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ONLINE-EXTRA Nr. 103

November 2009

Vor zehn Jahren, am 7. Mai 1999, starb in Jerusalem im Alter von 85 Jahren einer der bedeutendsten jüdischen Pioniere des Gesprächs zwischen Juden und Christen nach dem Holocaust: Schalom Ben-Chorin, der in München geborene, von Nazi-Deutschland vertriebene, auf Deutsch schreibende Journalist, Schriftsteller und Religonsphilosoph. Und was er sich wohl nie hätte träumen lassen, wurde vor wenigen Wochen Wirklichkeit: Im Oktober 2009 kam es in München zur Eröffnung der Ben-Chorin-Bibliothek. Im Münchner Stadtarchiv wurde das Bibliotheks- und Arbeitszimmer von Schalom Ben-Chorin aus Jerusalem originalgetreu wieder aufgebaut. Die Bibliothek des Brückenbauers kehrt so in die Heimatstadt Schalom Ben-Chorins - München - zurück.

Die Wiederkehr des 10. Todestages von Ben-Chorin sowie die Einweihung seiner Bibliothek in München im Oktober nahm der Politologe und Medienberater Thomas Raschke zum Anlass, eine Würdigung und Erinnerung an Schalom Ben-Chorin zu schreiben, ergänzt durch einen kurzen Rückblik auf Ben-Chorins Begräbnis und ein längeres, letztes Interview, dass Raschke seinerzeit mit dem Brückenbauer führte. Diese Texte zusammen mit einem kleinen Gedicht Ben-Chorins aus seinem Nachlass präsentiert Ihnen heute COMPASS ONLINE-EXTRA Nr. 103 - in Hochachtung und Verbeugung vor einer der großen Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts, dessen Name ihm im Gespräch zwischen Juden und Christen zum Lebensmotto wurde: Schalom - Friede!

COMPASS dankt dem Autor für die Genehmigung zur Wiedergabe seiner Texte an dieser Stelle!

© 2009 Copyright beim Autor 
online exklusiv für ONLINE-EXTRA




Online-Extra Nr. 103


Erinnerungen an einen Brückenbauer:
Schalom Ben-Chorin 


TOBIAS RASCHKE

„Das muss ein Münchner sein“, meinte der 85jährige Religionsphilosoph und Schriftsteller gleich, nachdem ich ihn bei meinem ersten Besuch mit „Grüß Gott“ begrüßt hatte. Zu Beginn des jüdischen Lichterfestes Chanukkah (13. Dezember 1998) hörte ich ihn noch singen, eine wunderschöne Stimme eines ungewöhnlichen Menschen. Der gebürtige Münchner, der sich zwar aus seiner Heimatstadt, nicht aber aus seiner Muttersprache vertreiben ließ, baute mit seinen auf Deutsch verfassten Büchern Brücken. Vor allem mit dem bekannten „Bruder Jesus“ aus der Triologie "Die Heimkehr" stellte er die Verbindungen von Judentum und Christentum klar und zeigte auf, dass sich diese beiden Religionen näher stehen, als den meisten bewusst ist. Bei den letzten Besuchen verspürte der lebenserfahrene „Sohn der Freiheit“ (Ben Chorin) eine tiefe Müdigkeit. Das verwundet nicht, wenn man sich das Lebenswerk ansieht: Er schrieb Gedichte, Artikel, Bücher und hielt bis 1996 dauernd Vorträge. Sein Satz „ich möchte die Augen schließen,“ vor der üblichen Mittagsschlaf war daher nur zu verständlich.

Begründer des Dialogs

Schalom Ben-Chorin und seine Frau Avital gehörten zu den ersten Israelis deutscher Herkunft, die nach der Shoah Deutschland wieder besuchten und so den deutsch-israelischen (Jugend-) Austausch sowie den christlichen-jüdischen begründeten. Für die Aktion Sühnezeichen waren sie zu Beginn der Freiwilligenarbeit ab 1961 Ansprechpartner und Begleiter. “Die Ratgeber, die von der Realität keine Ahnung haben, sind in unserem Fall besonders häufig. Deshalb ist es sehr erfreulich, dass junge Menschen aus Deutschland und der ganzen Welt als Freiwillige hier eine längere Zeit leben und den Alltag kennen lernen“, sagte Ben-Chorin in seinem letzten Interview [siehe weiter unten] dazu.

Bei einem Vortrag im September 1998 zu den anstehenden jüdischen Feiertagen Rosh haShana (Neujahrsfest), Yom Kippur (Versöhnungstag) und Sukkot (Laubhüttenfest) lernte ich so Avital Ben-Chorin kenne, die der Aktion Sühnezeichen in Israel seit den Anfängen verbunden ist.

Erste Reformierte Gemeinde

Schon bei ihrem ersten gemeinsamen Spaziergang sprachen Avital und Schalom Ben-Chorin über eine Erneuerung des Judentums im jüdischen Land. Damit begann die jüdische Reformbewegung, die 1958 mit den beiden zur Gründung der ersten Reform-Synagoge Har-El (Berg Gottes) in Jerusalem führte. „Wir Juden sind ein Rudiment aus einer anderen Zeit, denn Volk und Religion sind eine Einheit. Das ist ebenfalls bei den Drusen so“, erklärt Avital die Schwierigkeiten. In Israel erneuerte sich die hebräische Sprache und Gesellschaft, nur auf dem Gebiet der Religion hat sich nicht viel verändert. „Wir dachten, die Majorität würde unserem Weg folgen.“ Ein gewisser Misserfolg, weil die Mehrheit aus politischen Gründen von der Orthodoxie manipuliert wird, und doch ein Erfolg weil es immer mehr Reformgemeinden in Israel gibt.

Erinnern an ein Menschenleben

Auf seinem letzten Weg auf dem Jerusalemer Friedhof Kfar Schaul begleiteten den „Baumeister des christlich-jüdischen Dialogs“ - wie es der Probst der evangelischen Erlösergemeinde bei der Beerdigung ausdrückte - auch viele Freiwillige. Nach der Beerdigung trauerte die enge Familie sieben Tage lang zu Hause. Zur Shiva kommen Verwandte und Freunde zu Besuch, um gemeinsam zu trauern und Erinnerungen zu teilen. „Wir haben bei der Shiva auch gelacht“ erzählte mir Ben-Chorins Tochter Ariela später, denn mit ihren Schulfreundinnen tauschte sie Geschichten über das jeckische Verhalten Schalom Ben-Chorins aus.

Bibliothek zurück nach München

In München gibt es auf Initiative dieses Autors seit ein paar Jahren eine Ben-Chorin-Straße. Bald gibt es dort ein Stück Jerusalemer Heimat – die zum Teil 1935 von München ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina verschickte - Bibliothek Schalom Ben-Chorins kommt zurück. Im Münchner Stadtarchiv wurde das Bibliothekszimmer aus der Ariel Str. 3, Romema, Jerusalem, wo Schalom Ben-Chorin ab 1937 wohnte, originalgetreu wieder aufgebaut. Auch wenn Avital Ben-Chorin der Abschied nach 66 Jahren mit der Bibliothek schwer fällt, verschenkte sie die Bibliothek und freut sich, dass in Schalom Ben-Chorins Heimatstadt so weiter an den Brückenbauer erinnert wird.

Nahöstlicher Diwan

Begegnungen gehören im Hause Ben-Chorins zum Alltag. Unzählige Gruppen kamen zu Besuch. Avital Ben-Chorin setzt diese Tradition bis heute fort, hält Vorträge in Jerusalem und Deutschland. Sie ist eine robuste junggebliebene Zeitzeugin. Als junge Teenagerin vertrieb sie ein Nazi-Lehrer aus Eisenach. Ihr Vater kämpfte freiwillig im I.Weltkrieg. Die Eltern wurden in Auschwitz ermordet, der Großvater mit Eisernem Kreuz dekoriert verhungerte in Theresienstadt. Seit 1936 lebte sie „als  Palästinenserin wie man uns damals im Mandatsgebiet nannte“ im Lande und hielt alle Nahost-Kriege in Jerusalem durch.

Bei Gesprächen plaudert sie munter aus dem Nähkästchen des Nahen Ostens. Nach ihrer Ankunft verbrachte sie vier Jahre im Kinderheim AHAWAH in Kiryat Bialik in der Haifa-Buch, „nicht mitten im Urgestein, sondern im Ursand“ der Dünen von Kiryat Yam. Heute ist der Ort dich besiedelt. Avital und Schalom Ben-Chorin lernten beide Hebräisch. Dank dem „Prinzen Eliezer Ben-Yehuda, der das Dornröschen, das Hebräisch, wach geküsst hat“, wie Avital schmunzelnd berichtet. „Schaloms Hebräisch war perfekt, nur ein deutscher Journalist, der selbst wohl kein Wort verstand, hat mal was von 'holprig' geschrieben. Das schreiben ärgerlicherweise alle voneinander ab.“

Nach der UN-Entscheidung 1947 tanzte sie auf der Straße in Freude auf den zu gründenden Staat, „klein aber mein“. „Wir haben den Teilungsplan angenommen, obwohl Palästina damit schon zum zweiten Mal geteilt wurde. An die erste Teilung in Trans- (heutiges Jordanien) und Cis-Jordanien (heutiges Israel und Pal. Autorität) will sich niemand mehr erinnern.“ Wir es jemals Frieden geben? „Wenn es einmal möglich war (vor 1948 und nach 1967), friedlich miteinander zu leben, ist es wieder möglich. Daran glaube ich.“


Das Zimmer kann jeden Mittwoch von 9 bis 12 Uhr oder nach Voranmeldung (089/233-30815) besichtigt werden.
Münchner Stadtarchiv
Winzererstraße 68, 80797 München,
Telefon: (089)2330308, Fax: (089)23330830
E-Mail: stadtarchiv@muenchen.de
Internet: www.muenchen.de/stadtarchiv
Wegbeschreibung: http://www.archive-muenchen.de/archive_sm.html 



Wenn ich ein Fischlein wäre

1935 war Schalom Ben-Chorin als 22jähriger in das britische Mandatsgebiet Palästina eingewandert. Das unten wiedergegebene Gedicht entstand im Jahr 1939 (!), als wieder einmal eine Untersuchungskommission eine Teilung vorschlug. Zur gleichen Zeit wurden die Verfolgungen der Juden im Deutschen Reich immer schlimmer. Im Herbst 1939 brach der II. Weltkrieg aus.
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Avital Ben-Chorin (Jerusalem).


Schalom Ben-Chorin (1939)
Wenn ich ein Fischlein wär


„Geteiltes Leid - ist halbes Leid" -
Das trifft nicht immer zu,
Man teilt und feilt - doch ob das heilt...
Ich glaub's nicht - glaubst es du?

Bis jetzt hat man sich nur gekeilt
Allein das Land blieb heil:
Was eh zu klein, jetzt wirds geteilt
Und jeder hat sein Teil!

Ob das so salomonisch ist –
Ich glaub's nicht - glaubst es du?
Ich fürcht dass das mehr komisch ist
Und keinem bringt es Ruh.

Wenn zwei nicht satt zu kriegen sind
Mit einem Braten schon,
Ob die dann wohl zufrieden sind
Mit halber Portion?

Die Rechnung geht halt gar nicht auf
Wie man’s auch dreht und wend't.
So hemmt man nicht des Schicksals Lauf
Wenn’s ringsherum schon brennt.

Ich weiß schon wie zu teilen wär,
Zu löschen auch der Brand:
Die Juden kriegen halt das Meer
Die Araber das Land.

Das nennt man dann binational
Ist auch humanitär.
Nur eins daran ist recht fatal:
Was tut ein Jud im Meer?

Ach wenn ich nur ein Fischlein wär
Ein End hätt die Geschicht.
Ich schwämm vergnügt im blauen Meer...
Doch leider bin ich's nicht.




Schalom Ben Chorin in Jerusalem beigesetzt

Am Sonntag Nachmittag, am 9.Mai 1999 wurde Schalom Ben Chorin auf dem leicht westlich von Jerusalem liegenden Friedhof Kfar Schaul beigesetzt. Neben der Familie begleiteten den am 7.Mai im Alter von 85 Jahren verstorbenen Religionsphilosophen und Schriftsteller auch zahlreiche Freunde auf seinem letzten Weg, darunter auch die christliche Prominenz der Stadt, wie der Prior der katholischen Dormitio Abtei und der Probst der evangelischen Erlöserkirche, der den Verstorbenen als den "Baumeister des christlich-jüdischen Dialogs" bezeichnete, dessen "Weg es gilt, mit seinem Eifer fortzuschreiten". Dem schlossen sich der deutsche Botschafter in Israel, Theologie-Studenten und Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste bei ihren Beileidsbekundungen an.

Von der Grabstätte aus bot sich ein unglaublich schöner Blick, fast bis zum Haus Schalom Ben Chorins im Jerusalmer Romena Viertel, in dem er seit dem Ende der 30er Jahren wohnte. Die Nachmittagssonne tauchte Jerusalem in strahlendes rötliches Licht. Als auf Wunsch der Familie sein Lied - das erste eines Juden in einem christlichen Gesangbuch - "Freunde, daß der Mandelzweig" angestimmt wurde, trug der leichte Wind die Töne in die Stadt, in die Traumstadt des bekanntesten Münchners in Jerusalem.

Als Münchner verspüre ich tiefes Glück, diesem Urmünchner noch begegnet zu sein, der es geschafft hat mit seinen Büchern, vor allem "Bruder Jesus" aus der Trilogie 'Die Heimkehr', die Verbindungen und Unterschiede von Judentum und Christentum klarzustellen und damit den Weg auf verständigem Hintergrund zu beschreiten.

In seinem letzten Interview offenbarte Schalom Ben Chorin noch seine Vision für das nächste Jahrtausend, nämlich die Hoffnung daß "sich die Religionen näher kommen, indem sie ihre Wurzeln erkennen. Und in der Hauptstadt der Religionen, Jerusalem könnte ein Zentrum des christlich-jüdischen Dialogs entstehen." Angesichts der weltweiten Entwicklungen in Richtung Fundamentalismus wird dies vielleicht ein hehrer Wunsch bleiben. Eines wird leider immer sicherer: Die Zeit der Jeckes in Israel neigt sich ihrem Ende zu - und ein ganz Besonderer unter ihnen war Schalom Ben Chorin.


Zur Erinnerung an Schalom Ben-Chorin:
Das letzte Interview

„"Das muß ein Münchner sein", meinte der 85jährige Religionsphilosoph und Schriftsteller gleich, nachdem ich ihn mit "Grüß Gott" begrüßt hatte. Nach langer Zeit des Leidens und Abschiednehmens starb Schalom Ben-Chorin am 7.Mai 1999 in Jerusalem.

Als jemand, der ihn noch kennenlernen durfte, verspüre ich tiefes Glück, diesem Urmünchner begegnet zu sein, der es geschafft hat mit seinen Büchern, vor allem "Bruder Jesus" aus der Triologie "Die Heimkehr", die Verbindungen von Judentum und Christentum klarzustellen und damit aufzuzeigen, daß sich diese beiden Religionen näher stehen, als den meisten bewußt ist.

In den letzten Monaten hatte ich mehrmals die Gelegenheit mit diesem "Baumeister des christlich-jüdischen Dialogs" - wie es der Probst der evangelischen Erlösergemeinde bei der Beerdigung ausdrückte - bei Besuchen zu sprechen. Meistens verspürte der lebenserfahrene "Sohn der Freiheit" (Ben Chorin) aber eine tiefe Müdigkeit, kein Wunder angesichts der vielen Bücher die er schrieb und der bis vor drei Jahren gehaltenen Vorträge. Sein "ich möchte die Augen schließen," vor dem üblichen Mittagsschlaf klingt mir noch in den Ohren.

Zu Beginn des jüdischen Lichterfestes Chanukkah hörte ich ihn noch singen, eine wunderschöne Stimme eines ungewöhnlichen Mannes, dessen Reformversuche des Judentums im orthodoxen Jerusalem auf Widerstand stießen.Ob seine Hoffnung, daß sich die Religionen näher rücken, je Realität wird, bleibt angesichts der derzeitigen politschen Entwicklungen in Richtung Fundamentalismus fraglich.



Tobias Raschke: Herr Ben-Chorin, Sie sind gemeinsam mit ihrer Frau seit 30 Jahren mit der "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste" freundschaftlich verbunden. Wie schätzen Sie den Einsatz der Jugendlichen in Israel ein?

SCHALOM BEN-CHORIN: Die Ratgeber, die von der Realität keine Ahnung haben, sind in unserem Fall besonders häufig. Deshalb ist es sehr erfreulich, daß junge Menschen aus Deutschland und der ganzen Welt als Freiwillige hier eine längere Zeit, nämlich eineinhalb Jahre, leben und den Alltag kennenlernen.

TR: Sie sagten einmal, es sei eine alte Erfahrung, daß das Einzige, was man aus Geschichte lernen könne, die Tatsache sei, daß man nichts aus ihr lernt. Sind Sie davon noch immer überzeugt?

SCHALOM BEN-CHORIN: Nein, nicht mehr ganz. Es hat sich im Lauf der Geschichte doch vieles positiv verändert, angefangen von der deutsch-französischen Freundschaft bis zum Aufbruch des Ost-West-Gegensatzes.

TR: Sie haben sich sehr stark für den christlich-jüdischen Dialog eingesetzt. Wie soll er im neuen Jahrtausend weitergehen?

SCHALOM BEN-CHORIN: Meine Hoffnung ist, daß sich die Religionen näher kommen, indem sie ihre Wurzeln erkennen. Judentum und Christentum haben denselben Ursprung und haben dies noch nicht erkannt. Jetzt kommt man sich langsam näher. In der Hauptstadt der Religionen, Jerusalem – so hoffe ich – könnte ein Zentrum des christlich-jüdischen Dialogs entstehen.

TR: Wie stehen die Chancen für eine Einbindung des Islam in einen Dialog der drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam?

SCHALOM BEN-CHORIN: Der Islam ist noch nicht soweit. Man darf in diesen Fragen nicht ungeduldig sein. Eine Einbeziehung des Islams wäre verfrüht.

TR: Ihr Sohn ist Rabbiner geworden.

SCHALOM BEN-CHORIN: Er ist jetzt in Zürich tätig. Das er Rabbi geworden ist, hat mich sehr gefreut. Aber noch mehr hätte ich mich gefreut, wenn er hier hätte bleiben können. Natürlich ist er ein Reform-Rabbi, ganz in meinen Fußstapfen. Hier hätte er große Schwierigkeiten, die er dort nicht hat.

TR: Vor einiger Zeit wurde Edith Stein heilig gesprochen. Haben Sie sich mit dieser christlich-jüdischen "Märtyrerin" einmal beschäftigt?

SCHALOM BEN-CHORIN: Edith Stein ist eine jüdische Märtyrerin. Nicht in ihrer Eigenschaft als Nonne, sondern als Jüdin wurde sie umgebracht. Die Heiligsprechung ist dennoch nicht unerfreulich, da dies eine Annäherung zwischen Judentum und Christentum bedeutet. In der Begründung der Heiligsprechung heißt es, daß sie "treu ihrem jüdischen Ursprung und eine gläubige ihrer Kirche" war. Diese Begründung kam vorher noch nie vor.

TR: Zwei bedeutende Städte sind Ihnen im Lauf der Zeit Heimat geworden. Welche Unterschiede zwischen Ihrer Geburtsstadt München und Jerusalem, Ihrem Lebensmittelpunkt seit über 63 Jahren, sind am auffälligsten?

SCHALOM BEN-CHORIN: Es gibt sehr große Unterschiede in der Mentalität. In München war der Antisemitismus sehr latent. Nach dem Krieg hab ich das zwar nicht mehr so empfunden, dennoch ist der Antisemitismus aus der Geschichte dieser Stadt nicht wegzudenken. Von Jerusalem hab ich in meiner Jugend geträumt, daß ich es tatsächlich hierher geschafft habe, ist den bösen Umständen zu verdanken, denn ganz freiwillig bin ich ja nicht gegangen. Doch zwischen Traum und Wirklichkeit besteht eine Differenz.

TR: "Gehören sie nicht zusammen, Frieden und Freiheit ...und sind Ziel unserer Existenz?" fragten Sie einmal. Der Frieden in Israel ist noch nicht verwirklicht.

SCHALOM BEN-CHORIN: Friede ist immer eine Sache von mindestens zwei Partnern. Solange man miteinander redet und nicht schießt, ist das schon ein Fortschritt.

TR: Sehen Sie in diesem Konflikt eine Lösung?

SCHALOM BEN-CHORIN: Ich besitze keine prophetischen Kompetenzen. Wir dürfen aber nicht ermüden, den Weg des Friedens und der Versöhnung zu gehen. Die Gesellschaft in Israel ist ziemlich gespalten. Der innere Konflikt ist noch viel schwerer wie der äußere mit den Arabern.

TR: Ausgehend von Ihrer journalistischen Tätigkeit in München haben Sie auch später in Israel geschrieben. In welcher Sprache und für wen haben Sie geschrieben?

SCHALOM BEN-CHORIN: Hauptsächlich auf Deutsch und für deutschsprachige Medien. Seltener hab ich ein Interview in Iwrith geführt. Mein publizistisches Leben spielte sich deutsch ab. In der deutschen Sprache fühle ich mich zu Hause.

TR: In der Betrachtung Ihrer Jugendzeit beschreiben Sie die "Schule als Gefängnis des Künstlers." Sie haben die von Heinrich Mann beschriebene "Untertanenmentalität" in München live erlebt. Wie hat sich - im Verhältnis zu damals – die Jugend, ihren Erfahrungen von Begegnungen mit jungen Menschen nach, verändert?

SCHALOM BEN-CHORIN: Die Jugend heute ist viel offener und traut sich auch Fragen zu stellen. Sie fühlt sich mündiger. Auch wenn es natürlich Unterschiede gibt zwischen den Mentalitäten hier und in Deutschland. Die deutsche Jugend war untertänig. Durch den Abstand der Generationen herrscht heute viel stärker eine europäische Mentalität vor. Ganz im Gegenteil zu früher ist beispielsweise die deutsch-französische Erbfeindschaft ganz aus der Mode gekommen.

TR: Herr Ben-Chorin, wir danken für das Gespräch.



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Der Autor

TOBIAS RASCHKE


Diplom-Politologe und Diplom-Medienberater, selbständiger Partizipationsexperte, Kommunikationsberater und Trainer in der politischen Bildung. Als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und als Journalist lebte und arbeitete Tobias Raschke ab 1998 über zwei Jahre im Nahen Osten. Er führte Interviews u.a. mit dem israelischen Oberrabbiner und Buchenwald-Überlebenden Lau, Schalom und Avital Ben-Chorin, Efraim Zuroff/ Wiesenthal-Zentrum, NS-Experte Prof. Robert Wistrich/ Hebräische Universität oder dem Siedlersprecher Elyakim Haetzni).

Seit vielen Jahren hält er regelmäßig Vorträge zu Nahost-Themen begleitet immer wieder Begegnungen und Dialogreisen. Seine nächste Dialogreise findet im Sommer 2010 statt. Weitere Information:
http://rosenheim.keb-muenchen.de/uploads/media/Begegnungsreise-Nahost_2010_125kb.pdf

Tobias Raschke lebt in Nordrhein-Westfalen und arbeitet am Projekt clicks4chariy (www.clicks4charity.net) an neuen Online-Fundraising-Systemen unter dem Motto „Spenden ohne selbst zu zahlen“. Auch Sie lädt er dazu ein!

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