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ONLINE-EXTRA Nr. 332

Februar 2023

Die Feststellung, dass Jesus ein Jude ist, scheint eine Binsenwahrheit zu sein, die selbst in theologischen Kreisen, die vom christlich-jüdischen Dialog recht unbeleckt sind, kaum mehr ensthaft infrage gestellt wird. Doch schon Luther ließ sich von dieser Erkenntnis nicht im mindesten abhalten, eine in vielerlei Hinsicht extrem antijüdisch gefärbte Theologie des Christentums zu betreiben - und auch in der Gegenwart, selbst dort, wo der explizit antijüdische Zungenschlag im theologischen Diskurs nicht mehr zu vernehmen ist, gleicht die besagte Binsenweisheit dann doch eher einem Pokal auf dem Regal, den man hier und da bestaunt, auf den man gerne verweist und ihn bei gegebenem Anlass stolz präsentiert, der aber ansonsten beinahe bedeutungslos ohne wirkliche Folgen vor sich hin verstaubt. Anders gesagt, die Theologie und ganz zu schweigen die Verkündigung haben in ihrer Breite und Tiefe in vielerlei Hinsicht noch lange nicht wirklich damit angefangen, die theologischen Konsequenzen jener vorgeblichen Binsenweisheit auf allen Ebenen des christlichen Selbstverständnisses durchzudeklinieren.

Ebendies unternimmt seit vielen Jahren auf konsequente Weise der katholische Theologe Norbert Reck in seinen Artikeln und Büchern, zuletzt ausführlich und faszinierend in seinem 2021 im Grünewald Verlag erschienenen Buch »Der Jude Jesus und die Zukunft des Christentums. Zum Riss zwischen Dogma und Bibel. Ein Lösungsvorschlag« (siehe hierzu auch ONLINE-EXTRA Nr. 313). Und so tut er es auch in dem nachfolgenden Artikel, der heute als ONLINE-EXTRA Nr. 332 an dieser Stelle erscheint. Um das obige Bild vom Pokal im Regal aufzugreifen, könnte man sagen, Reck nimmt den Pokal aus dem Regal, hält ihn ins Feuer und schmiedet aus ihm einen hermeneutischen Schlüssel, mit dem er - wie der Titel seines Beitrages lautet - "Anders als wir dachten" aufzeigt, "Was das Judesein Jesu für den christlichen Glauben bedeuten kann". Reck versteht es dabei, seine Gedanken erfreulich klar und deutlich zu formulieren. Und dem aufmerksamen Leser mag darüberhinaus bei aller Freundlichkeit im Ton die theologische Sprengkraft von Recks Überlegungen gleichwohl nicht verborgen bleiben.

Recks Beitrag erschien in gedruckter Form zuerst in "Bibel und Kirche. Die Zeitschrift zur Bibel in Forschung und Praxis" (4/2022), die in besagter Ausgabe schwerpunktmäßig dem Thema "Der jüdische Jesus" gewidmet ist und insgesamt mit äußerst lesenswerten Beiträgen hervorragender Autoren und Autorinnen christlicher und jüdischer Provenienz interessierten Lesern eindringlich zur Lektüre empfohlen sei. Weitere Informationen dazu weiter unten in der Anzeige im Fließtext.

COMPASS dankt der Redaktion von "Bibel und Kirche" sowie Norbert Reck herzlichst für die Genehmigung zur Wiedergabe des nachfolgenden Beitrags an dieser Stelle!

© 2022 Copyright bei "Bibel und Kirche" sowie dem Autor
online für ONLINE-EXTRA



Online-Extra Nr. 332


Anders als wir dachten. Was das Judesein Jesu für den christlichen Glauben bedeuten kann

NORBERT RECK


Die Krise der Kirche ist auch eine theologische Krise, die den Gottessohn zu Lasten des jüdischen Menschen Jesus überbetont hat. Das Judesein Jesu wieder zu entdecken, könnte verheißen, die christliche Theologie und das christliche Sein wieder mit Leben zu füllen und den Blick zu öffnen für die biblische Kernbotschaft von Gerechtigkeit und Befreiung.

Der Jude Jesus irritiert. Er mag es nicht, wenn man ihn verehrt und mit »Herr« anspricht. Er findet, man sollte sich lieber dafür interessieren, was Gott von uns will (Mt 7,21). Einem wohlhabenden jungen Mann erteilt er eine Abfuhr, als der vor ihn hinkniet und ihn mit »guter Meister« anspricht: »Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut – nur Gott allein.« Und als dieser fragt, wie er das ewige Leben erlangen könne, antwortet Jesus ihm, er solle sein Geld besser den Armen geben, anstatt sich über einen Platz im Himmel Gedanken zu machen (Mk 10,17–22).

Das ist so jüdisch, wie es nur sein kann: Niemanden verehren außer Gott allein. Keinen menschlichen Autoritäten nachlaufen oder sich vor ihnen niederwerfen. Sich nicht ums Jenseits, sondern um ein gerechtes Zusammenleben der Menschen hier auf Erden kümmern.

Vor allen Dingen: Sich am Willen Gottes orientieren, wie er in der Tora – den ersten fünf Büchern der Bibel – festgehalten ist.


Ein toratreuer Jude

Für Christen und Christinnen ist das gar nicht so leicht zu verdauen: Jesus war Jude und wollte auch nichts anderes sein. Er hatte nicht die Absicht, eine andere Religion zu begründen. Er ging regelmäßig am Schabbat zur Synagoge (Lk 4,16). Er pilgerte zu jüdischen Wallfahrtsfesten immer wieder nach Jerusalem (Joh 3; 12; 5,1; 7,10; 10,22). Und was die Tora anging, ließ er keinen Zweifel daran, dass sie für ihn ohne jede Einschränkung gültig war: »Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht der kleinste Buchstabe und kein einziges Pünktchen an der Tora vergehen« (Mt 5,18).

Für die christliche Theologie ist der Jude Jesus besonders unbequem, wenn sie lehrt, dass er am Kreuz sterben musste, damit Gott uns unsere Sünden vergeben kann. Denn Jesus selbst glaubte das keineswegs. Wie jeder Jude und jede Jüdin wusste er, dass Gott den Israeliten schon in den frühesten Zeiten immer wieder vergeben hatte – ohne dass dafür eines Menschen Blut fließen musste. Er war deshalb überzeugt, dass man Gott jederzeit um Vergebung bitten konnte, solange man selbst ebenfalls bereit war zu vergeben. Deshalb lehrte er seine Jünger und Jüngerinnen beten: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« (Mt 6,12–15). Der Gedanke, dass Gottes Vergebung erst mit seinem Tod möglich würde, wäre Jesus nie gekommen.


Jesus wird zum Gegner des Judentums erklärt

Man hat sich in der christlichen Theologie immer wieder bemüht, die jüdische Identität Jesu zu ignorieren oder umzudeuten. So erzählten manche Theologen wahrheitswidrig, dass Jesus zwar »der Herkunft nach« Jude war, dass er aber das Judentum hinter sich gelassen habe, weil er es angeblich religiös und menschlich minderwertig fand. Andere übergingen das Judesein Jesu völlig und sprachen nur von Christus, dem Gottmenschen, den »die Juden« umgebracht hätten, obwohl sie wussten, dass die Kreuzigung damals eine Todesstrafe der römischen Besatzungsmacht war.

Heute, nach der Schoa, wagt es kaum noch jemand in der christlichen Theologie, solchen Unsinn zu verbreiten. Aber man bedient sich gerne jüdischer Begriffe, wenn man eine Distanz Jesu zum Judentum behaupten will. Ein Beispiel ist die Gottesanrede »Abba« (Vater), die Jesus einmal im Markusevangelium verwendet (Mk 14,36). Oft heißt es, dieses aramäische Wort drücke die intime, ja zärtliche Nähe Jesu zu Gott aus. Andere Juden hätten es nie gewagt, Gott so anzusprechen. Dies zeige, dass Jesus sehr viel vertrauter mit Gott gewesen sei und folglich weit über allen anderen Juden stehe. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Die Anrede »Abba« war zur Zeit Jesu eine ausgesprochen verbreitete Gottesanrede. Sie kam in zahlreichen jüdischen Bibelkommentaren und Gebeten vor und ist bis heute im Judentum gebräuchlich. Sie hebt also Jesus nicht aus dem Judentum heraus, sondern zeigt, dass er ganz im Judentum seiner Zeit zu Hause war.



Vorliegender Beitrag von Norbert Reck findet sich
zusammen mit weiteren lesenswerten Artikeln in:

Bibel und Kirche

Die Zeitschrift zur Bibel in Forschung und Praxis



Der jüdische Jesus (BiKi 4/2022)

Herausgegeben von den Katholischen Bibelwerken
in Deutschland, Österreich und der Schweiz

 

 

Inhalt + Bestellmöglichkeit



Theologie in der Sackgasse

Für die Versuche, Jesus gegen das Judentum in Stellung zu bringen, zahlte die christliche Theologie einen hohen Preis. Indem sie das Judentum als eine Religion darstellte, die angeblich nichts von Gott und von Jesus verstand, vergiftete sie das Christentum mit einer judenfeindlichen Überheblichkeit. Sie wurde blind für das Judesein Jesu, das uns die Evangelien bezeugen. Und sie verlor den Menschen Jesus aus den Augen: seine Identität, sein Herzblut, seine Liebe zur Tora, seine Gedanken, seine Hoffnungen. Damit ging zugleich das Kostbarste verloren, was Jesus gelebt und gelehrt hatte: die Gegenwart Gottes in diesem Leben zu entdecken, in den Armen, im Ausgeraubten am Straßenrand, in den Gefangenen, Kranken, Hungernden und Ausgestoßenen.

Und so folgte so manche christliche Theologie immer mehr einer anderen Tagesordnung als Jesus selbst: Wo es ihm um die Erneuerung des Bundes der Menschen mit Gott ging, um Gerechtigkeit, um Nähe zu den Außenseitern und Verachteten, verkündigte sie den überweltlichen Retter, an den man sich nur halten könne, wenn man zur Welt auf Distanz geht. Die menschliche Geschichte galt dieser Theologie nur als Ort der Gefahr und der Versuchung, aber nicht als Ort der Gottesbegegnung und Liebe. Sie predigte »Entweltlichung« und Gehorsam gegenüber der Kirche, die allein den Zugang zum Heil ermögliche. Für Menschen, die wissen wollen, wie sie heute auf dieser Erde sinnvoll leben können, ist das eine kaum noch ansprechende Vision. Die Weltverachtung dieser Theologie, die sich auch in ihrer schöpfungsfeindlichen Sexualmoral, in der Diskriminierung von Frauen und in den Missbrauchsverbrechen ausdrückt, hat letztlich dazu geführt, dass die Menschen die Kirchen in Scharen verlassen.

Sind das Christentum und die christliche Theologie also am Ende? Sicher nicht. Denn erstens gibt es ja auch noch andere, weltbejahende christliche Traditionen, die weder das Erdenleben noch die jüdische Schwesterreligion entwerten. Sie sollten unbedingt mehr Beachtung finden. Und zweitens bietet die Wiederentdeckung des jüdischen Jesus gerade in dieser Zeit, in der der christliche Glaube dürr, abstrakt und lebensfern geworden ist, eine großartige Chance, die Botschaft Jesu und die Tradition, in der er lebte, neu kennenzulernen und aus den gegenwärtigen Sackgassen herauszufinden. Der Jude Jesus kann inspirieren. Wenn sich die Christen und ihre Kirchen der Herausforderung durch den jüdischen Jesus stellen, können sich neue, unerwartete Möglichkeiten auftun. Aber dafür müssen sich einige Denkgewohnheiten und Perspektiven ändern. Im Folgenden zeige ich vier Aspekte auf:


Jesus innerhalb der jüdischen Erzählkultur entdecken

Wer Jesus neu entdecken möchte, sollte die Bibel ohne dogmatische Vorgaben im Hinterkopf lesen: Sie ist kein Lehrbuch. Sie ist ein jüdisches Buch (auch die meisten neutestamentlichen Texte stammen von jüdischen Autoren) und ist – typisch altorientalisch – voller Geschichten. Und die können sehr unterschiedlich ausfallen, einander sogar widersprechen. Wir finden zum Beispiel mehrere Erzählungen von der Erschaffung der Welt, zwei Versionen der Zehn Gebote, vier Evangelien mit jeweils verschiedenen Sichten auf Jesus. Und wir finden die unterschiedlichsten Gottesvorstellungen. Es gibt keine einheitliche Linie. Als Leserinnen und Leser der Bibel stehen wir immer vor der Aufgabe, selbst zu entscheiden, was uns überzeugt und was nicht. Die Bibel gibt keine Richtlinien aus; sie setzt auf unsere Mündigkeit. Und sie wirbt um unseren Respekt für die anderen Kulturen, aus denen heraus sie spricht.

Liest man die Evangelien mit einer Wachheit für alles Überraschende darin, kann man erstaunliche Entdeckungen machen. Man kann Jesus bei seinen Synagogenbesuchen und zu jüdischen Festen begleiten. Man kann hören, wie er diejenigen, die er geheilt hat, auffordert, nun die von Mose vorgeschriebenen Dankopfer im Tempel darzubringen. Man kann der Frage nachgehen, welche biblischen Schriften und welche Stellen darin Jesus besonders wichtig waren. Und man kann beobachten, wie er mit den Menschen umging, die ihm begegneten. Man wird auch auf manches stoßen, was auf Anhieb für Christinnen und Christen eher befremdlich sein mag – etwa wenn Jesus sagt, er sei »nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt« (Mt 15,24). Das werden wir lernen müssen zu respektieren. Jesus gehört uns nicht. Er ist für uns eher ein Gegenüber. Doch er muss uns nicht fremd bleiben. Die Evangelisten haben seine Taten und Worte ja aufgeschrieben, damit die Menschen späterer Generationen sich mit ihnen auseinandersetzen. Und sie haben uns das Lebensumfeld Jesu plastisch vor Augen gestellt.


Die Welt ist die Welt Gottes

So stößt man in den Evangelien auf Soldaten der römischen Besatzungsmacht, auf Militärgewalt, auf Hinrichtungen, auf Hungernde, Kranke und Ausgestoßene, auf Angst und Hoffnungslosigkeit. Trotzdem ruft Jesus nicht dazu auf, nur fromm zu sein und sich von dieser schrecklichen Welt abzuwenden. Im Gegenteil: Diese Welt ist für ihn die Welt Gottes. Und Gott ist nicht fern: Man kann ihm begegnen in den anderen Menschen, besonders in den Bedürftigen. Wo die Menschen einander wahrnehmen, sich umeinander kümmern, füreinander sorgen, geschieht Gottesbegegnung, Glück, Erlösung.

Der Weg zur Erlösung führt nach Jesu Auffassung nicht aus der Welt heraus, sondern mitten in sie hinein. Das Reich Gottes ist »nahe« (Mk 1,15), sagt Jesus – es entsteht unter den Menschen, wo sie aufeinander zugehen und die Welt menschlicher werden lassen. »Ihr könnt es!« ist die Kernbotschaft Jesu: Im Bund mit Gott könnt ihr über Wasser gehen, könnt ihr Berge versetzen. Jesus sieht bei den Menschen nicht in erster Linie ihre Sünden, sondern ihre Fähigkeiten. An ihre Fähigkeiten sollen sie glauben, nicht an ihre Ohnmacht. Orientierung finden sie dafür in der Tora, der Weisung Gottes zu einem Leben des Miteinanders.



Empfehlenswerte Bücher von Norbert Reck



                       



Mit Gott im Bunde

Der Gott Jesu ist nicht irgendein Gott, sondern ganz konkret der Gott Israels. Der Gott, der Israel aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt hat – nicht weil die Israeliten besonders fromm oder gehorsam waren, sondern weil sie unter der Gefangenschaft litten. Und weil Gott die Freiheit der Menschen und ein gutes Leben für alle will: Brot im Ofen, Wein in den Schläuchen, Früchte an den Bäumen. Der Gott Israels will nicht die Unterwerfung und den Gehorsam der Menschen, sondern die Überwindung von Unrecht und Unterdrückung.

Die Vorstellung, Jesu Tod am Kreuz habe einen zornigen Gott besänftigt und damit das Heil für die Welt erwirkt, ist mit dem Gott Jesu nicht vereinbar. Das ist ein Gottesbild, von dem sich das Volk Israel im Laufe der Zeit immer entschiedener abgegrenzt hat. Der Gott Israels ist kein blutrünstiges Himmelswesen, das man mit Menschenopfern gnädig stimmen müsste. Gottes Zorn gilt allein der menschlichen Anmaßung und Eigensucht, die so viel Schrecken auf die Erde bringen. Zugleich hofft dieser Gott immer darauf, dass die Menschen umkehren und sich auf den Weg in die Freiheit machen.

Anders als andere Götter verbündet sich der Gott Israels mit seinem Volk und hofft auf dessen Mitwirken. Das ist einzigartig: Dieser Gott will nicht Herrscher sein, sondern Bundesgenosse, will mündige, erwachsene, handlungsfähige Menschen als Gegenüber. Die Israeliten sollen keine passiven Heilsempfänger sein, sondern selbst den Schritt in die Freiheit machen, sich aufs Meer hinauswagen. Vielleicht hat niemand das so treffend ausgedrückt wie Bertha Pappenheim (1859–1936), die Begründerin des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland. In einem ihrer Gebete findet sie folgende Worte:

    […] Ein fordernder
    Gott bist du mir. Du heiligtest mich mit
    deinem »Du sollst«; du erwartest meine
    Entscheidung zwischen Gut und Böse; du
    verlangst, daß ich beweise, Kraft von
    deiner Kraft zu sein, zu dir hinauf
    zu streben, andere mitzureißen, zu
    helfen mit allem, was ich vermag. […]

Wer sich von diesem Gott rufen lässt, wird in eine starke Dynamik hineingezogen – eine Dynamik der Solidarität mit allen Unterdrückten. Sie ruft zum Handeln, nicht zur gläubigen Anerkennung irgendwelcher »Heilswahrheiten«. Glaube ist hier der Glaube, »Kraft von deiner Kraft zu sein«, das Tun nicht Gott zu überlassen, sondern zusammen mit Gott für Recht und Gerechtigkeit einzustehen. Es ist der Glaube, dass, wer sich an Gott hält, über sich selbst hinauswachsen kann. Das kann man auch bei Jesus sehen: Er will nicht allein über den See Gennesaret gehen (über die schwankende Unsicherheit, die Dunkelheit, den Sturm), sondern will, dass Petrus, als Erster unter den Jüngern, es ihm nachmacht, im Vertrauen auf den Gott, der in die Freiheit führt (Mt 14,22–33).


Jesus Christus: Messias und Sohn Gottes?


Jesus ruft in den Evangelien die Menschen zur Umkehr: Sie sollen sich wieder der Tora zuwenden, dem Bund mit Gott, der Kraft Gottes, anstatt in Angst vor den Besatzern zu leben und den eigenen Ohnmachtsgefühlen nachzugeben. Viele, die Jesus begegneten, hielten ihn wegen dieser Botschaft für den erwarteten Messias (= Gesalbter, griech. Christus) und Sohn Gottes. Sie benutzten diese traditionellen Begriffe, um Jesus in die Geschichte der Hoffnungen des jüdischen Volkes einzuordnen.

Die Begriffe Messias und Sohn Gottes waren anfangs Ehrentitel für die Könige Israels. Sie gingen später, nach manchen Enttäuschungen mit den realen Königen, auf den Hohenpriester über, und schließlich lösten sie sich ganz von der Verbindung mit offiziellen Ämtern. Zuletzt finden wir im Buch Sacharja die Hoffnung auf einen gerechten Friedenskönig, der machtvoll, aber frei von allem Machtgebaren auf einem Eselsfohlen in Jerusalem einreitet und von der Gemeinde der Anawim, der Armen, jubelnd begrüßt wird (Sach 9,9). Darauf spielt auch der Evangelist Matthäus an, wenn er beschreibt, wie Jesus auf einem Esel nach Jerusalem kommt (Mt 21). Und so wurde Jesus von seinen Anhängern und Anhängerinnen gesehen: als Hoffnung für die Armen, als Hoffnung auf Frieden, demütig, ohne äußere Macht, aber voll Gottvertrauen mitten in einer Zeit der militärischen Besatzung durch das Imperium Romanum. Das meinten die jüdischen Zeitgenossen, wenn sie vom Messias und Sohn Gottes sprachen.

Wenn wir die Evangelien so lesen, werden wir Jesus mit neuen Augen sehen können: als einen Juden ohne die christliche Sündenfixierung, aber mit Blick für die vielfältigen Möglichkeiten, Gerechtigkeit zu schaffen im Bunde mit dem Gott Israels, der nicht tötet, sondern befreit, der uns nicht unterwirft, sondern zum Mittun auffordert. Hier ist noch viel zu entdecken.



LITERATUR



Frank Crüsemann / Udo Theissmann (Hg.), Ich glaube an den Gott Israels. Fragen und Antworten zu einem Thema, das im christlichen Glaubensbekenntnis fehlt, Gütersloh 1998.
Susannah Heschel, Der jüdische Jesus und das Christentum. Abraham Geigers Herausforderung an die christliche Theologie, Berlin 2001.
Bertha Pappenheim, Gebete, hg. von Elisa Klapheck und Lara Dämmig, Berlin 2003.
Paul Petzel / Norbert Reck (Hg.), Von Abba bis Zorn Gottes. Irrtümer aufklären – das Judentum verstehen, Ostfildern, Neuausgabe 2021.
Luzia Sutter Rehmann, Wut im Bauch. Hunger im Neuen Testament, Gütersloh 2014.



Der Autor

Dr. NORBERT RECK

ist katholischer Theologe (Dr. theol.) und freier Autor. Er ist Mitglied im Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und interessiert sich vor allem für die Überwindung der christlichen Judenfeindschaft und für die emanzipatorischen Potenziale der biblischen Schriften. Zuletzt erschien von ihm das Buch
»Der Jude Jesus und die Zukunft des Christentums. Zum Riss zwischen Dogma und Bibel. Ein Lösungsvorschlag« (Grünewald, 3. Aufl. 2021).

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