Deutsche Bibliothek ISSN 1612-7331
16.04.2012 - Nr. 1330

ACHTUNG:

Die nächste tagesaktuelle Ausgabe erfolgt am Mittwoch, 18. April 2012.


Guten Tag!

Nr. 1330 - 16. April 2012


Israel, ein nach zwei Jahrtausenden der Verfolgung und des Exils "einzigartiges Experiment mit jüdischer Macht", hat sich in eine "Sackgasse manövriert", meint David Remnick, Chefredakteur des US-Magazins "The New Yorker" in einem Beitrag, der in den USA für heftige Diskussionen sorgt. Remnick schreibt in seinem Essay:
"Ein sich zuspitzender Wertekonflikt setzt seinen demokratischen Charakter einer enormen Belastung aus. Wenn die Regierung täglich von der existenziellen Bedrohung durch den Iran spricht und zu einem Angriff auf die iranischen Nuklearanlagen drängt, dann übersieht sie die existenzielle Bedrohung, die sich im Land selbst zusammenbraut. Reaktionäre Elemente lauern in vielen Demokratien, wie man an den Niederlanden, Großbritannien, Österreich und Frankreich sehen kann. Die Republikaner in Amerika haben in dieser Wahlperiode mit verschiedenen solcher Elemente geflirtet. In Israel aber ist die Bedrohung besonders akut."
Politisch verortet Remnick als Ursachen der Bedrohung der Demokratie in Israel die Besatzung und Siedlungspolitik. In der ZEIT kann man nachlesen, wie Remnick das näherhin begründet: "Ein Traum wird vertagt".
Der Link zum Essay in der Rubrik ISRAEL INTERN.

Juliano Mer-Khamis hatte in einem Flüchtlingscamp im Westjordanland ein Theater aufgebaut, das auch von vielen israelischen Intellektuellen geschätzt und gewürdigt wurde. 2011 wurde Mer-Khamis erschossen. Der Mord an ihm brachte seinem Theaterprojekt noch einmal weltweite Aufmerksamkeit. Es floss mehr Geld, mit dem neue Projekte und mehr Gastspiele möglich wurden. Doch jetzt steckt die Spielstätte in einer Krise, nicht zuletzt auch, seit israelische Soldaten Mitarbeiter des Theaters festgenommen haben, wie Mounia Meiborg in ihrer Reportage für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG schildert: "'Freedom Theatre' im Westjordanland in der Krise".
Der Link zur Reportage in der Rubrik ISRAEL UND NAHOST HINTERGRUND.

Vor dem Hintergrund der Grass-Debatte ist es erneut in den Fokus geraten: Angela Merkel hat Israels Sicherheit zur deutschen Staatsräson erklärt. Doch keine deutsche Regierung könnte sich im Ernstfall an einem Krieg beteiligen, meint Alexander Gauland in einer Kolumne im TAGESSPIEGEL:
"Die Eliten der alten Bundesrepublik wie des wiedervereinigten Deutschland sind gegenüber Israel verbal Verpflichtungen eingegangen, die sie nie erfüllen können und im Ernst wohl nicht einmal erfüllen wollen. Sollte Israels Existenz bedroht sein, sind allein die USA fähig und willens, das militärische Gleichgewicht im Nahen Osten wiederherzustellen. Es war immer eine Mischung aus moralischer Anmaßung und sentimentaler Unverbindlichkeit, Auschwitz zur Staatsräson der alten Bundesrepublik zu erklären."
Auch in der FAZ befasst sich Christiane Hoffmann mit ähnlichen Fragen: Wie wird sich Deutschland im Falle eines israelischen Angriffs auf die iranischen Atomanlagen verhalten? Und was bedeutet dann konkret das denkwürdige Diktum der Kanzlerin, die Verantwortung für die Sicherheit Israels sei Teil unserer Staatsräson geworden?
Die Links zu den Beiträgen in der Rubrik ISRAEL, DEUTSCHLAND, EUROPA UND DIE WELT.

Primo Levis Auschwitzbericht 'Ist das ein Mensch?' erschien bereits 1947. Lange wurde das Buch wenig gelesen, mittlerweile ist es weltbekannt. Primo Levi, dessen Lagererfahrung im Zentrum seines gesamten Werkes steht, starb fast auf den Tag genau vor 25 Jahren am 11. April 1087 in Turin - unter nie geklärten Umständen. Almut Finck und Ulf Heise erinnern an den Holocaust-Überlebenden und spekulieren über seine letzten Stunden: "In den Laboren von Auschwitz".
Die Links zu den Beiträgen in der Rubrik VERGANGENHEIT...

Hat die Piratenpartei ein Problem mit Antisemitismus und Rassismus? Und wenn ja: Kann sie es lösen, ohne normal zu werden? Diesen Fragen widmet sich Harald Staun in der FAZ. Hintergrund ist der aktuelle Fall eines bloggenden Piraten namens Dietmar Moews. Der wird nämlich unangenehm deutlich. Kürzlich sprach er in seinem Video-Blog von der „Tragik des Judentums“, er sprach vom „Weltjudentum“, das „überall Gastrecht beansprucht“ und sich „als die Geschundenen hinstellt“ etc. etc. "Ob Moews ein Antisemit ist oder nur ein kruder Kauz, das ist schwer zu sagen, aber womöglich spielt das gar keine Rolle. Die Frage ist: Wie geht die Partei mit so einem um?", meint Harald Staun in seinem Artikel: "Relativ rechts".
Der Link zum Beitrag in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

Nein, noch wächst kein Gras über Grass... Nach einer Woche heftigster Diskussionen und zahlloser Wortmeldungen wurde der Nobelpreisgreis gestern auch noch zum Sonntagsthema in Günter Jauchs Polit-Talk-Runde. Edo Reents gefiel diese Adelung wenig, wie er in seinem bissigen Beitrag in der FAZ schreibt:
"In der Sendung „Günther Jauch“, die an sich nicht schlecht war, wurde Günter Grass vom moralisch fragwürdigen, politisch rechthaberisch-blinden Verseschmied zum seriösen Leitartikler promoviert."
Weiter heißt es u.a.:
"Was daran erstaunt, ist, dass hier intelligente Publizisten, die auch gerne meinungsbildend tätig sein wollen, alle mögliche Kriegsschuld bei Israel sehen und dabei so sehr zu Gunsten eines Holocaust-Leugners wie des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad argumentieren, in dem Grass ja bloß einen „Maulhelden“ sieht. Jakob Augsteins Strategie, die wiederholt von iranischer Seite ausgesprochene Vernichtungsandrohung gegenüber Israel mit vorgeblichen Übersetzungsfehlern zu entschärfen, verfing jedenfalls nicht. Aber so lange gewisse Leute so reden, so lange ist es eben nötig, daran zu erinnern, dass Israel der einzige Staat auf der Welt ist, dessen Existenzrecht in Zweifel gezogen wird, was einem sonst ja wahrscheinlich irgendwann zu dumm würde."
In der JUNGLE WORLD urteilt Klaus Bittermann über den "deutschen Maulhelden" ziemlich unzuweideutig:
"Günter Grass hat sich schon früher, mit noch frischer Tinte, gegen Israel positioniert. Seine Generation ist den Antisemitismus, der sie geprägt hat, nie wieder losgeworden, weil sie ihn nie analysiert und deshalb auch nicht begriffen hat."
Interessant, was Jordan Mejias an Reaktionen US-amerikanischer Intellektueller, Dichter und Journalisten zu berichten weiß:
"Die „New Republic“ überlässt den Kommentar Jeffrey Herf, Professor für moderne europäische Geschichte an der University of Maryland, der Grass’ Prosagedicht „moralisch hohl und politisch beschämend“ nennt. Herf erinnert an frühere Kontroversen des Literaturnobelpreisträgers und beschreibt dessen „Konfusion über internationale Politik“ als eine altbekannte Sache, „a matter of long standing“. Jacob Heilbrunn ergreift das Wort für „The National Interest“ und ist nicht nur entsetzt über Grass’ „widerwärtige Aussagen“ und dessen „wilde und fiebrige und verleumderische“ Sprache: „Ein ehemaliges Mitglied der SS, um es milde zu sagen, hat nicht das moralische Recht, Israel zu kritisieren. Sein Schweigen zu brechen, wie er es ausdrückt, ist kein Zeichen von Mut, sondern eine Schande.“
Auch eine amerikanische Reaktion: Im Interview mit der FAZ betont der Historiker Fritz Stern, die Notwendigkeit der Kritik rechtfertige nicht diese Form der Anklage. Stern äußert Bedauern und Befremden über das Gedicht, nimmt Grass allerdings auch in Schutz: „Zu glauben, dass, wer Israel kritisiert, deshalb ein Antisemit sei, ist gefährlicher Blödsinn“, so Stern.
In der JÜDISCHEN ALLGEMEINEN WOCHENZEITUNG erinnert Hannes Stein daran, dass Grass nicht erst seit seinem jüngsten lyrischen Elaborat eine gespaltene Beziehung zu Israel und den Juden habe und verweist auf eine Diskussion Anfang der neunziger Jahre, bei der Grass mit dem israelischen Autor und Holocaustüberlebenden Yoram Kaniuk über den damaligen Golfkrieg debattierte:
"Dann war da der berühmte Auftritt von Günter Grass mit dem israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk im März 1991 im Berliner Literaturhaus. In der arabischen Wüste tobte der Golfkrieg um die Befreiung von Kuwait, auf Israel gingen jeden Tag die Skud-Raketen nieder, die Saddam Hussein geschickt hatte. Kaniuk bat damals nicht, nein: er bettelte um Mitgefühl mit den Überlebenden des Genozids, die mit Gasmasken auf dem Gesicht in Tel Aviv saßen und Angst vor deutschem Giftgas hatten – zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert. Krumm, traurig, in sich versunken saß Kaniuk da... Günter Grass saß mit kerzengeradem Oberkörper daneben. Er wischte alles, was Kaniuk vorbrachte, mit kurzen, herrischen Handbewegungen vom Tisch. Mit keinem Wort ging er auf Argumente ein, stattdessen fragte er sinngemäß: Und was macht ihr mit den Palästinensern? Das Publikum im Literaturhaus klatschte und johlte."
Und Kaniuk selbst kommt auch aktuell in einem Interview zu Wort, das die JUNGLE WORLD mit ihm führte. Auf die Bedrohung durch den Iran und einen eventuellen Präventivschlag der Israelis angesprochen sagt Kaniuk:
"Auch ich bin nicht dafür, den Iran anzugreifen. Die meisten Israelis sind das nicht. Ich kämpfe gegen die amtierende israelische Regierung und habe das schon sehr lange getan. Doch das ist unsere Sache als Israelis. Warum schreibt Grass kein Gedicht darüber, wie im Iran jeder Anflug von Opposition niedergemacht wird? Die iranische Führung erklärt ständig, dass sie Israel von der Landkarte radieren will. Ich weiß nicht, ob es in Deutschland so ruhig wäre, wenn der Iran immer wieder erklären würde, er wolle Deutschland ausradieren."
Vielsagend und interessant ist auch, was die TAZ zum Thema beiträgt. Sie druckt einen bislang unveröffentlichten Text des in Berlin lebenden irakischen Schriftstellers Najem Wali ab. Wali hatte 2002 Günter Grass auf einer Reise in den Jemen begleitet. Als Grass vier Jahre später, 2006, seine frühere SS-Mitgliedschaft offen legte, verfasste Wali den jetzt zu lesenden Text. Aus dem geht u.a. hervor, dass er, Wali, 2002 bei dieser Reise in den Jemen Zeuge wurde, wie Grass gegenüber einem jungen Jemeniten jegliche Verbindung zu den Nazis abstritt. In einem Interview mit Wali, ebenfalls in der TAZ, berichtet er außerdem von den Reaktionen auf das Grass-Gedicht im arabischen Raum:
"Natürlich haben die Kriegstreiber bei uns das Pamphlet begrüßt. Regimetreue Schriftsteller haben Lobeshymnen in den offiziellen Medien gesungen. Doch was mich positiv überrascht: eine Mehrheit von den jungen Menschen mit Zugang zu Online-Medien hat ganz anders reagiert. Es wimmelt tagtäglich von witzigen Kommentaren. Und viele fragen sich, ob Grass diesen Murks wirklich selber geschrieben hat."
Die Links zu den erwähnten wie zu weiteren Beiträgen zum Thema in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

Bisher hingen an den Wänden der Klassenzimmer der Johannisschule in Osnabrück nur Kreuze. Ab diesem Sommer werden sich auch Halbmond und Menora dazugesellen, denn die katholische Johannisschule wird zur Drei-Religionen-Schule. Nina Draxlbauer berichtet für den NDR über die Vorbereitungen zum Startschuss: "Erste Drei-Religonen-Schule in Deutschland".
Der Link dazu in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

Die Zehn Gebote, so möchte man meinen, sind in Stein gemeißelt und werden nicht infrage gestellt. Aber warum eigentlich? - fragte sich die Wochenzeitung DER FREITAG und hat eine Reihe von Autoren gebeten, den Dekalog (in der reformierten Einteilung) zu überprüfen. Welche Gebote sind überholt? Welche müssen unbedingt bleiben? Und: brauchen wir neue? Auf die Fragen geantwortet haben u.a. Jakob Augstein, Verleger des FREITAG, der Journalist Constantin Seibt, der Pfarrer Christian Johnsen und der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann. Abschließend zu den Antworten ist dann noch eine "Neufassung" der Zehn Gebote durch den Atheisten und kürzlich verstorbenen Essayisten Christopher Hitchens zu lesen: "Die nächsten 10 Gebote, bitte".
Der Link zum Beitrag in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

In Österreich soll das sogenannte "Israelitengesetz" aus dem Jahre 1890 erneuert und dadurch die Beziehungen der Republik Österreich zu den verschiedenen jüdischen Strömungen auf eine zeitgemäße Basis gestellt werden. Seit März liegt nun eine Regierungsvorlage vor, die allerdings enttäuscht, meint Rabbiner Walter Homolka in einem Gastbeitrag für den österreichischen STANDARD. Im 21. Jahrhundert soll dem Judentum staatlicherseits eine quasi hierarchische Struktur aufgezwungen werden, so seine Kritik. Die Religionsfreiheit der verschiedenen Bekenntnisrichtungen würde somit wesentlich beeinträchtigt und in das Belieben einer Richtung - der Orthodoxie - gestellt: "Ein Intoleranzedikt für Österreichs Juden".
Der Link zum Beitrag in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

Wie Hollywood wurde, was es in seinen besten Jahren war, zeigt das Jüdische Museum in Wien in einer großen und großartigen Ausstellung: "Bigger than Life. 100 Jahre Hollywood. Eine jüdische Erfahrung" - so der Titel der Ausstelung, die zahllose Filmausschnitte und staunenswertes Material aus hundert Jahren Kino präsentiert. Allerdings wird auch deutlich, dass mit dem Erfolg Hollywoods auch die Propaganda seiner Gegner begann, wie Paul Jandl in seinem Beitrag für die WELT schildert:
"Und die [die Propaganda] bediente sich am liebsten antijüdischer Stereotype. Die Juden in der amerikanischen Filmindustrie wurden wahlweise als Kapitalisten oder Kommunisten beschimpft, als dahergelaufene Vaterlandsverräter oder Christenfeinde, vor allem aber als übersexualisierte Jugendverderber, die sich an der Moral der protestantischen und katholischen Bevölkerung vergreifen wollten."
Der Link zum Artikel in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

Laut SPIEGEL und KATHWEB stehen die ultrakonservativen und antijüdischen Piusbrüder und Papst Benedikt unmittelbar vor einer Einigung. Die Angelegenheit werde freilich mit höchster Diskretion behandelt und soll erst nach dem heutigen Papst-Geburtstag an die Öffentlichkeit. Offenbar gibt es einen schmeichelnden Brief der Bruderschaft, die beim Papst Eindruck gemacht haben soll: "Piusbrüder und Papst vertragen sich"
Links zu den Berichten in der Rubrik CHRISTLICHE WELT.

"Gehen oder bleiben" heißt die jüngste Publikation von Helga Hirsch. Sie beschreibt darin die Nachkriegszeit von Holocaust-Überlebenden in einem niederschlesischen Ort. Das Werk, die Jürgen Vietig in seiner Rezension für DEUTSCHLANDRADIO, mache auf anschauliche, gut lesbare Weise ein weithin vergessenes und dramatisches Stück Geschichte lebendig: "Auf der Suche nach Heimat".
Der Link zur Buchvorstellung in der Rubrik ONLINE-REZENSIONEN.

Dies alles und noch viel mehr wie üblich direkt verlinkt, ergänzt von aktuellen FERNSEH-TIPPS sowie einschlägigen ONLINE-REZENSIONEN im heutigen COMPASS.


Einen angenehmen Tag und eine gute Woche wünscht


Dr. Christoph Münz

COMPASS

redaktion@compass-infodienst.de

(Editorial zusammengestellt unter Verwendung des Teasermaterials der erwähnten Artikel)



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