Deutsche Bibliothek ISSN 1612-7331

ONLINE-EXTRA Nr. 179

Februar 2013

Am kommenden Wochenende findet in Kassel die diesjährige Eröffnung der "Woche der Brüderlichkeit" statt. Seit nunmehr 61 Jahren bildet die vom Dachverband der über 80 Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, dem Deutschen Koordinierungsrat, ausgerichtete "Woche der Brüderlichkeit" den Auftakt zu hunderten von Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet, in deren Mittelpunkt der Dialog zwischen Juden und Christen in all seinen Facetten steht.

Zugleich bietet die "Woche der Brüderlichkeit" stets Anlass, um Bilanz zu ziehen, wie es um das Verhältnis zwischen Juden und Christen steht, welche Fortschritte und Rückschläge, welche Erfolge und welche offenen Herausforderungen das Gespräch zwischen Juden und Christen gezeitigt hat.

Auf sehr persönliche Weise tut dies in nachfolgendem Text der jüdische Publizist Günther B. Ginzel. Seit über vier Jahrhzehnten begleitet er als Journalist mit seinen Fernsehreportagen und Dokumentationen das jüdisch-christliche Mit- und Gegeneinander in der Bundesrepublik Deutschland als auch die Geschichte und Entwicklung der jüdischen Gemeinden hierzulande. Seine Bilanz, die anlässlich des diesjährigen Gedenktages zum 27. Januar für den Norddeutschen Rundfunk entstand, zeigt Licht und Schatten des christlich-jüdischen Dialogs auf und markiert offene Herausforderungen, vor denen er seines Erachtens steht.


COMPASS dankt dem Autor für die Genehmigung zur Online-Wiedergabe seines Beitrages an dieser Stelle!

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Online-Extra Nr. 179


"... dass Jesus Christus ein geborener Jude war..."

Anmerkungen zum christlich-jüdischen Dialog 


GÜNTHER B. GINZEL


27. Januar, der so genannte Holocaust-Gedenktag: Für mich ist das – genau wie Jom Haschoa, dem jüdischen Trauertag in Erinnerung an die Schoa, an den Holocaust, eine Zeit emotionaler Anspannung. Die Vergangenheit ist eben nicht vergangen - so sehr man sich danach sehnen mag, auch nicht bei mir, der ich doch erst nach der Befreiung, nach 1945, geboren wurde.

Seit meiner frühesten Jugend gehört der Tod zu meinem Leben wie der Schmerz und die Verzweiflung. Doch so scheinbar normal wir Juden mit Tod und Trauer umgehen: Das Judentum ist, trotz Auschwitz, eine Religion für die Lebenden, geradezu eine Theologie des Lebens. Das bestimmt auch die Praxis: So lange meine Eltern noch lebten, war ein Friedhofsbesuch tabu. Wenn sich die Gemeinde in der Synagoge an hohen Feiertagen nach der Toralesung zur so genannten Seelengedächtnisfeier versammelte, verließ ich den Raum, und mit mir alle, deren Eltern noch lebten. Bald sollte ich wissen, warum.

Als ich sieben Jahre alt war, starb mein Vater an den Folgen der Verfolgung. Meine Mutter und ich waren jetzt „die Familie“ - und ich war Halbwaise. Und als solche nahm ich an den Jiskor - den Seelengedächtnisfeiern teil. Diese ersten Jahre, so zeitlich nah noch an der Schoah, versetzte die kleine Gemeinde in den fünfziger Jahren in einen seelischen Ausnahmezustand. Vor allem am Jom Kippur, dem Versöhnungstag, dem höchsten Feiertag. In der Vorhalle der Synagoge brannten Hunderte von Jahrzeit-lichtern. Kleine Teelichter, angezündet in Erinnerung an die Toten - und damals sehr konkret, an die Ermordeten. Es hat mich fasziniert und angerührt. Diese zitternden Flammen: in meiner kindlichen Vorstellung hielt ich sie für die Seelen der Toten - und wir, die Lebenden nahmen sie mit in unsere Gebete, mit hinein in unsere Erinnerungen und in die Synagoge. Die Erinnerung besiegt die Endgültigkeit des Todes. Mein Vater, mein Großvater und meine Großmutter, alle, von denen wir nicht wissen, wo sie umgekommen sind: sie leben in mir fort.

Aber da war noch etwas anders, dass sich mir bis heute eingebrannt hat: Die Ver-zweiflung der Erwachsenen. Neben mir die Männer, sie alle weinten, einige Frauen brachen zusammen, Schmerzensschreie, Namen von Kindern wurden gerufen, von Eltern, Geschwistern. Die Gewalt der Trauer und des Schmerzes der Erwachsenen ließ mich das Ausmaß ihres Verlustes erahnen, etwas von der Kraft spüren, die sie aufwenden mussten um weiter zu leben - besonders hier, im Land der Täter. Jetzt verstand ich jene Mitglieder der jüdischen Gemeinden, die für die Zeit des Urlaubs die Zustellung von Briefen mit dem Absender „Jüdische Gemeinde“ oder „Synagogen-Gemeinde“ verhinderten. Sie wollten eine Auszeit nehmen vom jüdischen Schicksal, nicht mehr als Opfer erkennbar sein, nicht mehr - auch ungewollt - verletzt werden. Konnten Christen, konnte eine organisierte Begegnung von Christen und Juden ihnen helfen? Ihnen, die sich nach Normalität sehnten? Nach Sicherheit, nach Geborgenheit. Ja, es gab ein Deutschland, in dem sie lebten: das hatte mit Dialog, wie wir ihn kennen, nichts zu tun und stand doch für eine tief empfundene Gemeinsamkeit: Es war das Deutschland der ehemaligen Nazi-Gegner, das Deutschland der Antifaschisten, der, wies es hieß, „Anständigen“.

Die Anfänge der Gemeinsamkeit hatten also einen politischen Hintergrund und ein politisches Ziel: Der Kampf gegen den damals noch allgegenwärtigen braunen Ungeist. Jahre später entwickelte sich der uns heute bekannte Dialog der Christen und Juden. Und er war für uns mit vielen Schmerzen verbunden. Es ist kein Zufall, dass sich nur wenige Juden daran beteiligten - und das hat sich bis heute nicht geändert.

Ich gehörte zu den Gründern des ersten „Intersynodalen Gesprächskreises Christen - Juden“, der mehrere evangelische Kirchenkreise zusammenfasste - und zwar in Köln und Umgebung. Wir haben sehr intensiv gearbeitet. Im Mittelpunkt stand zu Beginn die wunderbare Musik von Johann Sebastian Bach, die auch von vielen Juden geliebt wird, und deren manchmal schrecklich judenfeindliche Texte. Die Passions- und Osterzeit war über Jahrhunderte oft auch eine Zeit der Verfolgung, in der man sich an den „Christusmördern“ rächen wollte. Wir erarbeiteten eine Handreichung, die Besuchern helfen sollte, mit Musik und Texten der Passionsgeschichte umzugehen. Frohen Mutes und guter Stimmung saßen wir an einem Nachmittag im Wohnzimmer eines Pfarrers bei Kaffee und Kuchen zusammen, so richtig „gemütlich“. In einer kleinen Pause legte mir mein Nachbar die Hand auf die Schulter. Er war nicht irgendwer, sondern eine bekannte Größe der Bekennenden Kirche. Mutig hatte er sich gegen die Nazis gewandt und Verfolgten, vor allem getauften Juden, geholfen. Ich habe ihn sehr verehrt. Traurig schaut er mich jetzt an: „Ach, lieber Herr Ginzel. Sie sind mir so sympathisch. Ich würde so gern mit ihnen befreundet sein. Aber das geht nicht - so lange sie nicht Jesus als den Christus annehmen. Erst dann können wir Freunde werden.“ So seine Worte. Die Tischgesellschaft lachte - und ich fühlte mich im Kreis der vermeintlichen Freunde sehr, sehr einsam - und zurückgestoßen.

Die erlittene Enttäuschung und die Erfahrungen über Jahrhunderte hinweg vereinte sich in einem Namen: Jesus. Niemand in meiner jüdischen Gemeinde hatte damals auch nur seinen Namen ausgesprochen - Jesus stand synonym für Verfolgung, für Leid, für Gesetze der Kirche, tausend Jahre alt, die denen der Nazis so fatal gleichkamen. Und doch hatte ich ein anders Jesusbild entwickelt, das aber wohl nicht dem der Christen entsprach.

Jahre später fand ich in Yad Vashem, der Gedenkstätte für die Opfer der Schoa in Jerusalem, in einem kleinen Nebenraum mit Kunstwerken eine großformatige Zeichnung. Rechts dominierte ein Kruzifix. Vom rechten Bildrand nach links, bereits am Kreuz vorbei, bewegte sich ein Zug zerlumpter KZ´ler mit Judenstern. In der Ferne, am linken, oberen Bildrand erahnte der Betrachter das Ziel: das Krematorium. Und als ob es dem Künstler gelungen wäre, die Bewegung festzuhalten, sah man, wie Jesus vom Kreuz herab auf dieses Häufchen Verlorener blickte, vom Kreuz sprang und hinter ihnen her lief - um mit ihnen den Weg des jüdischen Leidens zu gehen. Ich war so erschüttert, dass mir die Tränen kamen. Ich habe das Original nie wieder gesehen, dennoch habe ich jedes Detail dieses Bildes im Kopf.

Damals nahm ich mir vor, den Spuren dieses „Bruder Jesus“, wie ihn mein lang-jähriger, inzwischen verstorbener Freund, Schalom Ben Chorin, nannte, zu folgen. Und ich stürzte in eine viele Jahre währende Auseinandersetzung. Denn über die Beschäftigung mit Jesus und dem, was in seinem Namen geschah, traf mich die Geschichte des Judenhasses mit voller Wucht. Mein alter Rabbiner hatte mich eindringlich vor der Illusion gewarnt, es könnte ein Christentum ohne Judenfeind-schaft geben. Das war damals die allgemeine Erfahrung und dementsprechend auch die Auffassung fast aller Juden in meiner Umgebung. Hatten sie wirklich so Unrecht? So entdeckte ich eine der wesentlichen Wurzeln des christlich-jüdischen Dialogs: Nicht die Suche nach Gemeinsamkeit, sondern die Suche nach den Ursprüngen der christlichen Judenfeindschaft. Und ich machte eine überraschende Erfahrung: Ich war bei dieser Suche nicht allein. Ich war Teil einer zwar kleinen, aber sehr aktiven Gruppe von Christen, die wissen wollten, wie es zu Auschwitz kommen konnte. Gemeinsam, endlich gemeinsam, näherten wir uns Geschehnissen, die uns alle schmerzten, die uns manchmal an den Rand der Verzweiflung trieben.



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Im Jahr 1933 feierte die Evangelische Kirche in Deutschland ein Lutherjahr und viele feierten vor allem den neuen Martin Luther, Adolf Hitler, der mit der „deutschen Revolution die protestantische Reformation“ vollendet habe. Im gleichen Jahr begann in aller Öffentlichkeit die Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Nachbarn. Nicht alle konnten und wollten dazu schweigen: In einem kleinen Dorf in Württemberg erhob ein evangelischer Pfarrer seine Stimme. In seiner Kirche protestierte er gegen die Übergriffe und Maßnahmen gegen Juden. Womit dieser mutige Mann nicht gerechnet hatte, war nicht nur die Wut der Nationalsozialisten vor Ort, sondern das Ausmaß der Empörung in seiner ansonsten doch so frommen Gemeinde. Ein Pfarrer, der für die Juden spricht - untragbar. Über Nacht war er ein Aussätziger, ausgestoßen aus der Gemeinschaft der angeblich Rechtgläubigen. Verzweifelt, auch weil er um die Unversehrtheit und das Leben seiner Frau und seiner Kinder fürchtete, wusste er nur einen Ausweg. Seine Predigt im Geist der Liebe und der Solidarität mit den verfolgten Juden führte ihn in den Tod, den Freitod.

München, Winter 1933. Die Christenheit bereitet sich auf das Weihnachtsfest vor. Die Adventspredigten des Münchner Erzbischofs, Kardinal Faulhaber, werden später berühmt. Mutig setzt sich der Kardinal in ihnen gegen die völkischen Irrlehren der Nationalsozialisten zur Wehr, verteidigt die Lehre der katholischen Kirche, predigt gegen die völkische Ideologie. Er verteidigt die Einheit der Bibel aus Altem und Neuen Testament, verurteilt alle Versuche, sich von der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament, zu trennen. Und er spricht, kurz vor Heilig Abend, auch über die Juden „hier und heute“. Doch: Kein Wort zum Antisemitismus, nichts über die allgegenwärtige Hetze gegen Juden, ihre Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben, ihre Vertreibung aus Organisationen und Vereinen, vom Deutschen Roten Kreuz bis zum Alpenverein, von den Sportvereinen bis zum Schachverband. Sicher, so der Kardinal, die Juden vor und bis Christus seien die Heimat Christi gewesen. Und was sagt er zum Schicksal der jüdischen Menschen in seinem Bistum? Keine Silbe des Mitgefühls. Ausdrücklich distanziert er sich von ihnen. Den auf Wegweisung hoffenden Gläubigen teilt er von der Kanzel herab mit, dass er über sie, die Juden von heute, sehr bewusst nicht geredet habe. Denn: Zwischen den Juden nach Christus und den Christusgläubigen sei damals „im Tempel der Vorhang zerrissen“.

Dieser Geist war auch nach 1945 der vorherrschende. Neu war, das wir als eine Gruppe von Christen und Juden das Entsetzen teilen konnten. Für mich war es von großer Bedeutung, miterleben zu können, mit welcher Entschlossenheit meine christlichen Mitstreiter ans Werk gingen, diese alte, schlimme Theologie zu ändern. Und wie schwer war der Weg! Als sich die Evangelische Kirche im Rheinland als erste Landeskirche in Deutschland konkret bemühte, eine Neuordnung ihres Verhältnisses zu den Juden zu bewerkstelligen, wurden wir wenigen jüdischen Gesprächspartner von vielen christlichen Gemeinden, Kirchenkreisen, Pfarrsynoden eingeladen. Stets das gleich Thema: „Jesus, der Jude“.

1979 sprach ich darüber in einer ländlichen Gemeinde. Der Saal war übervoll, das Thema elektrisierte viele. Nach meinem Vortrag kam es zu folgendem Dialog mit einem älteren Mann, der sich als Landwirt vorstellte. „Sie sagen also, Jesus war Jude?“ „Ja, als Jude geboren und als Jude gestorben.“ Schweigen. Der Mann schien im Innersten getroffen und antwortete: „Mein geliebter Heiland auch so eine Judensau? Das ist für mich das Ende des Glaubens.“

Krass, aber kein Einzelfall. Katholische Religionspädagogen in Freiburg fanden bei einer breit angelegten Untersuchung heraus, das selbst unter Erstklässlern aus Familien, die nicht religiös waren, kaum in die Kirche gingen, eine antijüdische Gestimmtheit festzustellen war. Es ist den Forschern nicht gelungen, die Wege der Tradierung, der Weitergabe antijüdischer Vorstellungen, zu klären - nur das Resultat konnten sie ermitteln.

Wie also kann man dagegen angehen? Wie Einstellungen ändern? Wo beginnen? Bei der Erziehung. Die vielleicht wichtigste Leistung des christlich-jüdischen Dialogs waren die gründlichen Untersuchungen der Schulbücher und der Unterrichtspläne, die nun folgten und vor allem die Revision der Erziehungsinhalte. In den siebziger Jahren rückte die Lehrerfortbildung ins Zentrum.

Es war eine aufregende Zeit, eine Zeit des Aufbruchs, zumindest für die Minderheit der Christen und Juden, die sich daran machte, Kirche und Gesellschaft zu ändern. Und es gab Widerhall, trotz aller Widerstände traditioneller Kreise. Mit der Wahl Johannes XXIII. zum Papst begann eine sichtbare Veränderung alter Kirchenstrukturen, wie sie Juden - und sicher auch manche Christen - für unmöglich gehalten hatten. Das Zweite Vatikanische Konzil und die Beschlüsse evangelischer Synoden boten den staunenden Juden ein völlig neues Bild der Kirche. Fortan waren christliche Gemeinden die ersten, die bei antisemitischen Vorkommnissen protestierten und sich schützend vor die jüdischen Nachbarn stellten.

Was also hat der christlich-jüdische Dialog gebracht? Er war aufs Ganze betrachtet ungemein erfolgreich. Der Schock von Auschwitz bewirkte ein Umdenken in den Kirchen, eine Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln. In Kirche und Schule wird heute über Juden gänzlich anders gesprochen als in früheren Zeiten. Doch all das war bereits vor zwanzig Jahren erreicht worden. Es schmälert nicht den Erfolg, wenn man feststellt, dass danach nichts Neues mehr geschah. Es scheint aber, als habe man sich auf eben diesen Erfolgen ausgeruht und die Gegenwart aus dem Auge verloren. Wenn ich heute in eine Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit zum Vortrag eingeladen werde, passiert etwas mir sehr Unheimliches. Ich bin älter geworden - doch in christlich-jüdischen Kreisen bin ich nach wie vor einer der jüngsten. Die Jugend, selbst die mittlere Generation fehlt. Die Themen der Zeit haben den Dialog praktisch nicht erreicht. Immer noch geht es um Jesus, den Juden - als wenn man da noch etwas Neues sagen könnte. Der Dialog ist kein Seismograph mehr, er spürt nicht Fehl-entwicklungen auf, um gegenzusteuern. Der wachsende Fundamentalismus in allen Religionen - praktisch kein Thema im Dialog. Die spürbare Identitätskrise der Kirchen lässt die Sehnsucht nach dem Ureigenen wachsen - und wie könnte dies leichter definiert werden als durch die Abgrenzung zum Judentum. Diese Gefahr frühzeitig zu erkennen und dagegen zu halten - das wäre eine wichtige Aufgabe der Gegenwart. Doch wir Juden werden zu praktisch keinem Thema als Partner eines Gesprächs eingeladen, das heute relevant ist. Mir ist folgendes widerfahren: ein Friedensgruppe lud mich zu einem Grundsatzreferat über den „Schalom in der Hebräischen Bibel“ ein. Ich nahm gern an und lies durchblicken, dass ich es als spannend empfände, ihnen zu berichten, wie ich als Jude und aus der jüdischen Tradition zu ähnlichen Ergebnissen komme wie sie als Christen. Die Reaktion war: Entsetzen. Man hatte mich, warum auch immer, für einen evangelischen Pfarrer gehalten. An einem Juden waren sie nicht interessiert. Sie luden mich wieder aus. Themen wie soziale Gerechtigkeit, Beginn des Lebens, Stammzellenforschung, Naturschutz - alles Themen, die christlich besetzt sind. Ende mit dem Dialog! Kein Interesse an der Suche nach Gemeinsamkeiten oder vielleicht auch unterschiedlichen Interpretationen. Ergebnis: Die Zeit ist absehbar, in der Christen einen christlich-jüdischen Dialog untereinander führen werden. Die potentiellen jüdischen Partner wenden sich anderen, nicht weniger wichtigen Themen zu, die leider alle keinen Niederschlag im Dialog finden: Die rasante Entwicklung des Judentums in Deutschland und der wachsende innerjüdische Pluralismus. Es ist mir rätselhaft, mit welcher Konsequenz altgediente Dialog-Partner die aufkeimende Attraktivität des Reformjudentums, das einst in Deutschland entstanden ist, ausblenden können.

Als Kardinalfehler empfinde ich, dass der Dialog nicht konsequent auch zum Gespräch mit den Muslimen ausgeweitet wird. Dabei wäre das ein Gebot der Stunde - nicht als Ersatz für ein spezifisch christlich-jüdisches Anliegen, sondern als Ergänzung und Fortsetzung. Doch so wenig man das liberale Judentum im Blick hat, so wenig ahnt man etwas von den muslimischen Bestrebungen, einen europäischen, einen liberalen Islam aufzubauen. Doch gerade hier lägen ja die großen Chancen für einen aktuellen Dialog.

Und noch auf einem anderen Gebiet wird mir das fehlende Engagement, die fehlende Leidenschaft etwas zu verändern, schmerzlich bewusst. Wir „exportieren“ nicht unsere Erfahrungen - konkret gesprochen - in den Nahen Osten. Wir leisten als Juden und Christen keinen erkennbaren Beitrag, diesen Dialog etwa zwischen Israelis und Palästinensern zu fördern. Dabei hätten wir hier in Deutschland etwas zu sagen: Wenn es gelungen ist, trotz Auschwitz ein Gespräch, ja ein Zusammenleben, wie es plakativ oft heißt, der Kinder der Täter mit den Kindern der Opfer zu erreichen - warum dann nicht auch zwischen den Feinden von heute? Der leider zu früh verstorbene Dan Bar-On, Professor an der Wüstenuniversität von Beer Schewa, hatte es vorgemacht. Seine Untersuchung über die Traumata der ersten jüdischen Generation nach Auschwitz führte ihn dazu, sich den Traumata der Kinder einstiger Massenmörder zuzuwenden. Er brachte beide Gruppen zusammen. Über viele Stationen kam er zu der Erkenntnis, dass Frieden im allgemeinen und Frieden im Nahen Osten im besonderen nur auf diesem Weg des Dialogs, des sich Kennenlernens, möglich ist. Ich habe eines seiner Seminare in Beer Schewa besucht. Da erzählten junge Israelis palästinensischen Altersgenossen, was sie über die Schoa von ihren Großeltern erfahren hatten. Die Palästinenser hielten das kaum aus. Die Abwehr gegen die Leidensgeschichte des Anderen schien unüberwindlich. Dann berichteten die Palästinenser den Israelis, was sie von ihren Großeltern gelernt hatten, über Vertreibung und Ungerechtigkeit - und die Israelis waren empört - Und doch: irgendwann hörten sie einander zu. Das wäre eine der Aufgaben, die ich mir für einen christlich-jüdischen Dialog wünschen würde.



Der Autor

GÜNTHER B. GINZEL

Journalist und Publizist, lebt und arbeitet in Köln. Seit über vier Jahrzehnten aktiv im christlich-jüdischen Dialog. Zahlreiche Publikationen, Reportagen und Dokumentationen, mit denen er diesen Dialog und das jüdische Leben in Deutschland dokumentiert.

Er ist jüdischer Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christen-Juden beim Deutschen Evangelischen Kirchentag und Mitglied im Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Rheinlandtaler und dem Bundesverdienstkreuz.


Kontakt zum Autor über:
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