Deutsche Bibliothek ISSN 1612-7331
23.01.2020 - Nr. 1878

ACHTUNG

Die nächste Tagesausgabe erfolgt am Dienstag, 28. Januar 2020.


Guten Tag!

Nr. 1878 - 23. Januar 2020



Einer Studie zufolge sind zwei Drittel der israelischen und palästinensischen Millenials, d.h. der nach 2000 geborenen Generation, der Meinung, dass der israelisch-palästinensische Konflikt nie enden wird.  Im Vergleich zu anderen Konflikten auf dieser Welt sei die Generation Millennial in Bezug auf den israelisch-palästinensischen Konflikt die am pessimistischsten eingestellte, fand eine Studie des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) heraus. Die Studie wurde unter mehr als 16.000 jungen Leuten durchgeführt. Die Teilnehmer kamen aus 16 verschiedenen Ländern und Gebieten, die momentan konfliktbeladen sind, darunter auch aus Israel. Die gestellten Fragen bezogen sich unter anderem auf die Einstellung der Teilnehmer zu Krieg allgemein, zur Zweckdienlichkeit bewaffneter Kämpfe und Werte, die den Standards des internationalen Humanitären Völkerrechts entsprechen. "Die Antworten der israelischen und palästinensischen Millennials waren besonders ergreifend", berichtet Yossi Aloni in seinem Bericht über die Studie für ISRAEL HEUTE: "Israelische Millenials haben kaum Hoffnung auf Frieden".
Der Link zum Bericht in der Rubrik ISRAEL UND NAHOST HINTERGRUND.

Babak Shafian stammt aus einer kunst- und kulturbegeisterten Familie. In seiner Heimat Iran lernt er Deutsch am Österreichischen Kulturinstitut in Teheran. Und weil Verwandte seit Jahrzehnten in Berlin leben, er die Stadt schon als Kind besucht hat, entsteht die Idee, dort zu studieren, was er seit 2011 auch tut, aber nicht nur dies: im gleichen Jahr gründete er das Musikprojekt „Sistanagila“ mit jüdischen und iranischen Musikern. Drei Israelis und zwei Iraner bilden derzeit das Quintett. Der Name ist eine Verschmelzung von „Hava Nagila“, einem hebräischen Volkslied, dessen Titel so viel wie „Kommt zusammen“ bedeutet, und „Sistan“, einer iranischen Provinz. "Wir wollen die israelische mit der iranischen Welt verbinden", erklärt Yuval Halpern, Komponist und musikalischer Leiter der Truppe. Arkadiusz Luba stellt für DEUTSCHLANDRADIO die musikalischen Brückenbauer mitten in Berlin näher vor: "Die israelische mit der iranischen Welt verbinden".
Der Link dazu in der Rubrik ISRAEL UND NAHOST HINTERGRUND.

Nun hat auch Israels Oppositionsführer Benny Gantz für den Fall eines Wahlsieges am 2. März eine Annektierung des Jordantals im besetzten Westjordanland angekündigt. Dies berichteten am Dienstag israelische Medien übereinstimmend. Das Jordantal macht nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation Betselem insgesamt rund 30 Prozent des Westjordanlandes aus. Auch Netanyahu hatte schon zuvor erklärt, das Jordantal annektieren zu wollen. WIENER ZEITUNG und ISRAEL HEUTE berichten: "Wahlen – wer annektiert mehr vom biblischen Kernland?"
Die Links zu den Berichten in der Rubrik ISRAEL INTERN.

Vor einem Jahr hat Shir Gideon ihren Posten als Sprecherin der israelischen Botschaft in Berlin angetreten. In einem Gastbeitrag für die BERLINER ZEITUNG betont sie die Notwendigkeit der Erinnerung an und Auseinandersetzung mit dem Holocaust auch und gerade in der jungen Generation. Zugleich mahnt sie aber auch Defizite in den deutsch-israelischen Beziehungen an, die sich zu sehr "im Schatten des Holocaust gebildet und entwickelt" haben. Dem gemeäß fordert sie, dass die gegenseitigen Beziehungen "gleichzeitig zeitgemäß dem Israel und dem Deutschland des dritten Jahrtausends entsprechen" müssten - und nennt als maßgeblichen Hebel dafür: „Der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis ist der Jugendaustausch.“
Der Link zu ihrem Plädoyer in der Rubrik ISRAEL, DEUTSCHLAND, EUROPA UND DIE WELT.

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Viel wird an diesem Wochenende - 75 Jahre nach der Befreiung der Überlebenden von Auschwitz - von den Opfern des Nationalsozialismus die Rede sein, insbesondere von den Millionen Jüdinnen und Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Eine Opfergruppe wird vermutlich jedoch kaum erwähnt werden, ja, sie ist noch nicht einmal als NS-Opfer anerkannt: Die "Asozialen" und "Berufsverbrecher". Dies soll sich nun ändern, berichtet Sophie Lahusen in der TAZ:
"Die als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ Stigmatisierten sollen in die offizielle Erinnerungskultur aufgenommen werden. Darüber will im Februar der Bundestag entscheiden. Rund 70.000 Menschen gehörten diesen beiden Opfergruppen an, etwa ein Drittel starb in Konzentrationslagern.­ Sie wurden „durch Arbeit vernichtet“.­ Es waren vor allem Mittel- und Obdachlose, Alkoholkranke und Kleinkriminelle, die in den Augen der Nazis als „Schmarotzer“ und „Ballastexistenzen“­ galten. Ihre Gene sollten aus der arisch-deutschen Gesellschaft gesäubert werden."
Der Link zu ihrem Bericht in der Rubrik VERGANGENHEIT...

Bundespräsident Steinmeier flog bereits gestern nach Israel, um am internationalen Gedenken in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem teilzunehmen. Dazu werden heute Staatsgäste aus fast 50 Ländern erwartet, unter ihnen die Präsidenten von Frankreich und Russland, Macron und Putin, US-Vizepräsident Pence und der britische Thronfolger Prinz Charles. Anlass ist der 75. Jahrestag der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee. Steinmeier hat dabei soeben als erstes deutsches Staatsoberhaupt in Yad Vashem eine Rede gehalten. Darin hat er die Deutschen an ihre Verantwortung zum Eintreten gegen Antisemitismus erinnert und vor einem Rückfall in autoritäre Denkmuster gewarnt. "Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt", sagte Steinmeier, "aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten." Steinmeier hielt seine Ansprache auf Englisch. Seine Rede eröffnete der Bundespräsident allerdings mit einem hebräischen Satz: "Geprießen sei der Herr, dass er mich heute hier sein lässt." Das WOCHENBLATT fasst die Rede zusammen und zitiert die wichtigsten Passagen.
Darüber hinaus gibt es eine fast unübersehbare Zahl an Berichten, Porträts von Überlebenden, Interviews und historischen Rückblicken, die sich dem 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz widmen, von denen COMPASS eine Reihe der lesenswertesten ausgewählt und gelistet hat. U.a. sei an dieser Stelle etwa auf ein Interview mit dem Holocaust-Forscher und ehemaligen Direktor der Gedenkstätte Yad Vashem Yehuda Bauer in der BERLINER ZEITUNG hingewiesen. Zur Rolle Deutschlands im gegenwärtigen Konzert der Erinnerung und der Präsenz von Bundespräsident Steinmeier bei den offiziellen Feierlichkeiten in Yad Vashem sagt Bauer:
"In Deutschland hat in der Tat eine Entwicklung stattgefunden, die einzigartig ist. So etwas hat man in der modernen Geschichte noch nicht gesehen, dass eine Tätergesellschaft zu einer liberalen Gesellschaft wird, die sich mit der Vergangenheit befasst und weder vergessen noch beschönigen will. Deshalb ist Herr Steinmeier hier sehr willkommen."
Und ebenfalls sei hingewiesen auf ein Porträt des irischen Priesters O'Flaherty, der bedauerlicher Weise nur noch wenigen bekannt sein dürfte. Und dies obwohl er noch 1983 im Mittelpunkt eines Hollywood-Films stand – mit Gregory Peck in der Hauptrolle. Und obwohl O'Flaherty vom Vatikan aus ein geheimes Netz aufbaute, das viele Juden und andere Flüchtlinge rettete. Kirsten Serup-Bilfeldt erzählt für DEUTSCHLANDRADIO, wie der irische Geistliche mit einer "Mischung aus Chuzpe, Mut und Gottvertrauen" die Spielräume nutze, "die ihm seine Stellung als Priester und die Institution Kirche bieten, um Verstecke, Lebensmittel und Fluchtwege zu finden."
Viele Links zum Thema in der Rubrik VERGANGENHEIT...

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Jeremy Issacharoff ist seit Ende August des Jahres 2017 der Botschafter Israels in Deutschland. Der 1955 in London geborene Diplomat spricht im Interview mit der BERLINER ZEITUNG über die Erinnerung an den Holocaust, den antisemitischen Anschlag in Halle und über die AfD. U.a. sagt er:
"Der Antisemitismus ist im Aufwind, getragen von global vernetzten Rechtsextremen. Die radikale Rechte und ihre Parteien wollen die Erinnerung an den Holocaust verwischen. Was mich in Deutschland beeindruckt, ist die Stärke der Erinnerungskultur hierzulande, die es solchen Kräften erschwert, Fuß zu fassen. Antisemitismus heutzutage richtet sich nicht nur gegen Juden oder Israel, er richtet sich gegen die tolerante deutsche demokratische Gesellschaft als Ganzes."
Der Link zum Interview in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

Der aufflammende Judenhass 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz - darüber sprachen Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Charlotte Knobloch in einem exklusiven TV-Gespräch, das das BAYRISCHE FERNSEHEN heute Abend ausstrahlt, wie vorab ein Bericht auf den Internetseiten des Senders zu lesen ist. Vor den TV-Kameras sprechen Söder und Knobloch eine halbe Stunde lang über die Vergangenheit, die aktuelle Situation von Juden in Deutschland und insbesondere über den aktuell aufflammenden Judenhass. Charlotte Knobloch sagt dabei u.a.:
"Ich weiß, was in der Gesellschaft gesprochen wird, ich weiß, was an den Stammtischen gesprochen wird und da wird nicht sehr positiv über das jüdische Leben gesprochen. Mir fehlt der Aufschrei der Gesellschaft, eine Unterstützung für uns aus der Mitte der Gesellschaft."
Der Link zum Vorab-Bericht in der Rubrik ANTISEMITISMUS- und zur Ausstrahlung heute am frühen Abend mehr in den FERNSEH-TIPPS.

Der Streit um die Wittenberger Schmähplastik der "Judensau" geht weiter. Im Berufungsverfahren um die antisemitische Skulpturan der Wittenberger Stadtkirche hat das Oberlandesgericht Naumburg zunächst eine beleidigende Wirkung verneint. Der Vorsitzende Richter Volker Buchloh erklärte zum Auftakt der mündlichen Verhandlung, die Berufung habe nach derzeitigem Stand keinen Erfolg. Die Kirchengemeinde habe die Plastik 1988 um ein Mahnmal und einen Aufsteller mit Infotext ergänzt. Im Prozess müsse das Gesamtensemble berücksichtigt werden, so seine Argumentation. Endgültig entschieden wird über die Berufungsklage Anfang Februar, wie den Medienberichten zu entnehmen ist. Derartige Kunst zu tilgen, sei keine Lösung, sagt auch die Denkmalpflegerin und Archäologin Ulrike Wendland, seit 2005 Landeskonservatorin von Sachsen-Anhalt, im Gespräch mit DEUTSCHLANDRADIO:
„Ansonsten sollten wir uns nicht Bilderverboten aussetzen, denn wo fängt man an und wo hört man auf; wer sind die Kläger und wo sind die Richter? Das ist so kontraproduktiv und tötet ja auch die Diskussion. Wir sind aufgeklärt genug, dass wir mit schwierigen Bildern kommentierend umgehen.“
Links zum Thema in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

Judenhass an Schulen ist lange unterschätzt worden. Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein hat nun eine einheitliche Meldepflicht gefordert. Doch viele Bundesländer erfassen Vorfälle noch nicht. Das ZDF-Magazin "Frontal 21" hat alle Bundesländer gefragt, wie viele antisemitische Vorfälle es an ihren Schulen gab. In einem Beitrag für ZDF-Heute gibt es einen Überblick und einen Einblick in das Problem: "'Scheiß Jude' - Antisemitismus im Klassenzimmer".
Der Link zum Beitrag in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

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Wie hat alles angefangen? Wie ist das Judentum entstanden, wie das Christentum, wie der Islam? Fragen, die in der Forschung schon oft gestellt wurden. Eine Forschergruppe im norwegischen Oslo hat die Frage jetzt umgedreht: Wie und warum gehen Religionen eigentlich unter? In der Religionsgeschichte ist oft die Rede von Siegern und Besiegten, wenn eine neue Religion eine alte ablöst. Doch so einfach ist es nicht, sagen die Forscher. Christian Röther gibt einen Einblick in die Problematik und das Vorgehen der Forscher: "Wie gehen Religionen unter?"
Der Link zum Beitrag in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

Was wäre, wenn Jesus heute wiederkommen würde? Diese Frage stellt die Netflix-Serie „Messiah“, die derzeit für Wirbel sorgt. Ein Wundertäter schart dort die Menschen um sich und zieht zugleich die Zweifel auf sich. Ist er wirklich der Erlöser, oder will er Chaos stiften? Aber, so Christian Röther in seiner Serienkritik für DEUTSCHLANDRADIO, "die Serie spielt eben nicht nur mit dem Jesus des Christentums und mit dem Messias des Judentums. Sondern auch mit dem Islam, und das ist eine der großen Stärken von „Messiah“: ein interreligiöser Coup, der die ganze Handlung trägt. Denn auch im Islam gibt es die Vorstellung, dass Jesus am Ende der Zeit zurückkehren wird."
In sozialen Medien wird die Produktion kontrovers diskutiert, wie Isabella Wallnöfer für die österreichische PRESSE berichtet:
"Manche Muslime monieren, al-Masih vertrete nicht die wahre Lehre des Islam, Radikalere halten die Serie für „islamophobe Propaganda“. Ein Twitter-User spricht von „a well-put commentary on the geopolitics and mainly CIA-led American politics“. Ganz unaufgeregt kann man sagen: Es ist gut gemachte fiktionale Unterhaltung. Es geht nicht nur um Religion und Glauben. Vielmehr wirft die Serie, die zwischen Geheimdienst-Thriller, Palästinenser-Drama und Mystery mäandert, politische und gesellschaftliche Fragen auf."
Und Heike Hupertz vermittelt in ihrer Besprechung für die FAZ einen kleinen Einblick in die filmischen Konstellationen, wenn sie schreibt:
"Was wäre, wenn Jesus in der jetzigen geopolitisch angespannten Situation und unter den Bedingungen der globalen Social-Media-Meinungsbildung, Sintfluten und Plagen im Reisegepäck, auf die Erde kommen würde? In Amerika, so wendet es der Serien-Showrunner Michael Petroni (Regie James McTeigue und Kate Woods), würde er umgehend als illegal Eingereister zur Deportation verhaftet und von der „Homeland Security“ unter Generalverdacht gestellt. In Israel betrachtete man ihn, obwohl von einer jüdischen Mutter geboren, als Intifada-Aufwiegler. Fragen zu möglichen Verbindungen nach Russland und Whistleblowern im Exil wären unausweichlich. Proselytenmacher und Bible-Belt-Evangelikale würden ihn vereinnahmen. Und alle Sinnsucher und Sünder auf diesem Planeten stellten sich die Gretchenfrage."
Selbst die der fromm-evangelikalen Welt zuzuordnende Nachrichtenagentur IDEA weiß der Serie Positives abzugewinnen:
"Beachtlich ist, wie „Messiah“ es dabei schafft, Gegensätze zu vereinen, sowohl geografische, als auch kulturelle und religiöse. Denn „Al-Masih“ ist nicht eindeutig der Jesus Christus, der auf die Erde zurückkehrt, er ist auch nicht der Isa des Koran, sondern eine Mischung daraus – plus allem Möglichen, was Menschen sich über eine endzeitliche Retterfigur ausdenken können. Trotz dieses ungewöhnlichen Ansatzes hat „Messiah“ vor allem im Storytelling große Schwächen. Gleichzeitig hat die Serie auf anderen Ebenen viel zu bieten: Schauspieler, Drehbuch-Idee, Kameraführung, Spezialeffekte."
Links zu den Filmkritiken in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT

Zwischen Juden und Muslimen herrschen Mißtrauen, Angst, Vorurteile und nicht selten handfeste Gewalt. So dürfte kurzgefasst die gängige Meinung und Wahrnehmung des Verhältnisses zwischen den beiden Religionsgruppen lauten. Dem entgegen hat jetzt eine Tagung in München betont andere und faszinierenden Einblicke in die muslimisch-jüdische Verflechtungsgeschichte eröffnet: „Juden und Muslime in Deutschland von frühen 19. Jahrhundert bis heute“. Ihr Anspruch war es, die Schnittstellen der jüdisch-muslimischen Geschichte in Deutschland wieder zu entdecken, die heute weitgehend vom Nahost-Konflikt überschattet sind. Judith Leister war für den TAGESSPIEGEL mit dabei: "Jüdisch-muslimische Symbiose im Berlin der 1920er Jahre".
Der Link zu ihren Eindrücken in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

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Mit rund 100.000 Mitgliedern ist die jüdische Gemeinde in Deutschland verhältnismäßig klein. „Ein Grund, warum jüdisches Leben für viele Deutsche im Alltag oft nicht sichtbar ist“, sagte Abraham Lehrer vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Die Folgen seien fehlendes Wissen, mangelnder Austausch, Vorurteile und falsche Vorstellungen davon, wer Juden sind. Ein für 2021 geplantes Aktions- und Festjahr soll das ändern, wie u.a. TAGESSPIEGEL und RHEINISCHE POST berichten. Konkret heißt das: Bundesweit wird es im kommenden Jahr Veranstaltungen und Aktionen geben, etwa Konzerte, Feste und Führungen, die von dem 2018 gegründeten Verein „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ organisiert werden: "Aktionsjahr soll jüdisches Leben sichtbar machen".
Links zum Thema in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

In einem längeren, sehr lesenswerten, autobiographisch geprägten Essay für die ZEIT erzählt die in Tel Aviv lebende deutsche Schriftstellerin Sarah Stricker von der Bewußtwerdung ihrer eigenen jüdischen Identität, um diese dann in Beziehung zu bringen zum Kontext einer 1700-jährigen Geschichte des Judentums in Europa und Deutschland. Dabei beklagt sie vor allem, dass diese lange jüdische Geschichte auf unserem Kontinent von den 12 Schreckensjahren der Naziherrschaft völlig überdeckt und ausgeblendet werde:
"Aber im Bewusstsein der meisten Deutschen schnurrt diese 1.700-jährige Geschichte auf einen winzigen Abschnitt zusammen, wird fast ausnahmslos vom Ende her gelesen, etwa, wenn das Werk des jüdischen Schriftstellers Heinrich Heine immer wieder auf dasselbe Zitat reduziert wird: 'Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen'."
Im Blick auf die über tausendjährige Geschichte jüdischen Lebens in Europa betont sie emphatisch in ihrem Fazit:
"Die Nationalsozialisten wollten nicht nur all das vergessen machen – sie wollten auch die alleinige Herrschaft darüber, wie Juden in Zukunft gesehen würden. Das Tragische ist: Sie waren damit ziemlich erfolgreich, haben es geschafft, dass den meisten von uns, wenn wir an Juden denken, spontan nicht etwa eins der Gesichter der oben genannten Menschen einfällt, sondern jene Bilder, die das Dritte Reich produziert hat, Bilder von Juden in Bahnwaggons, eingepfercht wie Vieh, Juden auf Pritschen, hinter Zäunen, ausgemergelt, abgemagert, bis zur Entmenschlichung entstellt auf Leichenbergen, Bilder, die dem, wie die Nazis Juden zeigen wollten, ziemlich nahe kommen. Diesen späten Triumph sollten wir ihnen nicht gönnen."
Der Link zum Essay in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

Sein Bruder, sein Vater und seine Mutter wurden von Deutschen ermordet. Er selbst war im Konzentrationslager in Buchenwald und konnte dann noch nach Amerika ausreisen. Und doch blieb Ernst Cramer – 1913 geboren, deutscher Jude aus Augsburg, Kaufmannssohn – nicht in den Vereinigten Staaten. Er wurde Amerikaner und landete als US-Soldat in der Normandie. Er kämpfte gegen Nazideutschland und engagierte sich später in der Reeducation. Ernst Cramer wollte in Deutschland „wieder der Freiheit eine Gasse bauen“, wie er sagte. Nach dem Krieg wurde er ein großer Publizist und langjähriger Vertrauter des Verlegers Axel Springer. Mathias Döpfner hat für ihn in der WELT eine Würdigung zum zehnten Todestag geschrieben: "Der Weltbürger".
Der Link dazu in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

Der Augenblick des Todes wird im Judentum aufgrund zweier Parameter definiert: Atemstillstand und Herzstillstand. Was aber wenn der Tod durch Herz-Lungen-Maschine überbrückt wird bis die erhoffte Herztransplantation möglich ist? Widerstreitet ein solcher Vorgang nicht den Parametern der jüdischen Definition vom Todeszeitpunkt? Und was bedeutet dies im Blick auf die Frage nach einer Organspende? Tom Kucera, Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München, widmet sich diesen Fragen und formuliert den Zwiespalt aus jüdischer Sicht zunächst so: "In Bezug auf die Organspende ist es unbedingt notwendig, dass der Hirntod als der Todeszeitpunkt angenommen wird. Sonst wäre keine Organtransplantation und dementsprechend keine Organspende (in Bezug auf Nieren, Dünndarm, Lunge, Leber) möglich. Der Hirntod fällt aber nicht unter die beiden traditionellen Todeskriterien (Herz- und Atemstillstand)."  Aber die "erfindungsreiche Halacha hat eine Lösung gefunden", die er in seinem Beitrag für HAGALIL dann näher vorstellt: "Organspende und Judentum".
Der Link dazu in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

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Die Gründerin der katholischen Fokolarbewegung würde heute 100 Jahre alt. Chiara Lubich starb zwar 2008, aber ihr Werk lebt weiter. Geboren in Trient wurde sie zunächst Volksschullehrerin. Dann studierte sie Philosophie. Doch bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs musste sie ihre Ausbildung abbrechen. Ihr Schicksal entschied sich endgültig 1943, als sie mit einigen Freundinnen in den Kellern ihrer Heimatstadt Schutz suchte vor verheerenden Bombardements. Es war die Initialerfahrung, die zur Gründung der Fokolarbewegung führe, die heute weltweit 140.000 Mitglieder zählt. Corinna Mühlstedt porträtiert die Gründerung und die von ihr gegründete Bewegung in einem Beitrag für DEUTSCHLANDRADIO: "Immer mit Frau an der Spitze".
Der Link dazu in der Rubrik CHRISTLICHE WELT.

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Der erstmals ins Deutsche übersetzte Roman "Psalm 44" von Danilo Kiš aus dem Jahr 1962 erzählt von der Jüdin Maria, die 1944 mit ihrem sieben Wochen alten, im Lager geborenen Sohn aus Birkenau flieht. „Nie wieder hat Kiš das Thema der Judenverfolgung mit solcher Direktheit angegangen, gleichsam auf körperliche Art und in Nahaufnahme“, schreibt Ilma Rakusa in ihrem Nachwort. Die Geschichte der Flucht verwebt er kunstvoll mit Rückblenden aus der Kindheit Marias, wie die antisemitischen Übergriffe in der Schule und das Massaker von Novi Sad. Gerhard Zeillinger hat den Roman für den österreichischen STANDARD gelesen: "Eine kleine, späte Geschichte von Auschwitz".
Der Link zur Buchvorstellung in der Rubrik ONLINE-REZENSIONEN.

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Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz werden bei verschiedenen Fernsehsendern eine Reihe teils hoch interessanter Dokumentationen veröffentlicht. Die Sendungen sind zudem fast alle jenseits des Ausstrahlungstermins für geraume Zeit noch in den Mediatheken der Sender zu sehen.
Eine kleine Übersicht finden Sie heut ein den FERNSEH-TIPPS.

Dies alles und noch viel mehr wie üblich direkt verlinkt, ergänzt von aktuellen FERNSEH-TIPPS sowie einschlägigen ONLINE-REZENSIONEN im heutigen COMPASS.


Einen angenehmen Tag wünscht


Dr. Christoph Münz

COMPASS

redaktion@compass-infodienst.de

(Editorial zusammengestellt unter Verwendung des Teasermaterials der erwähnten Artikel)



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