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ISSN 1612-7331
06.04.2011 - Nr. 1242
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Soraya Levin rezensiert: "Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt"



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Original-Beitrag


Nachfolgend lesen Sie einen Original-Beitrag der Politologin und
freien Redakteurin Soraya Levin.

Sie betreibt u.a. eine eigene Internetseite, auf der sie regelmäßig neue Bücher zum Schmökern, Entspanen und Nachdenken vorstellt:
LIPOLA - LITERARISCHE UND POLITISCHE AKZENTE
Lipola

COMPASS dankt der Autorin für die Genehmigung zur Wiedergabe
ihrer Rezension an dieser Stelle.


Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt


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Ein Kleinod skizzierter Denkbilder Hannah Arendts, das neue Denkräume öffnet.

Deutsch-jüdische US-Bürgerin, Publizistin, Moralphilosophin und politische Theoretikerin oder einfach "ein Mädchen aus der Fremde". Die Journalistin und Autorin Marie Luise Knott spricht in Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt über Hannah Arendts Gedanken, Notizen, Reflexionen zur Politik und Philosophie aus Arendts Denktagebüchern, die eins deutlich machen: die Philosophin will verstehen und schafft sich dafür Räume zum Nach- und Neudenken. Denn mit der Nazidiktatur und der Shoah ist ein hermeneutisches Verstehen nicht mehr möglich, da die Instrumentarien der Politik sowie die normativen Bestimmungen des Strafrechts diese Dimension des Völkermords und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht fassen. Hannah Arendt begibt sich auf die Suche nach dem Verstehen. Hierbei denkt sie bisherige gesellschaftliche Prozesse auf eine andere Art und formuliert neue Begriffssysteme zum Phänomen der totalen Herrschaft mit dem begleitenden Zerstörungspotential des Politischen. Anthropologische und metaphysische Fragen werden mit Fragen nach Vernichtung von Freiheit und totalitären Ansprüchen bis zur Apokalypse gedacht und finden sich in Essays wie Eichmann in Jerusalem, Vita Aktiva, On Revolution und Elemente und Ursprünge wieder. Arendt findet in ihren Denkwegen zu einem neuen Verständnis von dem Begriff verzeihen, indem sie ihn von der christlichen Nächstenliebe löst. Denn das göttliche Gebot, das das Verzeihen einfordert, greift mit der Apokalypse der Shoah nicht mehr. Sie ordnet das Wort Verzeihen neu und stellt es in einen politischen Kontext, in dem es zu einem Gesuch wird, das auch abgelehnt werden kann.

In ihrer Auseinandersetzung mit der moralischen Konzeption des Bösen stellt sie Kants "radikal Bösem" die "Banalität des Bösen" entgegen. In ihrem Bericht über Eichmann in Jerusalem greift sie Raul Hilbergs in The Destruktion of the European Jews vertretene These auf, dass es sich bei den Tätern um keine "besonderen Deutschen" gehandelt hat. Auch Eichmann ist für Hannah Arendt kein besonderer Deutscher. Sie nennt den Organisator des Verwaltungsmassenmordes einen "Biedermann" ohne Motiv, einen "Hanswurst“. Täter und Opfer fühlen sich durch Arendts bissigen und ironischen Diskurs verletzt. Empörung auf Seiten der Deutschen, die das Böse von dem "Jedermann" weggedacht und auf einzelne radikal Böse projiziert sehen wollen. Empörung auf jüdischer Seite, denn das Opfer eines Biedermanns geworden zu sein, wiegt noch schwerer, als ein Opfer von Gottes Widersacher, dem Satan, zu sein.

Für Hannah Arendt ist das Ungeheuerliche der Shoah nicht sagbar. Um dieses nicht Sagbare zu überwinden, greift sie nach einem rhetorischen Mittel: dem Lachen.

Arendt geht in ihrer Reflexion zu dem Unfassbaren und auf ihrem Weg zum Verstehen noch einen Schritt weiter und prangert den Konformismus der Judenräte sowie ihrer Freunde insbesondere Heidegger an. Ein Konformismus, der letztlich die Opferung der Aufklärung bedingt und damit den Verlust der Freiheit.

Hannah Arendt ist 34 Jahre als sie in die USA emigriert. Im Gepäck die radikale europäische Zwischenkriegsmoderne. Ihre deutschen Denkbilder sind im Englischen räumlich begrenzt und beinhalten oftmals ganz andere Denkräume. Daher beginnt sie ihre Gedanken in der Muttersprache und in der Wahlsprache zu durchdenken und neu zu formulieren. Übersetzungen werden wieder rückübersetzt, um gedankliche Räume zu schaffen. Denn nur der Raum, der dem Leser gelassen wird, ermöglicht nach Arendt ein autonomes Denken und ein aktives Eintreten in den öffentlich geführten politischen Diskurs. So fordern ihre Texte geradezu den Widerspruch und die Interaktion des Lesers heraus.

Auch Marie Luise Knott tritt in die Interaktion ein und in dem sie in Verlernen Hannah Arendts Gedanken zur Vernunft, zum Lachen, zur Freiheit, zur Vernichtung des Politischen und der Sprache skizziert, begeht sie mitunter ihre eigenen Denkräume.

Verlernen zeigt eine streitbare Schülern Heideggers und Jaspers, die selbstbestimmt in den Diskurs mit Philosophen und Dichtern tritt und dabei deren Denkwege verlässt und neue Begrifflichkeiten prägt. © Soraya Levin.

Marie Luise Knott:
Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt,
Mit Zeichnungen von Nanne Meyer
152 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Verlag Matthes & Seitz
Berlin 2011
ISBN 978-3-88221-605-9
€ 19,90 / CHF 30,50 
   

© Soraya Levin




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