ONLINE-EXTRA Nr. 381
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In welchem Verhältnis stehen Christentum und extreme Rechte? Teile rechtsextremer Ideologie wie identitärer Nationalismus, die Verbreitung von Verschwörungserzählungen, Anti-Genderismus, Anti-Umweltschutz und andere illiberale sowie anti-demokratische Vorstellungen nutzen nicht selten Argumentationsmuster, die sich auf vorgeblich christliche Werte und Moralvorstellungen berufen. Ein Phänomen, das hierzulande spätestens seit der Entstehung der sogen. Querdenker-Szene während der Corona-Pandemie virulent wurde und das aktuell vor allem in den USA in der starken Unterstützung und Verquickung rechts-evangelikaler Kreise mit der Trump-Administration zunehmend Aufmerksamkeit erhält. Wie sehr diese Problematik inzwischen auch in der evangelischen und katholischen Kirche angekommen ist, belegen z.B. die zahlreichen 2024 verabschiedeten Positionspapiere und Verlautbarungen beider Kirchen, die eine deutliche Verurteilung der extremen Rechten bis hin zu einer Warnung vor der rechtspopulistisch-völkischen Ideologie der AfD enthalten.
Vor diesem Hintergrund lohnt der Blick in einen bemerkenswerten Band, der 2025 im transcript-Verlag erschienen ist und der sich mit einem breiten Spektrum der internationalen Vernetzung extremer Rechte und christlicher Kreise beschäftigt sowie deren Themen, Argumentationsmuster und Feindbilder analysiert: "Topoi und Netzwerke der religiösen Rechten. Verbindende Feindbilder zwischen extremer Rechter und Christentum" (Bielefeld 2025; mehr dazu unten in der Anzeige). Einer der Beiträge des Buches beschäftigt sich mit dem zwiespältigen Verhältnis der "Christen in der AfD" (ChrAfD) zu Juden und Judentum. Jessica Hösel, die Autorin des Beitrags, hat eine eingehende Analyse von politischen Reden vorgenommen, die eindrucksvoll aufzeigt, wie ChrAfD-Mitglieder über das Judentum diskutieren und mit der Bundesvereinigung "Juden in der AfD" (JAfD) teilweise gemeinsame Feindbilder teilen und entwickeln.
Jessica Hösels Beitrag finden Sie nachfolgend als ONLINE-EXTRA Nr. 381 unter dem Titel "Grenzen der Verbundenheit. Über die Funktion des Juden für die Christen in der AfD".
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Online-Extra Nr. 381
Der AfD-nahe Verein Christen in der AfD (in der Folge: ChrAfD) wurde bereits 2015 gegründet. Einige seiner Mitglieder, wie Beatrix von Storch oder Malte Kaufmann, haben einflussreiche Positionen erreicht. Weitgehend unbeachtet sowohl im wissenschaftlichen als auch im medialen Diskurs ist die Bedeutung christlicher Akteur:innen im rechtsextremen Spektrum und deren Vorstellungen vom Judentum, welche sich durch Ambivalenz auszeichnen. Die ChrAfD verstehen sich als pro-jüdisch und pro-israelisch und pflegen intensive Kontakte zum Verein Juden in der AfD (in der Folge: JAfD) (Christen in der AfD 2018). Wie sind solche Selbstzuschreibungen einzuordnen? Welches Judenbild liegt den ChrAfD zugrunde und wie erklärt sich der Widerspruch, dass die ideologische Basis der AfD eine antisemitische Verschwörungserzählung des sog. Großen Austauschs bildet? Wenngleich sich die AfD darum bemüht, als pro-israelisch und pro-jüdisch zu wirken, basiert ihre Ideologie auf einer antisemitischen Verschwörungserzählung, die wahlweise als Großer Austausch, Umvolkung oder ähnliches umschrieben wird. Es wird behauptet, die Stammbevölkerung in Europa solle durch Migrant:innen ausgetauscht werden. Ein Vordenker der Neuen Rechten, Renaud Camus, prägte den Begriff Großer Austausch, welcher »als Ausdruck des Konzepts des sogenannten Ethnopluralismus« eine der »zentralen Denkvorstellung[en] der Neuen Rechten« eingenommen habe, so Kira Ayyadi (Ayyadi 2017). Der neurechte Verlag Antaios veröffentlichte eine Übersetzung seiner Werke (vgl. Camus 2016). Wer diesen Großen Austausch veranlasst, wird lediglich impliziert, um sich nicht des Antisemitismus verdächtig zu machen. So wird die sogenannte Elite als Akteur genannt, aber auch Globalisten oder Großkapitalisten. Wie Ayyadi herausstellte, handelt es sich dabei um antisemitische Chiffren (vgl. Ayyadi 2017). Weiterhin wird der Feind des Volkes von der AfD mit Begriffen wie Liberalismus, Universalismus oder Dekadenz umschrieben. Volker Weiß unterstreicht, dass es sich auch hierbei um antisemitische Chiffren handele (vgl. Weiß 2017: 216–227). Kaufmann betont die reibungslose Zusammenarbeit zwischen AfD und JAfD. So wird der Eindruck erweckt, dass die JAfD gut in die AfD integriert sei. Neben gegenseitiger innerparteilicher Unterstützung verfolgten die ChrAfD und die JAfD auch außerparteilich die gleiche Agenda, nämlich in ihren Kreisen für die AfD zu werben. Auffällig ist, dass die Betonung der ideologischen Gemeinsamkeiten meistens Hand in Hand geht mit der Abwertung des politischen Gegners, was am letzten Zitat besonders deutlich wird. Ähnliches lässt sich bei Bernd Laub beobachten.
Dieser Artikel kann nicht den Anspruch erheben, diese immensen Forschungslücken zu füllen, jedoch soll die Wichtigkeit einer weiteren Auseinandersetzung mit diesen Themen verdeutlicht werden. In diesem Zusammenhang werden einige Vorträge genauer betrachtet, die Vertreter:innen der ChrAfD auf Veranstaltungen der JAfD in den Jahren 2018 und 2019 gehalten haben, und diskutiert, was in den Augen der ChrAfD-Funktionäre Jüd:innen und Christ:innen verbindet, wo die Grenzen der Verbundenheit liegen und welche Funktion das Judentum für die ChrAfD letztlich hat. Die Quellen bilden vier Redebeiträge von Beatrix von Storch, einem der prominentesten AfD-Mitglieder und Mitglied des Bundestages, von Joachim Kuhs, von 2019 bis 2024 Mitglied des Europäischen Parlaments, von Malte Kaufmann, seit 2021 Mitglied des Bundestages und zuletzt von Bernd Laub, ehemaliger Vorstand des AfD Kreisverbandes Freiburg. Beatrix von Storch (von Storch 2018) und Joachim Kuhs (AfD TV 2018) sprachen auf der Gründungsveranstaltung der JAfD im Oktober 2018, Bernd Laub (Laub 2019) und Malte Kaufmann (Kaufmann 2019) bei der Jahresversammlung im September 2019. Da bei diesen Anlässen der Verein JAfD thematisch im Mittelpunkt stand, lohnt ein Blick auf ebendiese Reden.
Einführendes
Forschungsstand
Einen ersten Überblick über die Vernetzungen zwischen rechten Christ:innen und den Kirchen lieferte die Juristin und Publizistin Liane Bednarz in ihrer 2018 erschienenen Monografie Die Angstprediger. Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern (Bednarz 2018). Es wird deutlich, wie groß die Gefahren sind, die von rechten Christ:innen ausgehen. Auch Laura Hammel und Lucius Teidelbaum machen in einer Handreichung der Heinrich-Böll-Stiftung auf das Mobilisierungspotential der AfD im christlich-fundamentalistischen Milieu aufmerksam. Sie identifizieren dabei das Thema Familienpolitik als zentrales Element, welches rechte Christ:innen an der AfD anspricht (vgl. Hammel/Teidelbaum 2020). Das Thema Judenbild bzw. Antisemitismus spielt jedoch keine Rolle. Dieses Thema greifen Christoph Bitzl und Michael Kurze in einem Aufsatz zum Thema Rechtsextreme Muslimhetze: Die Instrumentalisierung von Religion als Vote-Seeking-Strategie der AfD aus dem Jahr 2021 auf (Bitzl/Kurze 2021). Sie kommen zu dem Schluss, dass die Berufung auf das Christentum und Judentum lediglich als taktisches Mittel zu verstehen sei, um die AfD demokratisch erscheinen zu lassen. Diese Erklärung scheint zu kurzgefasst. Überzeugender ist Bednarz? These, wonach die Verbindungen zwischen der extremen Rechten und dem Christentum als sehr intensiv betrachtet werden müssen (vgl. Bednarz 2018). Daher ist eine Auseinandersetzung mit der Ideologie der ChrAfD unabdingbar, um exemplarisch Einblicke in die Denkweise von rechten Christ:innen in Deutschland zu liefern.
Die AfD wird mittlerweile von vielen wissenschaftlich analysiert und begleitet. So lieferte unter anderem der Sozialwissenschaftler Sebastian Friedrich einen hervorragenden Überblick über die Entwicklung der AfD (Friedrich 2017); ebenfalls befasste sich Johannes Hillje (Hillje 2018; 2021) in mehreren Monografien mit der Bedeutung der Sozialen Medien für die AfD. Auch das Thema Antisemitismus spielt bei einzelnen Analysen eine Rolle. Monika Hübscher veröffentlichte 2017 eine Monografie (Hübscher 2017) und 2022 einen Artikel gemeinsam mit Sophie Schmalenberger über den Antisemitismus der AfD (Schmalenberger/Hübscher 2022). Hierzu publizierte ebenso Samuel Salzborn (Salzborn 2019). Er stellt fest, dass der Antisemitismus ein »festes Element im Weltbild der AfD« (ebd.: 212) bildet.
Weiterhin veröffentlichte der Politikwissenschafter Stephan Grigat 2017 einen Sammelband mit dem Titel AfD und FPÖ: Antisemitismus, völkischer Nationalismus und Geschlechterbilder. Die Beiträge behandeln überwiegend den Geschichtsrevisionismus der AfD. Wenig beachtet wurden bisher die impliziten Äußerungen und die Gleichzeitigkeit von scheinbar pro-jüdischen Aussagen und Antisemitismus, worauf in diesem Beitrag der Fokus liegen soll.
Methodisch orientiert sich die Analyse der Redebeiträge an den Forschungen von Monika Schwarz-Friesel (Schwarz-Friesel 2013) und Jobst Paul (Paul 2019), welche es ermöglichen, subtilere und implizite Formen des Antisemitismus zu identifizieren.
Methodik
Monika Schwarz-Friesel betrachtet Sprache als ein »kollektives Wissensreservoir« (Schwarz-Friesel 2013: 36) einer Gesellschaft, welches Mythen und Stereotype konserviere, die »unhinterfragt tradiert« (ebd.) würden. Insofern ermögliche Sprache, Identität auszudrücken und Gemeinschaft zu stiften, indem gruppenzuweisende Merkmale definiert würden (vgl. Schwarz-Friesel 2013: 30ff.). Ferner unterscheidet sie zwischen expliziten und impliziten Äußerungen. Schwarz-Friesel führt aus, dass antisemitisches Gedankengut sowohl »explizit«, also »wortwörtlich« ausgedrückt werde, aber meistens »implizit«. Unter implizit versteht sie solche Äußerungen, die kontextgebunden sind und deren Bedeutungen sich »über die Schlussfolgerungen [. . . ] erschließen«, die also nicht »expressis verbis artikuliert werden« (ebd.: 50f.). Sie erklärt weiter: »Es sind Informationskomponenten sprachlicher Äußerungen, die nicht verbalisiert, vom Rezipienten aber problemlos verstanden werden« (ebd.: 51). Die Antisemitismusforscherin legt dar, dass seit 1945 zwar eine Distanzierung vom Nationalsozialismus vollzogen worden, jedoch keine Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus erfolgt sei. Daher entwickelte sich eine »Schuldabwehrkommunikation« (ebd.: 91), also Strategien, um sich antisemitisch äußern zu können, ohne als Antisemit identifiziert zu werden. Sie identifizierte Strategien wie Verdrängung, Umdeutung, Marginalisierung, aber auch Abwehrund Rechtfertigungsdiskurse, die von antisemitischen Sprecher:innen angewendet werden (vgl. ebd.). Ihre Analysen liefern eine hervorragende Grundlage, auf die im Verlauf dieser Analysen rekurriert wird.
Jobst Paul entwickelte in seiner Binarismusanalyse (Paul 2019), die aus der Kritischen Diskursanalyse von Jürgen Link entstand, ein ergänzendes Werkzeug, um subtilere Formen der Herabsetzung zu identifizieren. Der Fokus liegt auf der Analyse der Kollektivsymbolik, also auf der »Gesamtheit der sogenannten Bildlichkeit« (Link 1978: 25; zit.n. Paul 2019: 7). Sprecher:innen greifen vor allem dann auf diese Bildlichkeit zurück, wenn sie Macht ausüben und Kritik »außer Kraft setzen wollen« (Paul 2019: 9). Nach Jobst Paul produzieren Kollektivsymbole »den Schein von Sinn« (ebd.). Es ginge darum, die eigene Gruppe zu erhöhen (»Wir-Gruppe«) und die anderen, die als Nicht-Teil der Gruppe verstanden werden, verbal herabzusetzen (»Sie- Gruppe«). Ziel der Binarismusanalyse sei es herauszuarbeiten, wie das funktioniert (Paul 2019). Paul konturiert einen Code der Herabsetzung, den »Binären Code«, der für alle Minderheiten angewendet wird. Um Antisemitismus handle es sich, wenn sich die Herabsetzung gegen Jüd:innen richte, um Sexismus, wenn sie sich gegen Frauen richte usw. (vgl. ebd.: 21). Der westliche Moraldiskurs sei, so Paul, geprägt von einer »Dichotomie«, d.i. »Kopf/Körper«, die auf Aristoteles zurückgehe. Das Phantasma von »Nur-Körper« würde mit dem Begriff »Tier« belegt. Somit würden alle Tiere zum Feind erklärt, und alle Feinde zum Tier (vgl. ebd.: 33–37). Aus dieser »Kopf/Körper«, »Mensch/Tier«-Dichotomie seien vier sprachliche Motive entstanden, was mithilfe des vielfach gegen Minderheiten angewandten, herabsetzenden Container-Begriffs »Ratte« (Paul 2019: 75) veranschaulicht werden könne. Der Sprecher attackiere die Minderheit auf verschiedenen Ebenen: Zum einen sei mit der Ratte die Vorstellung der massenhaften Vermehrung verbunden, also das »Sex- Motiv« (ebd.). Zudem gelte die Ratte als fressendes Raubtier, sodass hier auch das »Fress-Motiv« (ebd.) zu tragen käme. Zuletzt sei die Ratte ein Überträger von Erregern, sodass hier das »Fäkal-Motiv« (ebd.) eine Rolle spielt. Weiterhin gebe es das »Motiv der Dummheit bzw. Unbelehrbarkeit« (ebd.: 49). Vermeintliche Feinde, die sich im Inneren befinden und versuchen, heimlich die Zivilisationen von innen heraus zu zerstören, würden mit dem »Mastermind-Stereotyp« (ebd.: 97) herabgesetzt. Sie würden als bösartig, aber intelligent beschrieben. Das wirkmächtigste historische Beispiel seien die »Protokolle der Weisen von Zion« (ebd.: 99), die bis heute in antisemitischen Vorstellungen als Beweis für die Existenz der »jüdischen Weltverschwörung « gelten (ebd.: 100).
Die binären Sprechakte können sich gegen alle Personen und Gruppen richten. Der Judenhass unterscheidet sich jedoch aus historischen Gründen von anderen Formen der Herabsetzung. Monika Schwarz-Friesel stellt fest, dass bereits vor der Entstehung des Christentums der Jude1 »als der Andere, der Fremde« herabgesetzt worden sei (Schwarz-Friesel 2013: 59). Mit der Entstehung des Christentums jedoch, kamen »religiös motivierte Hassgefühle« dazu (»Jude als Verweigerer des wahren Glaubens«, »Jude als Christusmörder«, »Jude als das absolut Böse«), welche sie als »Ursprung des jahrtausendlang anhaltenden Judenhasses« versteht (Schwarz- Friesel 2013: 60). Vor allem im Johannes-Evangelium zeichne sich die Vorstellung von Juden als Verdammte ab, da sie den »einzig wahren Glauben« nicht akzeptieren wollten, und die Überzeugung, Christus sei durch das »jüdische Gesetz« ermordet worden (ebd.: 61). Daraus sei die Vorstellung vom Juden als prinzipiell »anders«, als »prinzipiell schlecht« entstanden (ebd.: 66) und habe die Basis gelegt für »alle folgenden Varianten des Judenhasses« (ebd.: 64). Im Nationalsozialismus habe der Judenhass darin gegipfelt, dass die Konstruktion des Judentums als »Weltübel« zur Staatsdoktrin ernannt worden sei (ebd.: 87). Monika Schwarz-Friesel resümiert, dass der Antisemitismus zum »integralen Bestandteil der abendländischen Denkstruktur« wurde, welcher »in nahezu allen Schichten vertreten« sei (ebd.: 91).
Wer sind die Christen in der AfD?
Wir befassen uns nun mit den vier ChrAfD-Mitgliedern, deren Reden hier analysiert werden. Die Protestantin Beatrix von Storch zählt zu den bekanntesten Gründungsmitgliedern sowohl der ChrAfD als auch der AfD. In ihren Bundestagsreden, aber auch auf ihrer offiziellen Facebook-Seite, thematisiert sie als Antisemitismusbeauftragte der AfD-Bundestagsfraktion den muslimischen Antisemitismus (vgl. von Storch 2018a) und den Antisemitismus der Linken (vgl. AfD 2019). Gleichzeitig pflegt sie Kontakt zum US-amerikanischen Steve Bannon, welcher antisemitische Verschwörungserzählungen verbreitet (vgl. von Storch 2020).
Der Immobilienunternehmer und Lokalpolitiker Dr. Malte Kaufmann ist in rechts-libertären (vgl. Kaufmann 2022) und rechtsreligiösen Kreisen (vgl. ders. 2023) international vernetzt. Jenseits von einzelnen Ausnahmen, wie der kurzen Verurteilung von muslimischem Antisemitismus, beschäftigt er sich nicht mit dem Judentum (vgl. Kaufmann 2021). Einige Jahre war er als »Lehrbeauftragter an der Freien Christlichen Schule Heidelberg« tätig (Kaufmann 2024). Es ist anzunehmen, dass er bis heute mit der dazugehörigen Heidelberger Freikirche verbunden ist (vgl. Wiese 2023).
Bernd Laub war Regionalsprecher der ChrAfD Süd (Baden-Württemberg und Bayern). Der Wirtschaftsinformatiker war Aufsichtsrat des Vereins Christlicher Schul- und Erziehungsverein, zu dem auch die Freie Christliche Schule Freiburg gehört (vgl. Bednarz 2018: 219). Mit dem Judentum befasste er sich auf seiner Facebook- Seite vornehmlich im Zusammenhang mit Israel, indem er beispielsweise die Israel-Politik Trumps lobte (vgl. Laub 2024), oder aber Fotos einer Israel-Reise veröffentlichte (vgl. Sydow 2019).
Zuletzt sei der ChrAfD-Vorsitzende Joachim Kuhs genannt. Er stammt aus dem südwestdeutschen Lörrach und ist dort Gemeindeältester einer Anglikanischen Freikirche in Baden-Baden. Bereits vor seinem Eintritt in die AfD war er beim Marsch fürs Leben aktiv (vgl. Hammel/Teidelbaum 2020). Politisch unterstützt er die Justizreform zum Abbau der Demokratie in Israel, die von Netanyahus rechter Regierung vorangetrieben wurde (vgl. Kuhs 2023). Zwischen 2019 und 2024 war er Abgeordneter des Europäischen Parlaments, wurde aber für die Europa-Wahl 2024 nicht wieder als Kandidat aufgestellt.
Wer sind die Juden in der AfD?
Der Verein Juden in der AfD ist mit mittlerweile 20 Mitgliedern, kleiner und innerparteilich unbedeutender als die ChrAfD. Zu den Gründungsmitgliedern gehören die Ärztin Vera Kosova, der Germanistikstudent Artur Abramovych und der sich mittlerweile im Ruhestand befindende Abteilungsleiter eines Textilunternehmens Wolfgang Fuhl. 2021 wurde der Vorstand neu gewählt und besteht nun aus Dimitri Schulz, einem bekennenden Christen, der sowohl Mitglied der ChrAfD und JAfD ist, Artur Abramovych und Marcel Goldhammer (vgl. JAfD 2021a). Dimitri Schulz hat als einziges ihrer Mitglieder ein höheres politisches Amt erreicht. Er ist Landtagsabgeordneter in Hessen.
Inhaltlich befassen sich die JAfD in erster Linie mit dem muslimischen und linken Antisemitismus (vgl. JAfD 2023a) und der Forderung einer »pro-israelischen« Politik, worunter sie jedoch die Unterstützung der israelischen Rechten verstehen (vgl. JAfD 2023b).
Ideologie der AfD
Als parteipolitisches Instrument der Neuen Rechten versucht die AfD, ihren Einfluss auf die Gesellschaft auszuweiten, indem sie sich vordergründig vom Nationalsozialismus und Antisemitismus zu distanzieren versucht. So werden Begriffe wie konservativ gekapert und mit rechtsextremen Bedeutungsinhalten gefüllt. Die neurechte Strömung beruft sich auf den Schweizer Armin Mohler, der 1948 seine Dissertation Die Konservative Revolution (Mohler 1989) veröffentlichte. Er konstruierte die Existenz eines rechten Lagers in der Weimarer Republik, welches vermeintlich nichts mit dem Nationalsozialismus gemein hätte. Der Historiker Volker Weiß erklärt: »Er [Armin Mohler, J.H.] versuchte, aus den unterschiedlichsten Autoren des deutschen Radikalnationalismus eine eigenständige Denkschule zu konstruieren, die er vom Dritten Reich geschieden wissen wollte« (Weiß 2017: 44). Ziel war es, der deutschen Rechten zu einer positiven Tradition zu verhelfen, um rechtsextreme Inhalte wieder salonfähig zu machen. Ferner übernahm die Neue Rechte ein Konzept des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci, das darauf abzielte, eine kulturelle Hegemonie zu erreichen. Daraus formulierte sie das Konzept der Metapolitik (vgl. ebd.: 57). Die Neue Rechte möchte Deutungshoheit über den konservativen Diskurs erhalten und ihren Einfluss in Institutionen ausweiten. Weiß stellt fest: »In der jüngsten Zeit stellen sich Erfolge ein. Die enorme Zugkraft, die Bewegungen gegen Political Correctness, die Homo-Ehe, Gender-Mainstreaming und eine moderne Sexualaufklärung entfaltet haben, zeigt das. Ihre konservativen Familien- und Rollenbilder haben der Neuen Rechten einen immensen Resonanzraum bis ins fundamentalchristliche Milieu verschafft.« (Ebd.: 56f.)
Die Ideologie des Großen Austauschs ermöglicht es, sich in einem Atemzug antisemitisch, rassistisch, queer-feindlich und antifeministisch zu äußern. Darin werden Abtreibung und queere Familienmodelle als Werkzeug der Elite gedeutet, um einen Bevölkerungsrückgang innerhalb des Volkes zu beschleunigen, um somit den Großen Austausch voranzutreiben. Da sich die AfD als die einzig legitime Repräsentantin des sog. Volkswillens versteht und behauptet, als einzige Partei gegen die Pläne der Elite vorzugehen, die zum Ziel habe, das Volk auszutauschen, werden auch alle Gruppen und Personen delegitimiert, die sich in einer Führungsposition befinden. Die AfD-Diskurse zeichnen sich folglich dadurch aus, eine Wir-Sie-Dichotomie (Wir: das Volk vs. Sie: die Elite) zu konstituieren. Wahlweise, je nach Sprecher:in, werden dann die Kirchen, der Zentralrat der Juden, die Medien, Gewerkschaften, Parteien etc. angegriffen. Dieses Weltbild spiegelt sich sehr deutlich in den hier analysierten Redebeiträgen der ChrAfD wider.
Analysen
Bei den hier analysierten Redebeiträgen handelt es sich um politische Reden, die dem Zweck dienen, die Existenz einer jüdischen Gruppe innerhalb einer antisemitischen Partei zu rechtfertigen. Die Gründung der JAfD in Wiesbaden war eine Veranstaltung, bei der, neben AfD-Mitgliedern, auch Journalist:innen zugelassen waren. Die Reden richteten sich somit an die eigene Gruppe, an eine interessierte Hörer: innenschaft aber auch an politische Gegner:innen. Die Jahresversammlung fand in einem geschlossenen Rahmen in Heidelberg statt. Nur ausgewählte Nicht-AfDMitglieder waren willkommen. Die Videoaufnahmen beider Veranstaltungen sind online zugänglich.2
Beatrix von Storch benennt in ihrer Rede auf der Gründungsveranstaltung der JAfD als zentrale Aufgabe der ChrAfD, »in die Kirchen hineinzuwirken« (von Storch 2018a). Christ:innen bilden also eine wichtige Zielgruppe der ChrAfD. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass die Sprecher:innen mitunter christliche Kreise adressieren möchten.
Wir befassen uns zunächst mit der Frage, was Jüd:innen und Christ:innen in den Augen der ChrAfD-Sprecher:innen miteinander verbindet, um im nächsten Schritt herauszuarbeiten, welche Grenzen der Verbundenheit identifizierbar sind. Zuletzt wird diskutiert, welche Funktion das Judentum für die ChrAfD einnimmt.
Was verbindet Jüd:innen und Christ:innen in den Augen der ChrAfD-Sprecher:innen?
Die Autor:innen argumentieren politisch und religiös, um ihre Verbundenheit mit dem Judentum zum Ausdruck zu bringen. Zunächst gehen wir auf die politischen Aspekte ein.
Politische Verbundenheit: Zusammenarbeit
Malte Kaufmann hält bei der Jahresversammlung der JAfD die Einführungsrede, welche er dazu nutzt, um über die gesellschaftspolitischen Ereignisse anlässlich der Jahresversammlung zu sprechen, aber auch, um die Anwesenden teilweise persönlich zu begrüßen. Zuletzt geht er auf das Organisationsteam ein, das aus dem Heidelberger AfD-Vorstand und dem Verein JAfD bestand. Er lobt die Zusammenarbeit und greift auf eine Metapher aus dem Bereich der Technik, das »Räderwerk« zurück, um ein Gefühl von Einheit und Harmonie zu vermitteln:»So ne Veranstaltung braucht natürlich ne große Vorlaufzeit und es braucht auch ein Team, das so ne Veranstaltung miteinander plant. Ich muss sagen, zusammen mit den Juden in der AfD hat die Kooperation und Kommunikation hervorragend geklappt. Also das war wirklich ne sehr, sehr schöne Zusammenarbeit auch im Vorfeld. Auch mein Vorstand in Heidelberg, die haben wirklich harmoniert. Das hat wie ein Räderwerk funktioniert. Jeder hat so seine Aufgabe gefunden.« (Kaufmann 2019)
Politische Verbundenheit: Politische Funktion
Beatrix von Storch hält einen kurzen Redebeitrag auf der Gründungsveranstaltung der JAfD, in dem sie sich darauf fokussiert, die AfD als vermeintlich pro-israelische Partei herauszustellen und die anderen demokratischen Parteien als anti-israelisch abzuwerten. Zudem hebt sie vermeintliche Gemeinsamkeiten zwischen JAfD und ChrAfD hervor. Sie freue sich darüber, nun einen »Ansprechpartner für jüdische Themen zu haben« (von Storch 2018b) und betont, den Dialog mit den JAfD aufbauen zu wollen: »Dialog ist uns wichtig. Es ist uns wichtig, Brücken in die jüdischen Gemeinden zu bauen. So können sie einen wichtigen Beitrag leisten. Die AfD ist die Stimme der Konservativen, euroskeptischen und islamkritischen Juden in Deutschland « (ebd.). Von Storch hält die JAfD deshalb für eine Bereicherung für die AfD, da sie als Ansprechpartner fungiere, aber auch, da der Austausch zwischen AfD und Judentum im Allgemeinen gefördert werde. Mit dem Begriff »Dialog« suggeriert sie implizit, den JAfD auf Augenhöhe zu begegnen.
Weiterhin ist sie der Meinung, dass sowohl die ChrAfD als auch die JAfD die Aufgabe hätten, ihre spezifische Zielgruppe zu erreichen:»Ich freue mich sehr, dass nach den Christen in der AfD, bei deren Gründung ich auch dabei, und wirklich dabei gewesen bin, sich jetzt auch die Juden in der AfD gegründet haben. Die Initiative ergriffen haben. Das ist ein wichtiger Schritt, um in die gesamte Gesellschaft hineinzuwirken. In die christlichen Kirchen eben genauso wie in jüdische Gemeinden.« (Ebd.)
Politische Verbundenheit: Ideologie
Legitimiert wird die Forderung eines Dialogs und Austauschs zwischen JAfD und ChrAfD mit den ideologischen Gemeinsamkeiten. Dabei greift von Storch drei zentrale Ideologeme der AfD auf: »Und mit ihnen [Juden] stehen wir Seite an Seite für die traditionelle Familie, für ein Europa der Vaterländer und gegen die Islamisierung Europas« (ebd.). Mit der Metapher »Seite an Seite« betont sie ausdrücklich – wie schon mit dem Lexem »Dialog« – die Verbundenheit zwischen den ChrAfD/der AfD und den JAfD. Von Storch fasst diese Ideologie unter »Konservatismus«, indem sie behauptet, die AfD sei »die Stimme der Konservativen« (ebd.). Von Storch verfolgt also die Strategie der Neuen Rechten, Begriffe in ihrem Sinne umzudeuten, indem sie den Begriff des Konservatismus für sich in Anspruch nimmt und mit rechtsextremen Bedeutungsinhalten füllt. Zudem imaginiert sie die Existenz einer Wirund Sie-Gruppe, wobei sie ausdrücklich die JAfD in die Wir-Gruppe aufnimmt auf Basis gemeinsamer ideologischer Prinzipien.
Ein weiterer ideologischer Bezugspunkt zu den JAfD ist das Thema Israel. Joachim Kuhs spricht es gleich zu Beginn seiner Rede kurz an und konstatiert, die ChrAfD seien bisher innerhalb der Partei für das Thema »Israel und die ganzen Fragen« (AfD TV 2018) zuständig gewesen. Da nun die JAfD gegründet seien, wollten die ChrAfD die Verantwortlichkeit in dieser Sache an die JAfD übergeben: »Das geben wir gerne ab an die Juden in der AfD und freuen uns darüber« (ebd.).
Beatrix von Storch widmet sich diesem Thema am intensivsten und behauptet, die AfD mache eine pro-israelische Politik. Um ihrer Aussage mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, rekurriert sie sogar auf einen Zeitungsartikel der Jerusalem Post und nutzt somit die Strategie des Autoritätsbeweises (vgl. Schwarz-Friesel 2013: 373). Weiterhin bezieht sie sich auf einzelne politische AfD-Forderungen. Sie resümiert:
»Die Jerusalem Post kommentierte am 23. Juli 2018 diese Entwicklung so: Linke und Mainstream-Politik sind für Israels Sicherheitspolitik schädlich, da sie islamistischen Regimen Unterstützung und Legitimität geben, die Israel von der Landkarte tilgen wollen, während sie gleichzeitig Israels Verteidigung gegen solche Kräfte im Namen eines falsch verstandenen Antirassismus und Antiimperialismus Legitimität absprechen.« (von Storch 2018b)
In welchem Verhältnis stehen Christentum und extreme Rechte? Rechtsextreme Ideologeme wie identitärer Nationalismus, die Verbreitung von Verschwörungserzählungen, Anti-Genderismus und Anti-Umweltschutz bauen häufig auf Begründungsmustern auf, die ihren Ursprung in der christlichen Religion haben. Die Beiträger*innen reflektieren die Netzwerke und Topoi dieser Verbindungen und zeigen, warum alle, die die extreme Rechte verstehen wollen, auch ihre (pseudo-)religiösen Verknüpfungen zum Christentum in den Blick nehmen müssen.
Politische Verbundenheit: Politische Feinde Hier wird also dieses gemeinsame Erleben eines »medialen Gewitters« als gemeinschaftskonstituierendes Moment beschrieben. Besonders ausführlich behandelt Malte Kaufmann die kritischen Stimmen und die Versuche von Seiten verschiedener Akteure, die Jahresversammlung zu verhindern. Damit stilisiert er die AfD gemeinsam mit den JAfD als Opfergemeinschaft. Er betont, sich über die Existenz der JAfD zu freuen: Kaufmann lobt die JAfD dafür, dass sie sich öffentlich zur AfD bekennen. Da er dies in einem Kontext sagt, in dem es um die Repressalien geht, die er meint als AfDler zu erfahren, lobt er implizit ihren Mut, ähnlich wie Beatrix von Storch. Der Verein JAfD wird also als wichtiger Partner im Kampf gegen den politischen Gegner aufgewertet. Der ChrAfD-Sprecher adressiert also sowohl Christ:innen als auch Jüd:innen und betont, dass sie sich beide religiös auf den Tanach bezögen. Auch Bernd Laub hebt hervor, »natürlich heute aus dem Alten Testament« zu zitieren: »›Lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.‹ Ein Vers aus der Heiligen Schrift, Psalm 103,2. Natürlich heute aus dem Alten Testament«. (Laub 2019) Joachim Kuhs wiederum erwähnt seine Abneigung gegenüber dem Islam nebenbei in einem kurzen Nebensatz: »Sie haben vielleicht gesehen, ich habe [zeigt Buch, J.H.] – keine Angst, ich habe nicht den Koran mitgebracht – ich habe die Bibel mitgebracht «. (AfD TV 2018) Joachim Kuhs vergleicht die Situation der AfD und der JAfD mit der des israelitischen Volkes, welches unter König Hiskia von den Assyrern (hier: den politischen Gegnern) bedroht wurde. Die Identifikation der JAfD mit dem israelitischen Volk aus dem Tanach und die Selbsterhöhung als Ausleger des Tanach ermöglicht es Kuhs, sowohl die JAfD als auch sich selbst religiös legitimiert und moralisch über die Sie-Gruppe zu erhöhen. Der ChrAfD-Vorsitzende beobachtet die JAfD auf voyeuristische Weise und zeigt sich erstaunt, dass sein Vorurteil gegenüber Jüd:innen nicht zutrifft. Er legt das Sprichwort »Fünf Juden, zehn Meinungen«, welches eigentlich Zwei Juden, drei Meinungen heißt, antisemitisch aus, indem er darunter ein vermeintlich jüdisches Merkmal für undisziplinierte und nicht zu einem Ziel führende Diskussionsfreudigkeit versteht. Tatsächlich ist damit die Tradition jüdischer Gelehrsamkeit gemeint, dass Auslegungen der Torah unter Berücksichtigung sich verändernder Kontexte unterschiedlich diskutiert werden. Laub reduziert also die jüdische Geschichte auf die Zeit des Tanach, lässt die Entwicklungen des Judentums der letzten 2000 Jahre außer Acht und reduziert den Tanach polemisch auf archaische Gewalt. Interessanterweise gibt der ChrAfD-Funktionär im nächsten Satz zu, »relativ wenig über Juden« (ebd.) zu wissen. Dies erstaunt nicht, zumal er wenige Atemzüge zuvor eine Form des Gottesnamens ausgesprochen hat, was innerhalb des Judentums ein absolutes Tabu darstellt. Trotz dieser zutreffenden Selbstwahrnehmung nimmt Bernd Laub für sich in Anspruch, über das Judentum sprechen zu können. Monika Schwarz-Friesel konstatiert, dass der Begriff Jude häufig kein »Konkretum« darstelle, sondern ein »Abstraktum« und daher »mit verschiedenen Bedeutungsinhalten« gefüllt werde (Schwarz-Friesel 2013: 295). Diese Leerstelle in Bezug auf das Judentum füllen Bernd Laub und Joachim Kuhs mit Vorstellungen vom Judentum, welche nichts mit dem Judentum an sich zu tun haben, sondern aus dem »kollektiven Wissensreservoir« stammen, dem »kollektiven Erbe« der westlichen Gesellschaft (vgl. ebd.: 35ff.). Weiterhin sollen die JAfD sich so wie die ChrAfD verhalten: Auffälllig ist daran Folgendes: Durch die Prediger-Position schafft Kuhs eine asymmetrische Gesprächssituation. Das zeigt sich unter anderem daran, dass er als Christ den JAfD Ratschläge erteilt und die ChrAfD als Vorbild präsentiert. Zudem nimmt er für sich in Anspruch, für Juden sprechen zu können und meint, seine christliche Auslegung den JAfD vorlegen zu können. Er projiziert also seine Vorstellungen vom Glauben auf das Judentum. Die Gründung der JAfD ist für Joachim Kuhs eine hervorragende Gelegenheit, um das vermeintliche göttliche Wirken auf sein Leben in einem nicht-christlichen Umfeld zu bezeugen. Bernd Laub nutzt diese politische Veranstaltung, um von der eigenen Gotteserfahrung zu berichten. Inhaltlich passt das Berichten vom Bekehrungserlebnis nicht zum Rest der Ansprache. Er erläutert auch nicht weiter, welches Ziel er mit dieser Einführung verfolgt. Er fordert die Zuhörer:innen nicht offen dazu auf, sich seinem Glauben anzuschließen. Vielmehr artikuliert er einen subtilen Call to Action: »Ich weiß nicht, was Gott bei Ihnen Gutes getan hat. Das müssen Sie selbst heraufinden« (ebd.) und impliziert damit, dass der Gott, an den er selbst glaubt, seine Wirkmacht über alle Menschen entfalte. Abschätzig sagt er: »mit Hilfe dieses Professors« und vergleicht das Verhalten der JAfD-Kritiker:innen mit dem Nationalsozialismus, indem er behauptet, sie wendeten »eigentlich Nazi-Methoden« an. Die geschichtsrevisionistische Täter-Opfer- Umkehr erlaubt es Kaufmann, sich nicht mit den Inhalten der Kritik an der AfD befassen zu müssen, sich gleichzeitig als moralisch erhaben zu präsentieren und als Opfer inszenieren zu können. Zudem konstruiert er einen feindlichen, monolithischen Block, der aus Institutionen besteht – angeführt vom Rektor der HfJS. Dieser Sie-Gruppe stellt Kaufmann die AfD und unpolitische Einzelpersonen aus der Heidelberger Stadtgesellschaft gegenüber, wie die Besitzerin des Hotels oder den Verwalter des Heidelberger Schlosses, die Kaufmann positiv beschreibt und somit in die Wir-Gruppe aufnimmt. Das heißt, er reproduziert hier das dichotome Weltbild von Volk vs. Elite, welches, wie bereits dargelegt, anschlussfähig an antisemitische Verschwörungserzählungen ist. Diese Anschlussfähigkeit wird dadurch bekräftigt, dass der Rektor der HfJS der Elite vorangestellt und als einziger Kritiker namentlich benannt wird.
Religiöse Verbundenheit: Bezugnahme auf Altes Testament bzw. Tanach zur Stärkung der Wir-Sie-Dichotomie
Bernd Laub stellt in den Mittelpunkt seiner Rede die Phrase »jüdisch- christliches Abendland«, um damit eine kulturelle und vor allem – wertebasierte – Verbundenheit zwischen JAfD und ChrAfD zu konstruieren. Er behauptet, die Demokratie habe an sich keine Wertebasis, sondern sei lediglich »ein Organisationsmodell, ein Modell der politischen Willensbildung« (Laub 2019). Die Aufgabe der AfD bestünde darin, »dieser Demokratie die Werte und Fundamente des jüdisch- christlichen Abendlandes einzuhauchen« (ebd.). Tatsächlich handelt es sich bei der Phrase »jüdisch-christlich« um ein Phantasma, welches einerseits die blutigen Phasen der Unterdrückung und Gewalt von Christ:innen an Jüd:innen negieren möchte, andererseits aber die dichotome Weltsicht untermauert, nach der der Islam aus der Wir-Gruppe ausgeschlossen und als feindlich moralisch abgewertet wird, indem er als rückständig markiert wird. Volker Weiß verweist auf ein Zitat von Alexander Gauland, der konstatierte, »den Begriff Abendland als Abgrenzung zum Islam« (Weiß 2017: 156) zu verwenden und erläutert, dass es sich dabei um eine in der AfD gängige Lesart dieses Begriffs handle.
Bisher kommen also zwei Feindesgruppen zur Sprache: Die politische Linke, worunter alle demokratischen Parteien subsumiert werden, und der Islam. Den demokratischen Parteien wird unterstellt, per se israelfeindlich zu sein. Vor dieser Negativfolie wird die AfD umso mehr als pro-israelische und pro-jüdische Partei wahrgenommen. Die AfD arbeitet häufig mit Pauschalisierungen und Auslassungen. Das heißt, es werden tatsächliche anti-israelische Agitationen von Politiker:innen und Parteien aufgegriffen, woraus pauschal der Schluss gezogen wird, die gesamte politische Landschaft jenseits der AfD handle anti-israelisch. In Bezug auf die Israel- Politik der AfD wird ähnlich pauschalisierend argumentiert, indem aus einzelnen pro-israelischen Agitationen auf die Gesamtpartei geschlossen wird.3 Auf der anderen Seite werden pro-israelische Handlungen von Seiten der demokratischen Parteien und die anti-israelischen der AfD verschwiegen. Monika Schwarz-Friesel bezeichnet diese Strategie als »irrationale Selektivität«, dessen Ziel darin bestehe, die eigene emotionale Handlung bestätigt zu wissen (Schwarz-Friesel 2013: 298). Sowohl vor der Gründung der JAfD als auch vor dem Stattfinden der Jahresversammlung wurden diese Ereignisse medial diskutiert. Zahlreiche Medien jenseits des rechten Randes übten Kritik an AfD und JAfD. Dies wurde von den ChrAfDSprecher: innen thematisch aufgegriffen und dazu genutzt, das Feindbild »der Medien « aufzugreifen und zur Wir-Gruppen-Konstitution zu nutzen.
Beatrix von Storch leitet ihr Grußwort ein, indem sie die damalige Vorsitzende Vera Kosova beglückwünscht und ihre Freude über die Gründung zum Ausdruck bringt. Sie führt aus:»Es braucht heute Mut und Kraft, um sich in Deutschland zur AfD zu bekennen. Das wurde schon mannigfaltig gesagt. Dem schließe ich mich an. Es liegen bewegende Wochen hinter ihnen und ich glaube der ein oder andere wurde dann doch überrascht über das mediale Gewitter, das da losgebrochen ist. Die Reaktionen der Medien waren wirklich eindrucksvoll. Und Wolfgang Fuhl hat es in einem Interview so richtig ausgedrückt. Er hat gesagt: ›Es herrscht blanke Panik im Establishment‹. Das bringt die Sache eigentlich ganz gut auf den Punkt. [Applaus]« (von Storch 2018b)
»Ich bin froh, dass es viele Juden bei uns gibt, dass Sie ›ne Vereinigung gemacht haben, dass sie nicht hinterm Berg halten und sich bei der AfD, gerade bei der AfD engagieren [Applaus].« (Kaufmann 2019)
Neben politischen Themen spielen bei den ChrAfD religiöse Gesichtspunkte eine große Rolle, um eine Verbundenheit zwischen Judentum und Christentum, und daraus schließend zwischen JAfD und ChrAfD, zu konstruieren. Uns interessiert, wie diese vermeintliche Verbundenheit begründet wird.
Joachim Kuhs und Bernd Laub stellen in ihren Reden intertextuelle Bezüge zur Bibel her, genauer zum Tanach bzw. Alten Testament. Dies dient unter anderem dem Zweck, sich mit dem Judentum verbunden zu zeigen. Die beiden ChrAfD-Sprecher nutzen die Bühne, um Kurzvorträge im Predigt-Stil zu halten. Kuhs sagt ganz offen, »eine kleine Predigt« (AfD TV 2018) vorbereitet zu haben. Dies erstaunt, da es sich um eine politische Veranstaltung handelt. Er sagt Folgendes:»Ich möchte anhand von drei Bibelstellen aus dem Tanach – das ist der Teil, den wir Christen Altes Testament nennen – aus diesem möchte ich ein paar Texte anführen, indem ich Ihnen zeige, wie wichtig es ist, dass man von Anfang an, wie soll ich sagen, auch immer die richtige Perspektive hat und dass man sich nicht erschrecken lässt durch das, was jetzt da auf einen einstürmt.« (ebd.)
Bernd Laub behauptet weiterhin, dass Jüd:innen und Christ:innen denselben Gott anbeteten, woraus er schließt, dass Angehörige beider Religionen zum »Abendland « gehörten, im Gegensatz zu Angehörigen des Islams, da sie nicht denselben Gott verehrten. Diese konstruierte Verbundenheit verhilft dabei, die Herabsetzung des Islams religiös zu begründen und somit zu rechtfertigen:»Was verbindet uns jetzt, Juden und Christen miteinander in der AfD? [. . . ] Der ewige Gott und hier kann ich mit gutem Recht sagen, es ist derselbe Gott, der uns Juden und Christen verbindet und der dazu führt, dass wir tatsächlich in einem jüdisch-christlichen Abendland leben dürfen. Und genau deshalb gehören Juden zu Deutschland, und genau deshalb gehören Christen zu Deutschland. Und genau deshalb gehört der Islam nicht zu Deutschland [Applaus].« (Laub 2019)
Der Rekurs auf den Tanach verhilft den ChrAfD-Funktionären dabei, die Wir- Sie-Dichotomie in Form der Phrase jüdisch-christliches Abendland vs. Islam, also die Herabsetzung des Islams, religiös zu legitimieren. Weitergehend widmet sich Joachim Kuhs ausgiebig einer biblischen Geschichte, um die Selbstwahrnehmung als primäre Zielscheibe der Elite (Medienetc.) zu untermauern und eine gemeinschaftsstiftende Opfer-Identität zu konstruieren:»Der Widerstand, der uns entgegenschlägt, der schlägt ja auch der AfD entgegen und uns allen, der ist natürlich immens« (ebd.). Da sich König Hiskia an Gott wandte und ihn um Hilfe bat, griff Gott ein, sodass »die Heeresmacht der Assyrer [. . . ] durch wundersame Weise zurückgeschlagen [wurde]« (ebd.).
Weiterhin führt Kuhs aus, dass die ChrAfD – genauso wie die Israeliten von damals – sich an Gott gewandt hätten. Daher fordert er die JAfD dazu auf, es ihnen gleichzutun: »Und das möchte ich einfach nur sagen: Wir haben auch ganz viele Zeitungsartikel sozusagen bekommen. Dutzende von schlimmen Briefen. Legt sie einfach Gott hin«. (Ebd.)
Hyperbolisch vergleicht der ChrAfD-Sprecher eine existentielle Bedrohung, der das israelitische Volk ausgesetzt war, mit Widerständen von Seiten der Mehrheitsgesellschaft gegen die AfD. Dieser intertextuelle Bezug dient der Stärkung der Wir-Gruppe. Durch den Rekurs auf das gemeinsame Erbe des Tanach soll signalisiert werden, dass Jüd:innen zur Wir-Gruppe gehörten.
Bernd Laub spricht ferner in seiner kurzen Rede an, »was (. . . ) verbindet Juden und Christen«, nämlich: »Die zehn Gebote«. Dann zitiert er das erste Gebot: »Im allerersten Gebot heißt es dort schon: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten aus der Sklaverei befreit hat. (. . . ) Das ist er, ein Gott der Freiheit« (Laub 2019). Schließlich resümiert Laub, in einem Land leben zu wollen, in dem Religionsfreiheit herrsche (vgl. ebd.). Da das Postulat der Freiheit im Judentum und Christentum seinen Ursprung habe, gelte Religionsfreiheit in Ländern des »christlich-jüdischen Abendlands«. Er führt weiter aus: »Christlich geprägte Gesellschaften, dort ist freies Leben möglich« (ebd.).
Auch hier unternimmt Bernd Laub den Versuch, eine gemeinsame religiöse Basis zwischen Jüd:innen und Christ:innen herzustellen und greift dabei auf das Kernelement des Judentums und Christentums, auf die Zehn Gebote, zurück. Weiterhin nivelliert Laub die lange Tradition des christlichen Antijudaismus. Zwar postuliert er, Religionsfreiheit sei ein christliches und jüdisches Gebot, nichtsdestotrotz schließt er den Islam aus der Wir-Gruppe aus und widerspricht sich somit selbst.
Grenzen der Verbundenheit?
Wir haben gesehen, dass Joachim Kuhs und Bernd Laub mithilfe eines Verweises auf den Tanach versuchen, eine vermeintliche Verbundenheit zwischen Christentum und Judentum, und somit zwischen ChrAfD und JAfD, zu konstruieren. Joachim Kuhs verbindet ferner die AfD mit biblisch-heilsgeschichtlichen Attributen und kann so alle AfD-Kritiker:innen moralisch herabsetzen. Zudem wird von den ChrAfD-Sprecher:innen vermittelt, es bestehe eine Einigkeit in ideologischen Fragen aber auch in ganz praktischen Angelegenheiten wie der organisatorischen Zusammenarbeit. Zentral ist darüber hinaus die Konstruktion von Feindbildern, die sich wahlweise aus dem Islam, den Medien, Politiker:innen etc. zusammensetzen. Dadurch wird das Wir-Gefühl gestärkt und nach außen hin ein Gefühl der Einigkeit vermittelt.
Reproduktion antisemitischer Klischees
Joachim Kuhs wurde als Versammlungsleiter des Gründungsaktes der JAfD eingesetzt und war folglich dafür verantwortlich, die Sitzung zu moderieren. Seine Rede während der Gründungsfeier nutzt er dazu, um seine Beobachtungen zu teilen:»Und ich möchte noch was zurechtrücken, was vorhin mal gesagt wurde in dem Witz. Natürlich gab es ziemlich viele Diskussionen. Wir haben die erste Stunde, in der ersten Stunde, da haben wir es nur geschafft, zwei Absätze einer Präambel zu besprechen und durchzuackern. Also [. . . ] diese Geschichte mit den ›Fünf Juden und zehn Meinungen‹ hätte fast gepasst. Aber dann, als die gemerkt haben, jetzt müssen wir doch weiterkommen, dann war auf einmal eine Disziplin da, eine Stringenz, da kamen dann die 16, 17 Paragraphen, das ging dann wirklich mit harter Arbeit und mit diszipliniertem Vorgehen, ging das dann relativ flott und wir sind gut fertig geworden.« (AfD TV 2018)
Es wurde bereits aufgezeigt, dass mit dem Rekurs auf den Tanach versucht wird, eine Nähe zwischen Judentum und Christentum zu konstruieren. Nichtsdestotrotz zeigt sich im folgenden Beispiel eine Bruchstelle in der Argumentation, da Bernd Laub den Verweis auf den Tanach nutzt, um das antisemitische Stereotyp eines atavistischen Judentums zu reproduzieren (vgl. Schwarz-Friesel 2013: 141). Er propagiert, im »Alten Testament« gäbe es»[. . . ] wunderbare Geschichten, [. . . ], die diese große jüdische Geschichte aufzeigen. [. . . ] Das ist echt wie ein Krimi, wenn man da mal reinliest. Des ist echt unwahrscheinlich, was man da für Geschichten liest. Da geht’s um Mörder. König David war ein Mörder!« (Afd TV 2018)
Religiöser Paternalismus: Christliche Projektionen aufs Judentum
Joachim Kuhs macht von Anfang an seine Sprecherposition transparent, indem er sagt, eine Predigt halten zu wollen. Er nutzt also eine politische Veranstaltung, um christliche Inhalte an ein Publikum zu richten, welches sich aus Nicht-Christ:innen, Jüd:innen und Christ:innen zusammensetzt. Er nimmt für sich in Anspruch, einen Bibeltext im Sinne christlicher Lehre auslegen zu können. Im Rahmen seiner Rede spricht er die JAfD direkt an:»Aber es gibt eine Ebene, die ist da drüber. Und ich möchte, dass ihr des nicht vergesst. Auch als Juden in der AfD. Und wir Christen haben das oft erfahren auch in unserer Arbeit. Und ich wünsche mir, dass ihr das auch erfahrt.« (AfD TV 2018)
»Und das möchte ich einfach nur sagen: Wir haben auch ganz viele Zeitungsartikel sozusagen bekommen. Dutzende von schlimmen Briefen. Legt sie einfach Gott hin. Ich glaube, es gibt eine Ebene, die wir bei alldem, was wir tun – wir müssen die ganzen Sachen tun. Wir müssen Satzungen machen, wir müssen Rechte, wir müssen gewisse Dinge einhalten. All diese Dinge müssen wir tun. Aber es gibt eine Ebene, die ist dadrüber. Und ich möchte, dass ihr des nicht vergesst. Auch als Juden in der AfD.« (Ebd.)
Zwar schließt Kuhs die JAfD in die Wir-Gruppe mit ein, dennoch zieht er eine klare Grenze zwischen JAfD und ChrAfD, was sich anhand der Wahl der Pronomen zeigt (»Wir«/»Sie«). Zum Abschluss seiner Rede bietet der ChrAfD-Funktionär dem Verein JAfD seine Hilfe an. Auch hier wird deutlich, dass Kuhs die JAfD zwar in die Wir-Gruppe aufnimmt, sich aber gleichzeitig distanziert, indem er den JAfD auf paternalistische Weise Ratschläge erteilt und sich somit über sie erhebt:»Und ich möchte euch einfach jetzt zusprechen: Das gilt damals beim Josua, das gilt heute für uns: Alle, die wir an Gott glauben, er ist mit uns. Er möchte, dass wir stark sind, dass wir mutig sind, dass wir nicht erschrecken vor diesen ganzen Dingen, die da kommen und dass wir vorwärts gehen und dass wir mutige Schritte machen. Mutige Schritte in ein unbekanntes Land. Das wünsche ich euch von ganzem Herzen. Und wie gesagt, nochmalig, ich biete unsere Hilfe an, dass wir es tun. Wir sind bereit und miteinander werden wir dieses Land erobern. Gott möge euch segnen.« (Ebd.)
Religiöser Paternalismus: Mission
Ähnlich wie Joachim Kuhs nutzt der ChrAfDler Bernd Laub die Bühne, um über seine Religion zu sprechen. Er beginnt mit einer kurzen Zusammenfassung seiner Lebensgeschichte und erzählt vom angeblichen Wirken Gottes auf sein Leben:»›Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.‹ Ein Vers aus der Heiligen Schrift, Psalm 103,2. [. . . ] Ich habe das selbst erlebt, in meinem Leben. [. . . ] Und ich schreibe mir das nicht selbst zu, sondern einem Erlebnis 1984, als ich diesen christlichen Glauben, diesen Gott, der gesagt hat ›Lobe den Herrn meine Seele‹, persönlich kennengelernt habe. Was hat Gott persönlich an mir Gutes getan? Ich weiß nicht, was Gott bei Ihnen Gutes getan hat. Das müssen Sie selbst herausfinden.« (Laub 2019)
Es wurde deutlich, dass die ChrAfD zwar auf ein vermeintlich gemeinsames jüdisch-christliches Erbe rekurrieren, aber gleichzeitig aus einer christlichen Perspektive über das Judentum sprechen. Dieses Sprechen über das Judentum zeichnet sich durch eine paternalistische Sicht aus, was Elemente der antijüdischen Tradition der christlichen Suprematie und der christlichen Enterbungslehre aufgreift. Dies wiederum bietet einen Ausgangspunkt für missionarische Tendenzen. Hierin lassen sich also Brüche in der Selbstzuschreibung der ChrAfD als pro-jüdisch identifizieren. Weiterhin nutzen die ChrAfD eine gängige Rechtfertigungsstrategie der Einteilung in gute und schlechte Juden, welche dem Zwecke dient, sich gegenüber den schlechten Juden antisemitisch äußern zu können, ohne des Antisemitismus bezichtigt zu werden (vgl. Schwarz-Friesel 2013: 364).
Einteilung in ›gute‹ und ›schlechte‹ Juden
Auffällig ist, dass Beatrix von Storch und Malte Kaufmann in ihren Redebeiträgen jüdische – oder als jüdisch gelesene – Personen, die die JAfD im Vorfeld kritisierten, verbal angreifen.
Kaufmann spricht in seiner Rede von der »evangelischen Kirche, inklusive der SPD Heidelberg, der Grünen, und noch vieler anderer Verbände«, die ein »breites Bündnis gegen rechts organisiert« (Kaufmann 2019) hätten. Als einzige Person, die sich im Vorfeld der Jahresversammlung der JAfD gegen das Stattfinden dieser Veranstaltung eingesetzt hat, wird der Rektor der Hochschule für Jüdische Studien (kurz: HfJS), Johannes Heil, namentlich genannt. Kaufmann kritisiert, dass die HfJS ihre Räumlichkeiten nicht für die JAfD-Veranstaltung zur Verfügung stellte und sagt dazu:»Und was mich also wirklich maßlos schockiert hat, muss ich sagen, war, dass sich mal wieder ein breites Bündnis gegen rechts organisiert hat. Das ist ja fast immer so, wenn die AfD was macht. Inklusive der evangelischen Kirche, inklusive der SPD Heidelberg, der Grünen, und noch vieler anderer Verbände. Aber darüber hinaus, dass sie jetzt den Namen dieses Hotels in die Öffentlichkeit gezerrt haben und einen öffentlichen Brief geschrieben haben mit Unterstützung dieses Professors von der Hochschule für Jüdische Studien: Keine Räume an die Juden in der AfD und die AfD vermieten! Und damit einhergehend auch ein Boykott- Aufruf. Ja, man könne seinen Kaffee auch woanders trinken und nicht in diesem Hotel. Und dann hat man natürlich auf diese Veranstaltung ein richtiger Aufmarsch, der da organisiert wurde. Meine Damen und Herren! All diese Methoden, das sind eigentlich Nazi-Methoden! [Applaus] Und der Leiter dieser Hochschule Prof. Dr. Johannes Heil, der hat mir gesagt: Ne, das geht gar nicht. AfD und Juden, das passt überhaupt nicht zusammen. [Publikum lacht] Er hat also sofort abgelehnt. Er ist dann wahrscheinlich derjenige, der bestimmen darf, wie sich Juden hier politisch engagieren. Ich bin froh, dass es viele Juden bei uns gibt, dass sie ’ne Vereinigung gemacht haben, dass sie nicht hinterm Berg halten und sich bei der AfD, gerade bei der AfD engagieren. [Applaus]« (Ebd.)
Kaufmann wendet sprachliche Strategien an, um Johannes Heil beleidigen zu können, ohne sich des Antisemitismus verdächtig zu machen. Er disqualifiziert den (als jüdisch gelesenen nicht-jüdischen) Rektor insofern, als dass er als Teil der Elite per se als unglaubwürdig herabgesetzt wird. Daraus wird resümiert, dass der Rektor nicht für die jüdische Mehrheit sprechen könne, die AfD hingegen schon. Kaufmann unterscheidet hier also zwischen guten (JAfD) und schlechten (Johannes Heil) Juden. Darüber hinaus nutzt Kaufmann die Argumentationsstrategie der Behauptung, für eine Mehrheit zu sprechen (vgl. Schwarz-Friesel 2013: 373), um der eigenen Position mehr Gewicht zu verleihen.
Auch Beatrix von Storch unterscheidet zwischen guten und schlechten Juden und richtet ihre Kritik an den Zentralrat der Juden (ZJD), der als Institution als Teil der Elite verstanden werden kann. Sie greift ihn als schlechte Juden an, indem sie ihn als »rückwärtsgewandt« (von Storch 2018a) beleidigt: »Wenn der Zentralrat der Juden mit seiner Kritik an der AfD und den JAfD konsequent wäre, dann müsste er allerdings auch den Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu kritisieren«. (Ebd.) Später führt sie aus: »Die Kritik an der AfD und der JAfD ist rückwärtsgewandt und verkennt die Zeichen der Zeit«. (Ebd.)
Resümee
Die ChrAfD postulieren in ihren Redebeiträgen die Verbundenheit zwischen Jüd:innen und Christ:innen in der AfD. Joachim Kuhs und Bernd Laub legen ihre argumentativen Schwerpunkte auf religiöse Aspekte und betonen daher die Bedeutung des Tanach. Beatrix von Storch und Malte Kaufmann hingegen fokussieren politische Aspekte, also die Themen Zusammenarbeit, Ideologie, Funktion der religiösen Gruppen und gemeinsamer politischer Gegner. Auffällig ist, dass die Betonung der Verbundenheit primär darauf abzielt, die Wir-Sie-Dichotomie zu stärken. Die JAfD werden aufgrund des vermeintlich existierenden »christlich-jüdischen Abendlandes« (Laub 2019) in die Wir-Gruppe aufgenommen und gelten aufgrund der Kritik, die an ihnen geübt wurde, als Teil der Opfergemeinschaft. Bedeutsam für die Konstitution dieser Wir-Gruppe ist der Ausschluss des Islams.
Obwohl die JAfD vorgeblich in die Wir-Gruppe aufgenommen werden und die ChrAfD für sich in Anspruch nehmen, pro-jüdisch zu sein, sind Bruchstellen identifizierbar. Die JAfD-Veranstaltungen werden dazu genutzt, um über die eigene Gotteserfahrung zu sprechen. Hier klingt der subtile Versuch an, Mission zu betreiben. Paternalistische Äußerungen prägen überdies den Blick auf das Judentum. Weiterhin wird in den Vorträgen zwar nicht die Verschwörungserzählung des sog. Großen Austauschs explizit erwähnt, jedoch wird anhand der Aussagen deutlich, dass die ideologische Basis die Vorstellung einer Dichotomie zwischen Wir, dem Volk, und ihnen, der Elite, bildet. Dieses Weltbild wiederum ist anschlussfähig an antisemitisch- dualistische Verschwörungserzählungen und gewährleistet, die antisemitischen Anhänger:innen nicht zu verlieren. Gleichzeitig wird deutlich, dass die ChrAfD mit ihren scheinbar pro-jüdischen Redebeiträgen auch diejenigen erreichen möchten, die sich als gesellschaftliche Mitte verstehen.
Deutlich wird, dass die ChrAfDler sich nicht offen antisemitisch äußern und die Reden auch nicht auf ein geschlossen antisemitisches Weltbild schließen lassen. Nichtsdestotrotz maßen sich die Sprecher:innen an, obwohl sie nichts über das Judentum wissen, darüber zu sprechen. Der Begriff Jude ist für die ChrAfD kein »Konkretum«, sondern ein »Abstraktum«, welches »mit verschiedenen Bedeutungsinhalten gefüllt« wird (Schwarz-Friesel 2013: 295). Die AfD instrumentalisiert also die JAfD für ihre eigenen Zwecke und ist nicht am Judentum an sich interessiert.
ANMERKUNGEN und LITERATUR
1 Jude wird kursiv hervorgehoben, wenn es sich um die Wiedergabe antisemitischer Ressentiments handelt.
2 Die AfD nutzt alle möglichen Kommunikationstools wie Telegram, Facebook, YouTube und
TikTok. Die Volksverpetzer-Autorin Sophie Scheingraber nennt sie deshalb »digitale Propagandapartei« (Scheingraber 2024).
3 Es sei hier beispielsweise auf den AfD-Politiker Roger Beckamp verwiesen, der enge Kontakte in den Iran pflegt und forderte, den Iran nicht mehr als »Schurkenstaat« zu diffamieren (vgl. mitmischen.de 2022). Auch andere führende Politiker, wie Björn Höcke, äußerten sich dezidiert anti-israelisch (vgl. Höcke 2023). Bedeutet: Innerhalb der AfD gibt es zwar einzelne pro-israelisch eingestellte Politiker, die dann aber auf der Seite der Rechten in Israel stehen. Die Mehrheit der Politiker:innen fordert jedoch, sich aus internationalen Angelegenheiten herauszuhalten oder beleidigt den jüdischen Staat antisemitisch.
Literaturliste
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Die Autorin
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Jessica Hösel, geb. 1988, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg »Gaming gegen Rechtsextremismus, Ausgrenzung und Antisemitismus – ein Lernspiel mit Joseph Süß Oppenheimer (»Jud Süß«)« und Doktorandin an derselben Hochschule.
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