ONLINE-EXTRA Nr. 383
Mit zwei Beiträgen zum christlich-jüdischen Dialog verabschiedet sich COMPASS in die Sommerpause. Beide Beiträge reflektieren mit unterschiedlichen Akzenten das Verhältnis von Christen zu Juden sowie zum Staat Israel im Schatten des Massakers der Hamas am 7. Oktober 2023, des nachfolgenden Gaza-Krieges, des global explodierenden Antisemitismus sowie des gegenwärtigen Nahost-Krieges zwischen Israel, der USA und dem Iran. Beide Autoren - der eine Christ, der andere Jude - spielen eine tragende Rolle im Bemühen, inmitten der gegenwärtigen Feindseligkeiten und Gewalt auf die elementaren Grundlagen und Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Christen hinzuweisen sowie auf die neuen Herausforderungen zu antworten, die sich aus den Krisen der Gegenwart ergeben. Die heutige Doppelausgabe von ONLINE-EXTRA mit diesen beiden Beiträgen: © 2026 bei den Autoren
Christian Rutishausers Beitrag "Küssen nicht beissen! – Von Jakob und Esau" gibt seinen Vortrag wieder, den er einen Tag vor seiner Auszeichnung mit der Buber-Rosenzweig-Medaille am 8. März 2026 in Köln hielt. Der Schweizer Theologie - u.a. seit 2014 ständiger Berater des Papstes für die Beziehungen zum Judentum und Professor für Judaistik an der Universität Luzern - ist sich dabei in seinen Überlegungen der Dramatik der Situation voll bewußt. U.a. sagt er:
"In dieser gesellschaftlichen Situation muss jüdisch-christlicher Dialog auf eine neue Grundlage gestellt werden. Wir stehen an einem Wendepunkt. Dabei kann ich hier nur für die christliche Seite von neuer Selbstverpflichtung sprechen. Dazu gehört die Bekämpfung jeglicher Form von Antisemitismus. Bildungsarbeit und Aufklärung sind zentral. Doch der Ansatz muss tiefer gehen. Man müsste die ganze Gesellschaft auf die Couch legen."
Gleiches gilt für Rabbiner Drs. Edward van Voolens Essay "Was bedeutet der Nahost-Krieg für das religiöse Miteinander?", der erstmals am 21. Mai 2026 in dem Wiener theologischen Online-Feuilleton "Feinschwarz" erschien. Der gebürtige Niederländer - u.a. Ko-Vorsitzender des Gesprächskreises Juden und Christen im Zentralkommitee deutscher Katholiken - rekurriert dabei u.a. auf jüdische Traditionen, wie sie etwa in den Festen von Pesach und Schawuot greifbar werden, und blickt dabei vor allem auf die komplexe politische Lage im Nahen Osten. Und er erinnert in diesem Zusammenhang mit Nachdruck an die Gemeinsamkeiten der drei abrahamitischen Religionen, wie etwa an die drei "Kernbegriffe", die diese Religionen miteinander teilen: "Frieden, pax, shalom, salam, aber auch Taten der Gerechtigkeit, justitia, tzedaka, sadaka, und barmherzige Liebe, misericordia, rachamim, rahmah."
Beide Beiträge erscheinen hier als ONLINE-EXTRA mit freundlicher Genehmigung der Autoren.
1) ONLINE-EXTRA Nr. 382:
Edward van Voolen:
Was bedeutet der Nahost-Krieg für das interreligiöse Miteinander?
Online-Extra Nr. 382
2) ONLINE-EXTRA Nr. 383:
Christian Rutishauser SJ:
Küssen nicht beissen! - Von Jakob und Esau
Online-Extra Nr. 383
online für ONLINE-EXTRA
Online-Extra Nr. 383
Sehr geehrte Damen und Herren!
«Schulter an Schulter», oder wörtlicher übersetzt: «mit einer Schulter», ist ein Zitat aus dem Propheten Zefania 3,9. Er musste Untergang und Gottesgericht über die Stadt Jerusalem ankündigen. Vor G’tt kann nämlich kein Unrecht bestehen, auch Jerusalem hat sich schuldig gemacht. Doch wie der Prophetenname kundtut – Zefanjahu: JHWH hat schützend geborgen – so wird Jerusalem, oder zumindest ein gerechter Rest daraus, zusammen mit den Gerechten aus den Völkern ihn mit «reinen Lippen» preisen und ihm mit «einer Schulter» dienen. Diese Vision der Hoffnung angesichts von Unrecht, Krieg und Zerstörung ist kein billiger Trost. Sie ist Glaubenswissen, das sich daraus ergibt, dass sich G’tt treu seinem Namen gegenüber denen erweist, die seine Gerechtigkeit suchen. In der jüdischen Liturgie wird «mit einer Schulter», in Hymnen an Rosh haSchana und Jom Kippur aufgenommen. Durch die christliche Liturgie klingt Zefanja 3 im Freudenruf «Juble, Tochter Zion!» im Advent. Und die katholische Kirche zitiert in ihrem Konzilsdokument Nostra aetate «Schulter an Schulter» als einziges Zitat aus der Hebräischen Bibel. Mit diesem Zitat drückt sie ihre Umkehr angesichts der Verirrung und der Schuld des Antijudaismus aus. Sie bekennt: Ich bin bereit, zusammen mit Israel und allen Völkern G’ttes Gerechtigkeit zu suchen. Jüdisch-christlicher Dialog ist nie nur Verständigung zwischen Juden und Christen. Jüdisch-christlicher Dialog ist immer Bemühung in einem gemeinsamen Auftrag an der Menschheit.
Gotthold Epharim Lessing, mit Moses Mendessohn befreundet, hat diesen Auftrag zu Beginn der Moderne als Auftrag zur «Erziehung des Menschengeschlechts » interpretiert. Auch die deutsche Aufklärung war von der Vision von égalité, fraternité, liberté aller Menschen getragen. Für Juden hat sie Überwindung von Ausgrenzung versprochen. Sie führte zunächst zur Gleichberechtigung in einem christlichen Europa. Doch schon bald wurde klar: Diese Gleichheit war vereinnahmend, hegemonial gegenüber allen, die sich nicht assimilierten. Und noch perfider: Assimilation wurde schliesslich als Subversion wahrgenommen und führte zum modernen Antisemitismus. Das Partikulare und unterscheidend Andere hatte in einem gut gemeinten Universalismus keinen Platz. Auf der Suche nach dem Eigenen formierten sich europäische Nationalismen, die gerade das jüdische Volk negierten und schliesslich vernichteten. Die Kirchen waren Teil dieser Entwicklung und dort, wo sie zwischen Stuhl und Bank standen, schlugen sie mit ihrer Existenz gestikulierend um sich. Heute stehen wir am Ende der Moderne, sind hineingetrieben in eine neue Epoche, stehen in einer Zeitenwende. Sie ist nicht mehr nur europäisch, sondern radikal global bestimmt. Doch die Fragestellung ist ähnlich: Wie gehen partikulare Identitäten und universale Werte zusammen? Das Partikulare droht sich national-iden - titär dem Universalen entgegenzustellen. Wieder stellt sich die Frage, was dies für das jüdische Volk bedeutet. Und leider muss man seit dem 7. Oktober feststellen, dass für viele die alte europäische «Judenfrage » auf globaler Ebene zurück ist.
Der Staat Israel wird dabei zum Juden der Staatengemeinschaft. Im Antisemitismus unserer Tage verbinden sich die naiv Gefährlichen mit den Aggressiven. Sie glauben, eine neue Weltordnung sei gerechter, wenn es keinen Staat Israel mehr gebe. Und die Kirchen finden angesichts dieser Situation oft nicht das Wort, wie sie G’ttes Relevanz in der Öffentlichkeit einbringen sollen. Die Aufgaben von Juden und Christen aber ist es, «mit einer Schulter », «Schulter an Schulter» tiefer zu verstehen, was vor sich geht. Der prophetische Geist der biblischen Tradition muss mit existentiellem Einsatz und aktueller Erkenntnis heute verbunden werden. Altes will mit Neuem verknüpft werden, um so einen Beitrag zu leisten und einen Unterschied zu machen.
Ein dramatisches Weltverständnis Lassen Sie mich dazu bei den Brudergeschichten der Genesis ansetzen. Sie beginnen heftig, mit Kain und Abel, mit Mord und Totschlag. Auch unter den Kindern Abrahams sieht es zunächst nicht viel besser aus. Greifen wir Jakob und Esau heraus. Auch ihre Rivalität sitzt tief. Bei Zwillingen spitzt sich die Konstellation noch zu. Esau, der Erstgeborene und vom Vater geliebt, rötlich, bedeckt wie mit einem Haar-Mantel, ist impulsiv und vital, ein guter Jäger, der im Augenblick lebt, wo sein Hunger unmittelbar gestillt sein will (Gen 25,25; 27–34). Jakob, der Zweitgeborene, «Fersenhalter», Liebling der Mutter, lebt bei ihr und lässt sich zur Hinterlist verleiten, indem er Esaus Schwäche ausnutzt und von ihm Erstgeburtsrecht wie auch den väterlichen Segen erschleicht (Gen 25,26;27–34; 27,5–29). Dass Esau seinen Bruder nun umbringen will und dieser fliehen muss, lässt sich gut nachzuvollziehen. Geht die biblische Erzählung von einem unlösbar tragischen Konflikt aus, wenn sie die Zwillinge schon pränatal im Mutterleib streiten lässt und die Mutter Rebekka ein Gotteswort hört? Ich zitiere: «Zwei Nationen sind in deinem Leib, und zwei Volksstämme stossen sich aneinander; und ein Volksstamm wird stärker sein als der andere, und der Grosse wird dem Jüngeren dienen.» (Gen 25,23) Die Mythen der Antike erzählen in der Tat vom ewigen Kampf. Denken wir auch an die griechische Tragödie. Die natur- und sozialwissenschaftlichen Analysen der Moderne unterscheiden sich kaum, wenn sie vom «survival of the fittest» als Grundgesetz der Wirklichkeit sprechen. Und schaut man die Weltpolitik von heute an, kann man sich nur bestätigt fühlen. Schwingt auch die Bibel in diese Logik ein? War der jüdisch-christliche Dialog der letzten Jahrzehnte nur eine Verschnaufpause im ewigen Kampf um den Platz an der Sonne?
Kulturtheoretiker gehen in unterschiedlicher, aber übereinstimmender Weise davon aus, dass archaische Religionen am Ursprung menschlicher Zivilisation stehen. Der französische Intellektuelle Renée Girard (1923-2015) versteht archaische Religion als sozialen Mechanismus, durch Opferkult rivalisierende und tödliche Konflikte zu neutralisieren. Er sieht die Neigung zur Gewalt nämlich nicht im Individuum. Vielmehr entspringe sie konkurrierenden Begehren. Weil der Mensch in seiner Entwicklung durch Nachahmung lernt, ist er von Anfang an in Rivalität verstrickt. Der Eine sieht, was der Andere begehrt und ihm mehr Leben verspricht. Deshalb begehrt er es auch. Dabei sind Objekte des Begehrens austauschbar. Im Konflikt kommen sie sogar abhanden; man weiss nicht mehr, warum man eigentlich streitet; Konflikt allein um des Begehrens willen. Nicht umsonst schliesst der Dekalog: «Du sollst nicht begehren die Frau deines Nächsten, noch seinen Knecht, noch seine Magd, weder sein Rind noch seinen Esel, noch irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.» (Ex 20,17)
Dieses „Alle-gegen-alle“ rivalisierender Begehren droht, jede Gemeinschaft zu zerreissen. Unter Geschwistern, erst recht unter Zwillingen, ist die Rivalität besonders heftig. Sie sind sich ähnlich und gleichen sich im Streit der Begehren so sehr an, dass nicht nur das Objekt aus dem Blick gerät. Auch die eigene Identität droht abhanden zu kommen. Durch die Wahl eines zufälligen Sündenbocks wird die Gefahr abgewendet. Die Dynamik «Alle-gegen alle » wird in „Alle-gegen-einen“ gewandelt. Wird der Sündenbock ausgestossen oder getötet, ist Rivalität überwunden. Daher wird er danach als Heilsbringer sakralisiert. So stellt Girard seine mimetische Theorie auf: Der Opferkult archaischer Religionen repräsentiert diesen Sündenbockmechanismus. Das sakrale Tieropfer reinszeniert einen sozialen Konflikt. Tierschlachtung stellt eine homöopathische Gewaltanwendung dar, um mimetische Gewalt zu kanalisieren. Die den Opferritus Feiernden werden zu einer Gemeinschaft zusammengeschweisst. Nach Girard er - finden die Völker nicht ihre Götter. Vielmehr vergöttlichen sie ihre Opfer. Das Sakrale und die Gewalt sind eins. Nicht die Religion bringe Gewalt hervor, sondern die Gewalt die Religion. Wie der späte Siegmund Freud ist Girard überzeugt: Jede Kultur hat eine Leiche im Keller. Für Girard stellt die biblische Tradition eine Aufklärung dar, die Opferkult kritisiert. Religion verschleiert nämlich die rivalisierende Gewalt und ist daher Götzendienst. Im Sündenbockmechanismus verrät sie das unschuldige Opfer. Im babylonischen Exil ist Israel jedoch selbst Opfer hegemonialer Gewalt geworden und beginnt den Unrechtsmechanismus zu durchschauen. Es stellt sich auf die Seite der Opfer. Es stellt mit der Tora einen Textkanon auf: Der in Brüderrivalität ausgestoßene und in die Zisterne geworfene Josef (Gen 37) wird als Vizekönig von Ägypten rehabilitiert (Gen 41,40); der Exodus kehrt der opferbasierten Hochkultur Ägyptens den Rücken zu; ein alternatives G’ttesrecht wird aufgestellt und eine prophetische Tradition begründet; die Gottesknechtslieder eines Jesaja rehabilitieren das Opfer (Jes 40-53) und Israel wird als der geliebte Sohn Gottes gefeiert. (Hos 11) Die mosaisch-prophetische Tradition kritisiert Opfer dabei immer mehr: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ (vgl. Ps 40,6, Hos 6,6; Micha 6,6-8) Sie setzt Recht und Rechtsauslegung für die Benachteiligten ins Zentrum. Seit Esra und Nehemia beginnt die Tora-Auslegung als Gottesdienst das Opfer zu ersetzen. Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels treten Synagoge und Lehrhaus, ganz an die Stelle des Opferkults. Das rabbinische Judentum ist geboren. Um der Gerechtigkeit willen soll es Licht für die Völker sein. Aufklärung soll es bringen und die rivalisierenden sozialen Gewaltmechanismen, die die Religionen durch Sakralität verschleiern, soll durch eine Heiligkeit ersetzt werden, die sich in der Ethik offenbart: „Seid heilig, wie ich heilig bin!“ (Lev 11,44) Heiligkeit nicht Sakralität ist vom Menschen gefordert.
Girard liest in dieser Logik das Neue Testament. Die Evangelien deckten mit der Parteinahme für Jesus, der der Rivalität zwischen Juden und Römern zum Opfer gefallen ist, den Sündenbockmechanismus auf. Der G‘tt Israel erweckt den Gerechten von den Toten, wie bereits die Makkabäer glaubten. Der verworfene Eckstein wird zum Grundstein einer neuen Gemeinschaft (Ps 118,22; Jes 28,16), auch unter den Völkern (Mk 12,16). Die frühchristliche Kirche entsteht an der Seite des rabbinischen Judentums. Ihre Bibel schließt mit der Vision des himmlischen Jerusalems. (Off 21f) In dessen Mitte steht das Lamm, das Opfer rivalisierenden Unrechts und geschwisterlicher Gewalt, rehabilitiert und integriert. Die jüdische wie christliche Offenbarungstradition wird von René Girard je als Gesamtnarrativ gelesen, begehrende Gewalt zu überwinden.
Bücher von Christian Rutishauser

Dr. Christian Rutishauser, Prof. Dr. Barbara Schmitz, Prof. Dr. Jan Woppowa (Hg.):
Jüdisch-christlicher Dialog:
Ein Studienhandbuch für Lehre und Praxis.
utb Verlag
Stuttgart 2024
266 S.
Euro 39,-
informieren und/oder bestellen
Michel Bollag / Christian Rutishauser SJ:
Ein Jude und ein Jesuit.
Im Gespräch über Religion in turbulenter Zeit.
Matthias Grünewald Verlag
Mainz 2017
212 S.
Euro 22,00
informieren und/oder bestellen
Rivalität zwischen Juden und Christen
Doch wir wissen es: Rabbinisches Judentum und frühes Christentum verstricken sich seit Anbeginn in neue Rivalität. Die Zwillingsgeburt beider Traditionen war nicht fähig, den Gewaltmechanismus zu überwinden. Angesichts der politischen Macht, die das Christentum ab dem 4. Jh. erhält, wird die Rivalität für die Juden tödlich. Der christliche Antijudaismus verirrt sich immer mehr in antisemitischen Judenhass, spätestens ab dem Hochmittelalter. Die Aufklärung der Bibel ist verraten! Wo bleibt der G’tt Israels, der G’tt der Gerechtigkeit? Wo der Geist Jesu aus Nazareth, der die Gewalt der Römer gegenüber seinem Volk durch Gewaltlosigkeit unterlaufen hat? Sollten nicht beide Traditionen je Licht für die Völker sein? Sollte ihre Koexistenz nicht gerade mimetische Rivalität exemplarisch überwinden?
Die Bibel ist kein tragisches Buch. Nach langer Trennung begegnen sich auch Jakob und Esau wieder. Abgründig ist der Kampf, den Jakob am Jabbok kämpfen muss. Er ringt mit sich, mit Esau und mit G’tt, geheimnisvoll. (Gen 32) Hinkend und nicht unversehrt, geht er als Israel aus diesem Kampf hervor. Er begegnet Esau: «Und Jakob erhob seine Augen und sah; und siehe, Esau kam und mit ihm vierhundert Mann. Da verteilte er die Kinder auf Lea und auf Rahel und auf die beiden Mägde; und er stellte die Mägde und ihre Kinder vornan und Lea und ihre Kinder dahinter und Rahel und Josef zuletzt. Er selbst aber ging vor ihnen her und warf sich siebenmal zur Erde nieder, bis er nahe an seinen Bruder herangekommen war. Esau aber lief ihm entgegen, umarmte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn; und sie weinten.» (Gen 33,1-4) Aussergewöhnlich dramatisch wird hier geschildert. Gelingt Begegnung? Die Rabbinen sind skeptisch und bringen über dem Wort «und küsste hin» Punkte an. Dazu heisst es in GenRab 78,9 heisst: «R. Simeon ben Eleasar sagte: Überall, wo du mehr Schriftzeichen als Punkte findest, da lege die Schriftzeichen aus, wo du aber mehr Punkte als Schriftzeichen findest, da deute die Punkte. Bei diesem Wort sind nun die Schriftzeichen nicht mehr als die Punkte und die Punkte nicht mehr als die Schriftzeichen, daraus kannst du lernen, dass in Esau in dieser Stunde die Liebe erregt war und er seinen Bruder von seinem ganzen Herzen küsste. Warum ist denn aber, fragte R. Janai, das Wort punktiert? Um zu lernen, dass er nicht gekommen war, ihn zu küssen, sondern ihn zu beissen; allein der Hals unseres Vaters Jakob war in Marmor verwandelt und dadurch wurden die Zähne des Frevlers stumpf. Es heisst doch aber hier: sie weinten? [Antwort]: Der eine weinte wegen seines Halses und der andere weinte wegen seiner Zähne.» Musste sich Jakob durch die Versteinerung des Halses schützen, wissend, dass der Kuss Esaus nur vorgetäuscht war? Wollte er ihn mit einer Art Vampirbiss ein weiteres Mal verletzen oder gar umbringen? In Sifrei Num 69,2 widerspricht R. Simon Ben Johai: «Sie umarmten sich und weinten.» Der pschat, der wortwörtliche Sinn, gilt. Um des Himmels und seiner Gerechtigkeit willen, müssen Christen und Juden heute rufen: «Küssen, nicht beissen!» Und wenn es beissen sein sollte, dann nur um dem Liebeskuss grössere Intensität zu verleihen!
Auf dass Begegnung von Juden und Christen dauerhaft gelinge Kein geringerer als R. Joseph B. Soloveitchik hat diese Begegnung von Jakob und Esau 1964 für die jüdisch-christliche Beziehung ausgelegt. Eineinhalb Jahre vor Nostra aetate, sprach er vor dem Rabbinical Council of America. Nach ihm ist es die Aufgabe aller Menschen, die Welt human und gerecht zu gestalten, eine Aufgabe, die er als «Konfrontation» bezeichnet. Das Judentum teile diese universale Berufung mit allen Menschen. Doch eine «zweite Konfrontation», eine partikulare, bleibe gegenüber der säkularen Gesellschaft wie auch gegenüber den Christen bestehen. Jüdische und christliche Glaubensberufung seien nämlich verschieden, nicht voll vermittelbar und auf keinen Fall verhandelbar. Er erinnert an Jakob, der seine Herde, seine Knechte und seine Familie vorausschickte, um Esau zu begegnen und zitiert:
«Und er [Jakob] befahl dem ersten [Knecht] und sagte: Wenn mein Bruder Esau dir begegnet und dich fragt: »Wem gehörst du an, und wohin gehst du, und wem gehören diese da vor dir?«, dann sollst du sagen: »Deinem Knecht Jakob; es ist ein Geschenk, gesandt an meinen Herrn, an Esau; und siehe, er selbst ist hinter uns» (Gen 32,18f).
Soloveitchik legt die drei Fragen dahingehend aus: «Wem gehörst du an?» verweise auf die göttliche Erwählung des jüdische Volkes. «Wohin gehst du?» verweise auf das eschatologische Ziel jüdischer Erwählung. «Wem gehören diese da vor dir?» sei die Frage danach, ob Juden bereit seien, ihre Talente in den Dienst der Menschheit zu stellen. Jakob hätte seinen Dienern gesagt, sie sollten auf die dritte Frage positiv antworten, auf die ersten beiden jedoch negativ; eine partikulare Erwählung im Dienst universaler Sendung also. Theologischer Dialog mit der Kirche sei ausgeschlossen, so Soloveitchik, Zusammenarbeit in gesellschaftlichen Angelegenheiten jedoch gebotener Dienst an der Welt. Er lehnte 1964 den theologischen Dialog ab, weil er der Kirche noch nicht traute, weil seine Rabbiner nicht auf den Dialog vorbereitet waren und weil damals viele naiv glaubten, Dialog sei da, um Konsens im Glauben zu finden.
Heute stehen wir an einem anderen Ort. Juden und Christen im Dialog wissen um die je partikuläre Glaubensberufung. Sie können die jeweilige Andersheit schätzen, auf die sie verwiesen sind. Auch theologischer Dialog ist möglich, weil gerade im Angesicht des Andern die eigene Glaubensberufung noch deutlicher zu Tage tritt. Als katholischer Theologe spreche ich davon, dass die jüdische Tradition für die Kirche ein «Sakrament des Andern» darstellt. Sie gehört im weiteren Sinne auch zur Offenbarung G’ttes, auf die Christen verwiesen sind. Daher ist der jüdisch-christliche Dialog in der katholischen Kirche der Ökumene zugeordnet. Ich arbeite im Vatikan als Berater für das Judentum im Dikasterium für die Einheit der Christen unter Kardinal Kurt Koch. Und als Intellektueller, der versucht, anthropologisch, soziologisch und religionsphilosophisch zu verstehen, welche Bedeutung die jüdisch-christliche Beziehung für die Menschheit hat, orientiere ich mich an Kulturtheorien wie jener von René Girard: Seit Kain und Abel, seit Jakob und Esau, sind wir gerufen, die im menschlichen Begehren wurzelnde Rivalität und Gewaltbereitschaft, wie sie in unseren Tagen auch wieder entfesselt ist, zu verwandeln und den sozialen Sündenbockmechanismus, der auch den Antisemitismus prägt, aufzudecken. Juden und Christen sind zu einer von G’tt begründeten Lerngemeinschaft gerufen, der Welt mehr Gerechtigkeit zu bringen. Seine Gnade möge uns beistehen, auch in schwierigen Kriegszeiten. Auf 2000 Jahre Geschichte von Juden und Christen zurückblickend, stehen wir heute immer noch in der Situation des Ringens, um eine echte Begegnung von Jakob und Esau. Gemeinsam sind wir dabei, aus der Furt des Jabbok zu steigen und so aufeinander zuzugehen, dass wir mit Jakob sagen können:
«Jakob aber sagte: Nicht doch; wenn ich überhaupt Gunst gefunden habe in deinen Augen, dann nimm mein Geschenk aus meiner Hand! Denn ich habe ja doch dein Angesicht gesehen, wie man das Angesicht Gottes sieht, und du hast Gefallen an mir gehabt. Nimm doch meinen Segen.» (Gen 33,10f)
Weil wir heute in einer Stunde stehen, in der wir um den Segen füreinander und die Welt ringen, habe ich mich sehr gefreut, dass der israelische Künstler Roy Mordechay, der in Düsseldorf lebt, den Mut hatte, im internationalen Kunstwettbewerb für den Kölner Dom ein Glasfenster vorzuschlagen, das den Titel trägt «Hand an der Ferse». Sein Vorschlag verband die Geschichte von Köln und seinem Dom mit der Jakob-Esau-Erzählung, die seit je eine Geschichte von Juden und Christen war. Sie soll von der mimetischen Rivalität zur nachhaltigen Begegnung und zur dialogisch vermittelten Verantwortung für die Welt führen. Roy Mordechay hat den Kunstwettbewerb nicht gewonnen. Er hat es unter die Finalisten geschafft. Und wer weiss: Das ausgezeichnete Siegerprojekt von Andrea Büttner, das nun in der Marien-Kapelle über dem Lochner Stadtalter realisiert wird – worüber ich mich sehr freue – lässt ja immer noch Platz für ein neues Glasfenster im Nordquerhaus.
Gesellschaftlicher Kontext des jüdisch-christlichen Dialogs heute
Wo stehen wir heute im jüdisch-christlichen Dialog? Ich blicke zuerst auf die katholisch- weltkirchliche Ebene: Das Massaker der Hamas und der Gaza-Krieg hatten zu einer Unterkühlung, ja zu einer Blockade im Dialog geführt: zu wenig Verständnis und Empathie, einseitige Stellungnahmen, das Dilemma von Solidarität mit Israel und Verpflichtung gegen über palästinensischen Christen, unterschiedliche Beurteilung von Sicherheitsfragen und humanitären Fragen etc. Der Amtsantritt von Papst Leo, seine Kontaktaufnahme mit jüdischen Organisationen und seine uneingeschränkte Verurteilung jeglicher Form des Antisemitismus hat zu Entspannung geführt. Dazu hat auch die Feier von 60 Jahre Nostra aetate im vergangenen Oktober beigetragen. So hat das International Jewish Committee on Interreligious Consultation (IJCIC) die vatikanische Kommission nun im Februar nach Jerusalem eingeladen. Es kam zu einer Aussprache, wie man sie sich auf höchster Dialogebene nur wünschen kann. Erschöpft, aber glücklich bin ich nach Hause zurückgekehrt. Der angespannten Situation stand immer eine belastbare Dialoggrundlage gegenüber. Sie wurde in den letzten Jahrzehnten erarbeitet, sei es durch die Papstbesuche in Israel und Auschwitz, sei es durch Erklärungen wie «Wir erinnern. Reflexionen über die Schoa», «Denn un - widerruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt. (Röm 11,27» oder «Zwischen Jerusalem und Rom».
Ähnlich schätze ich die jüdisch-christliche Beziehung im deutschsprachigen Raum ein. Allerdings gilt es sich bewusst zu machen, dass sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend geändert haben. Und das ist nicht unwesentlich: Wir stehen nicht mehr in der Zeit der Hochblüte des Dialogs wie in den 1990er Jahren. Damals herrschten Fortschrittsgläubigkeit und Zukunftsoptimismus. Die liberale Gesellschaftsordnung der USA wirkte auf Westeuropa wie ein Sog. Nach Ende des Kalten Krieges glaubten viele, die offene, multikulturelle Gesellschaft und Demokratie hätte endgültig gesiegt. Die Kirchen waren mit Ökumene, liturgischer Kreativität, Erneuerung der Bibelstudien etc. in Aufbruchstimmung und prägten die gesamte Gesellschaft. Die Aufarbeitung der Schoa erreichte eine grössere Öffentlichkeit.
Und heute? Unsicherheit und Angst prägen das Lebensgefühl angesichts des gesellschaftlichen Umbruchs. Europa und Nordamerika driftet kulturell auseinander. Identitäre Nationalinteressen treten erneut in mimetische Rivalität. Die Kirchen erreichen die Gesamtbevölkerung nicht mehr und sind durch interne Missstände geschwächt. Ihr Gewicht verschiebt sich nach Afrika und Asien, wo kaum Juden leben. Die junge Generation beschäftigt sich nicht mit Erinnerung und Aufarbeitung der Schoa. Der Erinnerungsdiskurs gilt nun der Kolonialisierung der Welt durch Europa. Zudem ist die klassische Säkularisierung, die Religion privatisiert hat, auf dem Rückzug. Nicht interreligiöser Dialog, sondern Religion mit hegemonialem Anspruch beherrscht den öffentlichen Raum, sei es islamischer Anspruch im Westen, christlich-evangelikaler in den USA oder national-religiöses Judentum in Israel. Schliesslich feiert der Antisemitismus in der westlichen und der islamischenWelt Urständ. Wie bei einer Hydra: Wurde ihr der «rechte Kopf» abgehauen, hat sich ein «linker Kopf» erhoben. Antisemitismus in der Form von Antizionismus ist zu einem «kulturellen Code» (Shulamit Volkov) geworden. Er gehört zur postkolonialen Weltanschauung, wenn sich der globale Süden von Europa befreien will. Er gehört zum Kampf der arabische Kultur gegenüber der westlich-säkularen Zivilisation. Der Staat Israel wird als europäisches Kolonialprojekt wahrgenommen, während ausgeblendet wird, dass das Judentum sich von westlich-christlicher Hegemonie befreien musste.
Zur christlichen Selbstverpflichtung heute
In dieser gesellschaftlichen Situation muss jüdisch-christlicher Dialog auf eine neue Grundlage gestellt werden. Wir stehen an einem Wendepunkt. Dabei kann ich hier nur für die christliche Seite von neuer Selbstverpflichtung sprechen. Dazu gehört die Bekämpfung jeglicher Form von Antisemitismus. Bildungsarbeit und Aufklärung sind zentral. Doch der Ansatz muss tiefer gehen. Man müsste die ganze Gesellschaft auf die Couch legen. Die Kirchen aber können bei der spirituellen und kontemplativen Transformation des Menschen anzusetzen. In liturgischen Feiern bewegen sie die Herzen. Im Gebet sprechen sie die Tiefenschichten der Seele an. Die Gesetzmässigkeit des Glaubens muss sich in der Gesetzmässigkeit des Betens bewähren. Lex credendi – lex orandi gilt so sehr wie das Bekannte lex orandi – lex credendi. Allzu oft wird in der Liturgie allgemein von Menschwerdung Gottes in Christus gesprochen. Das Judesein Jesu spielt keine Rolle. Die Gebete rufen nie den «Gott Israels» an. Und das Heilsgeschehen beginnt erst mit der Inkarnation, als ob es keine alttestamentliche Heilsgeschichte gäbe. Christliche Liturgie ist zwar nicht mehr anti-semitisch, aber ist a-semitisch geblieben, d.h. sie ist von einer Israelvergessenheit und von einem Schweigen gegenüber der Berufung Israels geprägt, an die das Christsein gebunden ist. Das Heil geht an den Juden vorbei, die nur als Gegner Jesu aufscheinen.
Die strukturelle Verwiesenheit auf den «ungekündigten Bund» Gottes mit Israel ist noch nicht eingeholt. Doch die bleibende Verbundenheit mit dem Judentum ist für die Kirche eine Vorgabe G’ttes. Sie gilt auch für die Christen in Afrika und in Asien, die noch nie Juden begegnet sind. Das «Sakrament des Anderen» gehört zur Glaubensbildung der Generation x, y und z, ob sie sich mit Schoa auseinandersetzen oder nicht. So darf auch Judaistik nicht nur Wahlfach in der Ausbildung bleiben. Vielmehr müsste die Beziehung zum Judentum als Querschnittsfach aller theologischen Disziplinen gelehrt werden. Christen brauchen eine explizite und positive Beziehung zum Judentum, nicht nur eine Bekämpfung des Antijudaismus. Ohne positive Setzung füllt sich das Vakuum allzu rasch wieder mit Ungeistern. In der jüngsten Erklärung der Schweizer Bischöfe zu 60 Jahre Nostra aetate heisst es: «Keine christliche Identität ohne Judentum:… Denn „Gott wirkt weiterhin im Volk des alten Bundes“. (Papst Franziskus)… Keine Israelvergessenheit beim Blick in die Bibel: Nicht nur die Schriften des Alten Testaments teilt die Kirche mit dem Judentum. Auch die neutestament - lichen Schriften sind jüdisch geprägt… Keine christliche Praxis ohne Bezug zum Judentum:… im Glauben an den einen Gott, im liturgischen Feiern, im Ringen um eine zeitgemässe Ethik und Rechtsprechung sowie im Engagement für die gegenwärtige Gesellschaft.» Die Erklärung fährt dann fort: «Land und Staat Israel sind in ihrem Verhältnis zum Judentum in der Diaspora vertieft zu reflektieren. Es ist darauf zu achten, dass der jüdischchristliche Dialog dabei nicht politisch instrumentalisiert wird.»
Die Schweizer Bischofskonferenz hat zur Umsetzung solcher Ziele im Jahr 2011 einen jährlichen «Tag des Judentums» eingeführt. Er wird am Zeiten Sonntag der Fastenzeit begangen. So hat zum Bespiel letzten Sonntag der Synagogenchor Zürich in der Liebfrauenkirche in Zürich ein Konzept gegeben. Die Predigten aller Gottesdienste widmeten sich jüdischen Auslegungen zu «Geh endlich fort Abram… , in das Land, das ich dir zeigen werde» (Gen 12,1). Die Verklärungsszene von Jesus auf dem Berg mit Mose und Elija (Mt 17,1-9) legte ich als hermeneutische Szene aus: Jesus im Gespräch mit Tora und Propheten, der zu einem weiteren Gespräch von Juden und Christen einlädt. In Österreich, Italien, Polen und anderen Ländern Europas haben die Bischofskonferenzen, zum Teil zusammen mit den Rabbinerkonferenzen, den 17. Januar als «Tag des Judentums» bestimmt. Es ist der Tag vor der «Woche für die Einheit der Christen». Hier in Deutschland gibt es schon seit Jahrzehnten diese «Woche der Brüderlichkeit» bzw. nun «Das Jahr der Jüdisch-Christlichen Zusammenarbeit», das wir mit diesem Wochenende eröffnen. Dass davon auch in Zukunft Glaubenserneuerung ausgeht, ist Ihr Verdienst. Ich danke dem Deutschen Koordinierungsrat und den einzelnen Gesellschaften für jüdisch-christliche Zusammenarbeit. Die Buber-Rosenzweig-Medaille, die Sie mir überreichen, verpflichtet mich weiterhin als Theologen und Judaisten, als Kirchenmann und intellektuell wachen Zeitgenossen.
Ich danke Ihnen von Herzen.
Der Autor
Prof. P. Dr. Christian Rutishauser SJ, Jhg. 1965, ist ein Schweizer Jesuit und Judaist, engagiert im christlich-jüdischen Dialog. Er studierte von 1985 bis 1991 Theologie an der Universität Fribourg (Schweiz) und am Institut Catholique in Lyon. 1998 wurde er zum Priester geweiht. 2001 bis 2012 Bildungsleiter im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn, dem Zentrum für Spiritualität, Dialog und Verantwortung. Im Mai 2024 wurde er als Nachfolger von Verena Lenzen auf die Judaistik-Professur der Universität Luzern berufen.
Seit 2004 ist er Mitglied der Jüdisch/Römisch-katholischen Gesprächskommission der Schweizer Bischofskonferenz und seit 2012 Mitglied der Ökumene-Kommission II der Deutschen Bischofskonferenz. Seit 2004 ist er Delegationsmitglied des Vatikanischen Sekretariats für die religiösen Beziehung mit dem Judentum bei den regelmäßigen Treffen des „Interreligious Liaison Committee“ und seit 2014 ständiger Berater des Papstes für die Beziehungen zum Judentum.
Im März 2026 wurde ihm vom Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen.