ONLINE-EXTRA Nr. 140
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Hält man sich die jüngsten Debatten um eine "jüdisch-christliche Kultur", "jüdisch-christliche Traditionen" und/oder das "jüdisch-christliche Erbe" Europas vor Augen, und denkt man ebenfalls etwa an die jüngst eher beschämenden, rat- und orientierungslosen Reaktionen in Europa sowie den USA auf die politischen Umbrüche im arabischen Raum, oder aber betrachtet man die schwierigen Diskussionen um die Integration muslimischer Einwanderer sowie die Auseinandersetzung und den Dialog mit der Kultur und Religion des Islam insgesamt, hält man sich dies alles vor Augen, könnte man durchaus den Eindruck gewinnen, als seien dem "freien Westen" die eigenen politischen, kulturellen und geistegeschichtlichen Grundlagen und Werte nicht mehr präsent, die sie selbst einst kreierten. Weiß Europa noch, was Europa ausmacht? Wissen die westlichen Demokratien noch um die Werte und Normen, mit denen sie selbst einst gebaut wurden? Ist das Gewissen Europas sich noch der moralischen, ethischen und kulturellen Werte und Normen bewußt, denen es seine eigene Existenz verdankt?
Der nachfolgende Text des evangelischen Theologen Martin Stöhr - obwohl bereits vor gut zehn Jahren entstanden - liest sich streckenweise fast wie eine aktuelle Antwort auf die skizzierte Rat- und Orientierungslosigkeit hinsichtlich der Werte, die uns bei der Gestaltung von Welt und Gesellschaft anleiten könnten und sollten. Als christlicher Theologe tut er dies natürlich in Reflektion auf die religiösen Grundlagen unserer Geschichte und Existenz - und als Pionier des christlich-jüdischen Dialogs tut er das natürlich unter Einbeziehung der Wurzeln des Christentums selbst, nämlich des Judentums und Israels. Programmatisch heißt es an einer zentralen Stelle seines Essays:
"Europa hat drei Hauptstädte: Jerusalem, Athen und Rom. Die Namen stehen für drei Erbschaften, die oft genug verraten wurden In ständiger und lebenfördernder Innovation schuldet Europa noch immer, an der Verwirklichung und Ausdifferenzierung dieses Erbe angesichts neuer Herausforderungen zu arbeiten. Noch machen die Erbschaften Europa nicht zu dem, was es in der Welt sein kann – gemessen an den positiven Seiten dieses Erbes. Aber ein Anfang ist gesetzt, der auf Weiterführung aus ist."
Um authentisch und glaubhaft überhaupt von "jüdisch-christlicher" Tradition oder Kultur zu sprechen oder um solide Orientierung in der Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen zu gewinnen, bedarf es sicher einer Selbstvergewisserung der eigenen Wurzeln, als deren Bestandteil auch die "Suche nach einem europäischen Gewissen" verstanden werden kann.
COMPASS dankt dem Autor zur Genehmigung der Wiedergabe seines Vortrags an dieser Stelle!
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Online-Extra Nr. 140
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Dr. Christoph Münz
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