ONLINE-EXTRA Nr. 19
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Wer die ideologische Formierung des NS-Staates verstehen will, kommt an Hitlers Chefideologen Alfred Rosenberg nicht vorbei. Nach bescheidenen Anfängen als völkischer Publizist und Agitator wurde er zum Weltanschauungsbeauftragten des totalitären Regimes. Er war Herausgeber vieler wichtiger nationalsozialistischer Periodika wie zum Beispiel dem »Völkischen Beobachter« und befehligte eine Reihe von Organisationen, unter anderem den Kampfbund für deutsche Kultur, das Amt Rosenberg, die Nordische Gesellschaft, den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg. 1941, als mit dem Überfall auf die Sowjetunion der Kampf mit dem »jüdischbolschewistischen Weltfeind« begann, wurde er Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. War er bis dahin vor allem Vordenker eines Weltanschauungsstaats gewesen, stand er nun auch als Politiker in vorderster Front. Der Krieg im Osten war von Anfang an ein ideologischer Vernichtungskrieg, zu dessen Legitimation ein Rosenberg gebraucht wurde. Im Rücken der Front vollzog sich der Mord an sechs Millionen Juden. Rosenberg hatte maßgeblichen Anteil an der Entstehung des antisemitischen Weltbilds der Nazis, spielte eine zentrale Rolle bei der öffentlichen Legitimierung der Vernichtungsmaßnahmen und war auch an ihrer Durchführung beteiligt. In Nürnberg wurde Rosenberg vor dem Internationalen Gerichtshof als Hauptkriegsverbrecher angeklagt, in allen Punkten der Anklage schuldig gesprochen und am 16. Oktober 1946 hingerichtet.
Ernst Piper, ein ausgewiesener Experte für das Dritte Reich, hat Archive auf der ganzen Welt aufgesucht und den Lebensweg dieser von der Forschung bislang vernachlässigten NS-Figur umfassend rekonstruiert. Seine Ergebnisse legt er nun in einer beeindruckenden Studie im Blessing-Verlag vor: "Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe" (siehe Anzeige weiter unten).
Exklusiv präsentiert COMPASS in einem Online-Vorabdruck zwei Kapitel aus diesem Buch: Das Einleitungskapitel, das u.a. einen hervorragenden Überblick der bisherigen Forschungssituation zur Person Rosenbergs gibt, und das nachfolgend vorliegende Kapitel V des Buches, "Vom Mythos zum 'Mythus'", in dem u.a. das rassistisch-antisemitische Weltbild Rosenbergs vorgestellt und analysiert sowie die Frage nach "Politische Religion oder Religionsersatz" diskutiert wird.
Diese beiden Texte erscheinen heute als Doppel-Ausgabe Nr. 18 und Nr.19 von ONLINE-EXTRA - exklusiv für COMPASS-Infodienst.
COMPASS dankt Autor und Verlag für die Genehmigung zur Wiedergabe der Texte an dieser Stelle!
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Online-Extra Nr. 19
Im Heft 8 der Nationalsozialistischen Monatshefte erschien eine Rezension von Rosenbergs Hauptwerk „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“, die von niemand anderem als Rosenberg selbst verfaßt war. Darin betonte er, daß das Buch ein persönliches Bekenntnis sei, „das Gebiete behandelt, welche die N.S.D.A.P. als politische Organisation nicht unmittelbar berühren.“ Das Buch richte sich nicht an jene, die „sich festgefügt in gewisse Geistes- und Glaubensformen fühlen“, vielmehr an die „Suchenden, die das alte verlassen, aber eine neue Schau der Welt noch nicht gefunden haben.“ 1 Der langen Rede kurzer Sinn: Gläubige Christen, und das waren immerhin, wenn man das Kriterium der Kirchenzugehörigkeit zugrunde legt, mehr als 95 % der Bevölkerung, hatten die ausdrückliche Erlaubnis, dieses Werk zu ignorieren. Hitlers Rigorismus in der Frage religiöser Toleranz in den Jahren der „Kampfzeit“ forderte auch hier seinen Tribut. „Die nationalsozialistische Jugend dankt Alfred Rosenberg diese Zielsetzung, der ihr durch diesen Kampf zum geistigen Führer geworden ist.“ 2 Dieser kurzen Anzeige folgte dann gegen Ende des Jahres eine ausführliche Besprechung von Arvid Balk, die aus der Rheinisch-Westfälischen Zeitung vom 17. November übernommen war, verbunden mit der Mitteilung, der „Mythus“ habe inzwischen eine Auflage von annähernd 100.000 Exemplaren erreicht. Der Rezensent hob Rosenbergs Bedeutung als Reichsleiter, Vorsitzender des Kampfbunds für deutsche Kultur, Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP und Hauptschriftleiter des Völkischen Beobachters hervor: „Man kann somit seinen ‚Mythus des 20. Jahrhunderts’ als die grundlegende Ideologie unseres gegenwärtigen, auf Ehre und Freiheit gegründeten Reichs ansprechen.“ 3 Die Gesetzgebung der vergangenen Monate habe gezeigt, daß viele der von Rosenberg vertretenen Grundsätze bereits in die Tat umgesetzt worden seien. Der Rezensent hatte zuvor festgestellt, das Buch habe bei seinem Erscheinen den übermächtigen marxistischen und klerikalen Mächten vielfach Angriffsflächen geboten, weswegen der mutige Verfasser es als Privatarbeit gekennzeichnet habe. Heute bedürfe die siegreiche Bewegung eines solchen Schutzes nicht mehr. Die Angriffe der „klerikalen Mächte“ gab es nach wie vor, allein die Nazis hatten keinen Grund mehr, sie allzu sehr zu fürchten. Das Katholische Kirchenblatt vom 3. April 1934 brachte z.B. Zitate aus Ernst Bergmanns „Die deutsche Nationalkirche“ und Rosenbergs „Mythus“ unter der Überschrift „Weitere Stimmen aus dem Antichristentum und Neuheidentum unserer Tage“. Das Blatt sah die Autoren im Dienste des Antichrist, gegen den der „in tiefster Erniedrigung und in unendlichem Leid für uns am Kreuze gestorbene(n) Heiland“ zu verteidigen war. 4 Daß eine derart frontale Ablehnung der Rosenbergschen Thesen ungehindert publiziert werden konnte, ist immerhin bemerkenswert. Die Stimmen aus dem christlichen Lager beider Konfessionen, die sich mit dem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ auseinandersetzten, waren zahlreich und in ihrer übergroßen Mehrheit ablehnend gewesen. 5 Die Christen aller Schattierungen sahen sich, nicht zu unrecht, durch dieses Werk herausgefordert wie durch keine andere nationalsozialistische Schrift. „Was Rosenberg uns hier gegeben hat, ist ein hochbedeutendes, alle Lebensgebiete umfassendes Werk, ... durchpulst von einem männlich-sittlichen Willen und einer ebenso ehrbewußten wie glühend-urstarken Liebe zu Volk und Vaterland. Sein Wort bedeutet – ähnlich wie das Ergebnis der Wahlen vom 14. September – einen wuchtigen Markstein, einen mit Hühnenkraft errichteten Megalith auf dem Wege der deutschen Erneuerungsbewegung.“ 8 Bis hin zu wörtlichen Übereinstimmungen gleichen Sinnes war die Rezension in den Nordischen Blättern.9 Kritischer äußerte sich der Autor des Archivs für Rassen- und Gesellschafts-Biologie, der Rosenberg zwar die richtige Gesinnung attestierte, so daß er zu den „geistigen Grundlagen eines bevölkerungspolitischen Neubaus einen bedeutenden Baustein“10 beigetragen habe, seinem Werk aber die geistige Originalität absprach. „Das Grundgefühl, das dieses ganze Buch durchzittert, ist nichts anderes als peinliche, hysterische und geradezu groteske Rassenangst.“ 16 Es läßt sich sicherlich einiges dafür ins Feld führen, den rassistischen Vernichtungsantisemitismus, den Rosenberg predigte und bei dem es sich angeblich um einen verzweifelten Abwehrkampf handelte, als Angstpsychose zu charakterisieren. Daß Friedländer dabei den Begriff Rassenangst verwendet, einen Begriff, der eigentlich nicht in sein Weltbild passen sollte, zeigt, welche Wirkungsmacht die damals geradezu ubiquitäre Rassenidee erlangt hatte. Aber wir dürfen sicher davon ausgehen, daß Friedländer die Rassenangst den zu Beginn seiner Rezension zitierten bürgerlichen Kreisen zuordnen wollte. „Wenn ich hoffen könnte, durch Ihr Buch Tausende(n) von Arbeitern, die heute im katholischen Lager stehen, die Augen zu öffnen und sie zu uns herüber zu ziehen, wenn ich glauben würde, daß Ihr Buch ähnlich wie Chamberlains ‚Grundlagen’ auch von Katholiken begeistert gelesen würde, so daß ich selbst, wenn ich nur einen ganz bescheidenen buchhändlerischen Erfolg hätte, mich damit trösten könnte, daß Ihr Buch wenigstens weite Kreise befreit, so würde ich den Verlag trotz aller Bedenken übernehmen.“26 Wenn Lehmann vermutete, daß die Begeisterung gläubiger Katholiken über Rosenbergs „Mythus“ gering sein würde, so hatte er zweifellos recht. Bei dem Versuch der Nazis, im Lager der Gläubigen Punkte zu machen, indem sie sich von der atheistischen Propaganda der KPD, etwa im Verband proletarischer Freidenker, der z.B. zum Boykott des Religionsunterrichts aufforderte,27 absetzten, war dieses Buch zweifellos keine Hilfe. So fand Rosenbergs große Welterklärung schließlich im Hoheneichen-Verlag eine Heimat, jenem Verlag, den Dietrich Eckart 1915 gegründet hatte. Dort war nicht nur „Auf gut deutsch“ erschienen, sondern, nach den Anfängen bei Boepple, auch der „Weltkampf“ sowie „Volk und Kultur“, die Zeitschrift des Kampfbunds für deutsche Kultur. Auch Rosenberg selbst war immer wieder als Autor bei Hoheneichen in Erscheinung getreten. Wirtschaftlich ging es dem Verlag von Anfang an sehr schlecht und im Mai 1929 wurde er vom Eher-Verlag übernommen.28 Der Name wurde aber beibehalten, so daß der Außenstehende den Eindruck haben konnte, der „Mythus des 20. Jahrhunderts“ sei nicht im Parteiverlag erschienen, was wohl ein erwünschter Effekt war.
Bis 1933 blieb die „Selbstanzeige“ die einzige Rezension des „Mythus“ in den Nationalsozialistischen Monatsheften. Dann folgten zwei weitere Würdigungen. Zu Beginn des Jahres, in einem Rezensionsteil, der einen Überblick über wichtiges nationalsozialistisches Schrifttum gab, würdigte W.H. den „Mythus“ als notwendige Auseinandersetzung mit den Geistesmächten der Vergangenheit und als Wegweiser für die „aufsteigende(n) Erneuerung im gesamten Leben“:
Die großen deutschen Zeitungen, die die öffentliche Meinung prägten, sahen sich, mit Ausnahme des Völkischen Beobachters6, nicht veranlaßt, sich mit dem „Mythus“ auseinanderzusetzen. Dieses voluminöse, nicht leicht zugängliche und in seiner geistigen Bedeutung schwer abzuschätzende Buch wurde einfach ignoriert. Intensive, den christlichen Stimmen genau entgegengesetzte Reaktionen gab es dagegen in völkischen Kreisen. Mehr oder weniger zustimmende Besprechungen des „Mythus“ erschienen in den folgenden Zeitschriften, deren Name bereits Programm war: Die Sonne. Monatsschrift für nordische Weltanschauung und Lebensgestaltung; Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie; Deutschlands Erneuerung; Ringendes Deutschtum; Hammer. Blätter für deutschen Sinn; Der Ring. Konservative Wochenschrift; Ruf und Rüstung; Nordische Blätter. Theodor Fritschs „Hammer“ würdigte Rosenbergs Buch als einen „Kampfblock im Heere gegen die gotteswidrige Gleichmacherei“7. Ähnlich martialisch war das Urteil der „Sonne“:
Ganz aus dem Rahmen fällt die Rezension Otto Friedländers in der „Sozialistischen Bildung“. Für ihn war Rosenberg ein Symptom für die „Zerspaltenheit im Denken gewisser bürgerlicher Kreise“.11 Die Darstellungsweise erinnerte den Rezensenten an den wilhelminischen Stilwirrwarr. Er erheiterte sich über den „Mythus von dem ‚schöpferischen blonden Blut’, dessen Pulsschlag die Phantasien des Herrn Rosenberg durchzittert“12 ebenso wie über die Sage von Atlantis, wo „der gründlich-unergründliche Münchener ‚Forscher’ Anklänge an die vergangene Urheimat finden (will)“13. Wenn Rosenberg die Gefallenen des Ersten Weltkriegs beschwört und mit ihnen den Mythus des Blutes, der damals geopfert habe und nun gestalten wolle, bemerkt Friedländer dazu sarkastisch: „Schade, daß Herr Rosenberg da nicht mittun kann! Denn er hat nach seinen eigenen Angaben während des Krieges nicht mitgekämpft, sondern als russischer Staatsbürger in Riga Architekturvorlesungen besucht.“14 Tatsächlich warf sich Rosenberg, wenn er sich auf den Mythus des Blutes in den „gebeugten Seelen der Hinterbliebenen der toten Krieger“15 berief, zum Hohepriester einer Gemeinschaft auf, der er nicht angehört hatte. Nicht nur hatte er als russischer Staatsbürger während des Krieges Architektur studiert, während andere ihr Leben für die deutsche Sache, zu deren Sachwalter er sich nun aufwerfen wollte, in die Schanze geworfen hatten. Als die deutschen Truppen näherrückten, war die Universität samt ihrem Studenten Alfred Rosenberg nach Moskau evakuiert worden.
Otto Friedländer charakterisierte abschließend den „Mythus des 20. Jahrhunderts“ als „geistigen Schutthaufen“, unter dem sich ein Angsthase verberge:
Auch im Ausland, das sei hier doch am Rande erwähnt, wurde Rosenbergs „Mythus“ gelesen.17 Lewis Spence, um nur eine der ausländischen Stimmen zu zitieren, ordnete Rosenberg in die damals in Deutschland in der Tat virulente neuheidnische Bewegung ein und besprach den „Mythus“ gemeinsam mit Wilhelm Kusserows „Das Nordische Artbekenntnis“ und Ernst Bergmanns „25 Thesen der Deutschreligion“. Spence referiert einen anderen Publizisten, der das Verhältnis zwischen Hitler und Rosenberg mit dem zwischen Faust und Mephisto verglichen hatte, und hält dem entgegen, daß wohl eher der Vergleich mit einem geheimnisvollen Zauberer und dessen Schüler angemessen sei, wobei Rosenberg dabei die Rolle des Magiers zufalle.18 Spence sah bei Rosenberg einen „spirit of destruction“ am Werk19 und schloß seine ausführlichen Überlegungen mit der Vermutung ab – der Aufsatz erschien 1940 – Rosenberg werde angesichts des Kriegsausbruchs nunmehr im Hintergrund gehalten, um die Einheitlichkeit der Kriegsanstrengung nicht zu gefährden.20
Es war das Schicksal Rosenbergs, daß häufig genug die Zeit nicht seine Zeit war. So wie später Hitler den geplanten Europa-Kongreß untersagte, weil er Komplikationen für die Kriegskoalition befürchtete, und so wie niemand es für angezeigt hielt, mit den italienischen Verbündeten, solange sie es waren, die Frage des nordischen Rassenprimats zu diskutieren, so war auch das Jahr 1930 eigentlich eine Unzeit21 für „Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit“, wie der Untertitel des „Mythus des 20. Jahrhunderts“ lautete. Wenn am 15. September 1930 der Verlagsvertrag dann doch unterzeichnet wurde, war der Hauptgrund dafür wohl der sensationelle Wahlsieg der NSDAP vom Vortag, die mit nunmehr 107 statt 12 Reichstagsabgeordneten sich stark genug fühlte, die von ihrem Parteiphilosophen entfachten Grundsatzdiskussionen durchzustehen. Es deutet alles darauf hin, daß man nach der grundsätzlichen Freigabe des Werkes durch Hitler im Frühsommer die Angelegenheit einige Monate hatte ruhen lassen, um das Ergebnis der Septemberwahlen abzuwarten.22
Rosenberg hatte die Arbeit am „Mythus“ Mitte der 20er Jahre abgeschlossen, konnte aber keinen Verleger für das gewaltige Manuskript begeistern. Oldenbourg und Diederichs waren konservative Verleger, hatten das Werk aber ohne Umschweife abgelehnt.23 Aber auch der nationalsozialistischen Bewegung so verbundene Verleger wie Julius Lehmann und Hugo Bruckmann, die sich mit dem Manuskript intensiv auseinandersetzten, mochten den „Mythus“ nicht in ihr Programm aufnehmen. Bruckmann schrieb an Rosenberg, das Buch sei „so gescheit, so grundlegend in seiner Einstellung, so konsequent durchdacht und so glänzend geschrieben, mit einem Wort, es vereinigt so viele Qualitäten, daß ich mich glücklich fühlte, diese mannhafte Aussprache innerster Überzeugung in meinem Verlag veröffentlichen zu können.“ 24 Aber Bruckmann war nicht so mannhaft wie Rosenberg und die Glücksgefühle mußten hintanstehen. Als Verleger könne er sich nicht „im vornherein der Gegnerschaft aussetzen all jener Kreise der Wirtschaft, der Kirche usw., die heute über die Öffentlichkeit gebieten und deren Credo auch in vaterländischen Kreisen noch stark vertreten ist.“ 25 Lehmann wiederum teilte Rosenberg mit, er teile dessen Kritik an der katholischen Kirche und halte sie für nicht minder gefährlich als das Judentum, halte andererseits aber auch Hitlers Politik für richtig, es mit Rom nicht zum offenen Bruch kommen zu lassen:
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Ernst Piper:
Alfred Rosenberg
Hitlers Chefideologe
Karl Blessing Verlag 2005
832 Seiten, 34 Abb.
ISBN 3-89667-148-0
UR 26.00 (D) / CHF 45.60 €
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Eine düstere Karriere in einer düsteren Zeit:
Alfred Rosenberg, Hitlers Weggefährte in dessen ersten Jahren in München, gilt gemeinhin als Chefideologe der NSDAP. Er war Herausgeber vieler wichtiger nationalsozialistischer Periodika wie zum Beispiel dem »Völkischen Beobachter« und befehligte eine Reihe von Organisationen, unter anderem den Kampfbund für deutsche Kultur, das Amt Rosenberg, die Nordische Gesellschaft, den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg. 1941, als mit dem Überfall auf die Sowjetunion der Kampf mit dem »jüdischbolschewistischen Weltfeind« begann, wurde er Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. War er bis dahin vor allem Vordenker eines Weltanschauungsstaats gewesen, stand er nun auch als Politiker in vorderster Front. Der Krieg im Osten war von Anfang an ein ideologischer Vernichtungskrieg, zu dessen Legitimation ein Rosenberg gebraucht wurde. Im Rücken der Front vollzog sich der Mord an sechs Millionen Juden. Rosenberg hatte maßgeblichen Anteil an der Entstehung des antisemitischen Weltbilds der Nazis, spielte eine zentrale Rolle bei der öffentlichen Legitimierung der Vernichtungsmaßnahmen und war auch an ihrer Durchführung beteiligt. In Nürnberg wurde Rosenberg vor dem Internationalen Gerichtshof als Hauptkriegsverbrecher angeklagt, in allen Punkten der Anklage schuldig gesprochen und am 16. Oktober 1946 hingerichtet. Eine düstere Karriere in einer düsteren Zeit.
Im Januar 1931 erschien eine ganzseitige Anzeige des Hoheneichen-Verlags in den Nationalsozialistischen Monatsheften, in der es hieß: „Einen Welterfolg stellt das neueste Werk unseres Verlags dar ‚Der Mythus des 20. Jahrhunderts’“. Die erste Auflage sei nach drei Monaten vergriffen, die zweite erscheine im Februar 1931.29 Worin der Welterfolg bestehen sollte, wurde nicht gesagt. Die Blütenlese „Aus den letzten Kritiken“ geriet jedenfalls wenig eindrucksvoll. Ein „Wirtschaftlicher Beobachter“ wird mit der Erkenntnis zitiert: „Der Mythus ist die erste geniale Philosophie auf rassischer Grundlage...“. Dann folgen noch zwei Zuschriften, eine von einem Professor aus Greifswald und eine von Hans F.K. Günther, der mitzuteilen wußte: „Das Werk ist berufen, die kommenden Entscheidungen des abendländischen Geisteslebens in führender Weise mit herbeizuführen.“ Das Buch sei wie ein Angriffsbefehl in dem nun anhaltenden Geisteskampf. Daran, daß der „Mythus“ die kommenden Entscheidungen in führender Weise herbeiführte, darf gezweifelt werden. Das Werk wurde nicht nur in der Öffentlichkeit, außerhalb völkischer oder, aus entgegengesetzten Motiven, religiöser Kreise, weitgehend ignoriert. Es erfreute sich auch in Parteikreisen nur bescheidenen Zuspruchs. Nach der „Machtergreifung“ erhielt es dann, der päpstlichen Indexierung zum Trotz, den Status mindestens halbamtlicher Literatur, und der Absatz nahm nun sehr rasch zu. Waren 1933 erst 73.000 Exemplare abgesetzt30, so wurde 1935 das 293.000 Tausend erreicht31, 1938 die halbe Million32 und 1942 schließlich eine Million Exemplare33, was für eine so anspruchsvolle Lektüre auch bei offiziöser Förderung sehr beachtlich war. Auch ein Band mit Erläuterungen zum „Mythus“ von Professor Otto Gros kam heraus, der allerdings so wenig überzeugend ausfiel, daß der größte Teil der ersten Auflage eingestampft wurde; immerhin erschien eine stark bearbeitete zweite.34 In seinen Aufzeichnungen in der Haft vermerkte Rosenberg, es habe viele Übersetzungswünsche aus dem Ausland gegeben,35 doch hier war einmal mehr der Wunsch der Vater des Gedankens. Er habe alle diesbezüglichen Vorschläge für Übersetzungen abgelehnt, „nur eine japanische erschien, ohne daß ich mich erinnern konnte, meine Einwilligung gegeben zu haben; jedenfalls war der Inhalt des ‚Mythus’ dort nur eine wissenschaftliche Kuriosität“36. Von „Mein Kampf“ gab es dagegen eine ganze Reihe von Übersetzungen.37 Hitler wollte, daß die Welt sich mit seinen Überzeugungen und Absichten auseinandersetzte. Rosenberg war da zurückhaltender, er ahnte wohl, daß seine Schrift wenig geeignet war, das Verständnis für den Nationalsozialismus im Ausland zu fördern. „Allerdings aber heuchle ich nicht angesichts der Tatsache, daß die Natur sich bei großem Frauenüberschuß hilft (und ich glaube, daß jede deutsche Mutter Anspruch auf Achtung hat). Wäre das früher in großen Krisen nicht geschehen, so fehlten vermutlich selbst vom Zentrum 50 Prozent seines Bestandes.“40 Hier wußte Rosenberg sich in Übereinstimmung mit den allermeisten führenden Nationalsozialisten, die zum Teil polygame Verhältnisse geradezu ostentativ pflegten, um so zum Bestand der gefährdeten germanischen Rasse beizutragen. „Rosenberg habe ihm in der Kampfzeit einmal einen Leitartikel vorgelegt, in dem er auf Angriffe der katholischen Kirche geantwortet habe. Er habe ihm die Veröffentlichung dieses Artikels verboten. Daß Rosenberg sich seinerzeit überhaupt auf eine Diskussion mit der Kirche eingelassen habe, habe er immer für falsch gehalten.“48 Rosenberg habe durch seinen Kampf gegen die Kirchen nichts gewinnen können. Diejenigen, die ihnen bereits mit innerer Distanz gegenüberstanden, habe man nicht mehr überzeugen müssen, bei den anderen aber habe die Gegenpropaganda einen für die nationalsozialistische Sache kontraproduktiven Effekt gehabt. Hier wird erneut Hitlers Grundsatzposition in der Religionsfrage deutlich, die nach meiner Überzeugung der Hauptgrund für sein distanziertes Verhältnis zum „Mythus des 20. Jahrhunderts“ war. Doch sein genereller Respekt vor Rosenberg hinderte ihn daran, irgendwelche Maßnahmen gegen das Buch zu ergreifen. Hutchinson bemerkt in diesem Zusammenhang zu Recht: „Ein Wort des Führers hätte Rosenberg auf den Abfallhaufen der Geschichte verbannt, aber dieses Wort kam nie.“ 49 Ein Grund dafür mag auch darin zu suchen sein, daß Hitler mit den Grundgedanken des „Mythus“ durchaus übereinstimmte. Seine finalen Gespräche mit Hitler, die Otto Strasser in „Ministersessel oder Revolution?“ rekapitulierte, zeigen, daß Strasser geradezu daran verzweifelte, daß Hitler ganz dem rassistischen Geschichtsbild Rosenbergs folgte, den Strasser „für den stärksten geistigen Gegenpol meiner Anschauungen“ 50 hielt. Strasser zitiert Hitler mit den folgenden Worten: „Wenn Sie einmal das neue Buch Rosenbergs lesen, dann werden Sie diese Dinge begreifen, denn dieses Buch ist das gewaltigste seiner Art, größer noch als Chamberlains ‚Grundlagen des 19. Jahrhunderts’.“ 51 Strasser sah sich mit seiner Sicht der Dinge auf verlorenem Posten: „Alle Wandlungen im Kulturellen, Staatlichen und Wirtschaftlichen führt Hitler, der Theorie Rosenbergs folgend, auf Rassenkämpfe zurück und führt damit eine ähnliche einseitige Betrachtungsweise ein, wie es Marx mit seiner Klassenkampftheorie getan hat.“52 Wenn Hitlers Bannstrahl Rosenberg nicht traf, hatte das nicht nur mit seinem Respekt vor dessen Leistungen in frühen Aufbaujahren zu tun. Mehr noch fiel ins Gewicht, daß Hitler zwar in Fragen der äußeren Form und der Taktik mit Rosenberg nicht immer einverstanden war, sie im Kern aber dieselben Überzeugungen teilten. Ähnlich stand auch Heinrich Himmlers zentrale Position niemals in Frage, obwohl Hitler seiner Germanenschwärmerei äußerst skeptisch gegenüberstand und ihn z.B. zwang, den völkischen Phantasten Karl Maria Wiligut, der unter Himmlers Protektion zu hohen SS-Ehren aufgestiegen war, zu degradieren. So hielt Hitler auch nicht nur die von Rosenberg eröffnete Front gegen die Kirchen für einen Fehler, er hatte auch wenig Sinn für seine Neigung zum Mystizismus. Das ließ ihn aber nicht übersehen, daß Rosenbergs Arbeit für die Ausbildung des rassistischen nationalsozialistischen Weltbilds grundlegend war. „... gerade aus dem Erleben einer starken, unbeugsamen protestantischen Persönlichkeit heraus habe ich begriffen, was alttestamentliche Orthodoxie bedeutet und wozu eine rein historisch, morgenländisch bedingte Religion führen muss.“54 Das zweite Ereignis war die Begegnung mit den Schriften Houston Stewart Chamberlains, die Rosenberg sich aus Deutschland kommen ließ: „Eine andere Welt stieg vor mir auf: Hellas, Juda, Rom. Und zu allem sagte ich innerlich ja, und immer wieder ja.“55 Ja sagte Rosenberg natürlich nicht zu Hellas, Juda und Rom, sondern zu Chamberlains Interpretation. Beeinflußt hat ihn besonders dessen Hauptwerk „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, dem der „Mythus des 20. Jahrhunderts“ schon im Titel seine Reverenz erwies. Chamberlain war Rosenberg zuerst in der väterlichen Bibliothek begegnet. Als Student hatte er sich mit dessen Gedankenwelt weiter auseinandergesetzt. 1917 in Moskau entstand der Aufsatz „Form und Formung“, der in den „Mythus“ einging. Es folgte, schon in München, die „Auseinandersetzung mit Kant und Schopenhauer“. 1925 war der „Mythus“ im wesentlichen abgeschlossen56, fand aber, wir haben es gehört, keinen Verleger. Chamberlain bedingt die Ablehnung der syrisch-jüdisch bedingten Kirchen notwendig eine ebenso leidenschaftliche Bejahung der ‚frohen Botschaft’ Christi. Aus den Worten und Gleichnissen Jesu glaubt er die gleiche Weltanschauung herauslesen zu können, wie aus den Lehren der Indoarier und der germanischen Mystiker, nur unvergleichlich einfacher, selbstsicherer, größer.“ 65 Dies war der Versuch, Jesus Christus heimzuholen in den Schoß der „arischen Weltanschauung“, die ein anders Buch Chamberlains im Titel führte. Christus wurde zum arischen Propheten der Erlösung, der, wenn vielleicht nicht der Rasse nach, so doch mindestens mit seiner Rassenseele dem heldischen Ideal der Arier entsprach.66 Wiedererstanden war er in Adolf Hitler, dem messias militans des 20. Jahrhunderts, den die Vorsehung zum Erlöser der Deutschen bestimmt hatte. „Daß Deutschland in der Stunde seiner höchsten Not sich einen Hitler gebiert, das bezeugt sein Lebendigsein“, schrieb Chamberlain am 7. Oktober 1923 an Hitler. Die Deutschen waren das erwählte Volk im Endkampf mit den Mächten der Finsternis. Sie waren das berufene Subjekt eines radikal entkirchlichten germanischen Christentums. Ernst Moritz Arndt, Meine Wanderungen und Wandlungen mit dem Reichsfreiherrn von Stein Diese „Herrlichkeiten“ hielt vor allem die Bayerische Staatsbibliothek für den jungen Emigranten Rosenberg in München bereit, in der er „wie in einem Fieber täglich dreizehn Stunden“ zubrachte.82 „Er wiederholt sich oft, denn er kennt nur den einen Satz: Die nordische Rasse, das nordische Blut sind Träger aller Kultur, alles Guten – jede Blutmischung schafft Minderwertigkeit.“91 Wenn Rosenberg von Rasse sprach, standen nicht Vererbungslehre, Biologie und Schädelformen im Vordergrund, sondern das Willenhafte germanischer Kunst, Rassenseele und Heldenehre. Die Geschichte der Menschheit war ihm ein „Ringen von Seelenwert gegen Seelenwert“, wobei „Seele aber bedeutet Rasse von innen gesehen. Und umgekehrt ist Rasse die Außenseite der Seele.“ 92 Das Seelische sollte das Rassische bedingen, ein Gedanke, der ganz in der Tradition Chamberlains stand und allen entgegenkam, deren Stammbaum nationalsozialistischen Anforderungen nicht so recht genügte. Das nordische Blut wurde hier gewissermaßen zu einer Frage der Gesinnung. Im Zweifel genügte sogar eine metaphysische Präsenz. So sollte die deutsche Erneuerung von den Toten des Weltkriegs ausgehen: „Das Blut, welches starb, beginnt lebendig zu werden. In seinem mystischen Zeichen geht ein neuer Zellenbau der deutschen Volksseele vor sich.“93 Finstere Mächte, die vor allem in Jerusalem und Rom ihren Ursprung hatten, aber auch nationale Selbstvergessenheit hatten ein „Rassenchaos“ geschaffen, das es zu überwinden galt. Germanische Werte, die von allen anderen zu scheiden waren, hatten wieder in den Vordergrund zu treten, das „Dogma einer angeblich ‚allgemeinen Entwicklung der Menschheit’“ 94 war zu überwinden. Mit gleicher Emphase lehnte Rosenberg die Idee einer voraussetzungslosen Wissenschaft ab: „Denn eine bestimmte Seele und Rasse tritt dem Weltall mit einer auch besonders gearteten Fragestellung entgegen. Fragen, die ein nordisches Volk stellt, bilden für den Juden oder den Chinesen überhaupt kein Problem. Dinge, die dem Abendländer zum Problem werden, erschienen anderen Rassen als gelöste Rätsel.“ 95 Philosophie war weniger Erkenntnis als Bekenntnis.96 Diese bekenntnishafte Erkenntnis aber war das Resultat germanischer Schöpferkräfte.97 Hier zeigte sich einmal mehr, daß nur dem nordischen Menschen das Schöpferische gegeben war. Den negativen Gegenpol zu der privilegierten Stellung, die die Arier gegenüber dem Weltall einnahmen, bildete natürlich das Judentum: „Denn wenn irgendwo die Kraft eines nordischen Geistesfluges zu erlahmen beginnt, so saugt sich das erdenschwere Wesen Ahasvers an die erlahmenden Muskeln.“98 An Sätzen wie diesen, und viele ähnliche ließen sich ohne Mühe finden, zeigte sich Rosenbergs Neigung zur metaphysischen Schwärmerei, weswegen etwa in „Mein Kampf“ die gleichen Gedanken sich ganz anders anhörten. Hitler hatte den Ehrgeiz, Anschluß an die modernen Erkenntnisse von Biologie, Medizin und Bevölkerungswissenschaft zu gewinnen, während Rosenbergs Rassismus traditioneller fundiert war. Hitler wollte Politiker sein, dem es um das Konkrete ging, Rosenberg Denker. An ihren Äußerungen über Richard Wagner kann man das beispielhaft ablesen. Wo der eine über bestimmte Aufführungen berichtete, die ihm in der Jugend Eindruck gemacht haben, philosophierte der andere über die Einheit von Tanz, Musik und Dichtung. Ein Irrtum wäre es aber, aus Hitlers bekannten Äußerungen, der „Mythus“ sei zu schwierig geschrieben, um weite Verbreitung zu finden, auf grundlegende Differenzen in der Sache zu schließen. Gerade in der Frage des „vulgärdarwinistischen Anti-Evolutionis-mus“<99, der die Suprematie arischer Kulturschöpfung für unabänderlich hielt, waren beide ganz einig, auch wenn Rosenberg sich weniger an Charles Darwin als an Randolf Darwins Ergüsse über Wundertäter und Gottmenschen hielt. Hitler wußte sehr genau, daß dem Bündnis zwischen einem sieghaften Nationalsozialismus und den Funktionseliten Wotanskult und Germanenschwärmerei eher hinderlich als förderlich waren. Auf der Kulturtagung des Reichsparteitages 1938 erklärte er deshalb: „Der Nationalsozialismus ist eine kühle Wirklichkeitslehre schärfster wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer gedanklichen Ausprägung. ... Vor allem ist der Nationalsozialismus in seiner Organisation wohl eine Volksbewegung, aber unter keinen Umständen eine Kultbewegung.“ 100 Hitler war es deshalb auch weniger darum zu tun, die bestehenden Kirchen im Sinne Rosenbergs in deutsche Volkskirchen umzuprägen, als vielmehr, sie als Machtfaktoren auszuschalten. Ihn interessierte es deshalb auch nicht wirklich, ob Christus einem nördlichen Volksstamm angehörte, der zur Zeit des Auszuges aus Ägypten von den Juden aus Palästina vertrieben worden war, ob das Kreuz in Wahrheit ein 5.000 Jahre altes germanisches Symbol war, der Hl. Georg der umgetaufte Wotan auf dem Pferd und sich hinter der Lehre von der christlichen Auferstehung die Wiederkunft Ostaras verbarg – alles Fragen, die Rosenberg anhaltend beschäftigten. 101 Rosenberg dagegen sah hier die ideologischen Grundlagen für einen mystisch überhöhten rassistischen Nationalismus. Er glaubte, „daß das nordische Blut jenes Mysterium darstellt, welches die alten Sakramente ersetzt und überwunden hat.“102 Die Mariensäulen sollten durch Kriegerdenkmäler ersetzt werden, an der Stelle von „alttestamentlichen Zuhälter- und Viehhändlergeschichten“ sollten nordische Sagen und Märchen erklingen, denn: „Der Sehnsucht der nordischen Rassenseele im Zeichen des Volksmythus ihre Form als Deutsche Volkskirche zu geben, das ist mit die größte Aufgabe unseres Jahrhunderts.“ 103 An die Stelle „zerquälter Heiliger“ sollten Statuen großer Deutscher treten.104 Christus selbst sollte auch in der deutschen Volkskirche geduldet sein, allerdings ein gänzlich anderer Christus. Der Gekreuzigte hatte seinen Platz dem „lehrenden Feuergeist“ zu überlassen. Der Christus des nordischen Abendlandes war „schlank, hoch, blond, steilstirnig, schmalköpfig.“105 Ähnlich wie in den auf die Macht des Wortes vertrauenden konfuzianischen Tempeln waren auch Sprüche des Meisters Eckehart als Kirchenschmuck vorgesehen.106 Ein ganzes Kapitel, das später auch als separate Publikation erschien, war diesem „Apostel der Deutschen“ 107 gewidmet. Wotan war tot, doch Eckehart lebte. Nachdem 600 Jahre über seinem Grab verrauscht waren, begriff ihn nun die deutsche Seele, den Mystiker der Tat, der über die „Kraft der seelischen Zusammenballung“ verfügte.108 Eckehart galt Rosenberg als die Verkörperung alles Deutschen. Er lehnte alles Dogmatische, wie es etwa der Vatikan repräsentierte, ab und hatte das Freiheitsbewußtsein germanischen Seelenadels. Die christlich-kirchlichen Höchstwerte Liebe, Demut und Barmherzigkeit hatten gegenüber der adeligen Seele an Höhe, Tiefe und Größe zurückzustehen. 109 „(Eckehart) gebührt das unvergängliche Verdienst, die Seele als die stärkste Macht der Welt erkannt und in ihre königlichen Rechte eingesetzt zu haben. Die so verstandene Seele aber ist mehr als die Mitte des uns bekannten Menschen; sie ist die Mitte des Alls. Im Zusammenklang von Seele und Welt wird sie ihrer Göttlichkeit inne. Hinfort weiß sie um ihre eigene unausschöpfliche Tiefe und Weite. Sie bedarf keiner Offenbarung, weil sie selbst ‚Offenbarung’ ist. Ihre Wahrheit aber kündet sie im Mythos, um sie im Symbol Gestalt werden zu lassen.“110 Der über 27 Spalten sich erstreckende Artikel über Eckehart schloß mit den Worten: „So betrachtet, ist der Eckehartstreit, die Auseinandersetzung zwischen Alfred Rosenberg und Theologie und Kirche, grundsätzlich bereits entschieden. Die deutsche Seele ist aufgerufen, diese Entscheidung allgemeine deutsche Wirklichkeit und Tat werden zu lassen.“111
Auch im Inland ließen die Reaktionen nicht lange auf sich warten. Am 14. Februar 1931 meldete der Völkische Beobachter: „Bayerische Bischöfe gegen den Nationalsozialismus“. In den Verordnungsblättern aller acht bayerischen Diözesen wurde ein Text verbreitet, der katholischen Geistlichen jede Mitarbeit in der NSDAP verbot. Was der Nationalsozialismus Christentum nenne, sei nicht mehr das Christentum Christi, referierte der Völkische Beobachter. Der „Mythus“ wurde mit keinem Wort erwähnt, aber drei Tage später erschien eine umfangreiche Stellungnahme „In eigener Sache“ von Alfred Rosenberg. „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“, so heißt es dort, „ist ein rein persönliches Bekenntnis, das keinen parteiamtlichen Charakter trägt.“ 38 Das Buch sei weder atheistisch noch gotteslästerlich, allerdings nicht dezidiert katholisch. Der „Mythus“ sei nicht antichristlich, sondern plädiere für die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse bei Neutralität des Staates.39 Er propagiere weder Wotanskult noch Abtreibung oder „Kameradschaftsehe“. Mit letzterem waren nichteheliche Lebensgemeinschaften gemeint, zu denen er sich eine Anmerkung nicht verkneifen konnte:
Rosenberg konzentrierte sich im weiteren Verlauf seiner Stellungnahme ganz auf seine Polemik gegen das machtgierige Zentrum, das seinem Opportunismus noch jeden Grundsatz zu opfern bereit sei, so daß der Nationalsozialismus als einziger Damm gegen den Bolschewismus bleibe, was die Frage, ob dieser Damm gerade durch den „Mythus“ eine Verstärkung erfuhr, indes noch nicht beantwortete. Immerhin wandte sich selbst der nationalsozialistische Vorzeigekatholik Abt Schachleitner an verschiedene Parteistellen, weil er den „Mythus“ und mit ihm seinen Verfasser für eine Belastung hielt.41 Wollen wir Rosenbergs Bericht glauben, so bot er Hitler seine Entlassung aus den Diensten der Partei an, was dieser postwendend ablehnte.42
Was nun die Rezeption des „Mythus“ innerhalb der NSDAP betrifft, so müssen wir bei der Lektüre der Quellen das Kriegsende als Zäsur ansehen, wie das auch sonst für Rosenberg gilt. Während es nach 1945 eine starke Tendenz zur Ridikülisierung seiner Person und seines Hauptwerkes gibt, ist das zuvor keineswegs der Fall. Wenn Albert Speer in seinen Erinnerungen von höchst abfälligen Bemerkungen Hitlers über den „Mythus“ berichtet43, so ist hier Vorsicht geboten. Unter der Meinungsführerschaft von Joachim Fest hat man nach Kriegsende im deutschen Sprachraum versucht, Rosenberg zum weltfremden Trottel abzustempeln, so daß dann auch kein Anlaß mehr bestand, sich mit dem "Mythus" auseinanderzusetzen. Zuvor hatte es anders geklungen. Hanns Johst schrieb Rosenberg, er habe diese „Enzyklopädie einer nationalsozialistischen Weltanschauung“ verschlungen44, Ernst Niekisch berichtet, die Parteiführer hätten es, trotz seines offiziell privaten Charakters, „als ihr weltanschaulich-philosophisches Grundbuch“ angesehen45. Glaubhafter als die abfälligen Bemerkungen Hitlers, die in Nachkriegsmemoiren berichtet werden, sind die Aufzeichnungen der „Tischgespräche“, die durchaus eine innere Distanz zum „Mythus“ erkennen lassen, die sich allerdings vor allem auf die Wirkung des Werkes im Kirchenkampf bezieht. Die hauptsächliche Leserschaft, so Hitler, sei nicht unter den Altparteigenossen zu suchen, sondern in Kirchenkreisen, die dem „Mythus“ durch ihren anhaltenden Widerstand überhaupt erst zu einem Verkaufserfolg verholfen hätten. Er selbst habe das Buch nur zum geringen Teil gelesen, da es zu schwer verständlich geschrieben sei.46 Noch positiver liest es sich bei Hans Severus Ziegler, der berichtet, Hitler habe "seine allgemeine Zustimmung mit einigen Vorbehalten" geäußert.47 Bezeichnend ist eine andere Äußerung in den „Tischgesprächen“:
Für Rosenberg war dabei das eine vom anderen nicht zu trennen. Die Gedanken, die im „Mythus des 20. Jahrhunderts“ ihren Niederschlag fanden, hatten ihn seit frühester Zeit beschäftigt, und dabei hatte gerade ein antireligiöser Impuls eine große Rolle gespielt. In seiner autobiographischen Aufzeichnung „Wie der ‚Mythus’ entstand“ nennt Rosenberg zwei Ereignisse aus dem Jahr 1909 als die „entscheidenden Antriebe für die Unbedingtheiten des Werkes“53. Da ist zum einen der Pastor Traugott, der ihn konfirmierte und Rosenberg gerade durch seine überzeugende Religiosität in seiner Abneigung gegen das Christentum bestärkte:
Der antisemitische Kulturtheoretiker Houston Stewart Chamberlain ist zweifellos derjenige Denker, der auf den Autor des „Mythus“ den größten Einfluß hatte.57 Chamberlain, der 1855 in Portsmouth geboren worden war, hatte seit 1882 regelmäßig die Bayreuther Festspiele besucht und war seit 1908 mit Richard Wagners Tochter Eva in Bayreuth verheiratet. 1916, mitten im Krieg, in dem er für die deutschen Kriegsziele eintrat, hatte er ostentativ die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. (Wir dürfen vermuten, daß sich der gebürtige Russe Rosenberg auch wegen seines Lebensweges dem gebürtigen Engländer Chamberlain besonders verbunden fühlte.) Chamberlain übernahm von Wagner und Gobineau deren rassentheoretische Ansichten, verschärfte aber gegenüber dem gewissermaßen noch vormodernen Rassismus von Gobineau oder Lapouge den antisemitischen Ton entschieden 58. Chamberlain entwickelte eine Kulturtheorie mit der bekannt gewordenen Dreiteilung in Kulturschöpfer, allen voran die Germanen, Kulturbewahrer und Kulturzerstörer. Die gefährlichsten Repräsentanten der letzten Gruppe waren natürlich die Juden. Diese Dreiteilung durchzog in der Folge das gesamte nationalsozialistische Schrifttum und fand sich namentlich auch in „Mein Kampf“ wieder.59 Für Rosenberg war der Sinn der Weltgeschichte blauäugig und blond, von Norden ausstrahlend war er über die ganze Welt gegangen. 60 Nordische Schöpferkraft konnte sich dabei in vielerlei Gestalt äußern, in der Metaphysik des arischen Indien ebenso wie im religiösen Mythus des dualistischen Kampfes zwischen Licht und Finsternis des arischen Persien, in der Schönheit des dorischen Griechenland ebenso wie in der Staatszucht des italischen Rom. Der Beitrag des germanischen Europa bestand vor allem in der Lehre vom Charakterwert, der Idee der Gewissensfreiheit und der Ehre.61 Rosenberg überhöhte Chamberlains Nord-Süd-Antithese zu einem pseudoreligiösen Dualismus.62
Chamberlain vertrat die These, Christus sei der Religion nach Jude gewesen, der Rasse nach aber nicht. Er propagierte die Reinigung des Christentums von allem Jüdischen und wurde so sowohl zum Vorläufer des nationalsozialistischen Rassenantisemitismus als auch der völkischen Theologie der Deutschgläubigen. 1927 widmete Rosenberg Chamberlain eine Biographie „als Verkünder und Begründer einer deutschen Zukunft“ – so der Untertitel des Buches. Es hat vier Kapitel: Der Deutsche – Der Staatsmann – Der Denker und Forscher – Der Christ und Gestalter. In letzterem entfaltete Rosenberg das ganze Pathos seiner Klage gegen das artfremde Christentum, gegen die fälschlich christlich sich nennenden Kirchen, gegen die „furchtbare Folge der Einimpfung des jüdisch-syrischen Geistes“ 63 und gegen Paulus, den so geschickten Agenten jüdischer Interessen, der vor allem die Frauen hypnotisierte, so daß am Ende die Kirchen nicht christlich, sondern paulinisch waren 64. Dagegen stand die Anrufung eines von jüdisch-paulinisch-kirchlicher Vereinnahmung befreiten Christus:
Auch auf den Orientalisten und Kulturphilosophen Paul de Lagarde (1821-1891) berief sich Rosenberg ausdrücklich. Fast 30 Jahre früher als Chamberlain geboren, gehörte de Lagarde mit Wagner, Gobineau und Langbehn noch zur Generation der Gründerväter des modernen Antisemitismus. Rosenberg übernahm von ihm zum einen seine radikale Zivilisationskritik, zum anderen seinen mit der Reinerhaltung des Blutes argumentierenden völkischen Antisemitismus und wurde zum maßgeblichen Protagonisten der Lagarde-Renaissance nach 1933. Auf dem Reichsparteitag 1934 stellte Rosenberg de Lagarde in eine Reihe mit Goethe, Hölderlin, Wagner, Nietzsche und Chamberlain als Vorkämpfer „für eine Neugeburt des deutschen Wesens“, wobei sein Beitrag darin bestand, von einem „kulturellen religiösen Erwachen“ zu träumen.67 „Unter den Männern, die einst als Propheten der neuen Weltanschauung und Miterbauer des völkischen Staates genannt sein werden, strahlt einer besonders hervor: Paul de Lagarde.“, hatte Rosenberg schon 1927 geschrieben.68 Die Nationalsozialistischen Monatshefte eröffnete er 1930 mit einem Aufsatz, der wiederum de Lagarde zum Gegenstand hatte. Heute gelte es, der Vernichtung der seelisch-rassischen Substanz der deutschen Nation und ihrer echten religiösen Werte zu wehren. 69 Der „Erste Deutsche Nationalstaat“ müsse erstehen aus dem nationalistischen Ehrbegriff Friedrich des Großen, der sozialistischen Rechtsidee des Freiherr von Stein und der Blutsidee de Lagardes. 70 Tatsächlich hatte de Lagarde in seinen „Deutschen Schriften“ die Schwächen des Bismarck-Reiches mit äußerster Schärfe gegeißelt, das, da es noch Juden in seiner Mitte duldete, kein deutscher Nationalstaat war.71 Der erste deutsche Nationalstaat bedurfte auch einer nationalen Religion, die das von den Kirchen gelehrte und repräsentierte Christentum nicht sein konnte. Deshalb war de Lagarde auch, so wie später Rosenberg, aus der Kirche ausgetreten. Schlüssel zu der erforderlichen religiösen Erneuerung sollte das vergleichende Studium aller historischen Religionen sein72, eine Idee, die sich im „Mythus“ ebenfalls wiederfindet. Die neue Religion sollte aus einer Verschmelzung der alten Lehren des Evangeliums mit den „natürlichen Eigenschaften des deutschen Volkes“ hervorgehen. 73
Ein dritter Vorläufer sei schließlich genannt, der „neben Lagarde als einziger gegen die ganze bürgerlich-kapitalisierte Welt der Alberiche (rang)“74 – Richard Wagner, der einzige, dem Rosenberg im „Mythus“ einen ganzen Abschnitt widmete. Seine Musikdramen gehörten zu den großen Schöpfungen des germanischen Abendlandes, sie seien der größte bewußte Versuch, die Erhabenheit des Willens zu wecken.75 Die Vereinigung von Tanz, Musik und Dichtung war die „Vollendung des arischen Mysteriums in Bayreuth“ 76. In Wagners Werken offenbarte sich das Wesentliche aller abendländischen Kunst, „daß die nordische Seele nicht kontemplativ ist, daß sie sich auch nicht in individuelle Psychologie verliert, sondern kosmisch-seelische Gesetze willenhaft erlebt und geistig-architektonisch gestaltet.“77 Alle drei Faktoren künstlerischen Lebens kamen hier zusammen: das nordische Schönheitsideal, innere Willenhaftigkeit und das Ringen um den Höchst-Wert des nordisch-abendländischen Menschen, die Heldenehre.78
Auch wenn Hutchinsons Urteil, Rosenberg sei ein halbgebildeter intellektueller Scharlatan gewesen,79 am Ende womöglich nicht unberechtigt ist, so hat er sich doch mit vielerlei Autoren auseinandergesetzt. Außer Chamberlain, de Lagarde und Richard Wagner läßt sich u.a. die Benutzung folgender Autoren und Werke aus seinen Aufzeichnungen erschließen:
Johann Jakob Bachofen
Johann Caspar Bluntschli, Rom und die Deutschen
Arthur Böthlingk, Zur Aufhellung der Christusmythologie
Heinrich Boos, Geschichte der Freimaurerei
Jakob Burckhardt, Die Zeit Constantins des Großen
Edgar Dacqué, Erdzeitalter
Randolf C. Darwin, Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche oder Schamanen, Wundertäter und Gottmenschen als Beherrscher der Welt
Paul Deussen, Allgemeine Geschichte der Philosophie
Eduard Duller, Die Jesuiten wie sie sind
Eduard Eckert, Der Freimaurer-Orden in seiner wahren Bedeutung
Johann Gottlieb Fichte
Josef Gabriel Findel
Kuno Fischer, Geschichte der Philosophie
Edward Gibbon, Verfall und Untergang des Römischen Reiches
Johann Wolfgang von Goethe, „40 Bände“ 80
Eberhard Gothein, Ignatius von Loyola und die Gegenreformation
Ernst Haeckel
Johannes Haller, Das Papsttum
Johann Gottfried Herder
D’Oest Hoensbroech, César
Immanuel Kant
Wilhelm Keller, Geschichte des eklektischen Freimaurerbundes
Moritz Lazarus, Die Ethik des Judentums
Lübke-Gemrau-Haaks, Kunstgeschichte
Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra
Georg Pachtler, Der Götze der Humanität oder das Positive der Freimaurerei
Otto Pfleiderer, Die Entwicklung des Christentums
Leopold von Ranke, Geschichte der Päpste
Ernest Renan, Histoire du peuple d’Israel
Erwin Rohde
Moritz Ritter, Die Entwicklung der Geisteswissenschaften
Arthur Schopenhauer
Leopold von Schroeder
Othmar Spann, Theorien der Volkswirtschaftslehre
Oswald Spengler, Untergang des Abendlandes
Bernhard Stade, Bibelforschung
ders., Geschichte des Volkes Israel
Julius Wellhausen, Israelitische und jüdische Geschichte
Ulrich Wilamowitz-Moellendorf, Der griechische und der platonische Staatsgedanke
Hermann Wirth, Aufgang der Menschheit81
Mindestens so interessant wie das Studium dieser Liste ist die Frage, was Rosenberg nicht gelesen hat. So finden sich in Hitlers Lesebiographie die folgenden Autoren, die bei Rosenberg nicht vorkommen: Wilhelm Bölsche, Gustav Le Bon, Carl von Clausewitz, Charles Darwin, Sigmund Freud, Hanns Hörbiger, Thomas Maltus, Gregor Mendel, Alfred Ploetz.83 Selbst mit Günthers Rassetheorien hat Rosenberg sich nach eigenem Bekenntnis erst später beschäftigt, Fischer und Baur-Lenz waren ihm unbekannt, von den Rassebiologen hatte er „wenig Kenntnis“ 84. Denn – für einen ehemaligen Architekturstudenten und Zeichenlehrer nicht erstaunlich – Rosenberg „kam vom eigenen Kunsterleben her“85. Das Zentrum des „Mythus“ bildeten die „Gedanken über die Gestalten der Kunst.“86 Die Geschichte der Architektur war Rosenbergs Ausgangspunkt, griechische Tempel, abendländische Dome, aber auch die „lustigen russischen Kirchen in gelber, grüner, rosaroter Bemalung und mit zahlreichen Vergoldungen“ mit ihrer „kerzenduftende(n) Orthodoxie“ hatten es ihm angetan:87 „Und vom Erlebnis der Kunst aus begann der spätere ‚Mythus des 20. Jahrhunderts’ herauszuwachsen.“ 88 Erstes Ergebnis dieses Wachstumsprozesses war der Aufsatz „Von Form und Formung im Kunstwerk“ aus dem Jahr 1918. 89 Diese Herzergießungen eines Zeichenlehrers verraten allerdings noch wenig von den eigentlichen Themen des „Mythus“, in dem es dann auch einen Teil „Das Wesen der germanischen Kunst“ gab, der aber ganz andere Themen hatte und zudem der schmälste war. Ihm voraus ging „Das Ringen der Werte“; der abschließende dritte Teil des „Mythus“ hieß „Das kommende Reich“. Victor Klemperer übersetzte sich die Titel der drei „Bücher“ sehr treffend so: „I Die begriffliche und historische Grundlegung. II Die Kunst des nordischen Menschen. III Programm des nationalsozialistischen Staates.“ 90 und faßte den Inhalt von Rosenbergs voluminösem Werk knapp und treffend zusammen:
Die Vorstellung, daß der Mensch ein Knecht Gottes war, war als jüdisch zu verwerfen. Der Paulinismus hatte sie in die Kirche hineingetragen. Eckehart war, in der Interpretation Rosenbergs, auch ein Kronzeuge dafür, daß der nordische Mensch nicht erbsündig, sondern erbadelig war. Das von Rosenberg herausgegebene „Handbuch der Romfrage“ kam später zu der Feststellung:
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Die Theologen waren da ganz anderer Meinung. In den zahlreichen theologischen Schriften, die sich mit Rosenberg und seinem „Mythus“ auseinandersetzten, nahm Eckehart eine wichtige Stellung ein, wobei die kritischen Stimmen zumeist die Auffassung vertreten, Rosenberg habe Eckehart einfach gar nicht verstanden, woran die von ihm benutzten schlechten Übersetzungen möglicherweise die Schuld trugen. 112 Solche Einwände fochten Rosenberg natürlich, wir haben es gerade gehört, nicht an. Für ihn war Eckehart ein zentraler Zeuge für die Gottähnlichkeit des Menschen. Wenn Gott und menschliche Seele gleichwertig waren, so war der Mensch auch aufgerufen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Eckehart wurde zu einem Proponenten einer Religion des Blutes, dessen Opfern heilige Handlung war. Den „zwei Millionen deutscher Soldaten, die im Weltkrieg fielen“ war der „Mythus des 20. Jahrhunderts“ gewidmet, das Titelblatt schmückte ein Motto Eckeharts.113 Die Blutreligion hatte ihren Ausgangspunkt nicht in der Sphäre des Übersinnlichen, sondern in der Natur selbst. Sie basierte auf der Idee der Rasse und war insofern exkludierend. Sie wollte die Glieder der Volksgemeinschaft umschließen, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Die Rassenseele offenbarte sich im blutgebenden Volkstum.114 Der Mythus des Blutes war die Antwort auf das seelenlose Rassenchaos. Dieser Mythus des 20. Jahrhunderts war Rosenbergs Antwort auf die Legitimationskrise der Weimarer Republik. 115 Der ario-heroische Lichtmensch im Kampf mit dem jüdischen Dämon, dem Herrn der Finsternis Diese manichäische Antithetik wurde weiter forciert durch das Kriegserlebnis, dessen Bedeutung für den Prozeß der deutsch-jüdischen Dissimilation nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Hinzu kam die Russische Revolution, die Rosenberg als Student in Moskau miterlebt und als jüdisch-bolschewistische Revolution wahrgenommen hatte. Antisemitismus, Antibolschewismus und Antiklerikalismus fielen in eines beim Überlebenskampf der nordischen Rasse. „Das kommende Reich“ heißt das dritte Buch des „Mythus des 20. Jahrhunderts“. Es endet mit dem Kriegserlebnis, mit dem auf den Schlachtfeldern neu erwachenden Mythus des Blutes. Aus diesem letzten Kapitel „Erwachen des Blutmythus 1914“ sei ein etwas längerer Abschnitt zitiert, der Rosenbergs hohen Ton gut charakterisiert: „Dieser neue und doch alte Blutmythus, dessen zahlreiche Verfälschungen wir erleben, war auch im Rücken der einzelnen Nation bedroht, als dunkle, satanische Kräfte überall hinter den siegenden Heeren von 1914 wirksam wurden, als wieder eine Zeit begann, da der Fenriswolf seine Ketten zerbrach, die Hel mit dem Geruch der Verwesung über die Welt zog und die Midgardschlange das Weltmeer aufpeitschte; aber all die Millionen und Abermillionen konnten nur hinter e i n e rLosung zum Opfertod bereit gemacht werden. Dieses Losungswort hieß: des Volkes Ehre und seine Freiheit. Der Weltenbrand ging zu Ende, namenlose Opfer waren gefordert und gebracht worden von allen, da zeigte sich aber, daß die dämonischen Mächte über die göttlichen im Rücken der Heere gesiegt hatten. Hemmungsloser denn je toben sie ungefesselt durch die Welt, erzeugen neue Unruhe, neue Brände, neue Zerstörung. Zu gleicher Zeit aber wird in den gebeugten Seelen der Hinterbliebenen der toten Krieger jener Mythus des Blutes, für den die Helden starben, erneut, vertieft, bis in die letzten Verästelungen erfaßt und erlebt. Diese innere Stimme fordert heute, daß der Mythus des Blutes und der Mythus der Seele, Rasse und Ich, Volk und Persönlichkeit, Blut und Ehre, allein, ganz allein und kompromißlos das ganze Leben durchziehen, tragen und bestimmen muß. Er fordert für das deutsche Volk, daß die zwei Millionen toter Helden nicht umsonst gefallen sind, er fordert eine Weltrevolution und duldet keine anderen Höchstwerte mehr neben sich.“119 Und wenig später heißt es: „Dieser alt-neue Mythus treibt und bereichert bereits Millionen von Menschenseelen. Er sagt heute mit tausend Zungen, daß wir uns nicht ‚um 1800 vollendet’ hätten, sondern daß wir mit erhöhtem Bewußtsein und flutendem Willen zum erstenmal a l s g a n z e s V o l k wir selbst werden wollen: ‚Eins mit sich selbst’, wie es Meister Eckehart erstrebte. Mythus ist für Hunderttausende von Seelen nicht etwas, was man mit gelehrter Überheblichkeit als Kuriosität in Katalogen vermerkt, sondern das Neuerwachen des zellenbildenden seelischen Zentrums. Das ‚allein, ich will’ des Faust nach Durchwanderung der ganzen Wissenschaft ist das Bekenntnis der neuen Zeit, die eine neue Zukunft will, und dieser Wille, das ist unser Schicksal.“ 120 Wenn hier innerhalb weniger Zeilen von Millionen bereicherter Seelen nur noch Hunderttausende bleiben, so ist zu bedenken, daß Rosenberg den „Mythus“ in der ersten Hälfte der 20er Jahre schrieb, als der Wählerzuspruch, den die NSDAP erfuhr, noch äußerst bescheiden gewesen war. Um im Kampf der Rassenseelen erfolgreich bestehen zu können, mußte die nationalsozialistische Bewegung aber zunächst einmal die Seelen der eigenen Rasse für ihre Ideen gewinnen. Die Macht im Staate war für Rosenberg nur das erste, nicht das wichtigste Ziel. Deshalb fügte er nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler seinem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ ein neues Vorwort hinzu, in dem es in aller Bescheidenheit hieß: „Der Mythus hat heute tiefe, nicht mehr auszutilgende Furchen in das Gefühlsleben des deutschen Volkes gezogen.“121 Und weiter: „Die staatspolitische Revolution ist beendet, die Umwandlung der Geister aber hat erst begonnen. In ihrem Dienst steht nunmehr der ‚Mythus des 20. Jahrhunderts’ mit in erster Reihe.“ 122 Die nationalsozialistische „Machtergreifung“ schuf die Voraussetzung für den Kampf um die Seelen im Inneren, dem nach erfolgreicher deutscher Wiedergeburt der Seelenkrieg nach Außen folgen sollte. Rosenbergs Weltbild schlug sich auch nieder in seinem agonalen Vokabular, wobei auffällig ist, daß die vielen Publikationen, deren Titel das Wort „Kampf“ enthalten, mit einer Ausnahme alle nach 1933 erschienen sind. „Der Kampf um die Weltanschauung“ heißt eine Rede vom 4.2.1934, „Der entscheidende Weltkampf“ eine Schrift von 1936, „Germanische Lebenswerte im Weltanschauungskampf“ ein Aufsatz aus demselben Jahr, „Kampf zwischen Schöpfung und Zerstörung“ die Rede auf dem „Parteitag der Arbeit“ 1937. Weitere Beispiele ließen sich hinzufügen. Befriedigt notierte Alfred Rosenberg am 6.2.1939 in seinem Tagebuch: „Die Vorträge nehmen mich jetzt immer mehr in Anspruch. ... Sie beweisen mir, daß mein Kampf um die Seele und Haltung der Partei grundsätzlich heute schon gesiegt hat.“123 Im Kriege sollte Rosenberg erneute Bedeutung zuwachsen, aber erst im Weltanschauungskrieg gegen die Sowjetunion. Im Westen genügten die Pragmatiker der Macht. „Anknüpfend an die sich stets erneuernden mythenstarken Kräfte des Blutes liegt über ihm selbst ein Hauch der Unvergänglichkeit, bürgt es für die Gewißheit einer aufsteigenden Zukunft.“126 Der Mythus war „das innere Zentrum, aus dem die Willensstränge hinausgehen“, wie Rosenberg im Nürnberger Gefängnis für seinen Verteidiger Dr. Thoma notierte. 127 Der Mythus bestimme die Haltung eines Volkes durch alle wissenschaftlichen und konfessionellen Überzeugungen hindurch, sein Erleben könne einen „Typus“ bilden.128 Rosenberg hatte immer den Plan gehabt, dem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ ein zweites Buch folgen zu lassen. Dazu kam es nie, aber schon das Gerücht von der Existenz eines Manuskripts versetzte seine Konkurrenten um Hitlers Gunst in Aufregung. Am 25. Oktober 1942 schreib Heinrich Himmler an Martin Bormann: „Lieber Martin! Doch dieses neue Buch war nun wirklich ein Mythos im einfachsten Sinne des Wortes, so daß es der lenkenden Hand des „Führers“ nicht bedurfte. „der Prometheus der Menschheit, aus dessen lichter Stirne der göttliche Funke des Genius zu allen Zeiten hervorsprang, immer von neuem jenes Feuer entzündend, das als Erkenntnis die Nacht der schweigenden Geheimnisse aufhellte und den Menschen so den Weg zum Beherrscher der anderen Wesen dieser Erde emporsteigen ließ.“130 Auch Rosenberg bezog sich im „Mythus“ auf den ariosophischen Atlantismythos, verlegte die Insel allerdings nach Norden, so daß sie mit Thule zur Deckung kam. Rosenberg wußte natürlich, auf wie wackeligen Füßen die „Atlantishypothese“ stand und stellte deshalb fest, auch wenn sie sich letztlich als nicht haltbar erweise, „wird ein nordisches vorgeschichtliches Kulturzentrum angenommen werden müssen.“131 Zentral- und Nordeuropa waren das „Geburtsland aller arischen Völker“.132 „Der Sonnenmythus sämtlicher Arier ist nicht ‚geistig’ allein, er ist kosmische und naturnahe Lebensgesetzlichkeit zugleich.“164 Für ihn ist das Hakenkreuz das „Zeichen des aufsteigenden Lebens“. 165 Nicht überraschend war es, daß auf der Suche nach den nichtjüdischen Traditionen des Christentums auch Christus zum Sonnengott wurde.166 Rosenberg wollte im Heiland gar den auferstandenen Baldur sehen.167 Der Sonnenkult hatte in der völkischen Bewegung eine stetig wachsende Rolle gespielt168, auch Ernst Haeckel sah in der Sonne die Quelle von Leben, Energie und Tat und sah eine quasi naturwissenschaftlich legitimierte Verehrung der Sonne als der christlichen Religiosität überlegen an 169. „Die philosophische Wiederbesinnung der deutschen Gegenwart ist die Wiederbesinnung auf unsere seelische Totalität. Ihr Ziel ist die Herrschaft der völkisch geprägten Gattungsseele.“ 203 Diese Gattungsseele war nichts anderes als die Rosenbergsche Rassenseele. 204 „Nur eine kerngesunde Frau von guten Rasseanlagen möge dem wertvollen deutschen Manne Mutter seiner Kinder sein.“213 Besonderes Augenmerk war auf die junge Generation zu richten. Der Philosoph Erich Rothacker formulierte 1934: „Ein rassisch befriedigender Bevölkerungsdurchschnitt ist in dem Rassengemisch einzelner deutscher Stämme erreichbar nur durch die energischste Unterstützung aller eugenischen Maßnahmen durch Formung und Zucht des im äußern und innern noch knetbaren jugendlichen Menschenmaterials im Geiste der rassisch besten Bestandteile einer Erbmasse.“214 Schon 1927 taten sich der Eugeniker Eugen Fischer und der Rasseforscher Günther zusammen und veranstalteten einen Wettbewerb, bei dem die 50 schönsten Köpfe preisgekrönt wurden.215 „Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen.“224 Zur Abwehr der Juden gab es keine Alternative. Und ihre Abwehr mußte in ihre Vernichtung münden. Die Judenvernichtung war gewissermaßen Arbeit am Mythos, am Mythos des Blutes. „In ihrem herausgegebenen Buch ‚Der Mythus des 20. Jahrhunderts’ verkünden Sie eine neue Religion, welche von jedem wahren Christen als Irrlehre ganz entschieden zurückgewiesen werden muß.“231 Dies war das Beispiel eines gläubigen Christen, die nicht nur die Mehrheit der Wähler der NSDAP stellten, sondern auch das Gros der Mitglieder der Partei. Die Tatsache, daß es nur wenige solche Stimmen gab, sollte uns darüber nicht hinwegtäuschen. Wer den „Mythus“ ablehnte, machte sich meist nicht die Mühe, das dem Autor auch mitzuteilen. „Das Buch verspottet alle Dogmen der katholischen Kirche und die Fundamente der christlichen Religion, und lehnt sie ab. Es verteidigt die Notwendigkeit der Gründung einer neuen Religion oder einer deutschen Kirche, und spricht es grundsätzlich aus, daß heute ein neuer mythischer Glaube erstehe, der mythische Blutglaube, ein Glaube, nach dem auch die göttliche Natur des Menschen mit Blut verteidigt werden könne, ein Glaube, der sich auf sonnenklare Wissenschaft aufbaue, nach der das nordische Blut jenes Geheimnis darstelle, wodurch die alten Sakramente abgelöst und abgetan sind.“ 232 Rosenberg berichtete in seinen letzten Aufzeichnungen sachlich unzutreffend, sein Buch sei kurz nach Erscheinen auf den Index gesetzt worden 233, wobei er sich wieder mit einem der Großen vergleicht. Die biographische Parallele bezieht sich hier auf Kopernikus, dessen Bücher, trotz der wissenschaftlichen Unbestreitbarkeit ihrer Erkenntnisse, ebenfalls auf dem Index librorum prohibitorum gelandet waren und erst im Laufe des 19. Jahrhunderts von der Liste wieder verschwanden.
Der „Mythus des 20. Jahrhunderts“ war vielleicht kein Mythos im klassischen Sinne. Er erzählte keine mythische Geschichte.116 Er war ein sozialer Mythos im Sinne George Sorels, der durch eine Ordnung von Bildern die Menschen in gemeinsamer Aktion mobilisierte. Der Mythos von der nordischen Rassenseele prägte religiös hypostasierte Bilder; mythisiert wurde nicht eine göttliche, sondern eine seelische Macht, nicht die Sphäre des Übersinnlichen, sondern die Natur in ihrer ursprünglichen, noch von jeder zivilisatorischen Dekadenz und rassischen Degeneration verschonten Form. „Natürlich“, „gesund“ und „sauber“ waren die Codeworte der exterminatorischen Exklusion.117 Der Mythos des nordischen Blutes befand sich in einem Kampf auf Leben und Tod mit dem behaupteten Gegenmythos, dem Mythos von der jüdischen Weltherrschaft. Das Christentum war der Bahnbrecher für den jüdischen Einfluß in Europa gewesen. Der zivilisatorische Abgrund der Großstädte begünstigte ihn weiter und die nur durch Heimtücke zu erklärende Niederlage im Ersten Weltkrieg machte den deutschen Volkskörper vollends wehrlos.
Rosenbergs Mythos war in vielem ein ariosophischer Mythos, ohne daß er sich explizit auf die Ariosophie berufen hätte. Der Manichäismus des modernen Antisemitismus und die Theoreme des „Mythus des 20. Jahrhunderts“ korrespondieren in vielfacher Weise. Die wichtigsten Antithesen sind:
Die am höchsten stehende Rasse der Arier, deren Reinkarnation die Germanen sind, gegen die die unterste Stufe menschlichen Seins repräsentierenden Juden
Die rassisch gebundene Nation gegen fremdvölkische Dekompositionselemente, deren gefährlichstes die jüdischen Parasiten darstellen
Die Reinheit des Blutes gegen die planvolle Vergiftung durch jüdische Blutschande
Die Verteidigung der Schollengebundenheit germanischer Tradition gegen jüdisch-intellektuelles Kosmopolitentum
Nordische Kultur gegen jüdische Zerstörung durch Anverwandlung
Germanische Führerschaft gegen liberalistische Demokratie
Arteigene Religiosität gegen jüdisches Christentum118
Wie tief auch immer die Furchen waren, die der „Mythus des 20. Jahrhunderts“ im Gefühlsleben des deutschen Volkes hinterließ, zweifellos war dies nach „Mein Kampf“ das anspruchsvollste und wohl auch das einflußreichste Werk, das ein führender Nationalsozialist in jenen Jahren schrieb. 124 In weit ausgreifenden Betrachtungen bemühte sich Rosenberg, die Notwendigkeit eines neuen deutschen Mythos darzulegen. Einer Bewegung, die an atavistische Instinkte appellierte, die Visionen entwarf, die ihre Anhänger den grauen Alltag einer heillosen Gegenwart vergessen lassen sollten, kam ein solcher Mythos als das stets mögliche Andere des Logos entgegen. In einer letzten, alles entscheidenden Anstrengung sollten die Volksgenossen mobilisiert werden. Auch hier hatten die Nazis sich im Arsenal der Arbeiterbewegung bedient. „Heilig die letzte Schlacht!“ hieß die letzte Zeile des Liedes „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, das der junge Revolutionär Leonid Radin 1897 in Moskau im Kerker geschrieben hatte und das der Dirigent Hermann Scherchen, der es in russischer Kriegsgefangenschaft kennengelernt hatte, dann nach Deutschland brachte. Die nationalsozialistische Teleologie lieferte keine Utopie, sondern einen Mythos als „Schlachtbild“ im Sinne Sorels.125 Dabei war die Entscheidungsschlacht ebenso unausweichlich wie der schließliche Sieg der guten Sache gewiß. Arno Schickedanz beschloß seine umfängliche Rezension des „Mythus“ im Völkischen Beobachter mit den Worten:
Parteigenosse Rosenberg soll ein neues Buch mit dem Titel ‚Vom Mythus zum Typus’ geschrieben haben und demnächst herausbringen wollen. Ich glaube, es dürfte sich doch empfehlen, dass veranlaßt wird, dass das Buch vorher dem Führer vorgelegt wird.
Heil Hitler!
dein
HH“
Der arische Gestus
In dem titanischen Ringen um die Zukunft der arischen Rasse, das ist hoffentlich deutlich geworden, sah Rosenberg sich und seine Gedankenwelt in einer zentralen Rolle. Er empfand sich als Kopernikus des 20. Jahrhunderts, der im Kampf mit den Mächten der Finsternis dem „Bekenntnis zum deutschen Charakter und deutschen Seelentum“ zum Sieg verhelfen wollte. Wie Kopernikus, wieder eine biographische Parallele, war er von den Kirchen unverstanden, die dennoch den Fortschritt nicht würden aufhalten können, „genauso wenig kann eine Bekämpfung der vom Nationalsozialismus geschützten und verwirklichten Rassenkunde die neue Entdeckung des Zusammenhangs zwischen Blut und Charakter ungeschehen machen.“129
Rückbesinnung auf germanische Werte und pseudowissenschaftliche Rassentheorie sollten dem arioheroischen Lichtmenschen zur Wiederauferstehung verhelfen, sollten die deutsche Wiedergeburt möglich machen. Im atheistischen Zeitalter hatten göttergleiche Lichtmenschen die Welt bevölkert. In den blonden Ariern lebte noch die Erinnerung an sie. Der Arier war, so hieß es in „Mein Kampf“,
Der Arier, daran war kein Zweifel möglich, war ein Nordländer. Er war, wie Léon Poliakov in seiner brillanten Analyse „Der arische Mythos“ bemerkt, „ein Abendländer männlichen Geschlechts, der den ‚oberen’ oder bürgerlichen Klassen angehörte und sich ebenso durch den Unterschied zu Farbigen, Proletariern und Frauen definieren ließ.“133 Der Arier war blond und blauäugig, er war der Natur zugewandt und zeigte sich gerne im „Lichtkleid“. Er war ein Individualist, kein Massenmensch,134 und stand insofern der Großstadt skeptisch gegenüber. Er repräsentierte den Mittelstand, der sich gegen das raffende Kapital der jüdischen Bankiers und Börsenspekulanten und gegen das wurzellose Lumpenproletariat gleichermaßen absetzte. Der Arier war von männlicher Schönheit und vornehmer Gesittung. Körperliche Häßlichkeit dagegen war die Folge elterlicher Unsittlichkeit. Diese Unsittlichkeit konnte sich gleichermaßen in "rassenunwirtschaftlicher" Erziehung, im Feminismus und in öffentlichen Verhältnissen, die den Arier in tiefe soziale Schichten hinabstießen, äußern, wie Richard Ungewitter feststellte135, der Vorkämpfer des „Treubundes für aufsteigendes Leben“, der wichtigsten Organisation einer rassistisch sich artikulierenden Freikörperkultur, wie sie auch die „Arbeitsgemeinschaft der deutschen Lichtkämpfer“ propagierte. In der Nacktkultur, die „ursprünglich von kerndeutschen Männern ausging“ 136, kulminierten die Rückwendung zur Natur, die Hypostasierung der volkskörperlichen Gesundheit und der Anspruch rassischer Suprematie. Die Rasse wurde zum faschistischen Körperpanzer. 137 Niemand hat das eindringlicher visualisiert als der völkische Gesinnungskünstler Fidus (bürgerlich Hugo Höppener, 1868-1948) in seinem „Lichtgebet“, das sein ganzes Schaffen durchzieht. Er hat dieses Motiv nicht weniger als elfmal gestaltet, zuerst 1890, zuletzt 1938; eine der späten Versionen erwarb Martin Bormann. 138 Fidus, der wie sein Lehrer Karl Wilhelm Diefenbach, die „Freie Körper-Kultur“ (FKK) propagierte 139 und sich auch gegen die Beschneidung von Haupt- und Barthaaren wandte, in denen er kosmische Antennen sah, verband die Propagierung von Licht, Luft, Sonne und Nacktheit mit dem zeittypischen kosmischen Pathos, weswegen ihn der nationalsozialistische Saubermann Wolfgang Willrich als unorganisch-wesenlosen Okkultisten zu schmähen suchte, 140 während andere in ihm den schöpferischen nordischen Geist sahen, der „visionär den Gottkult künftiger Zeit erschaut“ 141. Fidus war wie kein zweiter Künstler ein Proponent des Lichtglaubens142, der auf heldisches Prophetentum wie Feuerverehrung und Sonnenanbetung gleichermaßen rekurrierte.
Fidus’ „Lichtgebet“, eine Ikone der Lebensreformbewegung, war auch Ausdruck der Sonnenverehrung, wobei die Sonne nicht als mythische Gottheit verehrt wurde, sondern als Inbegriff arischer Welterleuchtung. Der Sonnenkult äußerte sich in vielerlei Gestalt, von den Sonnwendfeuern der Wandervögel bis zur Kampfzeitschrift für den völkisch und nordisch gesinnten Deutschen „Die Sonne“. Das Periodikum des Germanenordens trug das Motto „Nur Sonnenkindern raunen die Runen!“ 143 Darüber war ein linksläufiges Hakenkreuz abgebildet. In einer Zeit expressionistischer Atemlosigkeit und kosmischer Ekstase bedeutete der Sonnenkult „die Feier des Selbst, die große Weltbejahung, ein kompromißloses Verlangen nach Geltung, das Einschwingen in den biotischen Rhythmus der Schöpfung“144. Von dem Maler und Dramatiker Ludwig Fahrenkrog gibt es ein dem „Lichtgebet“ ähnliches Bild mit dem Titel „Die heilige Stunde“ 145. Ein nackter Mann reckt sich mit erhobenen Armen der Sonne entgegen. Anders als bei Fidus hat der germanische Recke Familie, die in respektvollem Abstand hinter ihm am Boden kauert. In einem anderen Gemälde von Fahrenkrog, „Baldur segnet die Fluren“ 146, wendet sich der nackte Jüngling zum Betrachter. Er schwebt über die Erde, die Sonne ist hinter seinem Kopf, der so mit einem Strahlenkranz umgeben ist. Fahrenkrog hat den germanischen Lichtgott Baldur auch zum Thema eines seiner Dramen gemacht, um „das Genie im Kampf mit den Mächten der Finsternis“ zu zeigen.147 Fahrenkrog war 1907 Mitbegründer der Germanischen Glaubensgemeinschaft und auch Verfasser und Eigenverleger deren erster Schrift. Den Umschlag zierten ein Hammer und ein Hakenkreuz, das sich in einer Sonne befand. Fahrenkrog schreibt dazu: „Wer das Hakenkreuz trägt, will sein: ein Kämpfer und Künder des Lichts“148. Das Hakenkreuz, aus dem Sonnenrad abgeleitet, erfreute sich in völkischen Kreisen ungeheurer Popularität. Es symbolisierte alles Blonde, Lichte, Männliche und Heroische und wurde nach der Jahrhundertwende mehr und mehr zum politischen Symbol. 149 Dabei gibt es zahllose Darstellungen, die an den Ursprung des Hakenkreuzes aus dem Sonnenrad erinnern. Die Postkarte „deutsche Weihenacht“ zeigt ein sich drehendes Hakenkreuz, davor einen Tannenzweig mit Kerze, deren Flamme den Mittelpunkt des Hakenkreuzes bildet. 150 Die Postkarte „O deutsches Danzig, nun erwachst auch du!“ zeigte eine Sonne mit einem Hakenkreuz im Zentrum, die die ganze Stadt überstrahlt.151 Auch heute läßt sich dieselbe Symbolik finden. Die schwedische Skinheadgruppe Storm symbolisiert den weißen arischen Widerstand (Vitt Ariskt Motstånd) durch einen Ritter, auf dessen Schild ein Hakenkreuz zu sehen ist. Überstrahlt wird er von einer Sonne mit einem Hakenkreuz im Zentrum.152 Diese drei Beispiele, die für eine Vielzahl anderer stehen, mögen genügen. Nur eines soll noch erwähnt werden, das besonders interessant ist. Es gibt einen Entwurf für den Buchumschlag des ersten Bandes von „Mein Kampf“ von Hitlers Hand. Der Titel lautet hier noch „Die germanische Revolution“. Über dem Titel weht eine Fahne mit Hakenkreuz, das zugleich den Mittelpunkt einer den ganzen Umschlag überstrahlenden Sonne bildet. 153 Es symbolisierte sich hier der manichäische Kampf mit den Mächten der Finsternis. „Der Sieg des Lichts!“ hieß die Überschrift über einem groß aufgemachten Bericht des VB über eine Sonnwendfeier der SS-Leibstandarte Adolf Hitler am 27. Dezember 1934.154 Wissen um das deutsche Schicksal loderte aus den Flammen und zwang jeden in die „eherne Gemeinschaft der Deutschverschworenen“. 155 Im selben Jahr war Werner Schlegels „Dichter auf dem Scheiterhaufen“ erschienen, eine Schrift zur Rechtfertigung der Bücherverbrennungen, sinnigerweise im Berliner Verlag für Kulturpolitik, als zweiter Band der „Kampfschriften für deutsche Weltanschauung“. Den Umschlag zierte ein Bücherstapel, aus dem eine Flamme emporstieg. Schlegel wußte mitzuteilen, daß das Feuer als Symbol reinigender Kraft mit der germanisch-deutschen Geschichte untrennbar verbunden sei: „Wo andere Völker ihrem Temperament entsprechend enthaupten, erschießen (Rußland) oder stürmen, verbrennt das deutsche Volk.“156 Die Flamme sei „das Symbol letzter Konsequenz“ 157. Angesichts späterer Ereignisse liest man das heute mit einigem Schaudern.
Das Feuer war auch ein zentrales Symbol im Zoroastrismus. Vor dem Feuer wurde gebetet und meditiert.158 Wenn Rosenberg im „Mythus des 20. Jahrhunderts“ auf den Sonnenmythos zu sprechen kommt, bezieht er sich interessanterweise nicht auf die Germanen159, sondern auf Ahura Mazda, den weisen Herrn, dessen Zwillingskinder Spenta Maniyu und Angra Maniyu, das Gute und das Böse verkörpernd, in einem tödlichen Wettstreit miteinander liegen. Der persische Lichtgott müsse eine nordische Heimat haben, denn „nur im hohen Norden rollt das Sonnenrad am Horizont entlang“160. Der solare Mythos ist im hohen Norden geboren worden und wurde von atlantischen Kriegerschwärmen strahlenförmig über die Erde verbreitet.161 Die nordischen Götter waren „Lichtgestalten mit Speer und Strahlenkranz, Kreuz und Hakenkreuz die Symbole der Sonne, des fruchtbringenden, aufsteigenden Lebens“162. Harald Strohm hat in seiner Untersuchung über die Gnosis und den Nationalsozialismus darauf aufmerksam gemacht, daß das Hakenkreuz nicht nur ein Sonnenrad ist, sondern daß das rechtsdrehende Hakenkreuz auch als kosmisches Schöpfrad galt, „das Lichtelemente in Gestalt arischen Blutes aus der Vermischung mit der Finsternis auslöse und ins Paradies hochschaufele“163. Rosenberg bemerkte in diesem Zusammenhang:
Der arische Gestus war von männlicher Natur. Den germanischen Höchstwert als Lebenstypus züchten, konnte nur der Mann: „Das Deutsche Reich wird also, wenn es nach der Revolution von 1933 bestehen soll, das Werk eines zielbewußten Männerbundes sein...“170 So wie der vom Heldengeist arischen Blutes durchglühte Jesus eine „Kampfnatur“171 war, so war auch der Nationalsozialismus im politischen Machtkampf eine „ausgesprochen männliche Erscheinung“ 172. Das germanische Führerprinzip, das den Stärksten und Tüchtigsten an die Spitze der Gemeinschaft stellte, war „das Prinzip des Lebens überhaupt“, wie Rosenberg nach 1946 notierte. 173 Ihm wieder zur Geltung zu verhelfen und einen den Deutschen artgemäßen Mittelweg zwischen Demokratie und Tyrannei zu finden, war das Ziel. Organisationen, staatliche wie religiöse, waren Sache des Mannes. Die Frau sollte Hüterin des Herdfeuers und Bewahrerin der Rassereinheit sein.174
Rosenbergs Mythos war ein zutiefst gnostischer Mythos. Die Gnostiker waren angetreten, den Monotheismus reiner und radikaler zu denken als die Bibel, und dabei, so Micha Brumlik, hinter das Judentum zurückgefallen. 175 An die Stelle des einen Gottes trat der alte zoroastrische Dualismus zwischen Licht und Finsternis. Aus der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen schlossen die Gnostiker auf die Existenz des Satanischen, des schlechthin Bösen in der Welt, für das der gute Gott nicht verantwortlich gemacht werden konnte. Die Seelen der Arier, ursprünglich kosmische Astralwesen, waren in die niedere Sphäre des Materiellen herabgestürzt und sollten nach ihrer Erlösung in ihre Lichtheimat zurückkehren. Helena Petrovna Blavatsky, die Vordenkerin der Theosophie, hatte herausgefunden, daß es zwischen dem Menschen und seinem Astralleib einen Schleier gab, den es im Dienste höherer Erkenntnis zu zerreißen gelte.176 Blavatsky stellte auch die Verbindung zwischen der Theosophie und der damals grassierenden Indomanie her. Ein wichtiges Bindeglied war hier auch, neben Chamberlain selbst, Leopold von Schroeder. Er kam wie Rosenberg aus dem Baltikum und war seit 1899 Professor für Indologie in Wien. 1914/16 erschien sein zweibändiges Hauptwerk „Arische Religion“. Indien, das diejenigen, die nicht der nordischen Lesart folgten, für die Urheimat der Arier hielten, zog aus vielerlei Gründen das Interesse auf sich. Rosenberg ging allerdings von einer nordischen Urheimat der Arier aus und glaubte auch, daß von den „nordischen Kraftquellen Europas“177 – Skandinavien, Finnland, England und Deutschland – seine Erneuerung ausgehen müsse. Mit dieser Sicht der Dinge hatte er viele, etwa die Bayreuther178, auf seiner Seite. Auch der frühe Propagandist der Rassezüchtung Willibald Hentschel, dessen arische Geschichtsbetrachtung den indischen Gott Varuna im Titel führte, setzte auf Skandinavien als arische Urheimat.179
Rosenberg hielt die wahren, die arischen Inder in logischer Konsequenz seines Geschichtsbildes für Einwanderer aus dem Norden180; insofern konnte Indien schadlos als Hort urarischer Religiosität angesehen werden181. Auch der persische Zoroastrismus lebte hier als Parsismus fort. Das indische Kastenwesen faszinierte die Nationalsozialisten naturgemäß. Es galt ihnen als „Schutzmittel der arischen Eroberer gegen die ihnen drohende rassische Bastardisierung“ 182, hatte sich allerdings aus Rosenbergs Sicht nicht als wirksam erwiesen, denn die Arier hatten sich in Indien nicht behaupten können183. Rosenberg selbst stand der zeitgenössischen „Schwärmerei für Alt-Indien“184 eher distanziert gegenüber, denn „alles, was wir ‚indische Kultur’ nennen, ist nur dieser eingewanderten Rasse zu verdanken“185.
Das eigentliche Kernstück seines „Mythus des 20. Jahrhunderts“ war der zweite Teil über das Wesen germanischer Kunst186 „als Ausdruck des schöpferisch formenden Tatwillens der nordischen Rassenseele“187. Rosenbergs Mythos war von seinem Anspruch her zutiefst nordisch-abendländisch, er vertrat höchste Geltungsansprüche als Daseinserklärung für die Menschen. Richard Wagners Satz „Das Kunstwerk ist die lebendig dargestellte Religion“ war dem zweiten Buch des „Mythus“ über das Wesen der germanischen Kunst vorangestellt.188 Dabei, das sollte deutlich geworden sein, ging es um eine Religiosität, die weit entfernt war von allem, was wir uns heute unter diesem Begriff subsumieren.
Die Rassenseele
Wie wir im vorletzten Kapitel gesehen haben, steht die Seele als soziales agens im Mittelpunkt von Rosenbergs Religiosität. Das Leben der Rasse war „Seelenbetätigung“, die Weltgeschichte Rassengeschichte 189, die Begriffe Seele und Rasse unmittelbar komplementär. Gott offenbarte sich in der Rassenseele. 190 Dieser Begriff, der konstitutiv war für den „Mythus“191, hatte eine längere Tradition. Rassenseele und, mehr noch, Volksseele sind Begriffe des 19. Jahrhunderts, deren Genese sich bis zu Herder und anderen zurückverfolgen ließe. 192 Jede rassische Vermischung führte zum Völker- oder Rassenchaos, ein Begriff, den vor allem Chamberlain entwickelt hatte. Rosenberg und Hitler übernahmen dieses Konzept, verbunden mit der Überzeugung, daß man dagegen ankämpfen könne und müsse, daß eine teutonische Regeneration möglich sei und jeder, der sich ihr in den Weg stelle, ein Verräter an seinem Volke sei. Aus diesem Geiste entstanden später die Bestimmungen zur Verhütung erbkranken Nachwuchses nicht weniger als die Nürnberger Gesetze.
Der bedeutendste Repräsentant der Rassologie jener Tage war neben Hans F.K. Günther, dem viel zitierten „Rasse-Günther“, dessen badischer Landsmann und Freund Ludwig Ferdinand Clauß (1892-1974), ein Schüler von Edmund Husserl. Clauß’ Hauptwerke waren „Die nordische Seele“ (1923) und „Rasse und Seele“ (1926). Clauß, der ab 1936 in Berlin einen Lehrstuhl für Rassenseelenkunde inne hatte, betonte die inneren Werte der Rasse und war bemüht, die Bedeutung der äußeren Erscheinung zu relativieren. Wenn es in einem der gängigen Witze jener Tage heißt, der typische Nazi sei schlank wie Göring, athletisch wie Goebbels, blond wie Hitler und arisch wie Rosenberg, so kommt darin zum Ausdruck, daß auch den Zeitgenossen bewußt war, wie wenig die Nationalsozialisten den von ihnen propagierten Idealen selbst entsprachen. Doch auch in einem schwarzhaarigen Pykniker konnte eine edle Seele wohnen. „Die Entdeckung der nordischen Rassenseele und die Anerkennung ihrer Charakterwerte als Lebensideal sind Leitsterne und Weltauffassung.“, schrieb Karlheinz Rüdiger in einer Würdigung Rosenbergs 1939. 193 Im selben Jahr dedizierte Clauß Rosenberg ein Exemplar seines Buches "Die nordische Seele" mit den Worten "Dem Gestalter der deutschen Seele."194
Clauß kann nicht ohne weiteres dem nationalsozialistischen Rassismus zugerechnet werden. Auch wenn man nicht so weit wie Armin Mohler gehen möchte, ihn als das Genie unter den Rassenkundlern zu bezeichnen195, so ist doch jedenfalls festzuhalten, daß er kein rechter Antisemit war196. Tatsächlich war seine wichtigste Mitarbeiterin, seine Assistentin Margarete Landé, „Volljüdin“. Er setzte alles daran, sie vor den Nazis zu schützen, und hatte damit auch Erfolg. 197 Clauß kam, das war bezeichnend, nicht von der Biologie, sondern von der Psychologie. Seine Rassenkunde war in vielem Völkerpsychologie, manchen späteren ethnologischen Forschungen nicht unähnlich. So ist bei Clauß viel von Rassenstil die Rede. Was Chamberlain Rassenchaos ist, ist ihm „Stilvermischung und Werteverwirrung“198. Die Rasse war für Clauß vor allem eine „Gestalt-Idee“199; hier traf er sich mit Rosenberg. Nach 1933 glaubte Clauß, seine große Zeit sei gekommen. Er näherte sich der NSDAP an und trat bei zahllosen Veranstaltungen als Redner auf. Seine Aufsätze wurden als Schulungsmaterial eingesetzt. 1934 wurde er, gemeinsam mit Günther, Herausgeber von „Rasse. Monatsschrift der Nordischen Bewegung“, eine Tätigkeit, die er allerdings schon nach einem Jahr wieder aufgab. Zunehmend traten Differenzen mit dem nationalsozialistischen Rassismus zu Tage. 1941 verlor er die venia legendi und wurde zwei Jahre später auch aus der Partei ausgeschlossen 200, Umstände, die ihm nach 1945 nicht unwillkommen waren.
Der Leser gestatte mir an dieser Stelle eine kurze autobiographische Abschweifung. Mein Großvater, der Verleger Reinhard Piper, hatte eine einzige Schwester. Sie war mit dem jüdischen Arzt Ludwig Stern verheiratet. Im Nachlaß meines Großvaters fand ich einen Aufsatz meines Großonkels mit der Widmung „Seinem lieben Schwager Reinhard mit herzlichen Grüßen“. Dieser Aufsatz war 1923 im Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten erschienen und trug den Titel „Kretschmers psycho-physische Typen und die Rassenformen in Deutschland“. Hier wird Rassenkunde ganz im Stil der Zeit getrieben. So erfahren wir zum Beispiel, daß der Norddeutsche im Vergleich zum Süddeutschen „eckig, steif und förmlich“ wirkt, aber auch, daß „die rasseerhaltenden Instinkte bei der nordischen gegenüber anderen Rassen gering sind“ 201. Für mich ist dieser Text ein erschütterndes Zeugnis für das Maß, in dem das assimilierte deutsche Judentum bemüht war, sich in den Staat und die Gesellschaft seiner Zeit einzufügen. 202
Entschiedener als Clauß vertrat der 1883 in Riga geborene Philosoph Paul von Krannhals die nationalsozialistische Weltsicht. (Allerdings verstarb er 1934, so daß über seine Karriere nach 1933 wenig zu berichten ist.) In dem 1938 erschienenen Hauptwerk des Privatgelehrten, „Das organische Weltbild“, hieß es:
Am folgenreichsten war das Wirken von Hans F.K. Günther (1891-1968), dessen zahlreiche Bücher, etwa die 1922 erstmals erschienene „Rassenkunde des deutschen Volkes“205, hohe Auflagen erreichten. Von Gobineau und Chamberlain herkommend, gab Günther, der schon 1930, während des kurzen nationalsozialistischen Interludiums in Thüringen, zum Professor in Jena berufen worden war, dem Rassismus eine wissenschaftliche Prägung. Günther erweiterte die Kunde von der Rassenseele um eine Farbenlehre. Blau und Grün waren die Seelenfarben des nordischen Menschen.206 Günther, der die Rassologie popularisierte wie kein zweiter, wurde in den Jahren des NS-Regimes mit Ehrungen überhäuft, vom Preis der NSDAP für Wissenschaft bis zur Goethe-Medaille, verstand es aber, so weit den Habitus des Wissenschaftlers sich zu erhalten, daß er seine Forscherexistenz nach 1945 ungestört fortführen konnte. Auch Günther konnte sich der schmerzlichen Erkenntnis nicht verschließen, daß rein nordische Menschen in seinen Tagen nicht eben häufig anzutreffen waren. Er glaubte aber unbeirrt an die Möglichkeit der Aufnordung.
Erwähnt sei zuletzt, daß die Rassenseele natürlich auch in der bildenden Kunst fröhliche Urstände feierte.207 So erfaßten die Strahlen von Böcklins Seelenkraft den deutschen Beschauer in hohem Maße, weil sie seiner blutsmäßigen Art besonders nahe stand, während Picassos lehmige, hell-dunkle Quadrate Theorie-Illusionen waren, die nur ein richtungsloses Publikum als Kunst empfinden konnte.208 Der völkische Architekt Paul Schultze-Naumburg, Rosenbergs „Reiseapostel für sonderdeutsche Kunst“ 209, trug besonders zur Verbreitung von derlei Erkenntnissen bei.
Um das deutsche Volk rassisch wieder zur alten Höhe zurückzuführen, halfen, so der völkische Reformator Ernst Bergmann, „Abriegelung, Ausmerze und Auslese“ 210, nicht eben von der Idee der Nächstenliebe geprägte Begriffe. Tatsächlich war bei dem sozialdarwinistischen Rassismus nationalsozialistischer Prägung sowohl in der theoretischen Zielsetzung wie in der mörderischen Praxis der Übergang von der Exklusion zur Extermination fließend. Bald nach der „Machtergreifung“ verabschiedeten die Nazis ein Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. „Erbkranke“ konnten durch einen chirurgischen Eingriff unfruchtbar gemacht werden. Zu den sogenannten Erbkrankheiten zählten angeborener Schwachsinn, Schizophrenie und manisch-depressives Irresein, aber auch Taubheit, Blindheit, schwere körperliche Mißbildungen und starker Alkoholismus oder Arbeitsscheu konnten dazu gehören,. Dieses Gesetz war ein erster praktischer Niederschlag zeitgenössischer Züchtungsutopien, wie sie die Bewegung der Rassenhygiene und Eugenik211 nicht nur in Deutschland hervorbrachte. Etwa 250.000 bis 300.000 Menschen wurden Opfer dieses Purifizierungswahns. Das Gesetz über den erbkranken Nachwuchs und die Nürnberger Gesetze, die die Eheschließung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen untersagten, waren zwei Maßnahmen, die einander ergänzen sollten. Sie entsprangen der Überzeugung, daß die Rassenfrage die „Kernfrage unseres Daseins“ war. In einer Beilage zum Völkischen Beobachter vom 1. Mai 1930 wurden die beiden gesetzgeberischen Maßnahmen, die zur „Aufartung“ führen sollten, bereits angekündigt. Da war es zum einen notwendig, „den als ausgesprochene Schädlinge erkannten sozialen Elementen die Fähigkeit zur Fortpflanzung ... zu nehmen“212, zum anderen wurde eine gründliche Auslese vor der Eheschließung gefordert:
Sozialdarwinismus, Eugenik, Bevölkerungswissenschaft, Pangermanismus, Ariomanie, völkische Ideologie und ein rassistisch aufgeladenes teutonisches Sendungsbewußtsein verbanden sich im Nationalsozialismus zu einer Weltanschauung, die stetig an Dynamik und Radikalität gewann. Erbpflege, Rassenpflege, ein rassistisch legitimierter Imperialismus und schließlich der finale Kampf gegen das Judentum, die „Gegenrasse“ schlechthin, markieren die wesentlichen Stationen dieser ideologischen Radikalisierung. „Juda ist die Weltpest“ hatte Hitler einst ausgerufen, „schärfste(n) Kampfmittel“ 216 waren gerechtfertigt, um die Reinigung des deutschen Volkskörpers zu ermöglichen.
Auch wenn seine Intentionalität noch immer Gegenstand eines wissenschaftlichen Meinungsstreits ist, so ist unbestreitbar, daß das nach 1939 ins Werk gesetzte Vernichtungsgeschehen sich entfaltete vor dem Hintergrund einer breit fundierten und in langjähriger Propagandaarbeit implementierten Ideologie, in deren Zentrum von Anfang an der Antisemitismus gestanden hatte. „Weltanschauung und Endlösung“ hat Erich Goldhagen seinen Aufsatz über den Antisemitismus der nationalsozialistischen Führungsschicht genannt. 217 Die Juden waren die „Gegenrasse“ 218; „verjudet“ wurde ein Begriff, der sich zunehmend vom Judentum löste und einfach das Andere, das Böse bezeichnete. Was für Eckart und Rosenberg die „Judentzer“ und für Ludendorff die „künstlichen Juden“ waren, waren im politischen Tageskampf der Weimarer Republik die „Gesinnungsjuden“. Die Juden, der „plastische Dämon des Verfalls der Menschheit“ 219, wie es bei Richard Wagner hieß, waren deshalb besonders gefährlich, weil ihre Rasse sich durch eine ganz besondere Resistenz auszeichnete. (Wagner hielt sie sogar für einzigartig in der Menschheitsgeschichte.220 Die parasitäre Verjudung äußerte sich in Bastardisierung, Internationalismus und Ausländerei und der Mißachtung der Persönlichkeit durch Gleichmacherei.221
Wenn Rosenberg von der Seele der Juden sprach, gestand er ihnen eine solche nur in Anführungszeichen zu.222 Das der arischen Rassenseele entgegengesetzte absolut Negative war ohne echte Seele. Juden und Arier vertrugen sich wie Feuer und Wasser.223 Eine Koexistenz war nicht möglich. In Hitlers „Mein Kampf“ war es deutlich gesagt, daß nur für die Juden oder für ihre Widersacher, nicht aber für beide zugleich Platz auf der Erde war:
Politischer Religion oder Religionsersatz?
Der Begriff der politischen Religion ist in den letzten Jahren wieder stark in die Diskussion geraten, insbesondere im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. Es geht dabei um die Frage, inwiefern auf das Diesseits bezogene moderne Heilsversprechen totalitärer Bewegungen die Jenseitsversprechungen der Offenbarungsreligionen subsumieren konnten und wollten. Unbestreitbar ist jedenfalls, daß die nationalsozialistische Bewegung in der Welt des Diesseits für die christlichen Kirchen eine reale Konkurrenz, und mit wachsendem Erfolg zunehmend auch Bedrohung, war und sein wollte, eine Konkurrenz im Kampf um fundamentale Loyalität, im Seelenkrieg, wie Rosenberg gesagt hätte. Niemand wußte das besser als er, an nichts wird dies deutlicher als an seinem „Mythus des 20. Jahrhunderts“, den die Kirchen als elementare Herausforderung empfanden. Selbst für den fleißigsten Forscher ist die Flut der kirchlichen Stellungnahmen beider Konfessionen zum „Mythus“ faktisch unüberschaubar. 225 Auffallend ist natürlich, daß alle diese Stellungnahmen aus der Zeit nach 1933 stammen, als man mit einigem Recht davon ausging, daß man angesichts der nationalsozialistischen Machtübernahme einer Auseinandersetzung mit seinen Zielen nicht länger ausweichen könne. 226 Wenn es in der Literatur widersprüchliche Auffassungen zu der Frage der Rezeption des „Mythus“ gibt, so liegt das häufig daran, daß die Autoren sich auf unterschiedliche Zeiträume beziehen. Nach Erscheinen des Buches beschränkte sich die Resonanz tatsächlich im wesentlichen auf das völkische Lager und auch das Echo in der eigenen Partei war verhalten, wie schon dargestellt worden ist. Ganz anders verhielt es sich nach 1933. Nun ließ die parteiamtliche Stellung des Verfassers des „Mythus“ das Schlimmste befürchten. Tatsächlich brachte Rosenbergs zentrale Stellung als Überwachungsbeauftragter der NSDAP es mit sich, daß sein Werk eine beträchtliche „unterschwellige Wirkmächtigkeit“227 gewann. Der Band war nun Grundlage zahlloser Parteischulungen und Bildungsmaßnahmen angeschlossener Organisationen wie etwa der HJ und wurde sogar im Schulunterricht eingesetzt. 228 Die Verkaufsauflage des Buches stieg nunmehr rasant an. Auch, wenn wir davon ausgehen dürfen, daß nicht alle, die es besaßen, das Buch auch gelesen haben, was ähnlich gewiß auch für Hitlers „Mein Kampf“ zutraf, das einzige noch stärker verbreitete Grundbuch des Nationalsozialismus, so zeugen doch etwa 1.000 Blatt mit Zuschriften an den Verfasser, die noch heute im Bundesarchiv verwahrt werden229, von der lebhaften Rezeption des „Mythus“. Die allermeisten dieser Zuschriften waren positiv, wenn auch manche auf kleinere sachliche Fehler aufmerksam machten. Typisch ist das Schreiben von Georg Richter, der als Beruf „Schriftsteller und Magnetopath“ angab und als Adresse „Sonnenburg Germanien“. Er habe den „Mythus“ mit Begeisterung gelesen und unterstreiche jedes Wort. Richter bezeichnete sich als Vertreter der „Germanischen Rassen Religion“; er war der Überzeugung, daß „alle Gesetze, die unser geliebter Führer Adolf Hitler herausgibt, von Gott diktiert werden“ 230. Kritik war in den Zuschriften eher selten. Ein Beispiel, bezeichnenderweise aus der Zeit vor 1933, war der Elektrotechniker Carl Scobel, ein Parteigenosse. Er schrieb:
Am entschiedensten war der Widerspruch gegen den „Mythus des 20. Jahrhunderts“ aus dem katholischen Lager, das durch die päpstliche Indizierung noch zusätzlich Auftrieb erhielt. Die Kongregation des heiligen Offiziums setzte am 7. Februar 1934 zwei Veröffentlichungen auf die Liste der verbotenen Bücher, die ein Katholik bei Strafe der Exkommunizierung nicht lesen durfte. Das war zum einen „Die deutsche Nationalkirche“ von Ernst Bergmann, einem völkisch gesinnten Professor, der einer rassistischen deutschen Religiosität das Wort redete, zum anderen eben Rosenbergs „Mythus“. Die Begründung sei im zweiten Fall in ihrer Gänze zitiert, da das Dekret die Dinge ebenso unumwunden wie zutreffend beim Namen nannte:
Die Indizierung, die nicht zufällig erst nach der „Machtergreifung“ erfolgte, löste unterschiedliche Reaktionen aus. Unter den im Bundesarchiv verwahrten Zuschriften zum „Mythus“ gibt es verschiedentlich Gratulationsschreiben. Ein Buchhändler z.B. teilte Rosenberg mit, er habe ein Sonderfenster unter dem Slogan „Inquisition! Papst und Kardinäle als Feinde der deutschen Volkseinheit!“ veranstaltet. Die Reichsregierung antwortete am 14. März 1934 auf die Indizierung mit einem Promemoria, das wiederum eine längere Replik des Heiligen Stuhls provozierte234. Nicht, was Herr Rosenberg erklärt, sondern, was er tut, sei für die Beurteilung seiner Person entscheidend, hieß es dort. Es wurde Klage geführt, daß die NSDAP den ihr zugewachsenen Einfluß zur „mindestens offiziösen Massenverbreitung“ des Mythus nutze235. Rosenberg wurde unter Bezug auf seine neue Position als parteiamtlicher Indoktrinator als ein Mensch charakterisiert, der „auf tausend Wegen seine unchristlichen Anschauungen in die Massen zu pressen weiß“ 236. Er wird es gerne gelesen haben. In einer Note vom 26. Juli 1935 sah sich der Heilige Stuhl erneut veranlaßt, sich mit der Person Rosenbergs auseinanderzusetzen. Es ist uns der Entwurf einer Zurückweisung von der Hand Rosenbergs überliefert, den er Hanns Kerrl, dem damals gerade frisch ernannten Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten, übersandte. 237 Darin heißt es, die Reichsregierung könne Reichsleiter Rosenberg seine religiöse Überzeugung nicht vorschreiben. 238 Den Behauptungen des Vatikans, Rosenberg betreibe antichristliche, insbesondere antikatholische Propaganda, wird nicht widersprochen. Vielmehr wird betont, der Katholizismus sei nur ein Bekenntnis unter vielen, ein Bekenntnis zumal, dem in Deutschland nur eine Minderheit anhänge, vor allem aber stehe die Religion nicht über dem Staat. Die neuen Gesetze, etwa das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", müßten von allen Staatsbürgern respektiert werden, auch den katholischen. Wenn der Papst dieses Gesetz als eines der Zerstörung und Kennzeichen einer heidnischen Weltanschauung bezeichne, dürfe er sich nicht wundern, „wenn das deutsche Volk diesen Angriff auf den notwendigen Schutz seiner leiblichen und seelischen Gesundheit entsprechend beantwortet“.239
Rosenberg sah nun, angesichts der nationalsozialistischen „Machtergreifung“, keinen Anlaß mehr, wie nach 1931 seine grundsätzliche Verehrung für die christliche Religion zu betonen. Aber er hob ab auf die Toleranz des nationalsozialistischen Staates. Der katholischen Kirche sei keineswegs die Möglichkeit zum Widerspruch genommen. Die Verbreitung einer „endlose(n) Zahl von Flugschriften“ 240 werde nicht behindert. Auch die gewichtigste Publikation, die „Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts“, werde seit einem Jahr ungehindert von allen kirchlichen Stellen vertrieben. Der Glaube der Verfasser der Studien, allesamt katholische Wissenschaftler, an die Toleranz des nationalsozialistischen Staats war wohl nicht ganz so ausgeprägt. Sie publizierten ihre Stellungnahme anonym, als Amtliche Beilage zum bischöflichen Amtsblatt, da sie andernfalls mit Verlust ihrer Stellung, wenn nicht schlimmerem, etwa KZ-Haft, rechneten241. Im Vorwort meines Exemplars schreibt der Berliner Bischof, der „Mythus des 20. Jahrhunderts“ habe eine „tiefe Beunruhigung in das gläubige Christenvolk Deutschlands getragen“. Ziel der Publikation sei es nun, „ernste Fachleute“ zeigen zu lassen, „mit welchen Waffen der Verfasser des Mythus kämpft und wie weit er sich vom Boden der objektiven Wahrheit entfernt.“242 Der erste und umfangreichste Teil der Schrift war der Kirchengeschichte gewidmet, der zweite der Heiligen Schrift, der dritte dem Eckehart-Problem und der vierte schließlich Paulus und dem Urchristentum. Die Autoren der Studien attestieren Rosenberg gleich auf der ersten Seite ihrer kritischen Würdigung eine „leidenschaftliche Abneigung ... gegen die Kirche“243, womit sie zweifellos recht haben. Nach ausführlichen Darlegungen über mehr als 80 Druckseiten hinweg kommen die Autoren zu der Überzeugung, daß es im ganzen „Mythus des 20. Jahrhunderts“, einem umfangreichen Buch doch immerhin, nicht eine einzige Stelle gäbe, die „im Sinne wahrer Geschichtswissenschaft richtig“244 sei. Das ganze Bild der Kirche sei auf Irrtümern aufgebaut, Rosenberg spreche von den Katholiken, als lebe er auf einem anderen Planeten.245 Im zweiten Teil der Studien geht es zum einen um das Alte Testament, zum anderen um die Persönlichkeit Christi und „die Mär von der angeblichen arischen Herkunft“246. Die Autoren kommen nicht überraschend zu dem Schluß, daß unter den Vorzeichen des „positiven Christentums“ von der Substanz der christlichen Religion nicht viel übrig bleibt.247 Die „Studien“ schließen, nachdem sie sich auch mit anderen Aspekten von Rosenbergs Gedankengebäude grün




