreiergespann aus Grieger, Hartmut Berghoff und Jörg Lesczenski von der Lufthansa beauftragt wurde. Anlass war das Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen der Firma. In der FAZ kommentiert Carsten Knop: "Der Kranich fliegt jetzt ohne Scheuklappen. Er wirkt glaubwürdiger." Im März soll der Band „Lufthansa – Die ersten 100 Jahre“ erscheinen, der die Forschungsergebnisse der drei Historiker dokumentiert: "Endlich ist die Lufthansa ehrlich".

Wo steht die weltweite Holocaust-Forschung? Welche Fragen stehen im Blickpunkt der Geschichtswissenschaft? Und: Gibt es überhaupt noch Neues herauszufinden? Die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG sprach über diese Fragen mit David Silberklang, dem neuen Direktor des „International Institute for Holocaust Research, Yad Vashem in Jerusalem. Und in der JÜDISCHEN ALLGEMEINEN WOCHENZEITUNG kommt die im August 2021 ernannte US-Sondergesandte für Holocaustfragen, Ellen Germain, zu Wort und spricht über die Erinnerungskultur in Deutschland, Aufklärung und Bildung sowie Fragen der Restitution: »Ich sehe Deutschland als Vorreiter«

Führende Politiker der AfD leugnen zwar den Holocaust nicht, umkrempeln will die Partei die Erinnerungskultur aber schon: der Holocaust als kurze Episode in einer ansonsten ruhmreichen deutschen Geschichte. Diese Zielrichtung passt in den Trend, dass immer weniger Menschen wissen und sich erinnern wollen, was der Holocaust war und welche verheerende Rolle der Nationalsozialismus in der deutschen Geschichte spielte. Rena Lehmann in der NEUEN OSNABRÜCKER ZEITUNG und Helmut Ortner in einem Beitrag für die Presseagentur PRESSENZA befassen sich näher mit der Umdeutung der Geschichte, wie sie die AfD betreibt und warum diese "Entsorgung der NS-Verangenheit" zunehmend auf fruchtbaren Boden fällt: "Die AfD und der Holocaust – so will die Partei das Geschichtsbild der Deutschen umkrempeln". 

Warum wurde der Holocaust erst vergleichsweise spät, seit den Siebzigern, als »Hauptereignis des Nationalsozialismus« (Claude Lanzmann) begriffen? Weshalb schwindet dieses Wissen seit einigen Jahren wieder? Was sind die Bedingungen von Erkenntnis über den Holocaust und der Erinnerung daran? Das sind einige der Fragen, mit denen sich der Historiker Jan Gerber, Leiter des Forschungsressorts Politik am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Uni Leipzig, in seinem kürzlich erschienen Buch "Das Verschwinden des Holocaust: Zum Wandel der Erinnerung" auseinandersetzt. Im Interview mit ND-AKTUELL spricht er über sein Buch und die Zukunft des Erinnerns: »Die Gedächtniszeit des Holocaust kommt an ihr Ende«.

Die Links zu den Themen in der Rubrik
VERGANGENHEIT...

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Anfeindungen im öffentlichen Raum oder im Internet und antisemitische Schmierereien werden am häufigsten als Formen von Judenfeindlichkeit in der EU genannt. Wo in Europa nehmen die Menschen dies am meisten wahr? Mehr als die Hälfte der Europäer hält Antisemitismus in ihrem Land für ein Problem, so die neuen Daten von Eurobarometer. Gleichwohl gibt es signifikante Unterschiede. So nehmen beispielsweise Franzosen, Italiener und Schweden den Antisemitismus am ehesten als signifikantes Problem wahr, während die Menschen in Estland, Finnland und Lettland dies in der Befragung am seltensten nannten. Diese und weitere Ergebnisse, darunter viele länderspezifische Daten, hat der jüngste Eurobarometer ergeben. Der Eurobarometer ist eine Reihe von repräsentativen Meinungsumfragen, die seit 1973/1974 regelmäßig im Auftrag der Europäischen Kommission und anderer EU-Institutionen durchgeführt werden. Beim jüngsten Eurobarometer stand nun u.a. die Wahrnehmung des Antisemitismus in Europa im Mittelpunkt. Inês Trindade Pereira präsentiert für EURONEWS die wichtigsten Ergebnisse und Grafiken des Eurobarometers, der auch als pdf-Dokumentation (in Englisch) zum Download bereitsteht: "Antisemitismus: Wer nimmt ihn am häufigsten wahr?"

Der Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume, der auch Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben ist, hielt kürzlich vor den Polizei-Kolleginnen und Kollegen des Staatsschutz- und Antiterrorismuszentrums Baden-Württemberg einen Vortrag über Antisemitismus. Im Mittelpunkt seiner Rede thematisierte er die Eskalation des Antisemitismus in den USA in der zweiten Amtszeit Trumps und stellte das aus der Medienpsychologie kommende Konzept der Mimesis näher vor, das aus seiner Sicht das Phänomen des Antisemitismus gut erklärt und gleichzeitig Mittel zu seiner Bekämpfung in die Hand gibt. Den lesenswerten und anregenden Vortrag hat er als pdf-Datei online gestellt: „Aktuelle Herausforderungen des Antisemitismus – Mimesis & Medien in der Weltinnenpolitik“.

In einem Essay für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG befasst sich  Michael Wolffsohn mit der Frage, ob wir durch gute Bildung zu besseren, moralischeren Menschen werden - und damit auch nicht mehr anfällig für alle Formen des Extremismus. Dabei hält er fest, dass Intellektuelle freilich keineswegs die besseren Menschen seien. Wolffsohn erläutert dies anhand einer kleinen Geschichte der intellektuellen Verblendung, die bis in die Gegenwart hinein reicht. U.a. schreibt er:
"Nicht erst seit 2023 (Gaza-Krieg) gehören Antiisraelismus und Antisemitismus zum Glaubensbekenntnis der "Intellektuellen"-Klasse. Recht besehen ist es eine Klasse weltweiter Mitläufer mit gespaltener Moral. Man empört sich millionenfach über Israels vermeintlichen Völkermord in Gaza und schweigt über Irans Führung, die, so geschehen am 8. und 9. Januar 2026, an einem Tag etwa 30.000 der eigenen Bürger niederkartätschen ließ. Daneben entstand die kleinere Klasse des internationalen Terrorismus, der eng mit palästinensischen Terroristen kooperierte und mit ihnen trainierte. Zu dieser Klasse gehörten vor allem die deutsche RAF, die französische Action directe, die italienischen Roten Brigaden oder die Japanische Rote Armee. Angeführt wurden allesamt von gut Ausgebildeten, die sich durchaus als 'Intellektuelle' verstanden."

Vor dem Hintergrund der anstehenden Kommunalwahlen in Hessen lud die Frankfurter Jüdische Gemeinde kürzlich Politiker von fünf Parteien zu einer Debatte über Antisemitismus ein. Die AfD und die Linkspartei wurden aufgrund ihrer Positionen zu Judenhass und Israel allerdings bewusst ausgeschlossen. Bei der Dikussion ernteten die Vertreter der Mitte-Parteien reichlich Kritik für ihr vorgeblich halbherziges Engagement gegen Antisemitismus. Insgesamt jedoch zeigte sich Berichterstatter Alexander Jürgs in der FAZ sehr beeindruckt von der Debatte: "Auf harte Fragen gibt es ehrliche Antworten. So darf gerne häufiger diskutiert werden".

Die Links zu den Themen in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

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Eine aktuelle Studie des französischen Meinungsforschungsinstituts IFOP sorgt für kontroverse Debatten, berichtet Jutta Roitsch für den HUMANISTISCHEN PRESSEDIENST. Während religiöse Bindungen in Europa insgesamt schwinden, zeigt sich unter jungen Musliminnen und Muslimen in Frankreich eine gegenläufige Entwicklung, verbunden mit einer stärkeren Abgrenzung von gesellschaftlichen Normen und republikanischen Werten. Während dieser Umfrage zufolge also die Bindungen junger Muslime zu ihrer Religion stärker werden, werden im christlichen Bereich die Klagen immer lauter, dass die Kirchen immer leerer werden. Haben die christlichen Religion ihre Bindungskraft verloren? Und gilt dies für Reiligion insgesamt? Ja, durchaus, meint der schweizer Religionssoziologe Jörg Stolz im Interview mit KATH.ch - und sieht eine Entwicklung vom Gebet zur Selbstoptimierung: Krankheit, Sicherheit, Sinn. Was früher Religion geleistet hat, übernehmen heute vielfach Medizin, Versicherungen und Psychologie. Stolz knüpft damit an die Säkularisierungstheorie an, der zufolge Religion in der modernen Welt mit innerer Notwendigkeit schwindet. In den Sozialwissenschaften war diese Theorie bis in die 1980er Jahre Standard. Dass es heute jedoch starke Einwände gegen diesen Ansatz gibt, erläutert Francesco Papagni in einem Beitrag ebenfalls für KATH.ch. Vor dem Hintergrund all dessen liefert das Forschungsprojekt «Religionsmonitor» der Universität Zürich zumindest teilweise eine empirische Grundlage. Ziel des Projektes besteht darin, zu verstehen wie über Religion in der digitalen Öffentlichkeit gesprochen wird. Welche Themen stehen dabei im Vordergrund und wie verändern sich diese Diskurse über die Zeit? Welche religiösen Praktiken werden als zu westlichen Demokratien passend erachtet, und welche gelten als problematisch? Und zu guter Letzt, wer redet überhaupt mit? Rebekka Rieser stellt für das schweizer Portal RELIGION erste Ergebnisse und Grafiken vor: "Religion im digitalen öffentlichen Diskurs: Was wird eigentlich diskutiert – und von wem?".

Auf eine ganz andere, sehr aktuelle Bedrohung von Religion (und nicht nur dieser) wies kürzlich der israelische Denker Yuval Noah Harari in Davos hin, wie Johanna Di Blasi in einem Beitrag für REFLAB erläutert. KI, so sagte Harari, sei wie ein Messer, das selbst entscheiden kann, ob es einen Salat schneidet oder einen Mord begeht. Und sie könne überdies völlig neuartige Messer hervorbringen. Harari sieht darin insbesondere eine "Machtübernahme" der KI im Blick auf alles, was zentral mit und durch Sprache bestimmt ist: «Und wenn Religion aus Worten gebaut ist, dann wird KI auch Religion übernehmen – besonders Religionen, die auf heiligen Büchern beruhen, wie Judentum, Christentum oder Islam.» Und just dieser Tage lieferte auf gespenstische Weise ein bizarres Phänomen Gründe, die Hararis Befürchtungen nähren: auf künstlicher Intelligenz basierenden virtuelle Assistenten, sogenannten KI-Agenten, haben völlig eigentständig ein soziales Netzwerk namens "Moltbook" gegründet, auf dem Menschen mitlesen, aber selbst nicht agieren dürfen. Die Beiträge werden allein von KI-Agenten geschrieben, die sich dort über Religion, Politik und Bewusstsein austauschen, wie die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, DIE WELT, BERLINER MORGENPOST und BAYRISCHER RUNDFUNK berichten. Schließlich dauerte es keine 48 Stunden und die KI-Agenten fingen an, eine eigene Religion zu formen: die „Church of Molt“ mit dem Glauben „Crustafarianism“. Mehr als 300 Agenten schlossen sich an, schrieben eine heilige Schrift mit Propheten und Psalmen und legten fünf zentrale Glaubenssätze fest: "KI-Agenten gründen im Internet eine Religion und lästern über «ihre» Menschen". 

Antisemitische Vorstellungen stecken tief in der christlich-europäischen Kultur - und damit natürlich auch in den christlichen Religionen. Die Evangelische Akademie Frankfurt will nun Multiplikatoren für eine Sensibilisierung schulen, um bestehende antijudaistische und antisemitische Vorurteile zu erkennen und ihnen zu begegnen, wie Jens Bayer-Gimm für DOMRADIO berichtet. Der nötige Kampf der Kirchen gegen Antisemitismus war ebenfalls Gegenstand einer Podiumsdiskussion zur Zukunft des jüdisch-christlichen Dialogs, die kürzlich in Paderborn stattfand und über die das ERZBISTUM informiert. Ein Thema, das kürzlich auch Ludger Hiepel aufgriff, der dem Institut für Biblische Exegese und Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster angehört und Beauftragter der Universität gegen Antisemitismus ist. In einem Beitrag für FEINSCHWARZ reflektiert er über die bleibende Aufgabe von Christen und Muslimen, den ihren religiösen Traditionen eingeschriebenen Antijudaismus aufzuarbeiten und zu überwinden: "Schulter an Schulter – warum Christentum und Islam jüdisches Leben brauchen". 

Die Links zu den Themen in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

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Der Gründungsdirektor des 2007 eröffneten Jüdischen Musuems München, Bernhard Purin, starb unerwaret am 18. Februar 2024. Aus dem Auswahlverfahren zu seiner Nachfolge ging die Kulturwissenschaftlerin Alina Gromova hervor, die das Haus am Sankt-Jakobsplatz seit 1. September leitet. Sie ist 1980 im ukrainischen Dnipropetrowsk geboren worden und dort aufgewachsen. 1996 ging sie ins Internat nach Israel, 1997 kam sie mit ihrer Familie als Kontingentflüchtling nach Deutschland, studierte Anglistik und Jüdische Studien und promovierte in Europäischer Ethnologie. Zuletzt arbeitete sie am Berliner Centrum Judaicum. Die MÜNCHNER ABENDZEITUNG sprach nun mit der neuen Direktorin über ihre Identität und ihre Pläne für das Museum: "Aus der Ukraine und Berlin: Diese Frau übernimmt das Jüdische Museum in München".

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat in Kooperation mit der amerikanischen Anti-Defamation League (ADL) das digitale Lerntool »sich be-kennen« veröffentlicht. Hinter dem Online-Tool verbirgt sich ein "Onlinekurs über jüdisches Leben in Deutschland, in dem Jüdinnen und Juden ihre Geschichten selbst erzählen. In Texten und Hörbeiträgen beantworten sie Fragen, die selten gestellt werden, und geben authentische Einblicke in ihr Leben«, heißt es in der Einleitung der Website www.lernen.meetajew.de. In der JÜDISCHEN ALLGEMEINEN WOCHENZEITUNG stellt Helmut Kuhn das digitale Tool näher vor: "Timothée Chalamet, Batmizwa und eine Davidstern-Kette".

Eindrucksvoll schildert Christine Schmitt in der JÜDISCHEN ALLGEMEINEN WOCHENZEITUNG von der großen Solidarität der jüdischen Community hierzulande in Anbetracht der dramatischen Lage in der Ukraine. Nicht wenige in den jüdischen Gemeinden kommen selbst aus der Ukraine, sind geflüchtet und haben noch Verwandte und Freunde dort, wo im Moment "dank" der Putin'schen Bomben das Frieren und Hungern neu buchtstabiert werden muss: "Grenzenlose Solidarität". Diese Solidarität ist auch bitter nötig, wenn man die etwas längere und hoch interessante Reportage von Regula Heusser-Markun in der schweizer-jüdischen Wochenzeitung TACHLES darüber liest, wie sich mit dem Krieg in der Ukraine die Realität und das Selbstverständnis der jüdischen Gemeinde im Land verändert hat. Ihre Beobachtungen stützt sie auf die Forschungen des Politologen Wjatscheslaw Lichatschow, der seit 2014, dern ersten begrenzten Kriegshandlungen, bis hin zum offenen Krieg seit 2022 die Auswirkungen für die jüdische Bevölkerung untersucht hat: "Jüdisches Leben im Krieg".

Als Irving Berlin, der kongeniale Texter und Komponist, der u.a. durch seine Zusammenarbeit mit George Gershwin bekannt wurde, am 4. Januar 1926 im New Yorker Rathaus Ellin Mackay heiratete, war dies weit mehr als eine private Entscheidung zweier Liebender. Die Ehe zwischen einem jüdischen Einwanderersohn aus ärmlichen Verhältnissen und einer katholischen Erbin aus der gesellschaftlichen Elite Amerikas löste eine Debatte aus, die jüdische Gemeinden spaltete – und die, wie sich 100 Jahre später zeigt, bis heute nicht abgeschlossen ist. Scott D. Seligmann zeichnet für die schweizer-jüdische TACHLES die Debatte und ihre Bedeutung für das jüdische Leben in den USA nach: "Ein Jahrhundertstreit".

Philipp Peyman Engel, Sohn einer aus dem Iran stammenden Jüdin und eines deutschen Vaters, kennt man als engagierten und streitbaren Chefredakteur der "Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung". Der WELT hat der leidenschaftliche Leser verraten, welche Bücher und Autoren für ihn von besonderer Bedeutung waren - und welche zwei Autoren seine persönlichen Helden sind: „Als Student war ich ein Nerd, fühlte mich fremd an der Uni“

Die Links zu den Themen in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

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Katholisches Denken und die Behauptung katholischer Identität sind in dem Maße anfällig für rechte Denkmuster und Strömungen, wie sie sich einem ahistorischen und kontextlosen Ordnungsdenken verschreiben. So die These von Marianne Heimbach-Steins, Seniorprofessorin an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster. In einem Beitrag für FEINSCHWARZ erläutert sie ihre These: "Angst vor Un-Ordnung? Exemplarische Erkundungen zur Anfälligkeit des Katholizismus für rechtes Denken". Dazu passt, dass autoritäre Ideologien sich immer wieder auch über Bilder und Begriffe christlicher Provinienz zu legitimieren versuchen. Vor diesem Hintergrund gewinnen Katholische Akademien eine neue und besondere Bedeutung, erläutert Johannes Sabel, Direktor der Katholisch-Sozialen Akademie Franz Hitze Haus in Münster und Beauftragter des Bistums Münster für die Beziehungen zum Judentum, in einem Beitrag ebenfalls auf FEINSCHWARZ: "Unheilvolle Allianzen: Autoritarismus und Christentum".

Mehr dazu in der Rubrik CHRISTLICHE WELT.

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Spätestens mit dem 7. Oktober wurde deutlich, wie verbreitet der Antisemitismus unter Muslimen weltweit, aber auch in Deutschland ist. Der muslimische Theologe Mouhanad Khorchide geht in seinem neuen Buch u.a. den Fragen nach, warum der Antisemitismus unter Muslimen so viel Anklang findet, welche koranischen und theologischen Quellen als Grundlage des muslimischen Antisemitismus dienen, welche Allianzen ein radikalisierter islamischer Antisemitismus eingeht. Doch Khorchide geht noch einen Schritt weiter. Er versteht das Judentum als Grundlage des Islams und legt dar, wie das Judentum von Beginn an dem Propheten Mohammed als Grundlage und Legitimation für seine Verkündigung diente. Rainer Hermann hat das Buch für die FAZ gelesen: "Moses in vierzig Suren".

Der Link zur Buchvorstellung in der Rubrik ONLINE-REZENSIONEN.

Dies alles und noch viel mehr wie üblich direkt verlinkt, ergänzt von aktuellen FERNSEH-TIPPS sowie einschlägigen ONLINE-REZENSIONEN im heutigen COMPASS.


Einen angenehmen Tag wünscht


Dr. Christoph Münz

COMPASS

redaktion@compass-infodienst.de

(Editorial zusammengestellt unter Verwendung des Teasermaterials der erwähnten Artikel)



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