Deutsche Bibliothek ISSN 1612-7331
08.03.2012 - Nr. 1320

ACHTUNG:

Am Freitag, 09. März 2012, und am Montag, 12. März 2012, erscheint KEIN COMPASS!

Die nächste tagesaktuelle Ausgabe erscheint am Dienstag, 13. März 2012.


Guten Tag!

Nr. 1320 - 08. März 2012


Präsident Barack Obama ist es wohl kaum gelungen, Premier Netanjahu beim Gipfel im Weißen Haus von dessen Angriffsplänen gegen den Iran abzubringen. Das sieht wohl auch der israelische Historiker und Holocaustforscher Yehuda Bauer so und warnt in einem Interview mit dem DEUTSCHLANDRADIO vor einer Eskalation im Streit um Irans Atomprogramm. Ein Militärschlag gegen Iran "würde einen Riesenkrieg auslösen", meint er:
"Ich glaube, dass ich die Meinung einer sehr großen liberalen Minderheit in Israel vertrete, die gegen einen Militärschlag ist, gerade weil sie die iranische Diktatur, eine ideologische radikale religiöse Diktatur, die genozidal und antisemitisch ist, gerade weil diese Gefahr besteht, die man mit militärischen Schlägen nicht vertreiben kann. Das ist völlig falsch. Das würde einen Riesenkrieg auslösen im ganzen Mittleren Osten und Israel unter großen Angriff stellen von Raketen, Zehntausende von Raketen, die von der Hisbollah dann hereinregnen würden, und eine völlig neue Situation würde da entstehen, die für Israel äußerst schlecht wäre. Das ist die Meinung dieser, sagen wir mal, nicht neoliberalen, sondern, ich möchte sagen, altmodisch liberalen israelischen Minderheit."
Der Link zum Interview sowie weiteren Berichten zum Thema in der Rubrik ISRAEL UND NAHOST HINTERGRUND.

Schlagworte wie Vorurteile, Entrechtung, Einseitigkeit: Die internationale Berichterstattung stellt Israel in ein schlechtes Licht, und Studenten sollen lernen, wie man dagegen vorgehen kann. Das meint Eli Avraham, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universität Haifa. Nun möchte er in einem Seminar Studenten Hilfsmittel und Hintergrundwissen vermitteln, um gegen anti-israelische Berichterstattung vorzugehen, berichet ISRAELNETZ: "Online streiten für Israel".
Der Link dazu in der Rubrik ISRAEL INTERN.

In Deutschland wird kaum darüber gesprochen, welche Konsequenzen - auch für die Bundesregierung - ein israelisch-iranischer Krieg haben könnte. Dabei gehört die Debatte darüber in die Öffentlichkeit, meint der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, in einem Beitrag für die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen stehen dabei zwei Fragen:
"Erstens: Wie verhalten wir uns, wenn Israel angreifen sollte? Zweitens: Wäre eine Eindämmungs- und Abschreckungspolitik die bessere Alternative, falls Iran tatsächlich zum Bombenbau schreitet?" Für die erste Antwort hält er die Rede Angela Merkels vor der Knesset im Jahr 2008 für maßgeblich. Merkel hatte seinerzeit die historische Verantwortung Deutschlands für Israel als „Teil deutscher Staatsräson“ betont und sagte: „Die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar. Und wenn das so ist, dann dürfen das in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben.“
Gerade diese Haltung jedoch hält der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn für eine Minderheitenmeinung in Deutschland und fragt in einem Essay in der WELT: "Woher die abgründige Distanz gegenüber Israel?" Wolffsohn schreibt:
"Abgesehen von der Kanzlerin und einigen wenigen sind viele Deutsche kritisch gegenüber Israel eingestellt. Verbundenheit war und ist ein Elitenprojekt. Weil es eine deutsch-israelische Freundschaft nicht gab und gibt. Ich modifiziere, revidiere aber meine These nicht: Die deutsch-israelische Freundschaft, die 1952 (Wiedergutmachungsabkommen) als Zusammenarbeit wechselseitig argwöhnischer Partner begann, ist seit jeher ein „Elitenprojekt“ (Botschafter a. D. Schimon Stein). Fast ist sie sogar nur ein Kanzlerprojekt, das die Mehrheit der deutschen Gesellschaft nie wirklich wollte."
Die Links zu den beiden erwähnten Beiträgen in der Rubrik ISRAEL, DEUTSCHLAND, EUROPA UND DIE WELT.

Schon ihr Erstlingswerk „Guten Morgen, Tel Aviv“, gerade in zweiter Auflage bei Heyne erschienen, hatte viele gute Kritiken erhalten. Der Buchtitel ist kein Zufall: die 27-jährige Autorin Katharina Höftmann lebt und arbeitet seit zwei Jahren in der israelischen Metropole mit rund 300 000 Einwohnern. Ihre Kurzgeschichten „aus dem Holy-Land“ sind Alltagsbeobachtungen. Humorvoll und nachdenklich, aber immer mit Herzwärme aufgeschrieben. Derzeit arbeitet sie mit Hochdruck an ihrem zweiten Buch, ein Israel-Krimi, der im Aufbau Verlag erscheinen soll. Die OSTSEE-ZEITUNG widmet der Autorin ein Porträt: "Stralsunderin in Israel als Autorin erfolgreich".
Der Link zum Porträt in der Rubrik ISRAEL, DEUTSCHLAND, EUROPA UND DIE WELT.

Der Schweizer Raphael Gross lehrt Geschichte an der Uni Frankfurt, ist Direktor des Leo-Baeck-Instituts in London und leitet das Frankfurter Jüdische Museum. In dieser Eigenschaft konnte er kürzlich eine lange vorbereitete Heimkehr verkünden: Der Nachlass der Familie von Anne Frank kommt nach Frankfurt zurück. Im Interview mit der WELT erzhählt er, wie es dazu gekommen ist, klagt über Platzmangel und seine Pläne mit dem Anne-Frank-Nachlass: "Warum wurde Anne Frank zu einer Ikone?"
Der Link zum Interview in der Rubrik VERGANGENHEIT...

Vor drei Jahren hielt der Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck in der Robert-Bosch-Stiftung eine Rede. Dabei sagte er unter anderem: "Unübersehbar gibt es eine Tendenz zur Entweltlichung des Holocaust. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist." Hannes Stein deutet diese Äußerung als Indiz dafür, dass Gauck in Anknüpfung an die Totalitarismustheorie von Hannah Arendt den geschichtspolitischen Konsens der BRD, den Holocaust als einzigartiges Verbrechen zu bezeichnen, aufkündigen könne. Für Hannes Stein wäre dies ein Rückschritt, den er in einem Essay für die WELT näher erläutert: "Wer kennt einen solchen Genozid?"
Der Link dazu in der Rubrik VERGANGENHEIT...

Dieter Graumann, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat die DFB-Elf aufgefordert, während der Europameisterschaft in Polen/Ukraine einen Besuch der Holocaust-Gedenkstätten in Auschwitz oder Baby Yar einzuplanen, wie die NORDWEST-ZEITUNG berichtet. Hintergrund ist die jüngste Hetze gegen den israelischen Profi Itay Schechter (siehe Compass 05.03.2012): "Graumann übt Druck auf DFB aus".
Der Link zum Bericht in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

In Berlin erhalten jüdische Synagogen- und muslimische Moscheengemeinden zunehmend Drohbriefe mit Mordandrohungen von rechtsextremen Gruppen. Evangelische, katholische, jüdische und muslimische Gemeinden haben deshalb beschlossen, gemeinsam einen Verein zu gründen, der die Interessen von Deutschen mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit in der Öffentlichkeit vertritt. Ein starkes Zeichen, mit dem man der rechten Ideologie die Stirn bieten will. DEUTSCHLANDRADIO und TAZ berichten über den Schulterschluss der Religionen im Kampf gegen Rechts: "Gemeinsam gegen rechtsextremen Gruppen".
Die Links zum Thema in der Rubrik RECHTSEXTREMISMUS.

In der JÜDISCHEN ALLGEMEINEN ZEITUNG fragt Thierry Chervel kritisch, warum sich die Feuilletons eigentlich kaum mit den Morden der Zwickauer Neonazis auseinandersetzen, während sie andererseits die Verbrechen des Norwegers Anders Breivink ausgiebigst analysierten:
"Wie kommt es eigentlich, dass auch die Medien vor der bestürzenden Nachricht keine Sensibilität für den Zusammenhang zwischen den Morden aufbrachten? Warum wurden die Thesen der Behörden einfach nachgebetet? Gab es nicht einmal die Arbeitshypothese Rechtsextremismus? Warum sind so wenige Journalisten auf Rechtsextremismus spezialisiert? Wie genau muss das Umfeld beschaffen sein, das über Jahre hinweg solche Taten möglich macht? Nicht nur das engere, sondern gerade auch das weitere?"
Seine Vermutung, warum man diesen Fragen aus dem Weg geht:
"Es könnte an mangelnder Empathie mit den Opfern liegen. Anders als Breiviks Tat zielten die Morde der Zwickauer Nazis nicht auf eine Institution dieser Gesellschaft, sondern auf die 'anderen'."
Der Link zum Beitrag in der Rubrik RECHTSEXTREMISMUS.

„Markus, Lukas, Mati, Jochanan“, kräht ein Chor kleiner Filipinos artig auf Hebräisch, als sie Pater David Neuhaus nach den vier Evangelisten fragt. Der israelische Jesuit, Sohn nach Südafrika ausgewanderter deutscher Juden, hält in Tel Aviv eine Religionsstunde für Erstkommunionkinder. Er ist Koordinator für die Migrantenseelsorge in Israel. Mit den zehntausenden Filipinos, die seit Mitte der neunziger Jahre in den jüdischen Staat kamen – derzeit wird ihre Zahl auf etwa 40 000 geschätzt –, kam auch ihr katholischer Glaube. Eine Herausforderung für die römisch-katholische Kirche vor Ort, die es bis dahin überwiegend mit arabischen Katholiken zu tun hatte. Oliver Maksan berichtet für die TAGESPOST über diese neue Herausforderung: "Israels neue Katholiken".
Der Link dazu in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

"Lange hat man keinen Film mehr gesehen, der Töten und Sterben, einschließlich des militärisch-religiös motivierten Selbstmordes so inbrünstig verherrlicht, Geschichte so schamlos klittert und seinem Publikum eine so eindeutig reaktionäre Botschaft auf den Weg gibt", urteilt der Kinogänger Micha Brumlik in der TAZ über das türkische Historienspektakel "Fetih 1453" von Faruk Aksoy, das den Triumph des Islams über den Westen erträumt. Der weltweit bisher teuerste und erfolgreichste türkische Film, der "in anstrengenden 160 Minuten" die Eroberung der byzantinischen Hauptstadt durch Sultan Mehmet II. und seine Truppen im Mai des Jahres 1453 schildert, war in einem Kino in Berlin-Neukölln wochenlang ein Kassenhit und zum Ende gab's Applaus, wie Brumlik berichtet: "Die größte Kanone der Welt".
Der Link zum Beitrag in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

Ende Januar dieses Jahres erst einigten sich die Universität Potsdam mit ihrem Präsidenten Oliver Günther und das an der Universität angesiedelte Abraham Geiger Kolleg mit dem Rektor Walter Homolka in Abstimmung mit der zuständigen Ministerin des Landes Brandenburg, Sabine Kunst, darauf, die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen für die Gleichstellung der jüdischen Theologie zu schaffen; im Februar schon verabschiedete der Brandenburgische Landtag einen entsprechenden Antrag von Linken, der SPD, den Grünen und der FDP an die Landesregierung. Micha Brumlik kommentiert diese seit Jahrhunderten angemahnte, aber erst jetzt realisierte Forderung in der TAZ:
"Jüdische Geistliche, Rabbinerinnen und Rabbiner werden und wurden an deutschen Universitäten im Unterschied zu christlichen Geistlichen bisher nicht ausgebildet. Dass sich das jetzt mit der Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät an der Universität Potsdam ändern wird, markiert einen tiefen Einschnitt. Das ach so wohlfeile Gerede von den jüdisch-christlichen Grundlagen der deutschen, der europäischen Kultur erhält damit endlich ein institutionelles Siegel."
Der Link zum Kommentar in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

Tuvia Tenenbom ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches "I Sleep in Hitler's Room: An American Jew Visits Germany". Für die ZEIT schreibt er eine Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh", in der er der Frage nachgeht, was Sport mit Politik zu tun hat. Zu diesem Zweck hat sich Tenenbom in einen der exklusivsten New Yorker Klubs begegen, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer der jüdischen Top-Adressen auf der Upper East Side von Manhattan befindet: "Im weißen Dampfbad sitzt ein schwarzer Mann".
Der Link zur Kolumne in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

Eine Studie, die von den deutschen Bischöfen selbst in Auftrag gegeben wurde, offenbart den Niedergang der katholischen Theologie an deutschen Unis. Immer weniger studieren das Fach, auf Professuren gibt es oft nur einen Bewerber. Der Kirche drohe, als zeitgenössischer Ansprechpartner nicht mehr ernst genommen zu werden, heißt es in der Studie, die Claudia Keller im TAGESSPIEGEL vorstellt: "Herr, lass Hirn regnen!".
Der Link dazu in der Rubrik CHRISTLICHE WELT.

Christen schweigen zu dem Unrecht, das Palästinensern von Israel angetan wird. Diesen Vorwurf äußert der amerikanische Jude Mark Braverman in seinem Buch "Verhängnisvolle Scham". Dabei kritisiert er eine "ethnische Säuberung" durch die Israelis und spricht sich für Nazivergleiche aus. Elisabeth Hausen hat das Buch für ISRAELNETZ gelesen: "Undifferenzierter Appell".
Der Link zur Buchvorstellung in der Rubrik ONLINE-REZENSIONEN.

Dies alles und noch viel mehr wie üblich direkt verlinkt, ergänzt von aktuellen FERNSEH-TIPPS sowie einschlägigen ONLINE-REZENSIONEN im heutigen COMPASS.


Einen angenehmen Tag wünscht


Dr. Christoph Münz

COMPASS

redaktion@compass-infodienst.de

(Editorial zusammengestellt unter Verwendung des Teasermaterials der erwähnten Artikel)



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