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ONLINE-EXTRA Nr. 273

Juli 2018

Es waren die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen erstmals nach 1945 in tiefgreifender Weise terorristische Anschläge - von rechts, von links und aus arabischen Ländern - die noch junge, demokratisch verfasste Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland nachhaltig erschütterte. Untersucht man die großen Darstellungen der deutschen Zeitgeschichtsschreibung ist es freilich ebenso auffällig wie erklärungsbedürftig, dass sie dieses Thema weitgehend vernachlässigen oder allenfalls den Terror von links im Auge haben. So lautet zumindest die These des Historikers und Journalisten Martin Jander. Die Ursache für diese mangelhafte Beachtung von Wesen und Wirkung des Terrorismus seitens der Zeitgeschichtsschreibung sieht Jander in einer ebenso mangelhaften Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die sich ihrer blinden Flecken zu wenig bewußt sei. In der Folge habe man daher die Bedrohung, die sich in den verschiedenen Teorrismen insbesondere für Israel und die USA niederschlugen, ebenso wenig umfassend verstanden wie auch die in beiden deutschen Staaten zu beklagenden Phänomene einer ungenügenden Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Antisemitismus und einer unzureichenden Übernahme von Schuld und Verantwortung für die eigene Geschichte.

Jander macht in seinem Beitrag deutlich, wie sehr diese Mängel dazu beitrugen, vor allem den Schock Israels zu mißachten, den dort der links-arabischen Terrorismus, die Kooperation deutscher und palästinensischer Terroristen im Krieg gegen Israel und die Unterstützung arabischer Länder durch die DDR ausgelöst hatte. Er zeigt auf, in welcher Weise die "negativen Leitideen der Moderne: Antisemitismus, Rassismus, Antizionismus" dabei eine entscheidende Rolle spielten und u.a. auch in der Politik der sozial-liberalen Regierungen zu gravierenden Fehleinschätzungen führte:
"Der deutsche Links- wie Rechtsterrorismus wurde unter den Regierungen Brandt und Schmidt wesentlich als eine Bedrohung der Bundesrepublik und ihrer Repräsentanten angesehen. Es ginge diesem Terror, so die damalige Beurteilung, vor allem darum, das Ansehen der Bundesrepublik, ihre Fortschritte bei der Entwicklung hin zu einer Stütze des demokratischen Westens in Frage zu stellen. Dass dieser Terror zuerst den USA und Israel galt und sie auch traf, und dass er zuerst und lediglich in zweiter Linie der Bundesrepublik Deutschland und ihren Repräsentanten galt, insofern nämlich, als sie Verbündete der USA und Israels waren, das wurde damals nicht recht wahrgenommen."

Janders Beitrag geht auf einen Vortrag zurück, den er auf der Konferenz „From Entebbe to Mogadishu: Terrorism in the 1970s and its History, Memory and Legacy" im Januar 2017 an der Hebräischen Universität in Jerusalem hielt. Er ist mündlich vollständig (als mp3) und schriftlich in stark gekürzter Form in Englisch wie in Deutsch bereits an anderer Stelle erschienen. Bitte beachten Sie hierzu die editorische Notiz am Ende des Anmerkungsapparats. Heute erscheint er als ONLINE-EXTRA für COMPASS erstmals in vollständig ungekürzter Fassung.

COMPASS dankt Martin Jander für die Genehmigung zur Wiedergabe seines Textes an dieser Stelle!

© 2018 Copyright beim Autor 
online exklusiv für ONLINE-EXTRA



Online-Extra Nr. 273


Offene Geheimnisse


Die Zeitgeschichtsschreibung in der Bundesrepublik Deutschland und der nichtstaatliche Terrorismus nach 1945


MARTIN JANDER


Inhaltsverzeichnis:

Vorbemerkung

1.    Willy Brandt: „(keine) Neutralität des Herzens“?
2.    Gesellschaftsgeschichte nach der Shoah
2.1. Hans Ulrich Wehler
2.2. Heinrich August Winkler
2.3. Ulrich Herbert

3.   Gamal Abdel Nasser: „Sie können sich doch nicht ewig erpressen lassen.“

4.  Negative Leitideen der Moderne: Antisemitismus, Rassismus, Antizionismus.

5.    Hannah Arendt: „positive politische Willenserklärung an die Opfer“

6.    Inge Deutschkron: „Israel und die Deutschen“
6.1. Schuldabwehrantisemitismus
6.2. Rassismus und Antisemitismus
6.3. Antizionismus

7.    Bundesrepublik Deutschland: „…besonders betroffen“?
7.1. Auswärtiges Amt
7.2. Gideon Hausner

8.    Offene Geheimnisse




Vorbemerkung

Westliche Demokratien sind fragile Gebilde. Wir erleben das in der gegenwärtigen Periode der Menschheitsgeschichte in dramatischer Weise. Sie beruhen auf vielen verschiedenen Säulen. Zwar haben sie, anders als diktatorische Regime, keine verpflichtende Philosophie, aber ohne die Zustimmung der Bürger zu den zentralen Aussagen der Verfassung, ohne einen, wie Habermas formulierte „Verfassungspatriotismus“, sind sie nicht lebensfähig.1 Beginnt eine immer größer werdende Zahl von Bürgerinnen und Bürgern der westlichen Demokratien die seit der Aufklärung zentrale Vorstellung infrage zu stellen, wonach alle Menschen auf dieser Welt gleich und frei geboren sind und ihnen dieselben Rechte zustehen, dann wäre der Bestand der westlichen Demokratien selbst gefährdet. Demokratien können sich, vereinfacht gesprochen, selbst abschaffen.

Der Terrorismus der 70er Jahre forderte die Demokratien des Westens in massiver Weise heraus. Er suchte nicht nur Repräsentanten des Staates, wichtige Entscheidungsträger anzugreifen, er schürte auch Hass auf einzelne Länder und Menschengruppen. Mit dem Einsatz von Gewalt und mit seiner Propaganda suchten die Akteure und Geldgeber des Terrorismus die zentralen Grundlagen der westlichen Demokratien zum Einsturz zu bringen. Im Kern richtete sich ihr Angriff auf die zentrale Idee dieser Staaten, die Gleichwertigkeit aller Menschen.

Die Ziele der international vernetzt operierenden Terroristen waren kein Geheimnis. Die Akteure und Planer der Anschläge verbargen sie nicht. Nehmen wir zum Beispiel die Erklärung der Entführer des Lufthansa Flugzeugs „Landshut“ am 13. Oktober 1977 nach Mogadischu. Das Kommando der PFLP hatte sich den Namen Martyr Halimeh gegeben. Mit dieser Namensgebung ehrte es die Terroristin der Revolutionären Zellen Brigitte Kuhlmann, die als Mitglied eines deutsch-palästinensischen Kommandos 1976 ein Flugzeug nach Entebbe entführt hatte und bei der Befreiung der Geiseln durch ein israelisches Spezialkommando ums Leben gekommen war.2

Seinen Krieg gegen Israel, die USA und die westlichen Demokratien ganz allgemein drückte das Kommando jedoch nicht nur mit dieser Namensgebung aus. In der Presseerklärung zur Entführung, vorab von Wadi Haddad und Mitgliedern der Rote Armee Fraktion formuliert, hieß es: „diese operation hat zum ziel, unsere genossen aus den gefängnissen der imperialistisch-reaktionär-zionistischen allianz zu befreien. (,,,) revolutionäre und freiheitskämpfer in aller welt sind konfrontiert mit dem ungeheuer des welt-imperialismus - diesem  barbarischen krieg unter der hegemonie der usa gegen die völker der welt. in diesem krieg erfüllen imperialistische subzentren wie israel und die brd die exekutiv-funktion der unterdrückung und liquidation jedweder revolutionären bewegung in und auf ihren spezifischen gebieten. in unserem besetzten land demonstriert der imperialistisch-zionistisch-reaktionäre feind die höchste ebene seiner blutigen feindseligkeit und aggressivität gegen unser volk und unsere revolution, gegen alle arabischen massen und ihre patriotischen und fortschrittlichen kräfte. die expansionistische und rassistische natur israels ist - mit menachem begin an der spitze dieses produkts imperialistischer interessen - klarer als je zuvor. auf den gleichen imperialistischen interessen wurde westdeutschland 1945 als us-basis aufgebaut. (…) zwischen den beiden regimen bonn und tel aviv gibt es eine enge und spezielle zusammenarbeit auf militärischem und ökonomischem gebiet, sowie eine weitgehende übereinstimmung in politischen positionen. die beiden feindseligen regime stehen geschlossen den patriotischen und revolutionären befreiungsbewegungen der welt im allgemeinen und der arabischen welt, afrikas und lateinamerikas gegenüber. (…) sie liefern waffen und militärisches, technisches und atomares know how; sie entsenden söldner und geben kredite; sie öffnen ihre märkte und brechen den boykott und die ökonomische belagerung dieser regime. ein signifikantes beispiel ist die enge zusammenarbeit von mossad mit den deutschen geheimdiensten und cia und dst, die die schmutzigste piraterie der imperialistisch-reaktionaren allianz möglich machte: die zionistische invasion von entebbe. tatsächlich wird der ähnliche charakter des neo-nazismus in west-deutschland und des zionismus in israel immer klarer. in beiden ländern - herrscht eine reaktionäre ideologie vor, - werden faschistische, diskriminatorische und rassistische arbeitsgesetze durchgesetzt, - werden die häßlichen methoden psychologischer und physischer folterung und mord gegen die kämpfer für freiheit und nationale befreiung angewandt, - werden formen kollektiver bestrafung praktiziert, - wird die ´ausstattung` mit internationalem recht wie dem recht von häftlingen auf humane behandlung, gerechte verhandlung und verteidigung völlig abgeschafft. während das zionistische regime die höchst eigenständige und praktische fortführung des nazismus ist, tun die bonner  regierung und  die parteien ihres parlaments ihr bestes, nazismus und expansionistischen rassismus in westdeutschland zu erneuern, besonders im militärischen establishment und anderen staatlichen institutionen. wir werden den feind zwingen, unsere gefangenen freizugeben, die ihn täglich herausfordern, indem sie selbst im gefängnis nicht aufhören, gegen unterdrückung zu kämpfen. SIEG DER EINHEIT ALLER REVOLUTIONÄREN KRÄFTE IN DER WELT.“3

So gut wie keine Aussage dieser Erklärung lässt sich mit den Tatsachen in Übereinstimmung bringen. Um die Welt der 70er Jahre geht es in dieser Erklärung auch gar nicht. Der Text produziert eine ideologische Parallelwelt, in der revolutionäre und fortschrittliche Völker, von einem Monster, den USA, mit barbarischem Krieg überzogen werden und dagegen aufstehen. Helfer dieses Krieges der USA sind die angeblich faschistischen Subzentren Israel und die Bundesrepublik Deutschland. Zionismus und deutscher Faschismus verschmelzen, so die Erklärung, in diesem Krieg.

Der Text versammelt exemplarisch, die unterschiedlichen Motive, die der international vernetzte Terrorismus der 70er Jahre im Krieg gegen die westlichen Demokratien aufbot. Nationale und sozialrevolutionäre Motive wurden gebündelt. Die westlichen Demokratien wurden als faschistisch und damit zerstörenswert diskreditiert. Antizionismus wurde explizit und Antisemitismus implizit mobilisiert.4

Neben den gezielten Terrorschlägen auf einzelne Politiker oder bestimmte Regierungen, suchten die Planer dieses wesentlich von Palästinensern und ihren Unterstützern in arabischen Staaten geführten Terrornetzwerks, suchten PLO, Rote Armee Fraktion und andere, nationale, sozialrevolutionäre und antisemitische Oppositionskräfte gegen die liberalen Demokratien des Westens anzufachen. Dass damals Deutsche und Palästinenser eine gemeinsame Sprache im Krieg gegen Israel, die USA und die westlichen Demokratien insgesamt gefunden hatten, musste einen Schock auslösen. Der Schrecken darüber war in Israel wesentlich größer als in der Bundesrepublik.



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1. Willy Brandt: „(keine) Neutralität des Herzens“?

Der Schock, den die Kooperation deutscher und palästinensischer Terroristen im Krieg gegen Israel auslöste, ist in Deutschland nicht, bzw. ganz anders präsent als in Israel. In Israel wird er, etwas vergröbert gesprochen, als die Wiederkehr deutscher Vernichtungswünsche in anderem Gewand erinnert. In der Bundesrepublik Deutschland eher und fast ausschließlich als die Bedrohung der eigenen Demokratie durch kommunistische Extremisten.

Das hat auch damit zu tun, dass in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung und in der öffentlichen Debatte kaum wahrgenommen wird, dass die Außenpolitik der Bundesrepublik sich in den 70er Jahren in verschiedene Konflikte mit Israel begab. Die DDR lag im Konflikt, besser gesagt im unerklärten Krieg mit Israel, bereits seit dem 6-Tage-Krieg 1967.5 Sie hatte eine israelfeindliche Politik schon seit Beginn der 50er Jahre verfolgt. Da war es keine Überraschung, dass die SED der PLO 1973 gestattete, ein Büro in Ost-Berlin zu eröffnen. Es war gefährlich, aber es war keine wirkliche Überraschung.

Unerwartet aber war es, dass die beiden sozialdemokratischen Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Willy Brandt und Helmut Schmidt, eine, wie sie mehrfach betonten, „neutrale Politik“ im Nahen Osten verfochten, eine „Normalität“ in den deutsch-israelischen Beziehungen einforderten, der PLO Jassir Arafats Anerkennung zollten und sich, in der gleichen Zeit als sie das taten, Teile der Gesellschaft der Bundesrepublik mit der PLO und ihren Suborganisationen verbündeten, die auf eine Delegitimierung und Zerstörung Israels hinarbeiteten.

Zwar hatte Willy Brandt am 13. November 1973 vor dem Europaparlament in Straßburg und zu anderen Gelegenheiten ausdrücklich davon gesprochen, dass die deutsch-israelischen Beziehungen „einen besonderen Charakter“ trügen und es für Deutsche in dieser Frage „keine Neutralität des Herzens und des Gewissens“ geben könne6, aber das schloss offenbar eine Distanz zu Israel in den Handlungen nicht aus. Die Haltung und der Politikentwurf der beiden sozialdemokratischen Bundeskanzler waren damals deshalb so überraschend, weil die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) nach dem II. Weltkrieg zu den treibenden Befürwortern einer Unterstützung Israels gehört hatte. Ohne die SPD hätte Adenauer das „Luxemburger Abkommen“ 1953 nicht durch den Bundestag gebracht. 

Die Politik der beiden sozialdemokratischen Bundeskanzler und die Beteiligung von Deutschen an terroristischen Aktivitäten gegen Israel lösten nicht nur in Israel sehr große Ängste aus. Auch die jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik waren in großer Sorge. Eine der wichtigen Autorinnen zur Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen, die Journalistin Inge Deutschkron7, empfand den sich damals in Deutschland neuerlich artikulierenden Antisemitismus als so gefährlich, dass sie 1972 ihren Wohn- und Arbeitsort in Bonn verließ und nach Tel Aviv umzog.8

Der eigentliche Schock in Israel über die Außenpolitik der Bundesrepublik und die Einstellung seiner Bürger zu Israel liegt bereits einige Jahre vor der Flugzeugentführung nach „Entebbe“. Das Drama des Überfalls eines Kommandos des Schwarzen September, einer Unterorganisation der Fatah, auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München, hatte Israelis schwer schockiert. Das Verhalten der deutschen Behörden, denen es nicht gelungen war, die Geiseln zu befreien, war als stümperhaft wahrgenommen worden. Als es die deutsche Regierung dann aber nicht vermochte, der Freipressung der überlebenden Mitglieder des Kommandos am 29. Oktober 1972 energischen Widerstand entgegenzusetzen, schlug die öffentliche Stimmung in Israel um.9 Hatten die Deutschen überhaupt die Freipressung verhindern wollen? Oder wollten sie auf Kosten Israels einen Frieden mit seinen Feinden schließen?

Gänzlich umgeschlagen ist das Bild von der Bundesrepublik Deutschland dann im Jahr 1973. Im Oktober des Jahres hatten Ägypten und Syrien Israel angegriffen. Am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, suchten sie zu vollenden, was direkt nach der Gründung des Staates im Jahr 1948 nicht gelungen war: Israel sollte von der Landkarte getilgt werden. Der Angriff im Oktober 1973 kam überraschend. In der ersten Phase des Krieges sah es fast danach aus, als könnten die Armeen Ägyptens und Syriens erfolgreich sein.

Dass die DDR die gegnerischen Truppen unterstützte, sie seit dem Ende des 6-Tage-Krieges mit Waffen beliefert hatte, war gefährlich, aber es kann nicht unerwartet. Dass die PLO und ihre bewaffneten Formationen alles gaben, um dem Angriff von Ägypten und Syrien zum Erfolg zu verhelfen, war ebenfalls nicht verwunderlich. Überraschend aber war es, dass die Regierung der Bundesrepublik Deutschland den in der Bundesrepublik stationierten Truppen der USA untersagte, die israelische Armee über ihre Stützpunkte mit Waffen zu versorgen. Das führte letztlich in Israel zu einer nachhaltigen Verstörung über den politischen Zustand der Bundesrepublik.

Dass sich die Bundesrepublik im Nahen Osten in den Konflikten Israels mit seinen Nachbarn und den Palästinensern nach eigener Aussage „neutral“ verhielt, konnte und musste in Israel als Unterstützung der Feinde des Staates verstanden werden. Die sozialliberalen Bundesregierungen seit Willy Brand hatten nicht nur eine neue Ostpolitik angestoßen, sondern auch eine eigene Nahost-Politik. Sie signalisierten gegenüber den Konfliktparteien im Nahen Osten Äquidistanz und behandelten die Interessen Israels dabei nachrangig. Die Kooperation deutscher mit palästinensischen Terroristen verstärkte dieses negative Bild ganz zu Recht.  

Die Beteiligung von rechten und linken Terroristen aus Deutschland am Krieg gegen Israel war darüber hinaus lediglich die Spitze des Eisbergs. In der Bundesrepublik Deutschland entstand seit dem 6-Tage-Krieg, jenseits der bewaffneten Untergrundgruppen, ein so vorher noch nicht wahrgenommenes Potential von Gegnern und Feinden. Es verstärkte die ohnehin nicht geringe Anzahl konservativer Skeptiker der deutsch-israelischen Beziehungen, mit ganz anderen Argumenten.10

Nicht nur die Sorge um die Öllieferungen arabischer Länder allein oder die Furcht vor einer internationalen Anerkennung der DDR wurde hier in Anschlag gebracht. Mit der Unterstützung Israels, so hieß es nun fast unisono von Teilen der radikalen Linken und der radikalen Rechten, unterstütze man einen zweiten Holocaust, einen Völkermord am palästinensischen Volk, man lasse sich von Israel erpressen, diesen Völkermord durch deutsche Waffenlieferungen zu unterstützen.

2. Gesellschaftsgeschichte nach der Shoah

Der Konflikt, besser gesagt die Konflikte zwischen Israel und der Bundesrepublik in den 70er Jahren, waren so heftig und so deutlich, dass es zunächst nur interessant ist, ob und wie sie in Darstellungen wichtiger deutscher Zeithistoriker zum Thema vorkommen. In welcher Perspektive die Historiker das Thema betrachten, ist zunächst nebensächlich.

Für diese kleine Untersuchung wurden die Darstellungen von drei Autoren gewählt, die die Nachkriegsgeschichte der deutschen Staaten in ihrem Zusammenhang zur Geschichte Deutschlands mindestens seit der Gründung des deutschen Nationalstaats im Jahr 1871 sehen. Referiert werden die Darstellungen von Hans Ulrich Wehler11, Ulrich Herbert12 und Heinrich August Winkler13. Ihre Publikationen sind in ihren wesentlichen Teilen nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten erschienen. Alle drei Historiker sind keine Randfiguren des wissenschaftlichen Betriebs. Ihre Arbeiten sind gegenwärtig für viele deutsche Autoren maßgebend.

2.1. Hans Ulrich Wehler

In der ältesten der erwähnten großen Gesamtdarstellungen zur deutschen Geschichte, der fünfbändigen „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ von Hans-Ulrich Wehler, die in den Jahren 1987 bis 2008 entstand14, nimmt die Darstellung der Zusammenarbeit deutscher Terroristen mit bewaffneten palästinensischen Formationen, deren Folgen in „Entebbe“ und „Mogadischu“ sichtbar wurden, ganze fünf Seiten ein. „Entebbe“ selbst findet gar keine Erwähnung, „Mogadischu“ nur kurz. Die systematische Kooperation deutscher Linksterroristen mit bewaffneten palästinensischen Formationen ist dem bedeutendsten Autor einer neuen Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutschlands keine Zeile wert. Dass auch deutsche Rechtsterroristen mit Palästinensern kooperierten, kommt in seinem Buch ebenfalls nicht vor.15

Immerhin gibt es bei Wehler einen Hinweis auf die Existenz eines „latenten Antisemitismus“, der sich auch in der Studentenbewegung fand und der eine Sympathie linksradikaler Studenten mit „radikalen palästinensischen Guerillabewegungen“ ermöglicht habe.16 Im Resümee der Darstellung zu „Mogadischu“ hält Wehler auch fest, dass sich „Staatsregierung und Parlament, Strafverfolgungsbehörden und Justizapparat gegen den politischen Terrorismus“ erfolgreich durchgesetzt hätten, „ohne doch die Unterwelt der Sympathisanten vollständig austrocknen zu können.“17 Die arg strapazierte „Problembewältigungskapsazität“ habe dank einer glücklichen politischen Konstellation im Bonner Entscheidungszentrum und dank der realistischen Handlungsbereitschaft unter schwierigsten Bedingungen zur Bewältigung der Krise ausgereicht.

Die Entwicklung einer antiisraelischen Politik der DDR seit dem Beginn der 50er Jahre, im Anschluss an die antijüdischen Verfolgungsmaßnahmen in allen kommunistischen Parteien Osteuropas, wird bei Wehler auf ganzen zwei Seiten abgehandelt.18 Dass die DDR, insbesondere das Ministerium für Staatssicherheit, die bewaffneten Formationen der Palästinenser in ihrer Kooperation mit sowohl linken als auch rechten west-deutschen Terroristen unterstützte und die arabischen Staaten, die gegen Israel Krieg führten, mit Waffen ausstattete, findet in der Darstellung überhaupt keine Erwähnung.19

Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland und insbesondere die deutsch-israelischen Beziehungen spielen in Wehlers Darstellung gar keine Rolle. Zwar gibt es längere Passagen in denen sich Wehler mit der „Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus“20 und mit der „Politik der Wiedergutmachung“21 beschäftigt. Ein auch nur ungefähres Bild der politischen Kontroversen zwischen Israel und der Bundesrepublik sowie der DDR in den 70er Jahren findet sich nicht.

2.1. Heinrich August Winkler

In der bereits vierzehn Jahre früher erschienenen Darstellung von Heinrich August Winkler22 nimmt der Zeitraum zwischen „Entebbe“ und „Mogadischu“ und die Darstellung des linken deutschen Terrorismus lediglich fünf Seiten ein.23 „Entebbe“ kommt gar nicht vor, „Mogadischu“ dagegen sehr ausführlich. Die Darstellung konzentriert sich ganz auf die Kanzlerschaft Helmut Schmidts und seine Politik im Jahr 1977, während der Entführung Hans Martin Schleyers und des Flugzeugs „Landshut“.

Die Verbindung des deutschen Linksterrorismus mit den bewaffneten Formationen der Palästinenser wird am Beispiel der Entführung des Flugzeugs „Landshut“ zwar erwähnt, erfährt aber keine ausführlichere Analyse.24 Dass es auch eine Kooperation bewaffneter palästinensischer Formationen mit deutschen Terrorformationen gab, die aus dem rechten politischen Spektrum stammten, wird überhaupt nicht erwähnt.

Im Resümee der Darstellung zu „Mogadischu“ hält Winkler fest, dass das Kalkül der Terroristen, ihre Gewalt werde „faschistische“ Gegengewalt herausfordern, nicht aufgegangen sei. Im Gegenteil habe der Herbst 1977 eine „geschwächte Fundamentalopposition von links“ hinterlassen und eine Demokratie in der Bundesrepublik, der „aus ihrem Triumph über den Terrorismus neues Selbstbewußtsein erwachsen“25 sei.   

Die Entwicklung einer antiisraelischen Politik in der DDR seit dem Beginn der 50er Jahre, im Anschluss an die antijüdischen Säuberungen in allen kommunistischen Parteien Osteuropas und seit dem 6-Tage-Krieg, wird bei Winkler überhaupt nicht erwähnt.26 Dass die DDR die bewaffneten Formationen der Palästinenser in ihrer Kooperation mit sowohl linken als auch rechten deutschen Terroristen unterstützte und die arabischen Staaten bewaffnete, die gegen Israel Krieg führten, fehlt in seinem Buch ebenfalls.

Auch die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland spielt in Winklers Darstellung keine Rolle. Erwähnung findet jedoch, dass der israelische Ministerpräsident Yitzhak Shamir am 15. November 1989 einem amerikanischen Fernsehsender erklärte, wenn die Deutschen wieder „das stärkste Volk in Europa und vielleicht in der Welt“ würden, dann könnten sie auch erneut die Gelegenheit nutzen, Millionen Juden zu töten.27

2.3. Ulrich Herbert

Die erst kürzlich im Jahr 2014 erschienene Arbeit von Ulrich Herbert28 widmet dem Zeitraum und dem Thema des linken deutschen Terrorismus in den 70er und 80er Jahren ganze sechs Seiten.29 Die Geiselnahmen in Entebbe und in Mogadischu werden zwar genannt, auch auf die Verbindung deutscher Linksradikaler mit Palästinensern wird hingewiesen. Aber der Zusammenhang des deutschen Linksterrorismus mit dem Krieg der bewaffneten Palästinenserformationen gegen Israel wird ausgeblendet.

Auch die Zusammenarbeit, der sich auch aus dem rechten politischen Spektrum herausbildenden Terrorgruppen mit den bewaffneten Palästinensern, kommt in der Publikation nicht vor. Von der Propaganda-Agenda der bewaffneten Palästinenserformationen ist überhaupt nicht die Rede. Ausdrücklich formuliert Herbert, der westdeutsche Linksterrorismus sei „eher aus der nationalen Konstellation in Deutschland als aus internationalen Entwicklungen heraus zu erklären.“30

Resümierend hält der Autor fest, dass es nicht ganz sicher sei, ob der Sieg über den Terrorismus im Jahr 1977 – deutsche Polizeieinheiten hatten auf dem Flughafen von Mogadischu das entführte Flugzeug „Landshut“ gestürmt und alle Geiseln lebend befreit –, „identitätsstiftend“ gewirkt habe, wie gelegentlich angemerkt werde. Aber, und mit dieser Formulierung artikuliert Herbert seine Sicht auf die Bedeutung des deutschen Terrorismus, die Bundesrepublik habe mit diesem Sieg an „emotionaler Akzeptanz“ zumindest im nationalkonservativen Spektrum der Bevölkerung gewonnen und „eine Bewährung“ bestanden, als sie ihre „Souveränität nicht im Ausnahmezustand gesucht hatte, sondern in der Beachtung demokratischer Prinzipien auch in schwierigen Situationen.“31

Die Entwicklung einer antiisraelischen Politik der DDR seit dem Beginn der 50er Jahre, im Anschluss an die antijüdische Verfolgungswelle in allen kommunistischen Parteien Osteuropas, und seit dem 6-Tage-Krieg werden bei Herbert ebenfalls nur knapp erwähnt.32 Dass die DDR, insbesondere das Ministerium für Staatssicherheit, die bewaffneten Formationen der Palästinenser in ihrer Kooperation mit sowohl linken als auch rechten deutschen Terroristen unterstützte, findet in der Darstellung ebenso wenig Erwähnung wie die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland gegenüber Israel.

3. Gamel Abdel Nasser: „Sie können sich doch nicht ewig erpressen lassen“

Es ist erstaunlich, dass die Konflikte der deutschen Politik mit Israel und die Entstehung links- wie rechtsradikaler terroristischer Strömungen in den Darstellungen von Wehler, Winkler und Herbert nicht wirklich breiten Raum einnehmen. Diese Konflikte spielten sich in den 70er Jahren in aller Öffentlichkeit ab und wurden in der Regel auch breit kommentiert. Einige der Ereignisse sind zwar bis heute nicht in allen Einzelheiten gut erforscht, die Umrisse dieser Geschichte aber sind längst gut erkennbar, sie stellen mithin eine Art „offenes Geheimnis“ dar.

Bereits unmittelbar nach der Gründung Israels in den Jahren 1947 und 1948 hatten sich die verschiedenen arabischen Gegner Israels – die seine Entstehung mittels eines Krieges zu unterbinden suchten, dabei jedoch gescheitert waren – mit der Haltung insbesondere der Bundesrepublik zum Staat Israel beschäftigt.33 Die Bundesrepublik Deutschland rückte in ihr Blickfeld, weil sie in den 50er Jahren begonnen hatte, den israelischen Staat bei der Überwindung seiner Schwierigkeiten beim Aufbau und der Entwicklung des Landes zu helfen. Ausschlaggebend waren dafür vor allem das von der Bundesregierung als „Wiedergutmachung“ bezeichnete Abkommen vom März 1953 sowie die von Franz-Josef Strauß und Shimon Peres verabredeten Waffenlieferungen an die israelische Armee, die 1959 begannen.

Die Staaten, die nach der Niederlage im Krieg gegen die Gründung Israels 1948 auf einen zweiten Krieg gegen Israel hofften, opponierten in den 50er und 60er Jahren gegen die Unterstützung Israels durch die Bundesrepublik und begannen Druck auf deren Außenpolitik auszuüben. Eines der Druckmittel war es u. a. damit zu drohen, Beziehungen zur DDR aufzunehmen und, das wird leicht übersehen, die in der Gesellschaft der Bundesrepublik vorhandenen Oppositionen zum außenpolitischen Kurs der Bundesregierungen zu mobilisieren.

So zum Beispiel hatte der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser im Nachgang zu einer Einladung an Walter Ulbricht nach Ägypten im Jahr 1964 zu Beginn des Jahres 1965 dem Spiegel ein Interview gegeben, das unter der Überschrift „Sie können sich doch nicht ewig erpressen lassen“ im Februar 1965 veröffentlicht wurde.34 Nasser hatte in dem Interview den in der Überschrift zitierten Satz in dem Gespräch mit Spiegel-Redakteuren wörtlich genau so formuliert und außerdem erläutert, er habe gelesen, „daß der frühere Bundeskanzler, Adenauer, erklärt“ habe, „er habe den Waffengeschenken an Israel unter dem Druck einer fremden Macht zugestimmt.“ Er, Nasser, „verstehe diese Abhängigkeit nicht“. Auf jeden Fall würde er „es begrüßen, wenn eine so große Nation wie die deutsche eine eigene, unabhängige Rolle in der Welt“ spiele und nicht ein „Werkzeug in den Händen fremder Mächte, z. B. der Amerikaner und der Israelis“ sei.35

Bereits kurz vor der Visite Ulbrichts in Kairo hatte Nasser auch der rechtsradikalen Deutschen National- und Soldaten-Zeitung von Gerhard Frey ein Interview gegeben, in dem er erklärte, dass es sich bei der Zahl von 6.000.000 getöteten Juden um eine „Lüge“ handele.36 Der Herausgeber der Zeitung Frey hatte Nasser in dem Interview mit der Bemerkung assistiert, dass die „Tatsache der Judenmorde“ niemand bestreite, aber „die meisten Deutschen“ hätten „längst erkannt“, dass „hier mit Zahlen Schindluder getrieben“ werde.37 

Mit den unterschiedlich gewichteten Formulierungen beider Interviews hatte sich Gamal Abdel Nasser an verschiedene Strömungen politischer Feindschaft zu guten deutsch-israelischen Beziehungen in der DDR sowie in der Bundesrepublik Deutschland gewandt. Er bediente mit seinen Äußerungen die „linke“ Kritik an der angeblich durch die USA und Israel eingeschränkten Souveränität des Landes, gab der „rechten“ Auffassung einer angeblichen Erpressung der Deutschen Raum und mobilisierte darüber hinaus die antisemitische  Holocaustleugnung.

Auf die DDR war in den 60er Jahren Druck nicht notwendig. Sie gehörte seit den 50er Jahren bereits zu den Unterstützern der arabischen Feinde Israels. Die kommunistisch-diktatorische DDR konnte man mit Angeboten locken. Die Führung des Staates suchte nach politischer Anerkennung. Hier waren Verabredungen schnell möglich. Die DDR erreichte ihren Durchbruch in der internationalen Anerkennung am Ende der 60er Jahre vor allem durch verschiedene Abkommen mit arabischen Ländern. Den diplomatischen Beziehungen folgten in der Regel auch militärische Allianzen. Auch propagandistisch ließ sich die DDR gerne gegen Israel einspannen.38

Auf die Bundesrepublik Deutschland hingegen schien Druck nötig und gleichzeitig auch erfolgversprechend. Sie hatte lange mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel gezögert. Außerdem, das blieb niemandem verborgen, blieb der Versuch, die Gesellschaft der Holocaustüberlebenden zu unterstützen, nicht ohne Widerspruch. Breite gesellschaftliche Gruppen wandten sich sowohl in den 50er als auch in den 60er Jahren gegen die deutsch-israelischen Beziehungen.

Die Ermunterungen von Nasser u. a. fielen in beiden deutschen Staaten auf einen fruchtbaren Boden. Sie funktionierten als Verstärker bereits vorhandener Haltungen und politischer Bestrebungen. Bereits bei der Verabschiedung des ersten Vertrages der Bundesrepublik Deutschland mit Israel im Jahr 1953, dem „Luxemburger Abkommen“, hatten radikal rechte und radikal Linke Politiker ihre Einwände gegen deutsch israelische Beziehungen vorgetragen.

Der Abgeordnete der rechtsradikalen Sozialistischen Reichspartei stimmte dem „Luxemburger Abkommen“ 1953 mit Israel nicht zu und begründete dies damit, dass die Zahl der ermordeten Juden in Europa lediglich bei 1.000.000 Menschen gelegen habe. Außerdem, so argumentierte er weiter, dürfe mit Israel, das die Araber aus seinem Land vertrieben habe, nicht verhandelt werden.39

Auch die aus der DDR gesteuerte kommunistische Fraktion des Bundestages verweigerte im Jahr 1953 ihre Zustimmung zu dem Abkommen. Ihre Abgeordneten argumentierten, dass der Vertrag mit Wiedergutmachung nichts zu tun habe, lediglich israelische Industrielle machten mit dem Abkommen angeblich ein glänzendes Geschäft; hinter der Idee zu dem Abkommen, so fügten sie hinzu, stünde vor allem die amerikanische Hochfinanz.40

Dass in den 70er Jahren linke und rechte deutsche Terroristen gemeinsam mit der Fatah für eine Vernichtung Israels fochten, kann vor diesem Hintergrund kaum erstaunen. 

4. Negative Leitideen der Moderne: Antisemitismus, Rassismus, Antizionismus

Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass diese Vorgeschichte der Konflikte beider deutscher Staaten mit Israel und die Kooperation der DDR sowie rechter und linker westdeutscher Terroristen mit den Feinden Israels nur randständig in den Publikationen zur deutschen Zeitgeschichte vorkommen. Ein wesentlicher Grund ist darin zu erkennen, dass die Arbeiten der drei vorgestellten Historiker in unterschiedlichen Graden die Rolle und Bedeutung von Rassismus, Antisemitismus und Antizionismus in der Entwicklung der deutschen Gesellschaft in der Moderne unterschätzen. Die Anti- oder Gegenmoderne in der Moderne, wie Jeffrey Herf das in seiner Arbeit „Reactionary Modernism“41 genannt hat, die „reaktionäre Moderne“, bildet offenbar in ihren Darstellungen kein von Anfang an enthaltenes und bis heute in verschiedenen Formen wiederkehrendes Element.

Die Autoren analysieren die deutsche Gesellschaft und ihre Geschichte zwar als die Geschichte einer modernen Gesellschaft des Westens und gehen auch davon aus, dass die Entwicklung Deutschlands hin zur Moderne und in der Moderne von verschiedenen Krisen und Umbrüchen gekennzeichnet war. Sie rücken jedoch Rassismus, Antisemitismus und Antizionismus nicht in das Zentrum dieser Krisen und Umbrüche. Dass moderne Gesellschaften immer auch ihr eigenes Gegenteil, die Antimoderne mit sich führen42, dass es, wie Theodor Adorno und Max Horkheimer sich ausdrückten, eine „Dialektik der Aufklärung“ gäbe, diese Annahme scheint für die Historiker keine wirklich wesentliche Rolle gespielt zu haben.43

Es ist keineswegs lediglich die Kooperation arabischer Terroristen mit deutschen Antisemiten aus dem rechten und linken politischen Spektrum der Bundesrepublik, die keine oder nur randständige Erwähnung in den Darstellungen finden. Blättert man durch die Werke, dann gilt dies ebenfalls für so wesentliche Ereignisse, wie zum Beispiel den Völkermord an den Herero und Nama durch deutsche Truppen zu Beginn des 20. Jahrhunderts; es gilt auch für die sogenannte Judenzählung während des ersten Weltkrieges sowie für das Pogrom in Berlins Scheunenviertel im November 1923, direkt vor Hitlers Putschversuch in München am 9. November. Die Liste der Ereignisse, die auf lange tradierten Rassismus und Antisemitismus in Deutschland verweisen, nicht nur auf die Shoah selbst, ließe sich mühelos verlängern.

Die Überraschung über diese konzeptionelle Leerstelle und die vielen Auslassungen, die ihr dadurch in den drei Darstellungen von Winkler, Wehler und Herbert folgen, ist deshalb besonders groß, da alle drei sich zwar nicht explizit aber doch implizit in der Tradition wissenschaftlicher Analysen des deutschen Sonderwegs verstehen. Es kann gar kein Zweifel daran bestehen, dass alle drei Autoren in verschiedener Form dieses Paradigma aufnehmen, es differenzieren und sich daran abarbeiten. Die vielen deutschen Besonderheiten und Gegensätze bei der Herausbildung einer westlichen Demokratie in Deutschland, wie eben zum Beispiel Antisemitismus, Rassismus und mehr, gehören zu den bestimmende Anliegen dieser Tradition der Geschichtsschreibung über Deutschland, die aber offensichtlich von der drei genannten Autoren nicht aufgenommen wird.44 

Alle drei Autoren gehören darüber hinaus, und auch deshalb überrascht die konzeptionelle Unterschätzung von Antisemitismus und Rassismus, zu der Gruppe von Historikern, die während des berühmten „Historikerstreits“ in den 80er Jahren mehr oder minder deutlich vorgetragene Rechtfertigung der Vernichtung der europäischen Juden durch den Historiker Ernst Nolte kritisiert hatten.45

Alle drei hatten in ihren Kritiken Noltes hervorgehoben, dass er in seinem Essay „Vergangenheit, die nicht vergehen will“46 vom Juni 1986 versucht hatte, wie Winkler sich ausdrückte, „die Vernichtung der europäischen Juden aus Stalins Verbrechen abzuleiten und Hitlers Vorgehen als einen Akt der Putativnotwehr (gegen einen jüdischen Krieg gegen Deutschland – d. Verf.) verstehbar zu machen.“47

Wehler, Winkler und Herbert hatten also verstanden, dass Antisemitismus und Rassismus in unterschiedlichen Formen auch eine Tatsache in beiden deutschen Staaten nach dem Nationalsozialismus bildete. Trotz dieser Erkenntnis räumen sie in ihren Darstellungen Rassismus, Antisemitismus und Antizionismus, den Konzepten der drei wesentlichen Traditionen politischen Terrors in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945, nicht den ihnen zukommenden Platz in der deutschen Gesellschaftsgeschichte ein.

5. Hannah Arendt: „positive politische Willenserklärung an die Opfer“

Die randständige Darstellung der Konflikte der beiden deutschen Staaten mit Israel in den 70er Jahren hat aber nicht nur mit dieser konzeptionellen Orientierung zu tun. Man erkennt in den Darstellungen von Wehler, Winkler und Herbert auch eine Problematik, auf die bereits viele verschiedene Autoren hingewiesen haben. Vereinfacht gesagt findet eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen in den Gesellschaftsgeschichten der drei Autoren wohl statt. Die Kapitel zur Geschichte des Nazi-Regimes und seiner vielen verschiedenen Verbrechen sind in allen Darstellungen sehr ausführlich. Die Geschichten der verschiedenen Opfergruppen aber kommen nicht recht in ihnen vor. Soweit sie überhaupt präsent sind, kommen sie lediglich im Zusammenhang mit den Verbrechen vor.48

Auf das Problem einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ohne den Stimmen und Ansprüchen seiner Opfer Raum zu gewähren, wurde bereits früh nach der Shoah von Hannah Arendt hingewiesen. Arendt kritisierte in einem Briefwechsel aus dem Jahr 1946 ihren Mentor Karl Jaspers und dessen Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen, in denen, kurz gesagt, Juden nicht vorkamen. Jaspers hatte in seiner Eröffnungsvorlesung der Heidelberger Universität nach dem Krieg über die verschiedenen Dimensionen von Schuld gesprochen. Der Text wurden später unter dem Titel „Die Schuldfrage“49 publiziert.

Arendt hatte in einer ausführlichen Kritik der Analyse von Jaspers zwar zugestimmt, aber hinzugefügt, es fehle noch etwas. Ein Übernehmen der Verantwortung müsse in mehr bestehen, als in dem Akzeptieren der Niederlage und den damit verbundenen Konsequenzen. Ein solches Übernehmen der Verantwortlichkeit, das ja eine Vorbedingung für die Weiterexistenz des Volkes (nicht der Nation) sei, müsse mit einer „positiven politischen Willenserklärung an die Adresse der Opfer“ verbunden sein, hatte sie formuliert. Das solle natürlich nicht heißen, dass man versuche gutzumachen, wo nichts mehr gutzumachen sei; wohl aber dass man z. B. den ´displaced persons` sage: „Wir verstehen sehr gut, dass ihr raus und nach Palästina wollt; abgesehen davon aber, sollt ihr wissen, dass ihr hier alle Rechte habt, dass ihr auf unsere volle Hilfe zählen könnt, dass wir in einer künftigen deutschen Republik unsere Abkehr vom Antisemitismus in Erinnerung dessen, was durch Deutsche dem jüdischen Volk geschehen ist, konstitutionell festlegen werden, etwa so, dass jeder Jude, gleich wo er geboren ist, jederzeit, wenn er will, und allein auf Grund seiner jüdischen Nationalität gleichberechtigter Bürger dieser Republik werden könne, ohne darum aufzuhören zu müssen, ein Jude zu sein.“50

Hannah Arendt klagte gegenüber Jaspers ein, dass er sich in seinem Buch über die verschiedenen Dimensionen der Schuld nicht damit beschäftige, was denn die Opfer des Nationalsozialismus nach dem Ende des Krieges und der Shoah besonders bedürften. Eben diese Einwände, die Arendt gegenüber Jaspers erhob, lassen sich gegenüber den Darstellungen von Wehler, Winkler und Herbert machen. In ihren Darstellungen sind Teile der Geschichte der Auseinandersetzung beider deutscher Staaten mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zwar vorhanden, das Schicksal der vielen Gruppen der Ermordeten und der Überlenden und ihre Situation nach der Shoah bleiben ausgespart.

Dieses Verschwinden der Opfer deutscher Politik aus der Darstellung oder ihre Reduktion auf eine Opferrolle gilt bei den drei Autoren sowohl für die Beschreibung des Kaiserreichs als auch für alle weiteren Perioden der deutschen Geschichte. Die Geschichten und Erfahrungen der Juden in Deutschland, aber auch der Polen, Russen, Franzosen und vieler anderer Menschen aus anderen Gesellschaften und von anderen Kontinenten in Deutschland wird hier nicht erzählt.51

6. Inge Deutschkron: „Israel und die Deutschen“

Weil in den Büchern der drei vorgestellten Historiker die Darstellung der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in beiden deutschen Staaten weitgehend ohne Rekurs auf die Opfer und ihre Geschichten erzählt wird, übersahen die drei Historiker eine Arbeit, die längst den Schock Israels in den 70er Jahren, die neue Nahostpolitik der sozial-liberalen Bundesregierungen, die Unterstützung der arabischen Länder durch die DDR und vieles mehr in aller Breite und mit vielen Details analysiert hatte. Es ist das Buch der Journalistin und Holocaust-Überlebenden Inge Deutschkron mit dem Titel „Israel und die Deutschen“, das mittlerweile in drei jeweils neu überarbeiteten Auflagen vorliegt.52

Die bislang letzte Auflage erschien im Jahr 1991, zu einem Zeitpunkt, als die drei vorgestellten Historiker mit der Erarbeitung ihrer Darstellungen zur Geschichte Deutschlands gerade erst begonnen hatten. Mit einem klarem Blick für die Entwicklung der beiden deutschen Staaten nach dem Nationalsozialismus, die Entstehung und Entwicklung Israels sowie die Entfaltung der Beziehungen und Konflikte zwischen ihnen, liefert sie auch einen guten Überblick über die verschiedenen Fortschritte und Rückschläge in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Ihre Darstellung macht sehr deutlich, dass es eine geradlinige Entwicklung zu einem immer breiter in der Gesellschaft verankerten Lernprozess, der Anerkennung der Verbrechen, der Entschädigung der Opfer, des Versuchs der Versöhnung mit den Opfern und der wahrhaftigen Rede über den Nationalsozialismus, den Rassismus und Antisemitismus in beiden deutschen Gesellschaften nicht gibt.

Im Gegenteil bis heute haben die Versuche bereits erreichte Fortschritte in diesem Entwicklungsprozess zurückzunehmen und umzukehren, nicht aufgehört. Diese Versuche kamen und kommen vor allem aus zwei politischen Lagern. Beide kooperierten in den 70er Jahren mit verschiedenen Fraktionen palästinensischer Terroristen. Sowohl aus dem linken politischen Lager in Deutschland hat sich eine breite Strömung entwickelt, die Israel vernichten wollte, als auch aus dem rechten politischen Spektrum.  

6.1. Schuldabwehrantisemitismus

Die Entwicklung hin zu einer expliziten Feindschaft gegenüber Israel aus dem linken politischen Spektrum hätte von den drei Historikern rezipiert werden können, wenn sie zusätzlich zur ausgezeichneten Arbeit Deutschkrons ein Buch zur Hand genommen hätten, das in seiner ersten Auflage ebenfalls bereits vorlag, als sie mit ihren Arbeiten erst begannen. Es ist die Arbeit von Martin Kloke mit dem Titel „Israel und die deutsche Linke“, in der minutiös die Entstehung einer antizionistischen deutschen Linken aus dem Zerfall des Studentenverbandes SDS nachgezeichnet wird.53

Historischer Dreh- und Angelpunkt dieser Entwicklung ist der 6-Tage-Krieg 1967. Nach dessen Ende hat der SDS im September eine Resolution als weitere Arbeitsgrundlage verabschiedet, mit der er seine bis zu diesem Zeitpunkt pro-israelische Politik über den Haufen warf.54 Nach dem Zerfall des SDS am Ende der 60er Jahren wird eben dieser Antizionismus von den kommunistischen Folgesekten des SDS übernommen. Aus dem Umfeld des zerfallenden SDS entstanden ebenfalls die drei bewaffneten linken Terrorformationen, deren Geschichte und Entwicklung bereits in unterschiedlichen Darstellungen vorgestellt und analysiert wurde.55

Der psychologische Dreh- und Angelpunkt für diese Richtung ist eine Erscheinung, die heute  häufig „linker Antisemitismus“ genannt wird. Ich bevorzuge den Begriff eines „Schuldabwehrantisemitismus“, wie er von Mitarbeitern des Frankfurter Instituts der Sozialforschung bereits in den 50er Jahren entwickelt wurde.56 Viele der Aktivisten linker deutscher Gruppen der 70er Jahre artikulierten eine Schuldabwehr, die im Kern dieselben Floskeln enthielt wie der antizionistische Jargon vieler Araber.57 Israels Politik wurde mit der Deutschlands unter Hitler gleichgesetzt, um die Vernichtung Israels rechtfertigen zu können.

6.2. Rassismus und Antisemitismus

Das andere politische Lager, aus dem Gruppen entstanden, die Antisemitismus wider belebten und zum Krieg gegen Israel beitrugen auf eine Vernichtung Israels hinarbeiteten, ist das traditionell politisch rechte. Mit dem Verbot der NSDAP durch die Alliierten und dem Verbot der Sozialistischen Reichspartei zu Beginn der 50er Jahre, waren nationalsozialistische Strukturen und Hilfsorganisationen für ihre ehemaligen Kader in der Bundesrepublik und in der DDR nicht verschwunden.58

Im Umfeld der überwinternden nationalsozialistischen Strukturen hatte es immer auch terroristische Aktivitäten und Netze gegeben, die jedoch bis heute in ihrer Entwicklung noch nicht wirklich umfassend beschrieben worden sind.59 Zu Beginn der 70er Jahre entstanden aus dem Umfeld der NPD auch rechtsterroristische Strukturen, die, ganz wie RAF, Revolutionäre Zellen und Bewegung 2. Juni, mit bewaffneten Palästinenserformationen kooperierten. Verschiedene ihrer Aktivisten haben ihre terroristischen Aktivitäten inzwischen öffentlich gemacht.60

Einer dieser damaligen Neo-Nazis, Willi Voss, heute ein Autor von Kriminalromanen, beschrieb in seinen Erinnerungen, wie ihm Abu Ijad – Chef der Sicherheitsdienste in der PLO und damit einer der wesentlichen Organisatoren des palästinensischen Terrors in Westeuropa – im Jahr 1972 erläuterte, was er sich von einer Zusammenarbeit mit Unterstützern aus der Bundesrepublik erwarte. „Er vertrat“, so notierte Voss, „die Meinung, daß es zu denken geben müßte, daß das zionistische Israel nach zwei schweren Kriegen nach der Staatsgründung nach wie vor in der Lage sei, den zermürbenden ´Abnutzungskrieg` der Ägypter, den er wenig effektvoll fand, zu überstehen, wobei (…) der Guerillakrieg der palästinensischen Kommandos große Kräfte neutralisierte, die der nationalen Wirtschaft fehlten. Die Ursache für die Widerstands- und Durchhaltekraft sah er einzig und alleine in der ´Moral` der Israelis, die allerdings hochgehalten werde durch mehr oder weniger offen gegebene Garantien der westlichen Staaten, besonders der USA und der Bundesrepublik Deutschland. Die Moral der Israelis sei nach wie vor intakt, weil die Verbindungswege zu den Nachschublieferanren der westlichen Welt intakt seien. Gelänge es - einerseits - diese Nachschublinien zu stören, andererseits die öffentliche Meinung in der westlichen Welt zu ´objektivieren´, was soviel hieß wie ´der Problematik anzunähren`, dann wäre der Sturz des Zionismus bzw. die Erfüllung der palästinensischen Forderung nach einem eigenen Staat nur noch eine Frage der Zeit.“61

Psychologisch ist für dieses rechte Lager deutscher Israelfeinde in den 60er Jahren der Dreh- und Angelpunkt nicht schwer zu erkennen. Sie setzen einfach den Antisemitismus und den Hass ihrer Vorfahren fort.

6.3. Antizionismus

Neben diesen beiden größeren politischen Lagern, aus denen heraus sich in den 70er terroristische Strukturen entwickelten, die sich aus der Bundesrepublik heraus am Krieg gegen Israel beteiligten, gab es einen dritten Zusammenhang, der jedoch bislang nicht wirklich gut beschrieben ist. Martin Kloke, Jeffrey Herf und Wolfgang Kraushaar haben in ihren Publikationen auf diesen Zusammenhang hingewiesen.62

Seit dem Ende der 60er Jahre spielten bei der Organisierung politischen Terrors Vertreter der Fatah in der Bundesrepublik Deutschland eine wichtige Rolle. Zum ersten Mal wurde dies öffentlich bemerkt, als der Botschafter Israels, Asher Ben Natan, im Sommer 1969 zu einer Vortragsreise in der Bundesrepublik Deutschland aufbrach. Er hielt Vorträge in Frankfurt, Hamburg, West-Berlin, Nürnberg, Köln und München. Bei einigen dieser Vorträge kam Asher Ben Nathan gar nicht zu Wort.

Während fast aller dieser Vorträge wurde der Botschafter von Studenten empfangen, die Parolen skandieren wie z. B. „Zionismus ist Faschismus“. Bei manchen dieser Vortragsveranstaltungen versuchen sich Vertreter des SDS und arabischer Gruppen auch mit körperlicher Gewalt durchzusetzen. Eine wichtige Rolle übernahm dabei schon damals der Vertreter der PLO in der Bundesrepublik, Abdallah Frangi. In seinen Erinnerungen lässt er keinen Zweifel daran, dass er eine militärische Ausbildung hatte und nach dem 6-Tage-Krieg selbst an Einsätzen der Fatah in Jordanien und im West-Jordanland beteiligt war. Für die Bundesrepublik Deutschland weist er jedoch jede Verwicklung in terroristische Aktivitäten zurück.63

Mit der Ausweisung verschiedener Vertreter der Fatah im Gefolge des Anschlags auf die israelische Olympiamannschaft in München 1972 wurden diese Strukturen in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Da aber die DDR die Ausgewiesenen aufnahm und Franghi seit 1974 wieder in der Bundesrepublik agierte, war die Aktionsfähigkeit dieser palästinensischen Strukturen in der Bundesrepublik wohl einflussreicher als bis heute erforscht ist.

Psychologischer Dreh- und Angelpunkt ihrer Politik, war ganz die der PLO im Nahen Osten selbst. Sie suchten Israel und Israelis zu demütigen, in dem sie die Politik Israels mit der der deutschen Nazis gleichsetzten, der viele Israelis nur knapp zuvor entronnen waren. Dies war für sie die einzige Möglichkeit, ihre Absicht Israel zu vernichten, zu legitimieren. Sie wiesen es, wie die linken Judenhasser, weit von sich, damit in die Fußstapfen von Antisemiten zu treten. Sie argumentierten antizionistisch und nicht antisemitisch.64 Die Vernichtungsdrohung gegenüber Israel aber nahmen und nehmen sie bis heute nicht zurück.


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7. Bundesrepublik Deutschland: „…besonders betroffen“?

Die Zeitgeschichtsschreibung hat, ähnlich dem Journalismus, die Aufgabe, den Bürgern demokratischer Gesellschaften die gemeisterten und nicht gemeisterten Gefahren ihrer Gesellschaften vor Augen zu führen. Ihre Werke bilden eine der Grundlagen, von denen aus Leser ihre Urteilsfähigkeit schärfen und Politiker Entscheidungen treffen. Die deutsche Zeitgeschichtsschreibung kommt dem, wie an den Werken drei vorgestellten Autoren demonstriert wurde, nur ungenügend nach.

Die deutsche Zeitgeschichtsschreibung vernachlässigte die Konflikte der beiden deutschen Staaten mit Israel und die Zusammenarbeit linker und rechter deutscher Terroristen mit bewaffneten Formationen der Palästinenser nicht einfach nur deshalb, weil sie den anti-modernen politischen Bewegungen in der deutschen Gesellschaft nicht so energisch nachging, wie dies nötig wäre und weil sie die Geschichte der vielen verschiedenen Opfergruppen des Nationalsozialismus vernachlässigte. Sie tat darüber hinaus auch etwas, was als Reproduktion zeitgenössischer Fehlurteile angesehen werden kann. Die Historiker reproduzieren mit ihren Darstellungen ein verkürztes Verständnis des Terrorismus, das von Politikern der Ära Brandt/Schmidt selbst vorgetragen wurde.

Der deutsche Links- wie Rechtsterrorismus wurde unter den Regierungen Brandt und Schmidt wesentlich als eine Bedrohung der Bundesrepublik und ihrer Repräsentanten angesehen. Es ginge diesem Terror, so die damalige Beurteilung, vor allem darum, das Ansehen der Bundesrepublik, ihre Fortschritte bei der Entwicklung hin zu einer Stütze des demokratischen Westens in Frage zu stellen. Dass dieser Terror zuerst den USA und Israel galt und sie auch traf, und dass er erst und lediglich in zweiter Linie der Bundesrepublik Deutschland und ihren Repräsentanten galt, insofern nämlich, als sie Verbündete der USA und Israels waren, das wurde damals nicht recht wahrgenommen.

7.1. Auswärtiges Amt


Als einer der wichtigen Hinweise für diesen Zustand der deutschen Politik in der Ära Brandt und Schmidt, sei hier aus einem Dokument des Auswärtigen Amtes zitieren. Es handelt sich um die Analyse eines Ministerialdirigenten vom 14. September 1976, die, leicht zugänglich, im Jahresband der Akten des Auswärtigen Amtes von 1976 publiziert wurde.65 Der Ministerialdirigent schrieb damals, nur wenige Wochen nach der Entführung eines Flugzeuges der Air France nach Entebbe in Uganda, eine Lageanalyse.
„Die Bundesrepublik“, so formuliert er, „wird außenpolitisch und innenpolitisch durch den Terrorismus besonders betroffen. Deutsche sind quantitativ überproportional als Täter im internationalen Terrorismus vertreten, und sie zeichnen sich durch besondere Gefährlichkeit aus. Diese Tatsache weckt historische Assoziationen. Sie berührt kaum verheilte Wunden und stört dadurch unsere Aussöhnungspolitik.“

Der Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes fährt dann fort, die Beteiligung deutscher Terroristen bringe die Bundesrepublik „bei den Folgen (z. B. Auslieferungsersuchen) in akute Interessenkonflikte mit Dritten, z. B. mit befreundeten Regierungen und Völkern. Diese Konflikte“ würden „durch gegenseitiges Hochschaukeln der Massenmedien oft weiter verschärft, ja bis zur Eskalation auch der Regierungsmaßnahmen getrieben (…). Die Linke“ vermöge es „aufgrund ihres disziplinierten Vorgehens eine Welle des Unwillens gegen alle Antiterrorismusmaßnahmen der Bundesregierung zu erzeugen. Die historischen Reminiszenzen“ sorgten für ein „breites Mitläufertum.“

Diese „Maßnahmen der Bundesregierung“ würden „von interessierter Seite als ´Repression` ausgelegt. Dabei“ komme „dieser Propaganda der optische, auch im Bild festzuhaltende Eindruck entgegen: Handgemenge bei Demonstrationen, Schutzposten vor Ministerien, ´Polizei-Panzer` zum Schutz ausländischer Botschaften, erschwerter Zugang zu (…) Botschaften im Ausland. Das Bild der ´offenen Gesellschaft`“ werde „dadurch verwischt.“

Der Staatssekretär äußert sich dann dazu, dass „alle möglichen Unberufenen“ sich besorgt über den Zustand der Demokratie äußerten. Der liberale Strafvollzug der Bundesrepublik werde diskreditiert. Die „wahrheitswidrigen“ Darstellungen führten mit dazu, dass es dem internationalen Terrorismus erleichtert werde, immer wieder neue „Überzeugungstäter“ anzuwerben. Es habe den Anschein, als ob der „Circulus vitiosus (Terrorismus – Gegenwehr des Staates – Terrorismus gegen diese Gegenwehr)“ nur schwer zu unterbrechen sei. Man brauche nicht Anhänger der Verschwörungstheorie sein, wonach dieser Terrorismus von den Staaten des Warschauer Paktes erfunden wurde, um zu verstehen, dass er den Absichten dieser Staaten diene.

Etwas vereinfacht gesagt, sah dieser am 14. September 1976 gefertigte Lagebericht das Problem des deutschen Links- wie Rechtsterrorismus und seiner Kooperation mit dem palästinensischen Krieg gegen Israel vor allem darin, dass das gute Ansehen der Bundesrepublik beschädigt wurde. Die Opfer dieses Terrors, die israelischen und arabischen Zivilisten, die Regierungsmitglieder arabischer Staaten, die an einem verhandelten Frieden mit Israel interessiert waren, die amerikanischen Soldaten und Regierungsbeamten u. a., kamen in dieser Beschreibung nicht wirklich vor.

7.2. Gideon Hausner

Diese Verkürzungen und Verkehrungen des Lageberichts aus dem Auswärtigen Amt vom 14. September 1976 lassen sich auch deshalb so klar erkennen, weil just am gleichen Tag, an dem der Lagebericht im Auswärtigen Amt fertig gestellt wurde, am 14. September 1976, Gideon Hausner, Minister ohne besonderen Geschäftsbereich in der Regierung Israels, Jurist und Ankläger im Verfahren gegen Adolf Eichmann, einen Brief an den Außenminister der Bundesrepublik, Hans Dietrich Genscher, richtete.66

Hausner sandte Genscher mit diesem Brief ein Referat, das er vor dem „International Congress of Jewish Lawyers and Jurists” am 25. August 1976 in Jerusalem vorgetragen hatte. Legt man den Brief Hausners und die Lageanalyse aus dem Auswärtigen Amt nebeneinander, dann versteht man sehr gut, worin damals die unterschiedlichen Beurteilungen des internationalen Terrorismus durch die deutsche und die israelische Regierung bestanden.

In dem Referat Hausners wird darauf hingewiesen, dass verantwortliche Wissenschaftler und politische Führer wahrnehmen müssten, dass wir in einer komplexen Welt lebten, in der Nazi-Terror und stalinistische Verbrechen neue Schüler gefunden hätten. Diese neue Welt sei eine Welt rücksichtsloser und prinzipienloser sozialer Revolutionen, drastischer Umbrüche der Kulturen sowie destruktiver politischer Konflikte, die etablierte Werte zerstöre und die Idealisierung ungezügelter Gewalt mit sich gebracht hätte. Hinterhältige Akte fänden in dieser Welt enthusiastische Verteidiger und passionierte Bewunderer.

Die Morde von Kindern in Maalot67, der Massenmord am Flughafen von Lod68 und die Ermordung israelischer Athleten während der Olympiade 1972 in München seien in vielen arabischen Ländern von den Regierungen öffentlich gelobt worden. Die terroristischen Organisationen, die an diesen Anschlägen mitwirkten, hätten sich zu einer Art Establishment entwickelt, das von arabischen Stellen finanziert, geführt und aufrecht erhalten würde. Die Drohung dieses Terrors habe sich wie ein Tumor ausgebreitet und sei methastatisch gewachsen. Nicht zum ersten Mal seinen Juden die ersten Opfer der Barbarei geworden, andere Opfer seien dann schnell gefolgt. Es gäbe reichlich Belege für die Existenz eines internationalen Terroristen Netzwerks, dessen Hauptkomponenten die P. L.O., die Baader-Meinhof-Gruppe, die Japanische Rote Armee, türkische Terrorgruppen und extrem linke Gruppen aus ganz Europa wären. Sie alle würden revolutionären Marxismus predigen und, besonders in West-Europa und Südamerika, den Versuch machen, den Alltag westlicher Demokratien zu unterminieren.

Die PLO und ihr Zweig die PFLP seien, gemeinsam mit arabischen Ländern und einigen ihrer Diplomaten, zentrale Faktoren der Planung und Finanzierung dieses Netzwerks, des Nachschubs an Waffen und der gefälschten Papiere. Manchmal träfen ihre Angriffe “imperialistische” Ziele wie z. B. Gas- und Öl-Firmen in Holland oder Singapur,  die japanische Botschaft in Kuwait, Zeitungsredaktionen in Frankreich, die Ölminister der OPEC-Staaten in Wien oder eine Fabrik in Mannheim. Natürlich vergesse man auch niemals Ziele in Israel, sie seien die Hauptziele. Heute gäbe es im Unterschied zum 19. Jahrhundert, in dem der anarchistische Terrorismus fast überall verachtet worden sei, eine ganz andere Situation. Heute gäbe es auch Unterstützer des Terrors, die im Sicherheitsrat der UNO Platz und Stimme hätten.69

Anders als der Lagebericht des Auswärtigen Amtes benannte dieses Referat Gideon Hausners die Opfer des internationalen Terrornetzes klar und präzise. Auch unterschlug er die politischen Absichten dieses Netzwerkes nicht. Die Kooperation der Palästinenser mit rechten wie linken Terrorformationen in der ganzen Welt, zielte zu allererst auf Israel, jedoch auch weitgehender auf die westlichen Demokratien ganz allgemein. Keineswegs war die Bundesrepublik Deutschland und ihr beschädigtes Ansehen im Ausland das zentrale Ziel des internationalen Terrornetzwerks.

8. Offene Geheimnisse 

Der Schock der israelischen Gesellschaft über eine deutsche Außenpolitik, die im Fall der DDR Krieg arabischer Länder und palästinensischer Terroristen gegen Israel unterstützte und im Fall der Bundesrepublik Neutralität proklamierte und damit der einzigen Demokratie im Nahen Osten nicht den Schutz gewährte, der nötig war, kann nur als all zu verständlich gelten. Er musste noch dadurch verstärkt werden, dass in der Bundesrepublik lebende Fatah-Mitglieder sowie deutsche Links- und Rechtsterroristen sich am Krieg gegen Israel beteiligten.

Darüber hinaus begann sich in den 70er Jahren der Bundesrepublik ein antizionistisch-antisemitischer Diskurs zu etablieren, der die Verhältnisse auf den Kopf stellte. Er diskreditierte Israel als faschistisch und glorifizierte seine Feinde als aufrechte Widerstandskämpfer gegen koloniale Unterdrückung und imperiale Herrschaft. Dieser Diskurs und die Beteiligung deutscher Links- und Rechtsterroristen am Krieg gegen Israel waren möglich, weil, anders als die gegenwärtige deutsche Zeitgeschichtsschreibung erklärt, die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der deutschen Gesellschaft nicht so breit wie erhofft Wurzeln geschlagen hatte.

Antisemitismus und Rassismus hatten, wenn auch teilweise in verwandelter Form, in den 70er Jahren in Deutschland immer noch oder vielleicht besser gesagt schon wieder gehörigen Einfluss. Dies war bereits damals ein „offenes Geheimnis“. Nicht alle Details dieser Entwicklung sind bereits gut erforscht. Das angehäufte Wissen aber reicht aus, um klar zu konstatieren, dass die Erinnerung in Israel diesen Entwicklungen in den 70er Jahren gerechter wird, als die Erinnerung daran in der Bundesrepublik Deutschland.70

Die historische Forschung und die politische Wissenschaft dürfen und können diesen Charakter der deutschen Gesellschaft, die damals wie heute immer noch um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die Bestrafung der Täter, die Entschädigung der Opfer, die Fortexistenz von Rassismus und Antisemitismus streitet, nicht negieren. Bei aller gebotenen Objektivität und Ausgewogenheit stehen auch Historiker in der Verpflichtung, Verhältnissen, Politiken und Auffassungen zu widerstehen und sich zu widersetzen, die Völkermord, Rückfall in vordemokratische Zeiten und Abschaffung rationalen Denkens bedeuten.

Die von vielen Lücken begleitete Zeitgeschichtsschreibung der Bundesrepublik Deutschland, die hier an drei Beispielen nachvollzogen wurde, verlängert mit ihren Darstellungen das nur mangelhafte Verständnis der Bedeutung des internationalen Terrorismus in den 70er Jahren. Dieses mangelhafte Verständnis war eine der Ursachen für einen Fehler westdeutscher Außenpolitik in den 70er Jahren. Israel erhielt, anders als es damals nötig gewesen wäre, von der Bundesrepublik Deutschland nicht die Unterstützung, die es hätte erhalten sollen. Dies gilt nicht nur deshalb, weil zwischen beiden Staaten „besondere Beziehungen“ existieren, sondern auch deshalb, weil demokratische Gesellschaften, immer dann wenn eine von ihnen besonders herausgefordert wird, sich gemeinsam verteidigen müssen. Die Herausforderung durch den internationalen Terrorismus, der mit „Entebbe“ und „Mogadischu“ sich öffentlich und international inszenierte, war so ein Fall.

Die gegenwärtige Bundesrepublik ist mit den 70er Jahren nicht zu vergleichen. Die Kanzlerin der vereinigten Bundesrepublik Angela Merkel, hat am 18. März 2008 vor dem israelischen Parlament erklärt, dass nicht Neutralität die Richtschnur der Außenpolitik Deutschlands im Nahen Osten sei, sondern die Sicherheit Israels.

Einen linken Terrorismus gibt es zurzeit nicht, wohl aber immer noch einen in Teilen der Gesellschaft unterstützten antisemitisch-antizionistischen Diskurs. Was viel stärker sichtbar wird als in den 70er Jahren ist ein breit unterstützter Rechtspopulismus der auch terroristische Arme hat. Sie werden von Polizei und Politik in der Bundesrepublik so zwar nicht so genannt, können aber jedem aufmerksamen Zeitungsleser nicht entgehen. Sie bilden das „offene Geheimnis“ der gegenwärtigen Lage in der Bundesrepublik. Mehr als 1800 Anschläge auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte allein in diesem Jahr und Wahlergebnisse von bis zu 24 Prozent für die rechtspopulistische AfD in manchen Bundesländern sprechen eine klare Sprache.      

Wie bedeutsam und verbreitet die Gefahr terroristischer Strukturen ist, die sich in der Bundesrepublik auf den politischen Islam beziehen und wie groß ihr Einfluss unter Einwanderern und Flüchtlingen ist, die aus arabischen Ländern in die Bundesrepublik kommen oder schon längst gekommen sind, ist heiß umstritten. Umstritten deshalb, weil manche Warnung vor den Gefahren des Islamismus und terroristischer Netzwerke, die sich auf den politischen Islam berufen, Teil einer selbst rassistischen Propaganda gegen Muslime in Europa geworden sind.

Zu beschönigen freilich gibt es nichts. Die Anschläge von Paris, Brüssel, Würzburg und Nizza sprechen eine deutliche Sprache. Die Bedrohung Israels und der demokratischen Welt durch den Islamimus und islamistischen Terror ist immens. ISIS, der Staat Iran, Hizbollah und Hamas, lassen keinen Zweifel daran, dass ihr Ziel die Zerstörung Israels und der Demokratien des Westens ist. Die Bundesregierung sollte den Fehler der sozialdemokratischen Bundeskanzler in den 70er Jahren nicht wiederholen, die den Terror vor allem gegen die Bundesrepublik gerichtet sahen. Die islamistischen Anschläge in Europa und anderswo sind lediglich die Begleitmusik von Kriegen, den islamistische Terroristen in vielen Teilen dieser Welt führen.



ANMERKUNGEN



1 Vgl.: Jürgen Habermas: Staatsbürgerschaft und nationale Identität, in: (ders.): Faktizität und Geltung, Frankfurt: Suhrkamp Verlag 1992.
2 Vgl.: Jeffrey Herf, Undeclared Wars with Israel, Cambridge: Cambridge University Press  2016, S. 338ff.
3 Zitiert nach: Kommuniqué Kofr Kaddum, Frankfurter Rundschau vom 15. Oktober 1977.
4 Vgl. zu den verschiedenen Motiven des international vernetzten Terrorismus in den 70er Jahren und danach noch immer wegweisend: Walter Laqueur, Krieg gegen den Westen, Berlin: Ullstein Verlag 2004.
5 Vgl. dazu besonders: Jeffrey Herf, Undeclared Wars with Israel, Cambridge: Cambridge University Press 2016.
6 Zitiert nach:  Jenny Hestermann, Inszenierte Versöhnung, Frankfurt: Campus Verlag 2016, S. 266.
7 Vgl. Inge Deutschkrons bahnbrechendes Buch: Inge Deutschkron, Israel und die Deutschen, Köln: Verlag Wissenschaft und Politik 1991 (3. überarbeitete Auflage).
8 Die Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron kehrte erst in den 80er Jahren wieder nach Berlin zurück. Siehe: Inge Deutschkron, Eintrag in FemBio (Frauen Biografie Forschung) (http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/inge-deutschkron/ - abgerufen am 4. November 2016)
9 Vgl.: Araber feiern Entführung als Sieg, Frankfurter Rundschau vom 31. Oktober 1972.
10 Die aus dem Zerfall des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes sich herausbildenden, vor allem maoistischen Organisationen, orientierten sich alle am Antizionismus. Siehe dazu: Martin Kloke, Israel und die deutsche Linke, Frankfurt: Haag und und Herchen Verlag 1990 (2. Auflage 1994); Jens Benicke, Von Adorno zu Mao, Freiburg: Ca Ira Verlag 2010; Wolfgang Kraushaar, “Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?”, Reinbek: Rowohlt Verlag 2013.
11 Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1700 – 1990, 5 Bände. München: C. H. Beck Verlag, 1987 – 2008.
12 Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München: C. H. Beck Verlag, 2014.
13 Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen (2. Bände), München: C. H. Beck Verlag 2000. Siehe auch: Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens, 4 Bände, München: C. H. Beck Verlag 2009 – 2015.
14 Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1700 – 1990, 5 Bände, München: C. H. Beck Verlag 1987 – 2008, Band 5, S. 316ff.
15 Siehe hierzu: Bernhard Rabert, Links- und Rechts-Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute, Bonn: Bernard & Graefe Verlag 1995. Siehe auch: Anton Maegerle, Heribert Schiedel, Krude Allianz, Das arabisch-islamistische Bündnis mit deutschen und österreichischen Rechtsextremisten, Wien: Manuskript 2001 (http://www.doew.at/cms/download/b3cc7/re_maegerle_schiedel_allianz.pdf – abgerufen am 2. Dezember 2016). Vgl. auch: Samuel Salzborn, Die Stasi und der westdeutsche Rechtsterrorismus. Drei Fallstudien (Teil I). In: Deutschland Archiv, 15.4.2016 (Link: www.bpb.de/224836); ders., Die Stasi und der westdeutsche Rechtsterrorismus. Drei Fallstudien (Teil II). In: Deutschland Archiv, 19.4.2016 (Link: www.bpb.de/224934).
16 Vgl.: Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1700 – 1990, 5 Bände, München: C. H. Beck Verlag 1987 – 2008, Band 5, S. 297f.
17 Zitiert nach: Ebenda., S. 320.
18 Siehe hierzu: Ebenda., S. 349/50.
19 Vgl. dazu: Jeffrey Herf, Undeclared Wars with Israel, Cambridge: Cambridge University Press 2016. 
20 Siehe: Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1700 – 1990, 5 Bände, München: Beck-Verlag 1987 – 2008, Band 5, S. 29ff.
21 Siehe hierzu: Ebenda., S. 253ff.
22 Vgl.: Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen (2. Bände), München: C. H. Beck Verlag 2000.
23 Vgl.: Ebenda., Band 2, S. 344ff.
24 Vgl.: Ebenda., S. 345. In der wesentlich jüngeren Darstellung Winklers, der vierbändigen Geschichte des Westens, wird der Terrorismus im Kontext von „Entebbe“ und „Mogadischu“ wesentlich ausführlicher erwähnt (Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens, Band 3, Vom Kalten Krieg zum Mauerfall, München: C. H. Beck Verlag 2014, S. 750ff.) Aber auch hier wird eine systematische Kooperation palästinensischer und deutscher Links- wie Rechtsterroristen entweder gar nicht erwähnt, oder nur am Rande.
25 Zitiert nach: Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen, Band 2, München: C. H. Beck Verlag 2000, S. 348. In Winklers Geschichte des Westens, nutzt der Autor wortwörtlich dieselbe Formulierung (Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens, Band 3, Vom Kalten Krieg zum Mauerfall, München: C. H. Beck Verlag 2014, S. 755.).
26 Siehe hierzu: Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen, Band 2, München: C. H. Beck Verlag 2000, S. 116ff.  In der bereits erwähnten Geschichte des Westens von Winkler wird die Entwicklung einer antiisraelischen Politik der DDR knapp erwähnt (Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens, Band 3, Vom Kalten Krieg zum Mauerfall, München: C. H. Beck Verlag 2014, S. 163ff.), die massive antiisraelische Politik der DDR im Gefolge des 6-Tage-Krieges jedoch gar nicht (Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens, Band 3, Vom Kalten Krieg zum Mauerfall, München: C. H. Beck Verlag 2014, S. 600ff.)
27 Siehe: Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen, Band 2, München: C. H. Beck Verlag 2000, S. 524. In der wesentlich umfangreicheren „Geschichte des Westens“ von Winkler, wird die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland gegenüber Israel ab und zu gestreift, ein eigenes Kapitel dazu gibt es nicht. Die Darstellung der Geschichte Israels und seiner Politik in Winklers „Geschichte des Westens“ wäre eine ganz eigene Auseinandersetzung wert, die hier nicht geleistet werden kann. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass es zu Israels Politik und Geschichte in dem vierbändigen Werk kein eigenes Kapitel gibt. Die Bundesrepublik, die USA, Frankreich, Großbritannien u. a. sind mit eigenen Darstellungen vertreten, Israel nicht. Dort wo Israel vorkommt, ist die Darstellung höchst problematisch. Das beginnt bereits mit der Erwähnung der Gründung Israels und des Unabhängigkeitskrieges im Jahr 1948. Dort formuliert Winkler unter ausdrücklich positivem Bezug auf den umstrittenen Historiker Ilan Pappe, von „planmäßig durchgeführten ´ethnischen Säuberungen`“. (Zitiert nach: Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens, Band 3, München: C. H. Beck Verlag 2014, S. 87.)
28 Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München: C. H. Beck Verlag 2014.
29 Vgl.: Ebenda., S. 923ff.
30 Zitiert nach: Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München: C. H. Beck Verlag 2014, S. 923.
31 Zitiert nach: Ebenda., S. 929. Die letzte Anmerkung Herberts ist nicht ganz richtig. Während der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa Maschine herrschte ein „nicht erklärter Ausnahmezustand“ (Wolfgang Kraushaar, Der nicht erklärte Ausnahmezustand, in: ders. (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg: Hamburger Edition 2006, Band 2, S. 1011ff.) wie Wolfgang Kraushaar genannt hat, in dem ein in der Verfassung nicht vorgesehener großer und kleiner Krisenstab weitgehend ohne parlamentarische Kontrolle agierten, faktisch eine Pressezensur eingeführt hatten und die Rechte der politischen Häftlinge auf Verteidiger- und andere Besuche durch ein sogenanntes „Kontaktsperregesetz“ ausgesetzt wurden.
32 Siehe hierzu: Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München: Beck Velag 2014, S. 708/709.
33 Siehe dazu: Meir Litvak, Esther Webman, From Empathy to Denial. Arab Responses to the Holocaust, London: Hurst & Company, 2009.
34 Diese Äußerungen Nassers sind nur eines von vielen verschiedenen Beispielen. Siehe dazu die Darstellung von Inge Deutschkron (Israel und die Deutschen, Köln: Verlag Wissenschaft und Politik 1991) und die Publikation von Meir Litvak und Esther Webman (From Empathy to Denial, London: Hurst & Company 2009).
35 Zitiert nach: „Sie können sich doch nicht ewig erpressen lassen“, Der Spiegel vom 24. Februar 1965, S. 36.
36 Zitiert nach: Gerhard Frey, „Krieg mit Israel unvermeidbar“, Deutsche National-Zeitung und Soldaten-Zeitung vom 1. Mai 1964, S. 3, wiedergegeben in: Gilbert Achcar, Die Araber und der Holocaust, Hamburg: Nautilus 2012, S. 207.
37 Zitiert nach: Ebenda.
38 Siehe besonders:  Jeffrey Herf, Undeclared Wars with Israel, Cambridge: Cambridge University Press 2016, S. 119ff.
39 Siehe: Inge Deutschkron, Israel und die Deutschen, Köln: Verlag Wissenschaft und Politik 1991, S. 64.
40 Siehe: Ebenda.
41 Vgl.: Jeffrey Herf, Reactionary Modernism, Cambridge: Cambridge University Press 1984. Siehe auch: Jeffrey Herf (Ed.), Anti-Semitism and Anti-Zionism in Historical Perspective, London: Routledge 2007.
42 Siehe dazu: Samuel Salzborn, Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne, Frankfurt: Campus Verlag, 2010, insbesondere S. 317ff.
43 Siehe die erste Ausgabe des Buches: Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, hektographiertes Manuskript 1944 (aus Anlass des 50. Geburtstags von Friedrich Pollock). Plädoyers für eine Geschichtsschreibung und politische Wissenschaft, die die antimodernen Bewegungen wie Rassismus, Antisemitismus u. a. nicht nur in der deutschen Gesellschaft weiter in das Zentrum historischer und politischer Analysen stellen sollten, finden sich bei: Richard Herzinger, Hannes Stein, Endzeit-Propheten – oder: Die Offensive der Antiwestler, Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1995. Jeffrey Herf (Ed.), Anti-Semitism and Anti-Zionism in Historical Perspective, London: Routledge 2007. Siehe auch: Samuel Salzborn, Kampf der Ideen, Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015.
44 Es ist an dieser Stelle ausdrücklich Anetta Kahane, der Gründerin und Vorsitzenden der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin, zuzustimmen, die bei der Vorstellung einer Ausstellung Rassismus, Antizionismus und Antisemitismus in beiden deutschen Staaten nah 1945 erklärte, dass zwar über sehr viele Themen der Nachkriegsgeschichte, bis hin zur Entwicklung von Kuckucksuhren und Weihnachtsbäumen, Darstellungen vorlägen, aber nur wenige Darstellungen zur Präsenz von Antisemitismus, Rechtsextremismus und Rassismus in beiden deutschen Gesellschaften nach der Shoah. Insbesondere gilt das für die kommunistische DDR. (Siehe: Martin Jander, Heilsames Gegengift gegen leichtfertigen Aufarbeitungsstolz, haGalil vom 20. August 2012. (http://www.hagalil.com/2012/08/germany-after-1945))
45 Vgl.: Heinrich August Winkler, Auf ewig in Hitlers Schatten? Zum Streit um das Geschichtsbild der Deutschen,  Frankfurter Rundschau vom 14. November 1986. Hans Ulrich Wehler, Entsorgung der deutschen Vergangenheit?, München: C. H. Beck Verlag 1988. Ulrich Herbert, Der Historikerstreit. Politische, wissenschaftliche, biographische Aspekte, in: Martin Sabrow u. a. (Hrsg.), Zeitgeschichte als Streitgeschichte, München: C. H. Beck Verlag 2003, S. 94ff.
46 Siehe: Ernst Nolte, Vergangenheit, die nicht vergehen will, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. Juni 1986.
47 Zitiert nach: Heinrich August Winkler, Hellas statt Holocaust, in: Die Zeit vom 21. Juli 2011.
48 Die Auslassungen vieler deutscher Historiker im Kontext mit der Geschichte des Nationalsozialismus sind bereits Gegenstand einer großen Darstellung des Historikers Nikolaus Berg geworden: Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker, Göttingen: Wallstein Verlag 2003. Erst kürzlich ist dasselbe Phänomen einer deutschen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ohne Juden auch für die deutsche Belletristik nach 1945 behandelt worden:  Agnes C. Mueller, The Inability to Love – Jews, Gender, and America in Recent German Literature, Evanston: Northwestern University Press 2015.
49 Siehe: Karl Jaspers, Die Schuldfrage, München: Piper Verlag 2012 (1. Auflage 1946).
50 Zitiert nach: Lotte Köhler, Hans Saner (Hrsg.), Hannah Arendt, Karl Jaspers Briefwechsel 1926 – 1969, München und Zürich: Piper Verlag 1985, S. 88.
51 Die Auslassungen vieler deutscher Historiker im Kontext der Geschichte des Nationalsozialismus sind auch Gegenstand einer heftigen Kontroverse zwischen den Historikern Martin Broszat und Saul Friedländer geworden. Siehe: Martin Broszat, Saul Friedländer, Um die „Historisierung des Nationalsozialismus“ - Ein Briefwechsel, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Heft 2/1988, 36. Jahrgang, S. 339ff.
52 Inge Deutschkron, Israel und die Deutschen, Köln: Verlag Wissenschaft und Politik 1991 (1. Auflage 1970, 2. Auflage 1983).
53 Siehe: Martin Kloke, Israel und die deutsche Linke, Frankfurt: HAAG und HERCHEN Verlag 1990 (2. Auflage 1994).
54 Darin heißt es, dass der 6-Tage-Krieg nur vor dem Hintergrund eines antiimperialistischen Kampfes arabischer Völker gegen ihre Unterdrückung durch den Anglo-Amerikanischen Imperialismus angesehen werden könne. Die Verstaatlichung der Ölreserven des Nahen Ostens sei notwendig, damit dort Israelis und Araber nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden könnten. Die besonderen Bedingungen der Entstehung Israels nach dem II. Weltkrieg als „zionistischer Siedlerstaat“, hätten unausweichlich zur Isolierung der Arbeiter aus den anderen arabischen Ländern geführt. Die Gewerkschaft Histradut wird in der Resolution als ein Teil des Projekts einer „zionistischen Kolonisation Palestinas“ genannt, das die Ausweisung und Unterdrückung der arabischen Bevölkerung durch privilegierte Siedler zur Folge habe. Israel könne nur auf der Basis einer ökonomischen Abhängigkeit besonders vom amerikanischen Imperialismus existieren. (Siehe dazu: Jeffrey Herf, Undeclared Wars with Israel, Cambridge: Cambridge University Press 2016, S. 83.)
55 Siehe: Bundesminister des Inneren (Hrsg.), Analysen zum Terrorismus, 4 Bde, Opladen: Westdeutscher Verlag 1981 ff; Heinrich Hannover u. a. (Hrsg.), Terroristen und Richter, 3 Bde, Hamburg: VSA-Verlag 1991; Butz Peters, Tödlicher Irrtum, Berlin: Argon Verlag 2004; Stefan Aust, Der Baader Meinhof Komplex, Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag 2005; Wolfgang Kraushaar, Die RAF und der linke Terrorismus, 2 Bde, Hamburg: Hamburger Edition 2007; Willi Winkler, Die RAF, Berlin: Rowohlt Berlin Verlag 2007; Klaus Pflieger, Die Rote Armee Fraktion, Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2007.  
56 Siehe: Friedrick Pollock, Gruppenexperiment, Frankfurt: Europäische Verelagsanstalt 1955. Siehe dazu auch: Lars Rensmann, Kritische Theorie über den Antisemitismus. Studien zu Struktur, Erklärungspotential und Aktualität, Berlin: Argument Verlag 1998.
57 Siehe dazu: Meir Litvak, Esther Webman, From Empathy to Denial. Arab Responses to the Holocaust, London: Hurst & Company, 2009.
58 Für die Bundesrepublik Deutschland liegen viele Publikationen vor, für die DDR noch nicht so viele. Siehe für die DDR zum Beispiel: Harry Waibel, Diener vieler Herren. Ehemalige NS-Funktionäre in der SBZ/DDR, Frankfurt: Peter Lang Verlag 2011.
59 Der Journalist Patrick Gensing und der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn haben auf diesen Zustand in ihren Büchern besonders klar hingewiesen. Siehe: Patrick Gensing, Terror von rechts: Die Nazi-Morde und das Versagen der Politik, Berlin: Rotbuch Verlag 2012. Samuel Salzborn, Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze, Baden-Baden: Nomos/UTB: Baden-Baden 2015.
60 Siehe zum Beispiel die Biografie von Odfried Hepp: Jury Winterberg, Jan Peter, Odfried Hepp: Neonazi, Terrorist, Aussteiger, München: Lübbe Verlag 2004.
61 Zitiert nach: E. W. Pless (Pseydonym für Willi Pohl, bzw. Willi Voss) Geblendet. Aus den authentischen Papieren eines Terroristen, Zürich: Schweizer Verlagshaus 1979, S. 48-50. – Im Sommer 1972 war Voss der deutschen Polizei aufgefallen, weil er Kontakt zu dem palästinensischen Terroristen Abu Daud hatte, der später beim Anschlag auf israelische Sportler während der Olympischen Sommerspiele 1972 in München als Drahtzieher fungierte. Sechs Wochen nach dem Attentat in München wurden Voss und ein Komplize im Haus eines ehemaligen Waffen-SS-Mannes festgenommen. In ihrem Gepäck: Kriegswaffen und Sprengstoff aus PLO-Beständen, sowie Skizzen für Terroranschläge und Geiselnahmen in Köln und Wien. Voss wurde 1974 wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz zu einer Freiheitsstrafe von 26 Monaten verurteilt, erhielt im Dezember Haftverschonung und setzte sich nach Beirut ab. Wenige Monate später baten Abu Ijad, Chef des PLO-Geheimdienstes, und Abu Daud ihren deutschen Helfer, gemeinsam mit seiner damaligen Freundin ein Auto nach Belgrad zu überführen. Was Voss nicht wusste: In einem Hohlraum waren Waffen eingeschweißt und Sprengstoff mit fertig montierten Quecksilberzündern. Als rumänische Grenzer das Schmuggelgut bei einer Kontrolle fanden, begriff Voss, dass die Palästinenser ihn notfalls geopfert hätten. Empört über diesen Verrat bot er in der US-Botschaft in Belgrad seine Dienste an. Sein neuer Arbeitgeber CIA sorgte dafür, dass die in Deutschland gegen Voss anhängigen Verfahren eingestellt wurden. Ende der siebziger Jahre kehrte Voss in die Bundesrepublik zurück und arbeitet seitdem als Krimi- und Drehbuchautor, unter anderem für die Reihe „Tatort“ und die Serie „Großstadtrevier“. (Siehe: Ein Mann, drei Leben, Der Spiegel vom 31.12.2012, 67. Jg., Nr. 1, S. 34ff)
62 Martin Kloke, Israel und die Deutsche Linke, Frankfurt: Haag und Herchen Verlag 1994; Wolfgang Kraushaar, “Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?”, Reinbek: Rowohlt Verlag 2013; Jeffrey Herf, Undeclared Wars with Israel, Cambridge: Cambridge University Press  2016. 
63 Siehe: Abdallah Franghi, Der Gesandte: Mein Leben für Palästina, München: Heyne Verlag 2011, S. 104ff.
64 Interessant ist in dieser Hinsicht einer der Organisatoren des Terrors in Europa, Abu Ijad. In seinen Memoiren (Abu Ijad, Heimat oder Tod, Düsseldorf und Wien: Econ Verlag 1979) formuliert er ausdrücklich, dass der Mufti von Jerusalem, Amin El-Husseini, ein Vorbild der Fatah gewesen sei. Ihm sei das Verdienst zuzurechnen, „Christen und Moslems im Kampf gegen den gemeinsamen Feind, den Imperialismus, zu vereinen.“ (Abu Ijad, Heimat oder Tod, Düsseldorf und Wien: Econ Verlag 1979, S. 55) Dass der Mufti von Jerusalem in diesem Kampf mit Hitler kooperierte und dass er nicht nur Krieg gegen den „Imperialismus“ führte, sondern auch die Juden aus Palästina vertreiben wollte, lässt Abu Ijad unerwähnt. Zum Zusammenhang von Nationalsozialismus und Antizionismus und der Rolle Amin El-Husseinis siehe: Jeffrey Herf, Nazi Propaganda for the Arab World, London: Yale University Press 2009. 
65 Aufzeichnung Ministerialdirigent Pfeffer, 14. September 1976, 201-530.36-2893/76 VS-vertraulich, in: Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.), Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland, 1976, Band II: 1. Juli bis 31. Dezember 1976, Dokument 285, München: R. Oldenbourg 2007, S. 1316-1319.
66 Brief von Gideon Hausner an Hans Dietrich Genscher vom 14. September 1976, 1 Blatt (Ablage in: PAAA, B 83, Band 1005, keine Paginierung); Anlage: Gideon Hausner: Suppression of Terrorim – A new approach, Address to the third International Congress of Jewish Lawyers and Jurists, 25 August 1976, Jerusalem, 10 Seiten  (Ablage in: PAAA, B 83, Band 1005, keine Paginierung).
67 Am 26. Jahrestag der Gründung Israels, am 16. Mai 1974, überfallen am frühen Morgen drei Araber ein Schulgebäude in Maalot im Norden von Israel, sie dringen vom Libanon aus in das Land ein. Die Terroristen begeben sich in das Schulgebäude von Maalot. Sie nehmen 100 Kinder, die dort nach einem Schulausflug übernachten, als Geiseln. Die Geiselnehmer fordern die Freilassung von 23 inhaftierten Mitgliedern der PLO, die in israelischen Gefängnissen sitzen. Unter ihnen befindet sich auch der japanische Terrorist Kozo Okamoto, der am blutigen Überfall der Roten Armee aus Japan auf den Flughafen Lod am 30. Mai 1972 beteiligt war. Kurz vor dem Ablauf des Ultimatums stürmen israelische Soldaten am frühen Abend das Schulhaus. Die drei Terroristen, ein israelischer Soldat und 16 Kinder kommen dabei ums Leben. Die Kinder werden von zwei der Terroristen, kurz bevor sie selbst erschossen werden, umgebracht. Die Terroristen schießen mit Maschinenpistolen auf die Kinder. 70 Menschen werden verletzt, fünf von ihnen erliegen später ihren Verletzungen.
68 Drei japanische Terroristen der Rote Armee Japan landen am 30. Mai 1972 in einem aus Rom kommenden Flugzeug auf dem Flughafen Lod von Israel. Sie entnehmen ihren Koffern Kalaschnikow-Maschinenpistolen sowie Handgranaten und schießen wahllos und ohne Vorwarnung in die Menschenmenge. Etwa 250 bis 300 Menschen halten sich zu diesem Zeitpunkt in der Ankunftshalle des Flughafens auf. Die Geschoßgarben, 133 Schüsse werden von den Terroristen abgegeben, und die geworfenen Handgranaten durchsieben und zerfetzen Menschen und Gepäckstücke, 28 Menschen werden getötet, 76 verletzt. Auch zwei der Attentäter kommen bei dem Massaker ums Leben. Der dritte Mann, Kozo Okamato, schießt das Magazin seiner Waffe leer und läuft anschließend hinaus auf das Rollfeld. Er wird von der Polizei verhaftet. Die Verantwortung für den Terroranschlag übernimmt die von Georges Habasch geführte Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP).
69 Referierende Darstellung und Übersetzung von: Gideon Hausner: Suppression of Terrorism – A new approach, Address to the third International Congress of Jewish Lawyers and Jurists, 25 August 1976, Jerusalem, 10 Seiten (PAAA, B 83, Bd. 1005), S. 2/3.
70 Wesentliche Beiträge zur Analyse des Terrorismus in den 70er Jahren im Kontext der Geschichte der beiden deutschen Staaten hat Jeffrey Herf verfasst. Seine Bücher begleiten mich jetzt bereits seit vielen Jahren. Ohne sie hätte ich diesen Vortrag nie verfasst: Jeffrey Herf, Reactionary Modernism, Cambridge: Cambridge University Press 1986; ders., War by Other Means, New York: Free Press 1991; ders., Divided Memory, Cambridge: Harvard University Press 1997; ders., The Jewish Enemy, Cambridge: Belknap Press 2006; ders. (Ed.), Anti-Semitism and Anti-Zionism in Historical Perspective, London: Routledge 2007; ders.: Nazi Propaganda for the Arab World, London: Yale University Press 2009; ders.: Undeclared Wars with Israel, Cambridge: Cambridge University Press 2016.




EDITORISCHE NOTIZ

Vortrag für die Konferenz „From Entebbe to Mogadishu: Terrorism in the 1970s and its History, Memory and Legacy". (16./17. Januar 2017, Jerusalem, Hebrew University)

Eine Tonaufnahme des in englischer Sprache vorgetragenen Textes finden Sie auf der Website der Hebrew University (http://ef.huji.ac.il/book/international-symposium-entebbe-mogadishu-terrorism-1970s-and-its-history-memory-and). Eine stark gekürzte englische Version hat das Journal fathom (http://fathomjournal.org/antisemitism-and-anti-zionism-in-west-germany-in-the-1970s-lessons-for-today/) veröffentlicht. Der fathom-Beitrag ist in deutscher Sprache auch auf der Internetplattform audiatur online (https://www.audiatur-online.ch/2017/08/25/rechte-linke-und-die-plo-der-westdeutsche-terrorismus-der-1970er-jahre/) erschienen.





Der Autor

MARTIN JANDER

... geb. 1955, Historiker und Journalist. Er unterrichtet deutsche Geschichte im europäischen Kontext im Programm der Stanford University in Berlin und, ebenfalls in Berlin, im Programm von FU-BEST.

Er hat über die Geschichte der Opposition in der DDR promoviert und forscht, gemeinsam mit Dr. Wolfgang Kraushaar, an der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur zur Geschichte der linksterroristischen Gruppen in der Bundesrepublik und ihren internationalen Verbindungen. Er schreibt für den Tagesspiegel, die Jüdische Allgemeine und für www.hagalil.com.

Ein Vortrag von Dr. Martin Jander zu seinem laufenden Forschungsprojekt auf Einladung der DIG Berlin und Potsdam handelt von der gemeinsamen Feindschaft der DDR und der westdeutschen Linken zu Israel:
http://publikative.org/2011/10/11/vereint-gegen-israel-die-ddr-und-der-westdeutsche-linksterrorismus.


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