ONLINE-EXTRA Nr. 377
Für viele vielleicht eines der auffallendsten, wenn nicht gar überraschendsten Phänomene im Kontext des wiedererstarkten Antisemitismus in der Folge des Hamas-Massekers an Israelis am 7. Oktober 2023, war und ist die fast schon regelrechte Vorreiterrolle, die Universtitäten, Studenten und Akademiker sowie Kulturschaffende bei antijüdischen Aktionen eingenommen haben. Vor diesem Hintergrund mag sich die Frage nach dem Zusammenhang von Bildung und Moral in verschärfter Weise neu zu stellen. © 2024 Creative Commons 4.0 Internationale Lizenz
Schützt Bildung vor Antisemitismus? Trägt Bildung zur Formung moralischer Integrität bei? Müsste dann nicht Beides - Bildung und Moral - in besonderer Weise gerade bei akademisch Gebildeten und Kulturschaffenden vorbildhaft ausgeprägt sein? Das dem offenbar nicht so ist, überrascht viele. "Warum eigentlich? Nichts ist neu daran", so die Antwort des deutsch-jüdischen Historikers Michael Wolffsohn in einem leidenschaftlichen, mitunter polemischen, zornigen, mitunter provokativen Essay, der erstmals im Mai 2024 in der "Neuen Zürcher Zeitung" und ein gutes Jahr später in einem Sammelband zum Antisemitismus erschienen ist (Gustav Gustenau | Florian Hartleb [Hrsg.]: Antisemitismus auf dem Vormarsch. Neue ideologische Dynamiken. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2025)
Wolffsohn dechiffriert in seinem Beitrag, der nachfolgend als ONLINE-EXTRA Nr. 377 wiedergegeben ist, den vermeintlichen Zusammenhang von Bildung und Moral anhand genau jener Phänomene in gebildeten Kreisen, die in der Folge des 7. Oktobers hier und andernorts zu beobachten waren: "Gebildete Barbaren? Wie sich westliche Wissenschaft und Kultur abschaffen"
Autor: Michael Wolffsohn
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Online-Extra Nr. 377
Scheinbar, also nicht wirklich, ist schon alles von fast jedem gesagt über den nahezu globalen neuen Juden- und Israelhass unserer Tage. Mir scheint, dass Ergänzungen notwendig sind.
Jeder sieht und weiß es: Besonders auffallend ist die Vorreiterrolle des Wissenschafts- und Kulturbetriebes. Das überrascht viele. Warum eigentlich? Nichts ist neu daran. Die Überraschung beruht auf einem fundamentalen, zwar wohlwollenden und vom Geist der an sich segensreichen Aufklärung geformten, doch ganz und gar naiven Missverständnis über Wesen und Wirkung von Bildung: Dass nämlich mehr Bildung zugleich höhere Moral und mehr Menschlichkeit ermögliche.
Unheilige Einfalt. Besonders bezüglich der Geisteswissenschaften, also der „weichen Fächer“. So werden sie vom Volksmund zurecht ge- und benannt. Schon der Physiker und Mathematiker Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), zugleich ein brillanter und alles andere als weicher Schriftsteller, verhöhnte in seinen „Sudelbüchern“ vor allem seine geisteswissenschaftlichen Professoren-Kollegen als „gelehrte Barbaren“. Der ehemalige Präsident der Johns Hopkins University, Baltimore, Steven Muller (1927-2013) fügte seiner Studenten-Kritik ein selbstkritisches Professoren- Wir hinzu: „Wir bilden intelligente Barbaren aus.“ Er kannte nicht die amerikanischen und europäischen Studenten von heute und gewiss nur wenige der 2023/24 aktiven Professoren, doch er kannte seine Pappenheimer. Die professoralen ebenso wie die studentischen.
Die wilden, teils auch gewalttätigen Demonstrationen und Agitationen von Studenten und der sie anfeuernden oder verteidigenden Professoren – die von außen dazustoßenden Krawallmacher beiseite – sind kein Zufall. Auch nicht an den „Elite“-Universitäten. Schon gar nicht, wenn man Inhalt und Personal der jeweiligen Curricula in den weichen Fächern kennt. Dort und auch bei uns an Europas „Elite“- oder Barfüßler-Universitäten zählen in den weichen Fächern Bekenntnisse mehr als Kenntnisse. Das gilt besonders für Kenntnisse über Anders- und Querdenker im eigentlichen Sinne des Wortes. Wer sie kennt oder gar versteht, gilt unreflektiert und reflexhaft als Gegner oder gar Feind. Wie die antijüdischen und antiisraelischen „Schlachten“ an westlichen Universitäten zeigen, ist der Weg vom Gewaltgedanken zur Gewalttat nicht weit. Denken und Gewalt, so die Schulweisheit, schlössen einander aus. Mitnichten. Oft waren und sind die Denker Brandstifter.
Sprechen wir von tatsächlichen Denkern, die ihr Denken auf Wissen basieren? Zweifel sind erlaubt. Zuverlässige Umfragen unter den antiisraelischen Studenten der amerikanischen „Elite“-Universitäten deckten auf: Brüllend fordern sie ein von den Juden Israels befreites Palästina „Vom Fluss bis zum Meer“, wissen aber nicht, dass dabei Jordan und Mittelmeer gemeint sind.
Dass Bildung und Moral, mit oder ohne akademische Titel, keine Einheit bilden, müsste eigentlich jeder wissen, der (das ist keine Sünde) über geringes Geschichtswissen verfügt.
Bildung immunisiert auch nicht gegen den Zeitgeist bzw. ideologische oder kulturelle Moden. Ganz im Gegenteil. Forschungen zur Historischen Demoskopie im 19. und 20 Jahrhundert belegen: Die Verführbarkeit des (bildungs-)bürgerlichen Geistes kennzeichnet die bürgerliche Kultur seit dem 19. Jahrhundert.
Die Unmoral der in weichen Fächern Bestgebildeten trifft heute, wie seit jeher, Juden so sehr wie Nichtjuden, doch Juden ganz besonders. Man denke an die begnadeten Antisemiten Martin Luther und den deutschen Historiker Heinrich von Treitschke oder die Vertreibung jüdischer Professoren durch ihre hochgebildeten Kollegen (aller! Fakultäten) von April 1933 an. Mit und ohne Judenbezug initiierten der vorzüglich gebildete Stalin, auch Mao oder Pol Pot, millionenfache Morde. Wissen jene sich bildenden oder selbst die Gebildeten Barbaren der antijüdischen Demonstrationen, dass die Hamas in ihrer Charta dazu aufruft, jeden Juden, wo und wann auch immer, zu ermorden? Die Wenigsten, doch manche sehr wohl, denn: Meine quantitative Auswertung von Berliner und anderen deutschen Bestausgebildeten, also Hochschullehrern, die sich Anfang Mai 2024 namentlich und öffentlich mit den antijüdischen Demonstranten solidarisierten, zeigt ein deutliches Übergewicht von Islamwissenschaftlern, Arabisten, Migrationsforschern, Philosophen, Soziologen, Ethnologen, Historikern oder Politikwissenschaftlern – also Lehrenden weicher Fächern.
Klartext: Sichtbar ist die Selbstenttarnung der weichen Wissenschaft als willfährige Dienstmagd, gar Hure, von Ideologie und Politik. Man könnte es Vernunft nennen. Immerhin macht sie sich bei denen beliebt, deren Gelder und Kontakte sie benötigen. Sie übersehen, dass ihre Vernunft eher jungfräulich, also unerfahren, ist. Die umworbenen Geldgeber müssen nämlich, zumal in Zeiten leerer Staatskassen, Prioritäten setzen, wenn sie echte Wissenschaft fördern wollen. Sie entscheiden dann folgerichtig zugunsten der harten Fächer. Dass die eher selten schöngeistigen (Finanz-)Politiker den allgemeinen Kulturbetrieb dabei mindestens so sehr kürzen wie jene Weichwissenschaften, liegt auf der Hand.
Die Massen der gegen Juden und Israel Demonstrierenden wiederholen, geradezu papageienhaft, die Parolen der BDS-Bewegung. Diese verlangt bekanntlich bezüglich Israels Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen, auch im Wissenschafts- und Kulturbetrieb. Im Geist des Israel- und Judenhasses eine absolut folgerichtige, weil absolute Absicht. Im Sinne des eigenen Geisteslebens führt sie allerdings zur selbstverschuldeten Verflachung und Verdummung. Warum? Weil die multinational-jüdisch-israelische Kultur- und Wissenschaftswelt zur internationalen Spitze gehört. Irgendwann könnten auch Antisemiten aus der Jüdischen Weltgeschichte lernen. Wer seinen Staat durch Vertreibung oder Mord judenrein umgestaltet, schadet nicht nur den Juden, sondern auch sich selbst. Jüngstes Beispiel Deutschland: Mit Juden bis 1933 führende Wissenschafts- und Kulturmacht, ohne oder mit nur ganz wenigen unter ferner liefen.
Nach dem Geist zur Moral. Über die Moralität von Individuen und Kollektiven ist ein Konsens im Rahmen Offener Gesellschaften kaum erwartbar. Natürlich auch nicht über Juden und Israel. Pauschal „gegen Israel und Juden“ zu sein, ist jedoch sowohl dumm als auch unmoralisch. Wenn dieses heute weltweit bekundete Bekenntnis zugleich eine unverhüllte Solidarisierung mit (Hamas-)Terroristen bedeutet, spreche man nicht über „Moral“. Wer es trotzdem wagt, sagt eigentlich: „Verbrechen ist Moral.“ Der ethische Offenbarungseid.
Wissenschaft und Kultur sind die Quellen, aus denen Politik und Medien, letztlich alle schöpfen. Was in Wissenschaft und Kultur moralisch oder unmoralisch, faktengesättigt oder faktenfrei geboten wird, konsumieren und multiplizieren Medien, Politik und „die“ Gesellschaft. Die hier beschriebenen Rahmenbedingungen und Abläufe erklären, weshalb Medien und Politik, zumindest Juden- und nahostpolitisch, nicht besser sein können als diejenigen, die „es“ angeblich „am besten wissen“. Ohne die Selbstbefreiung der weichen Wissenschaften von den selbstgewählten Denk-und-Wissensscheuklappen wird es zumindest Juden- und nahostpolitisch keine Wende geben.
Die Massen der gegen Juden und Israel Demonstrierenden beten die Parolen der BDS-Bewegung nach. Diese verlangt, wie bereits erwähnt, bezogen auf Israel Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen. Ohne Geld keine politische „Bewegung“. BDS-Ausgangspunkt war eine Art Bürgerinitiative. Ihr Gründer war Omar Bargouthi. Seine ganze Familie ist seit jeher im militärischen und zivilen Widerstand gegen Israel aktiv. NGOs aus der ganzen Welt unterstützen BDS. Zunächst vor allem die Ford-Stiftung. Ihr Gründer war der weltberühmte Autobauer Henry Ford, ein bekennender Antisemit. Seit 2011 ist der Rockefeller Brothers Fund Hauptgeldgeber. Dieser finanziert über pseudohumane Organisationen auch die Terrororganisationen Hamas und die Volksfront für die Befreiung Palästinas. Kurzum: Hier kann man lernen, wie man international erfolgreiche Propaganda organisiert. Selbst in Staaten, die einem nicht wohlgesonnen sind.
Nicht nur Nichtjuden, Muslime und Araber- oder Islamfreunde demonstrieren gegen Zionismus und Israel, sondern auch eine jüdische Minderheit. Sie demonstrieren letztlich gegen sich selbst. Gegen sich selbst, weil sie, wie Juden seit eh und je, von außen meistens in die jüdische „Schublade“ geschoben, betrachtet, ge- oder missbraucht werden. Wie die „zivilisierten Westjuden“, die sich gegenüber den NS-Barbaren zu lange sicher wähnten. Sie meinten (und hofften), der NS-Judenhass würde sich „nur“ gegen die orthodoxen, vormodernen Ostjuden richten. Diese wiederum verließen sich auf „Gottes Hilfe“. Spätestens in Auschwitz erkannten beide: Alle Juden sind, zumindest für Judenhasser, gleich. Der angepasste ebenso wie der widerspenstige Jude, der moralische „Judenrat“ ebenso wie der unmoralische und auch der Kapo im KZ.
Bücher von Michael Wolffsohn

Michael Wolffsohn:
Genie und Gewissen:
Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus
Herder Verlag
Freiburg 2025
368 S.
Euro 26,-
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Michael Wolffsohn:
Feindliche Nähe:
Von Juden, Christen und Muslimen
Herder Verlag
Freiburg 2025
272 S.
Euro 24,00
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Die jüdischen Mit- und teils Vorläufer der antijüdischen Demonstrationen von heute erliegen dem gleichen, vom Prinzip Hoffnung abgeleitet, Denkfehler wie die Kulturjuden im 19. Jahrhundert. Selbst große Geister wie Ludwig Börne und Heinrich Heine mussten ihn leidvoll erkennen und benennen: Sie hatten gedacht, die Taufe wäre das Entrébillett in die europäische Kultur. Irrtum. Ebenso heute: Jüdischer Juden- und Israelhass à la Judith Butler, Deborah Feldman oder Susan Neiman, scheint, ist aber eben nicht die Eintrittskarte in den westlichen Wissens- und Kulturbetrieb. Sollten sie mit ihren Mitstreitern obsiegen, wird man sich ihrer entledigen. Denn dann hat der Jud seine den Nichtjuden segensreiche Arbeit vollbracht. Der Jud kann geh´n. „Jud bleibt Jud“ (Max Frisch, „Andorra“) oder „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!“ (Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise). Feldman und ihresgleichen wissen nicht, was sie tun.
Unbestreitbar zählen, besonders in den USA, doch auch in Westeuropa, Juden zu den gegen Israel demonstrierenden Massen. Folglich, so das willkommene Alibi der nichtjüdischen Juden- und Israelhasser, könne ihr Anliegen nicht antisemitisch sein. Korrekt? Man schaue beidseits. Jenen Nichtjuden sind ihre jüdischen Mitstreiter, zumindest zeitweise, ein nützliches und daher willkommenes Alibi. Sie wären dumm, darauf zu verzichten. Die Rolle jüdischer Antizionisten hat Tradition und signalisiert zugleich Emanzipation. Tradition, weil der Zionismus bis zum Holocaust von der säkularen und orthodoxen Juden-Mehrheit abgelehnt wurde. Von den Orthodoxen aus religiösen Gründen, von den Säkularen, weil sie überbeflissen beweisen wollten, was sie tatsächlich waren – und auch heute sind: loyale Bürger ihres jeweiligen Staates. Akkulturiert, engagiert, gebildet, deshalb wirtschaftlich erfolgreich und somit keine Soziallast. Der ideale Citoyen – trotz der Verbundenheit der meisten Diasporajuden mit Israel. Eine Verbundenheit, die jedoch selten „Verlagerung des eigenen Lebensmittelpunktes – sprich: Einwanderung – nach Israel bedeutete, sondern als Lebensversicherung für den Fall der Fälle.“
Solange Israel im eigenen Land und international beliebt war, hielt der Honigmond zwischen Juden und Nichtjuden in den USA und allgemein im Westen an. Das hat sich seit Mitte der 1970er Jahre und danach noch mehr geändert. Erstens ist das traditionelle Opfervolk der Juden, anders als die Nachfahren der „Tätervölker“ nach dreitausend Jahren Diskriminierungen und Liquidierungen sowie erst recht nach dem Holocaust wehrhaft. Zweitens fremdeln andere mit Israel wegen der Siedlungspolitik. Drittens beschritt Israel seit 2001 in einer auch im Westen ideologisch eher antikapitalistischen und zunehmend leistungsfeindlichen Gesellschaft unter der Regie von Benjamin Netanjahu als Finanz- und dann Premierminister – mit Ausnahme seiner orthodoxen Koalitionspartner – den Weg zu Turbokapitalismus und zur Hochleistungsgesellschaft. Unverzeihlich. Noch unverzeihlicher: Israels Wissenschaft und Wirtschaft boomte. Die Strafe wieder einmal: Neid. Viertens interpretierte und dirigierte die Netanjahu- Koalition bis zur Blutorgie der Hamas die Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative anders als der westliche Konsens. Der Streit schwappte von Israel auf den Westen, wo nicht einmal ansatzweise das Problem erkannt (werden sollte?) und noch weniger benannt wurde: Ob und inwieweit sich in einer Demokratie (Volksherrschaft) die Rechtsprechenden über den Willen der Gesetzgebenden Gewalt (Parlament) hinwegsetzen könne. Die Antwort ist diffiziler als der aufgeheizte israelische und internationale Disput suggerierte, denn, die Knesset (Parlament) wird direkt vom Souverän (Volk) gewählt. In Israel, anders als in vielen westlichen Demokratien, kooptiert sich die Judikative aber weitgehend selbst. Ohne direkte oder indirekte Volkswahl und -kontrolle. Fünftens hat sich Israel besonders in der Netanjahu-Ära zunehmend in Richtung einer jüdischen Theokratie entwickelt. Demografisch wurde Israels Orthodoxie inzwischen so gewichtig, dass politisch niemand in einer Demokratie an ihr vorbei kann, der eine Koalition bilden will. Weltpolitisch ist Israels Theokratisierung im Westen, besonders im eher a- und antireligiösen Wissenschaftsund Kulturbetrieb, ein Affront.
Einerlei. Netanjahu ist – zurecht oder nicht – weltweit noch verhasster als derzeit sogar Israel. Zugleich wirkt weltweit diese Wahrnehmung. „Netanjahu = Israel“. Ergo: Hass auf Israel. Zunehmend auch unter Juden – wenn sie, wie viele Nichtjuden, Israel mit Netanjahu gleichsetzen. Ja, Israels Uhren gehen anders, aber demokratisch.
Nicht übersehen sollte man, dass der Kultur- und Wissenschaftsantisemitismus seit dem 20. Jahrhundert auch eine Art Vatermord ist. Legion sind Quantität und Qualität jüdischer Dichter, Denker, Wissenschaftler. Weil die Jüdische Gemeinschaft seit rund 2.500 Jahren so etwas wie Breitenausbildung und vor circa zweitausend Jahren eine Art allgemeiner Schulpflicht etablierte. Westeuropa begann damit um 1800. Jahrtausendelanges Geistestraining fördert und bewirkt gute und beste Geistesleistungen.
Spitzenleistungen und -ergebnisse werden in der Regel von denen anerkannt und bewundert, die nicht in direkter Konkurrenz zum Leistungsträger stehen. So gesehen ist der Spruch „Nur tote Juden sind gute Juden“ nicht so platt-polemisch wie es scheint, denn tote Juden sind keinem Lebenden Konkurrenz. Weh´ dem erfolgreichen Juden (und Nichtjuden!), der als Wettbewerber gesehen wird oder tatsächlich einer ist.
Womit wir beim „Postkolonialismus“ wären, der neuen Heilslehre der Israel- und Judenhasser. Hier schimmern in der Postkolonialen Welt sowie bei ihren akademischen und kulturaktivistischen Blechtrommlern ebenfalls Neid und Hass auf den konkurrierenden Leistungsträger durch – Israel. Legitimationsbasis ist die Legende, der Jüdische Staat wäre Produkt, Folge und Speerspitze des nur angeblich beendeten, natürlich westlichen, Kolonialismus. Kontrafaktisch wird bewusst unterschlagen, dass Israel im Befreiungskampf der Zionisten gegen die Britische Mandats-, richtiger: Kolonialmacht in Palästina in den Jahren 1944 bis 1948 war. Bis 1952 versuchte London über seinen damaligen Vasallen sowie bis 1958 mit Jordanien und dem Irak Israel zu delegitimieren und zu eliminieren.
Israel ist kaum älter als alle postkolonialen Staaten Afrikas. Israel ist wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell höchst erfolgreich. Welcher postkoloniale Staat Afrikas ist es? „Alle Befreiungen, die die Moderne seit ihrem Beginn hervorgebracht hat, haben sich – früher oder später – ins Gegenteil verkehrt“, schreibt Christoph Menke in seiner lesenswerten „Theorie der Befreiung“ (erschienen im Suhrkamp-Verlag, Berlin 2022). Auf den „Schwarzen Kontinent“ trifft diese bittere These leider besonders zu. Die postkolonialen Völker Afrikas taumelten von der kolonialistischen in die eigenstaatliche Ausbeutung. Der von einheimischbürgerlichen und meist korrupten einheimisch-politischen Oberschichten in die internationale Arena geschleuderte Vorwurf des Postkolonialismus ist dabei ein Instrument des ideologischen Weißwaschens dieser Ausbeutung. Teil zwei der Tragödie: Westliche Entwicklungsmillionen zementieren die Ausbeutung der Afrikaner durch Afrikaner. Teil drei der Tragödie: Westliche sowie einheimische (natürlich privilegierte) Akademiker liefern – im Namen des Antikolonialismus – die pseudowissenschaftliche Rechtfertigung für jene Ausbeutung der Afrikaner durch Afrikaner. George Orwell („1984“) lässt grüßen: „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit ist Stärke.“
Juden und Nichtjuden ins Stammbuch: Der erneut offen ausgebrochene, „wissenschaftlich“ unterfütterte Juden- und Israelhass ist Beginn (oder Fortsetzung?) des selbstverschuldeten wissenschaftlichen und kulturellen sowie dadurch auch wirtschaftlichen Niedergangs juden- und israelfeindlicher Gesellschaften bzw. von Gesellschaften, die diesen Psychoterror lautstarker Minderheiten dulden.
Der Westen geht nicht unter, aber er schafft sich ab. Und sollte Palästina tatsächlich von Juden „befreit“, also „judenfrei“, werden, gibt es kein Massada 2.0, wahrscheinlich auch keinen Holocaust 2.0, wohl aber Samson 2.0 – anders als im Alten Testament atomar.
Ich bleibe Optimist. Die Juden haben den sowohl mörderischen als auch selbstmörderischen Hass ihrer Feinde seit dreitausend Jahren überlebt. Sie werden ihn weiter überleben.
Michael Wolffsohn, Prof. Dr., ist Historiker und Publizist. Von 1981 bis 2012 arbeitete er als Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Er erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. kürte der Deutsche Hochschulverband Michael Wolffsohn 2017 zum Hochschullehrer des Jahres; und wurde 2018 mit dem Franz-Werfel-Menschenrechtspreis der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen ausgezeichnet.